Soziale Ungleichheiten im wissenschaftlichen Hochschulbetrieb

Welche Rolle spielt der soziale Hintergrund bei der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit als Wissenschaftler?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

30 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Ungleichheiten - Eine Frage des Kapitals und des Habitus'
2.1. Definition soziale Ungleichheit
2.2. Bourdieu und der Habitus als Ursache für soziale Ungleichheiten
2.2.1. Die Zusammensetzung des Kapitals
2.2.2. Habitus als Einverleibung sozialer Strukturen und Denkweisen
2.3. Sozialisation und die Rolle des Habitus
2.4. Zunehmende Selektion im Bildungsgeschehen

3. Die wissenschaftliche Karriere - Bedingungen und Probleme
3.1. Situation an deutschen Hochschulen
3.2. Probleme für den wissenschaftlichen Nachwuchs

4. Arbeiterkinder im Wissenschaftssystem - Eine besondere Herausforderung
4.1. Die soziale Zusammensetzung der Studierenden
4.2. Schwierigkeiten hinsichtlich der Verfügbarkeit von Kapitalsorten
4.3. Schwierigkeiten hinsichtlich habitueller Ursachen

5. Ausblick und Diskussion

III Anhang

IV Quellenverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bildungstrichter

Abbildung 2: Befristungen im Hochschulpersonal nach Ländern

Abbildung 3: Soziale Zusammensetzung der Studierenden 2012

Abbildung 4: Zusammensetzung der monatlichen Einnahmen

Abbildung 5: Art der studentischen Erwerbstätigkeit

Abbildung 6: Mobilitätsquote der Studierenden nach Bildungsherkunft

Abbildung 7: Anteil der Studierenden nach Studienform

Abbildung 8: Höchster Abschluss der Eltern 1985 - 2012

Abbildung 9: Motive für studentische Erwerbsarbeit

Abbildung 10: Zeitaufwand für Studium und Erwerbstätigkeit

1 Einleitung

Chancengleichheit und Gerechtigkeit werden in der westlichen Welt des 21. Jahrhun- derts nicht nur groß geschrieben, sondern ist auch fett und unterstrichen - so jedenfalls der allgemeine Ton, wenn es um Bildung und Beruf geht. Dabei hat vor allem die Gleichstellung von Mann und Frau in den letzten fünfzig Jahren einen enormen Erfolg verbuchen können. Von dem typischen Modell der Hausfrau am Herd und einer Er- webstätigenquote von knapp 47% im Jahre 1960 bis zu der unabhängigen Frau von heu- te mit einer Quote von 65% (vgl. Bundesamt für politische Bildung 2010) hat sich in dieser Hinsicht viel verändert.

Wenn von sozialer Ungleichheit gesprochen wird, so gerät der Gleichstellungsauf- trag von Frau und Mann, Menschen mit Behinderungen oder Personen mit Migrations- hintergrund meist in den Fokus, bei denen vorrangig die Ungleichheiten anhand äußer- licher Merkmale beseitigt werden sollen. Selten wird dabei darauf geachtet, aus welchen sozialen Schichten ein Individuum stammt, wie sich dieser Umstand auf seinen weiteren Lebenslauf auswirkt und mit welchen Herausforderungen es zu kämpfen hat, hatte oder noch haben wird. Geht man nach der strukturfunktionalistischen Theorie des amerikani- schen Soziologen Talcott Parsons (1902 - 1979), der die Ansicht vertritt, dass unter- schiedliche soziale Schichten zur stabilen Ordnung einer Gesellschaft beitragen (vgl. Burzan 2007, S. 31f.), so müssen sich soziale Ungleichheiten permanent reproduzieren, um eine bestimmte Ordnung zu erhalten. Zusätzlich behauptet er jedoch, dass die Plat- zierung eines Individuums in einer Gesellschaft insgesamt gerecht erfolgt, denn der so- ziale Status sei die rechtmäßige Bewertung individueller Leistungen (vgl. Abels 2007, S. 290). Dies erscheint etwas widersinnig: wenn der soziale Status durch eigene Leis- tungen erreicht werden kann, warum reproduzieren sich dann die Ungleichheiten zwi- schen einer Elterngeneration und deren Kindern? Einfacher ausgedrückt: warum über- winden nur die wenigsten Kinder ihre soziale Herkunft und steigen beispielsweise durch Bildung auf? Weshalb erreichen Kinder aus höheren sozialen Schichten wiederum den sozialen Status ihrer Eltern? Dieser Zusammenhang wird vor allem an deutschen Uni- versitäten deutlich und ist ein Teilgegenstand der vorliegenden Arbeit: je höher die Bil- dung der Eltern, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder das Abitur errei- chen, ein Studium aufnehmen und damit den höchsten Abschluss erreichen (vgl. Kapitel 2 und 4). Zwar hat sich die soziale Zusammensetzung an den Universitäten in den letz- ten Jahren angenähert (vgl. Kapitel 4.1.), dennoch herrscht ein beträchtliches Selekti- onsprinzip wenn es um postgraduale Studienfächer geht. Der Fokus dieser Arbeit kon- zentriert sich auf den wissenschaftlichen Nachwuchs bezogen auf Studierende aus Ar- beiterhaushalten im Vergleich zu Studierenden, die aus einem akademischen Haushalt stammen. Denn je höher die Bildung der Eltern, desto höher ist auch die Wahrschein- lichkeit, dass Studierende potentiell den Einstieg in die Wissenschaft unternehmen. Die- se Arbeit will die Ursachen und Mechanismen dieser Problematik der sozialen Un- gleichheiten im Wissenschaftssystem ergründen, da beim Einstieg in die Forschung viele Hürden und Schwierigkeiten existieren, die objektiv betrachtet an alle Anwärter hohe Anforderungen stellen (vgl. Kapitel 3). Haben Arbeiterkinder demzufolge mehr Herausforderungen zu überwinden als andere oder liegen die Gründe in anderen Berei- chen? Daten hinsichtlich der sozialen Zusammensetzung des wissenschaftlichen Hoch- schulpersonals liegen in der Forschungsliteratur leider nicht vor, dafür wurden die Be- dingungen und Voraussetzungen für Arbeiterkinder als wissenschaftlicher Nachwuchs an den Universitäten mehrmals betrachtet. Zwar ist auch hier die Literatur im Vergleich zur Genderforschung als eher spärlich anzusehen, hilft aber dennoch, die gegenwärtige Situation relativ gut zu beleuchten. Den theoretischen Zugang zu dieser Thematik liefert der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930 - 2002), der anhand des Habitus- Konzepts und der Verfügbarkeit von sozialem, ökonomischem und kulturellem Kapital die Stellung eines Individuums in der Gesellschaft verortet und veranschaulicht, wie soziale Ungleichheiten entstehen und sich reproduzieren. Dieses Konzept ist in der Hin- sicht von Vorteil, da es die bis dahin vorherrschende Klassentheorie von Karl Marx (1818 - 1883), soziale Ungleichheiten in einer Gesellschaft seien vorrangig durch finan- zielle und ökonomische Differenzen definiert, erweitert und andere Aspekte wie z.B. die soziale Herkunft für die Ungleichheiten verantwortlich macht. Die Verfügbarkeit der verschiedenen Kapitalsorten und deren Volumen führt zumal zu einer anderen Form des Denkens- und Handelns - dem Habitus - der für eine bestimmte soziale Schicht charak- teristisch ist und die Lebensführung maßgeblich beeinflusst.

Zur Einschränkung kann im Folgenden nicht darauf geachtet werden, ob sich das Geschlecht hinsichtlich der sozialen Herkunft und dem Zugang zur Wissenschaft aus- wirkt oder in welchen Fächern die Ungleichheit am größten ist. Zudem werden die fol- genden Erläuterungen nur auf Deutschland bezogen sein, da der Zugang zum Wissen- schaftssystem und dessen Bedingungen in anderen Ländern z.T. anders gestaltet sind.

2 Soziale Ungleichheiten - Eine Frage des Kapitals und des Habitus

2.1. Definition soziale Ungleichheit

Die Frage nach der Entstehung und Erhaltung von sozialen Ungleichheiten hat in der soziologischen Forschungspraxis ebenso viel Beachtung erfahren wie die Frage, wie die gesellschaftliche Ordnung in einer komplexen Welt voller Individuen überhaupt mög- lich ist. Soziale Ungleichheiten bestehen, seit es Menschen gibt. Wo in früheren Gesell- schaften schon die Verschiedenheit von Hautfarbe, Geschlecht, Religionszugehörigkeit oder Nationalität über die Stellung in der Gesellschaft bestimmten, so ist es heute vor allem die Höhe des Einkommens und die damit verbundene soziale Position, die durch das Leistungsprinzip festgelegt wird (vgl. Mikl-Horke 2007, S. 232). Es besteht also kaum noch eine Differenzierung nach Zuschreibung, wie etwa soziale Herkunft, Rasse, Geschlecht oder Alter mehr, sondern vielmehr nach der gesellschaftlichen Stellung, die durch Leistung erworben und definiert wird (ebd.). Leistung wird anhand von soge- nannten Berufsschichtungen (vgl. ebd.) deutlich: es gibt bekanntlich Berufe, die mehr Ansehen und Einkommen besitzen und es gibt Berufe, bei denen dies weniger der Fall ist. Der Beruf ist zum "primären Instrument und Medium des sozialen Aufstiegs" (ebd. S. 234) geworden und suggeriert, dass man mit Willenskraft und Anstrengung sowohl ein hohes Einkommen als auch eine hohe prestigeträchtige Stellung erreichen kann. Allerdings lassen sich anhand der Termini Schicht und sozialer Aufstieg ableiten, dass eine gewisse Hierarchie in der Gesellschaft vorhanden ist und die Frage nach dem War- um gewinnt so an Bedeutung. Eine Beantwortung darin zu suchen, dass "erfolglosen" Menschen nicht genügend Leistungen erbringen und deswegen in niedrigere soziale Schichten eingeordnet werden, ist anhand der Komplexität menschlichen Zusammenle- bens nicht sinnvoll. Denn auch wenn Leistung als Garant für Erfolg gilt, so beweisen statistische Zahlen, dass Merkmale wie Geschlecht oder Herkunft sehr wohl eine Rolle für den Lebenslauf eines Individuums spielen.

Nicole Burzan bezeichnet soziale Ungleichheit als ungleiche Verteilung von Le- benschancen, die im Grunde nichts anderes sei als eine "gesellschaftliche Konstruktion" (Burzan 2007, S. 7). Konstruktion impliziert, dass die Ungleichheiten von den Men- schen und ihren Gesellschaften selbst erschaffen werden und folglich veränderbar sind (vgl. ebd.). Selbst erschaffen in dem Sinne, dass eine Gesellschaft selbst darüber ver- fügt, welche Güter in ihr als wertvoll erachtet werden, wobei diejenigen Menschen, die über diese Güter verfügen, nennenswerte Vorteile für sich daraus ziehen können (vgl. Hradil 1999, S. 24). Sicherheit und Wohlstand als zwei der wichtigsten Ziele unserer heutigen westlichen Welt können beispielsweise durch die wertvollen Güter geregeltes und angemessen hohes Einkommen erreicht werden, welches unter anderem durch eine unbefristete Berufsstellung gekennzeichnet ist (vgl. ebd.). Stefan Hradil bringt dabei noch eine zweite Komponente ins Spiel, die die Denkweise über die Verteilung dieser wertvollen Güter betriff: "In der soziologischen Terminologie wird immer dann von sozialer Ungleichheit gesprochen, wenn als 'wertvoll' geltende 'Güter' nicht absolut gleich verteilt sind" (ebd. S. 25). Absolute Ungleichheit ist gegeben, wenn von den wertvollen Gütern lediglich ein Individuum mehr besitzt als ein anderes Individuum, wohingegen sich die relative Ungleichheit auf bestimmte Verteilungskriterien wie z.B. Alter oder Leistungen bezieht (vgl. ebd). Hradil verweist darauf, dass man anhand die- ser Definition noch keineswegs von Ungerechtigkeit oder Illegitimität sprechen darf, was in der alltäglichen Benutzung dieses Begriffs recht häufig passiert (vgl. ebd.). Um den Umstand der negativen Konnotation zu verdeutlichen, bringt er noch eine dritte Komponente ins Spiel: man kann nur dann von sozialer Ungleichheit sprechen, wenn die als wertvoll erachteten Güter aufgrund der gesellschaftlichen Stellung einer Person auf regelmäßige Weise ungleich verteilt sind (vgl. ebd.), womit alle zufälligen oder in- dividuellen Ungleichheiten unbeachtet bleiben. Auf diese Regelmäßigkeiten wird gemeinhin die soziale Ungleichheit untersucht und es wird gefragt, welche Merkmale dafür ausschlaggebend sind.

Statistische Befunden belegen, dass solche Regelmäßigkeiten vor allem hinsichtlich der sozialen Stellung von Eltern und der sozialen Stellung ihrer Kinder besonders auf- fällig sind. Je nachdem, welcher sozialen Schicht die Eltern eingeordnet werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder diese Schicht, in der sie aufwachsen, nicht verlassen. So trifft diese Regelmäßigkeit auch auf den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und des Berufs "Wissenschaftler" zu. Kinder niedriger sozialer Schichten sind seltener im wissenschaftlichen Hochschulpersonal anzutreffen als Kinder mit akademischen Hintergrund, bei denen mindestens ein Elternteil studiert hat. Wenn man das eingangs erwähnte Leistungsprinzip noch einmal vergegenwärtigt, so scheint dieser Zusammenhang unlogisch. Leistung als Garant für Einkommen und hohe soziale Stellung sollte dazu führen, dass jeder über wertvolle Güter verfügt, der auch die Moti- vation dafür besitzt, sie zu erreichen. Doch wenn dem so wäre, gäbe es diesen Zusam- menhang von Eltern und Kindern nicht, sondern es gäbe eine Schichteinteilung rein nach Leistungskriterien, die unabhängig vom Elternhaus und rein individuell gestaltet wären. Demnach müssen andere Mechanismen für die soziale Ungleichheit an Hoch- schulen verantwortlich sein, die außerhalb des Leistungsprinzips stehen und das soziale Gefüge so reproduzieren.

2.2. Bourdieu und der Habitus als Ursache für soziale Ungleichheiten

Im Zusammenhang mit der Erklärung von sozialer Ungleichheit wird häufig auf die Theorie des Habitus und auf die drei Kapitalsorten nach Pierre Bourdieu Bezug ge- nommen. Ihm stellt sich die Welt als ein mehrdimensionaler Raum dar, in dem ver- schiedene Verteilungs- und Unterscheidungsprinzipien vorherrschen (vgl. Bourdieu 1985, S. 9) und bricht auf diese Weise mit der traditionellen Klasseneinteilung in Prole- tariat und BourBourgeoisie nach Karl Marx. Für ihn ist die Gesellschaft zwar ebenfalls in Klassen unterteilt, jedoch werden diese nicht nur aufgrund von Besitz oder Nicht- Besitz von Produktionsmitteln, sondern anhand der Struktur ihres Kapitals (vgl. Abels/König 2010, S. 205) und durch den jeweiligen Geschmack und Lebensstil inner- halb einer Klasse festgelegt (vgl. Abels 2007, S. 309). Die Klasse an sich ist für ihn ein "sozialer Raum, in dem spezifische Dispositionen des Denkens und Handelns wirken." (ebd.), woraus sich der "Habitus" als die Struktur des Denkens und Handelns in einem bestimmten sozialen Raum bildet (vgl. Abels/König 2010, S. 206).

2.2.1. Die Zusammensetzung des Kapitals ist entscheidend für Ungleichheiten

Bourdieu unterscheidet insgesamt drei Kapitalsorten, nach denen er die Position der Individuen im sozialen Raum mithilfe eins "mehrdimensionalen Systems von Koordina- ten" (Bourdieu 1985, S. 11) identifiziert. Zum einen beschreibt er das ökonomische Ka- pital, welches seinem Namen gleichkommt und die Höhe der zur Verfügung stehenden monetären Mittel bezeichnet. Vor allen anderen Kapitalsorten trägt es zum größten Teil für die Segmentierung in Klassen bei, indem es darüber entscheidet, ob man sich die von der Gesellschaft als wertvoll geachteten Güter leisten kann oder nicht (vgl. Abels/König 2010, S. 206). Das kulturelle Kapital manifestiert sich als Wissen, Qualifi- kation, Einstellungen oder Handlungsformen, die man in der Familie oder in (Ausbil- dungs-)Institutionen erzielt hat (vgl. ebd.). Als Bildungskapital bezeichnet Bourdieu dazu die "amtlich beglaubigte Form des kulturellen Kapitals" (ebd.), wie z.B. Zeugnisse oder Doktortitel zur Zertifizierung bzw. Bestimmung einer bisher erbrachten Leistung und eines Qualifikationsniveaus. Der Wert des kulturellen Kapitals beinhaltet das Aus- maß der Kompetenz, die für eine gesellschaftliche Position erforderlich ist und gibt gleichzeitig ein System an Normen und Werten vor, die bestimmen, wie Dinge inner- halb einer Klasse eingeschätzt werden können (vgl. ebd.). Es liefert den Individuen folglich ein präzises Muster, wie gehandelt werden kann und wie Sachverhalte oder Gegenstände einzuordnen sind, womit es einen maßgeblichen Teil zur Klassendifferen- zierung beiträgt (vgl. ebd.). Das soziale Kapital als letzte Art umfasst alle sozialen Be- ziehungen, auf die ein Mensch verweisen kann, wobei diese eine eher symbolische Be- deutung inne haben, denn sie sind vor allem hinsichtlich Unterstützung, Anerkennung oder Status konstitutiv (vgl. ebd. S. 207). Die meisten Menschen werden im Hinblick auf alle drei Kapitalsorten im weitesten Sinne ohne eigenes ökonomisches und kulturel- les Kapital geboren, verfügen aber von Anfang an über die Familie als Kern des sozia- len Kapitals. Die Familienmitglieder als erste Anlaufstelle für soziale Kontakte ist vor allem in der Kinder- und Jugendphase prägend, da Kinder von ihnen und deren sozialen Kontakten in Bezug auf gewisse Handlungs- und Denkstrukturen beeinflusst und erzo- gen werden. Des Weiteren können soziale Beziehungen auf symbolische Weise in mo- netäre Güter umgetauscht werden, beispielsweise wenn durch das Pflegen eines Karrie- renetzwerkes ein besser bezahlter Job in Aussicht steht (vgl. Zimmermann 2006, S. 58).

Alle drei Kapitalsorten bestimmen nun die Platzierung des Individuums in der ge- sellschaftlichen Ordnung (vgl. Abels 2007, S. 311), wobei Bourdieu jeweils nach Kom- bination und Menge des Kapitals unterscheidet: "[...] die Akteure [verteilen sich] auf der ersten Raumdimension je nach Gesamtumfang an Kapital, über das sie verfügen; auf der zweiten Dimension je nach Zusammensetzung dieses Kapitals, das heißt je nach dem spezifischen Gewicht der einzelnen Kapitalsorten, bezogen auf das Gesamtvolumen" (Bourdieu 1985, S. 11). Je nach Kombination des Kapitals und nach Kapitalvolumen ergeben sich in der Gesellschaft unterschiedliche Klassen, die sich durch den jeweils vorherrschenden Habitus innerhalb dieser Klassen wieder reproduzieren.

2.2.2. Habitus als Einverleibung sozialer Strukturen und Denkweisen

Das lateinische Wort Habitus bedeutet so viel wie "Gehabe", "Haltung", "Verhalten" bzw. als Verb habere "haben" oder "an sich tragen" (Duden 2014). Bourdieu hat den Begriff in seine soziologische Theorie der Gesellschaft transferiert und beschreibt damit die klassenspezifische "Einstellung und Disposition, die die Struktur des Denkens und Handelns des sozialen Raums, in dem ein Individuum aufwächst, wiederspiegelt und diese Struktur immer wieder herstellt" (Abels/König 2010, S. 206). Durch die tägliche Praxis in einem sozialen Raum werden diese Strukturen gewissermaßen einverleibt, ohne dass es den jeweiligen Personen bewusst ist (vgl. ebd. S. 211). Anhand dieser spe- zifischen Verhaltens- und Denkmuster ist somit gewährleistet, dass man sich innerhalb seines sozialen Raums richtig verhält und die gleichen Vorstellungen über den Wert bestimmter Güter annimmt. Allerdings "vermittelt [der Habitus] dem Individuum das Gefühl, in seinem sozialen Raum kompetent zu sein" (ebd. S. 213) und "solange es die Einstellungen der anderen seiner Klasse spiegelt, ist es ihrer Anerkennung sicher" (ebd.), was umgekehrt bedeuten würde: den sozialen Raum zu verlassen stellt ein hohes Risiko dar, seine Kompetenz und damit die Anerkennung zu verlieren. Anhand dieses Umstandes wird deutlich, dass ein Aufsteigen oder Absteigen in andere soziale Räume immer mit einem Verlust an Anerkennung und Kompetenz einhergeht. Ein sozialer Aufsteiger kann sich zwar den Habitus einer höheren Klasse aneignen und gewinnt höchstwahrscheinlich an Kapitalvolumen, verliert damit aber die jeweilige Position in seiner alten Klasse. Ein Absteiger verliert Anerkennung und Kompetenzen dafür, dass er es nicht geschafft hat, seinen Status zu erhalten und wird eventuell als "Verlierer" eingestuft.

Das Kompetenzgefühl ist in allen Schichten eines der wichtigsten Kriterien, um die vorhandene Klassengesellschaft zu erhalten (vgl. Abels 2007, S. 317). Dabei muss dies nicht auf willentlichem Wege geschehen, sondern eher im kollektive Unterbewusstsein der jeweiligen Klasse. Wenn ein Wechsel in andere Klassen jeweils mit Verlusten ge- kennzeichnet ist und die Sicherheit gefährdet, werden vorhandene Strukturen weiterhin reproduziert. An dieser Stelle könnte man behaupten, dass Bourdieu dem Individuum keine eigenständigen Entscheidungsgewalten unterstellt, sondern dass es immer an sei- nen jeweiligen Habitus gebunden ist. Schon Emile Durkheim sagte, dass sich heutzuta- ge nicht mehr bestreiten lasse, "dass die Mehrzahl unserer Gedanken und Bestrebungen nicht unser eigenes Werk sind, sondern uns von außen zuströmen" (Durkheim 1980, S. 107) und meint damit, dass jedem Menschen eine festgelegte Art des Handelns von au- ßen aufgedrängt wird (ebd. S. 114). Bezüglich des Individuums meint Bourdieu zwar, dass der Habitus nichts Starres sei - dass er also nicht Handlungen determiniere - son- dern er begrenze lediglich Möglichkeiten von Denken und Handeln (vgl. Abels 2007, S. 225), wodurch z.B. bestimmte Perspektiven der Weltanschauung oder Erwägung ver- schiedener Optionen in Sachen Handeln verschlossen bleiben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Soziale Ungleichheiten im wissenschaftlichen Hochschulbetrieb
Untertitel
Welche Rolle spielt der soziale Hintergrund bei der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit als Wissenschaftler?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar "Wissenschaft als Erwerbsarbeit"
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
30
Katalognummer
V275023
ISBN (eBook)
9783656678403
ISBN (Buch)
9783656678397
Dateigröße
924 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, ungleichheiten, hochschulbetrieb, haben, arbeiterkinder, schwierigkeiten, erwerbstätigkeit, wissenschaftler, kinder, hintergrund
Arbeit zitieren
Nicole Friedrich (Autor:in), 2014, Soziale Ungleichheiten im wissenschaftlichen Hochschulbetrieb, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275023

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