Lebensborn e.V. in Wernigerode.

Auswirkungen nationalsozialistischer Geburten- und Rassenpolitik im Harz


Seminararbeit, 2014

19 Seiten, Note: 14


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Lebensborn e.V
2.1 Nationalsozialistische Geburtenpolitik
2.2 Gründung und Ziele des Lebensborn e.V
2.3 Entwicklung bis 1945

3 Das „Heim Harz“ in Wernigerode
3.1 Lage und Personal
3.2 Aufenthalt im „Heim Harz“
3.3 Nach der Geburt

4 Schlussbetrachtung

5 Literatur- und Quellenverzeichnis

6 Anhang
6.1 „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“
6.2 Geburtenstatistik des „Heim Harz“
6.3 Rechnung über Heimaufenthaltskosten

1 Einleitung

Seit dem 1. Weltkrieg war die Geburtenrate in Deutschland drastisch gesunken und bereitete dem nationalsozialistischen Regime zunehmend Sorgen bezüglich der Erhaltung „rassisch und erbbiologisch wertvollen“ Nachwuchses. Auch die Tatsache, dass unverheiratete Mütter, aus Angst vor Diffamierung der Gesellschaft, oftmals den Weg der Abtreibung wählten war ein entscheidender Faktor dieser Entwicklung.

Aus diesem Grund war es Heinrich Himmler, der veranlassen ließ, dass am 12. Dezember 1935 der Verein „Lebensborn e.V.“, was etwa „Lebensbrunnen“ bedeutet, in Berlin gegründet wurde. Ein Verein, der augenscheinlich darum bemüht war, werdende Mütter vor der Gesellschaft zu schützen und ihnen einen Ort zu bieten, an dem sie unter Geheimhaltung entbinden könnten.

Kaum hatte man 1936 mit dem ersten Lebensborn-Heim in Steinhöring Erfahrungen gesammelt, nahm man auch schon den Betrieb im zweiten Heim, dem „Heim Harz“ in Wernigerode auf. Es sollten noch 7 weitere in Deutschland und 23 im Ausland dem Lebensborn bis Kriegsende gehören, welche jedoch nicht alle in Betrieb genommen wurden.

Bei den „Nürnberger Prozessen“ machte man sich die Auffassung Himmlers zu Eigen und bestätigte einen gemeinnützigen Zweck. Zu diesem Zeitpunkt war den Richtern jedoch nicht bekannt, dass der Lebensborn e.V. mitverantwortlich für die Verschleppung von Kindern aus den von Deutschland besetzten Gebieten war.

Da in der Öffentlichkeit schon vor Kriegsende wenig vom Lebensborn bekannt war, neigte man dazu, anzunehmen, es hätte sich bei den Heimen um „Zuchtanstalten“ oder bordellartigen Einrichtungen gehandelt. Diese Idee griffen auch zahlreiche Medien auf, sodass dieses Gerücht auch heute noch Bestand hat.

Die Fragestellung, ob dies auf die Lebensborn-Heime zutraf, soll mit dieser Facharbeit am Beispiel des „Heim Harz“ in Wernigerode bearbeitet werden. Dieses Heim ist auch aus dem Grund interessant, da die dort schon 1934 eröffnete Geburtenklinik noch bis 1998 weitergeführt wurde und auf deren Dachboden zahlreiche Gegenstände des Lebensborn-Heimes gefunden werden konnten.

Um jedoch die Frage zu klären, ob es sich hierbei um „Zuchtanstalten“ handelte, ist es wichtig, den Verein und dessen Entwicklung von der Gründung bis 1945 zu beleuchten und anschließend die Organisation des „Heim Harz“ kennenzulernen.

2 Der Lebensborn e.V.

2.1 Nationalsozialistische Geburtenpolitik

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) am 30.01.1933 ging auch eine neue Geburtenpolitik in Deutschland einher. Die Rate Neugeborener sank seit 1900 immer drastischer von 35,6 Lebendgeborenen pro 1000 Einwohner auf gerade einmal 14,9 bis 1932.[1] Für diesen Trend sah Heinrich Himmler zwei Gründe: Homosexualität und Abtreibungen.

Zu diesen Erkenntnissen kam er nicht durch wissenschaftliches Arbeiten, sondern, wie er verkündete, sei dies das Resultat praktischer Erfahrungen. So gebe es nach seinen Berechnungen 1-2 Millionen Homosexuelle in Deutschland, die 10% der geschlechtsreifen männlichen Bevölkerung ausmachen würden.[2]

Ein größeres Problem sah er darin, dass ledige Mütter aus Angst vor Ausgrenzungen durch die Gesellschaft eher eine Abtreibung bevorzugen würden, statt der Geburt eines unehelichen Kindes. 600.000 bis 800.000 jährliche Abtreibungen schätzte Himmler, doch noch mehr bedrückte ihn, dass durch unsachgemäße Eingriffe laut seinen Berechnungen ca. 300.000 Frauen jährlich unfruchtbar werden würden. Weitere 30.000 bis 40.000 Frauen würden im selben Zeitraum an den Folgen sterben.[3]

Dies waren für die Nationalsozialisten bedrohliche Zahlen, da somit das Ausbleiben neuen „arischen Blutes“ fortbestand.

Das Ziel war von nun an die Hebung der Bevölkerungszahl unter Berücksichtigung der rassischen Normen, welche auf der Denkweise des Sozialdarwinismus beruhte. Der Sozialdarwinismus wurde um die Jahrhundertwende konzipiert und versuchte die Menschheitsgeschichte mit Hilfe des darwinistischen Selektionsprinzips zu erklären, welches Charles Darwin jedoch nur für die Tier- und Pflanzenwelt gelten lassen wollte.

Man war davon überzeugt, dass im Kampf ums Dasein die „Untüchtigen ausgemerzt“ und die „Tüchtigen sich durchsetzen würden.“[4]

Dass die „Untüchtigen“ jedoch überlebten erklärten sich die Nationalsozialisten damit, dass durch die moderne Zivilisation die Wirksamkeit des natürlichen Ausleseprozesses beeinträchtigt sei. Damit sei ihnen auch die Möglichkeit der Fortpflanzung und der damit verbundenen Weiterreichung ungeeigneter Erbanlagen gegeben. Dies hätte wiederum zur Folge, dass gesunde Erbanlagen allmählich in der Bevölkerung abnähmen und sich die Träger körperlicher und geistiger Krankheiten durchsetzen würden.

Diese Fehlentwicklung sei nur dadurch zu korrigieren, dass vom Menschen gesteuerte Maßnahmen durchgeführt werden würden, die die Fortpflanzung der „Lebensuntauglichen“ verhinderten und die der „Tauglichen“ förderten.[5]

Zu diesem Zweck wurde am 14.07.1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ beschlossen, welches ein eugenisches Sterilisationsgesetz war und der sogenannten Rassenhygiene diente.[6]

Um Eheschließungen zu fördern, aber auch um den Arbeitsmarkt zu entlasten, wurde ein Ehestandsdarlehen von bis zu 1.000 Reichsmark (RM) eingeführt. Frauen waren damit verpflichtet, ihren Beruf nach der Heirat aufzugeben und sich auf die Rolle als Hausfrau und Mutter zu konzentrieren.[7] Für die Zeugung von Kindern wurde jungen Ehepaaren wiederum der Anreiz geboten, dieses Darlehen um 25 Prozent pro geborenes Kind zu tilgen. Nach dem vierten Kind war das Darlehen beglichen.

Erst ab 1938, nach der Gründung des Lebensborn e.V., wurde als Auszeichnung für Mütter mit mehr als vier Kindern das „Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“ verliehen. Dieses sollte einen Ehrenplatz in der „Volksgemeinschaft“ symbolisieren und wurde in drei Stufen verteilt:

Das Mutterkreuz in Bronze für 4 Kinder

Das Mutterkreuz in Silber für 6 Kinder

Das Mutterkreuz in Gold für 8 Kinder[8]

Himmler, der sich oftmals auf das Germanentum bezog, stellte fest, dass bei den Germanen schon die Notwendigkeit einer hohen Kinderzahl gesehen wurde und es nicht relevant gewesen sei, ob es sich um eheliche oder uneheliche Kinder gehandelt habe. Wichtig sei nur gewesen, den Bestand und die Machtstellung des eigenen Volkes zu sichern. Man hätte jedoch streng darauf geachtet, dass der Geschlechtsverkehr ausschließlich zwischen Frauen und Männer „wertvoller“ Rassen praktiziert worden sei. Diese Erkenntnis sei jedoch in den letzten tausend Jahren verloren gegangen. „Der Nationalsozialismus und vor allem die SS, d.h. Himmler, würden ihr wieder zur alten Gültigkeit verhelfen“.[9] Für ihn war auch klar, dass das Dritte Reich die Niederlage des Ersten Weltkrieges mit einer siegreichen „Geburtenschlacht“ aufheben werde. Die erste Grundlage hierfür war die Gründung der Schutzstaffel (SS), die auf „der Auslese rassisch „wertvoller“ Männer beruhte“.[10]

[...]


[1] http://www.bibb.de/dokumente/pdf/a21_ausweitstat_schaubilder_ab0103.pdf Stand: 25.02.2014.

[2] Vgl. LILIENTHAL, Georg (1993): Der >>Lebensborn e.V.<< - Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik, Frankfurt am Main, S. 25.

[3] Vgl. LILIENTHAL, S. 26.

[4] Vgl. BENZ, Wolfgang, Hermann Graml und Hermann Weiß (2007): Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München, S. 739.

[5] Vgl. LILIENTHAL, S. 17.

[6] Siehe Anhang I, S. 16 „Reichsgesetzblatt Nr. 86 – Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“.

[7] Vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/alltagsleben/ Stand: 27.02.2014.

[8] Vgl. BORCHERT, Karin, Wolfgang Kasperek und Matthias Meißner (2003): Geboren im Lebensbornheim „Harz“ Wernigerode, Halberstadt, S. 15.

Dieses Verfahren wurde bereits in ähnlicher Weise in Frankreich durch das sogenannte Médaille de la Famille française eingesetzt und findet auch heute noch Verwendung. Die einzelnen Stufen sind identisch mit dem des „Mutterkreuzes“.

[9] LILIENTHAL, S. 27.

[10] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Lebensborn e.V. in Wernigerode.
Untertitel
Auswirkungen nationalsozialistischer Geburten- und Rassenpolitik im Harz
Hochschule
Braunschweig Kolleg
Note
14
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V275125
ISBN (eBook)
9783656682684
ISBN (Buch)
9783656682615
Dateigröße
917 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebensborn, Wernigerode, Harz, Himmler, Hitler, Rassenpolitik, Heim Harz, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Patrick Reich (Autor), 2014, Lebensborn e.V. in Wernigerode., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275125

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