Soziologie des Risikos. Wie unterscheiden sich traditionelle, industrielle und moderne Risikokulturen am Beispiel Naturkatastrophen?


Hausarbeit, 2014
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Risikobegriff

3. Risikokulturen
3.1. Traditionelle Gesellschaften
3.2. Industrielle Gesellschaften
3.3. Moderne Gesellschaften

4. Unterschiede der Modelle am Beispiel von Naturkatastrophen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir leben in einer ¢Risikogesellschaft’(Beck 1986) laut des Soziologen Ulrich Beck. Dem kann man durchaus zustimmen, wenn wir an die verschiedensten Risiken denken, mit denen wir täglich in den Medien konfrontiert werden. Zum Beispiel droht den Menschen das Risiko von Naturkatastrophen durch das sich verändernde Klima und durch den Straßenverkehr steigt das Risiko extremer Umweltverschmutzung und gesundheitlicher Beeinträchtigungen. Auch Technologien wie Gen- und Nukleartechnik bergen unendlich viele Gefahren, die oftmals noch gar nicht bekannt sind. Außerdem beinhalten Kommunikationstechnologien neben ihren großen Chancen auch erhebliche Risiken, die sich in Datenschutzskandalen oder Cyberterrorismus widerspiegeln. Selbst die Techniken der Medizin sind nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen, die meist erst verzögert auftreten. Neben diesen technischen Risikothemen ist die Gesellschaft aber auch von sozialen Gefährdungen betroffen. Die immer wachsende soziale Ungleichheit, aber auch Arbeitslosigkeit oder der Zerfall von Gesellschaften müssen hier angemerkt werden. All diese Risiko- Bereiche haben etwas gemeinsam:

„Die Unsicherheit darüber, welche Folgen gegenwärtiges Handeln für unmittelbare oder auch weitreichende Zukünfte hat“ (Nassehi 1997: 252).

Dieses Handeln benötigt ein gewisses Maß an Kenntnissen und Vertrauen in mögliche Nachfolgen der Handlungen. In unserer aktuellen Gesellschaft herrscht aufgrund des öffentlichen Diskurses die Annahme, dass ein solches Vertrauen kaum vorliegt. Das wird vor allem daran deutlich, wenn schon bei den gewöhnlichsten Handlungen und Bestimmungen darüber diskutiert wird, welche denkbaren unabsichtlichen Folgen beziehungsweise Schäden resultieren könnten (ebd.: 252f.).

Jedoch war der Umgang mit Risiko und Unsicherheit nicht immer gleich. Die folgende Arbeit soll deshalb Aufschluss darüber geben, wie sich die unterschiedlichen Risikokulturen am Beispiel Naturkatastrophen von der traditionellen, über die industrielle bis hin zur heutigen modernen Gesellschaft verändert haben und wie sich diese Kulturformen untereinander unterscheiden.

Um den Kontext besser erfassen zu können, soll zu Beginn eine Definition des Risikobegriffs stehen. Danach wird die traditionelle, industrielle und moderne Risikokultur in den Gesellschaften dargestellt und erläutert. Anschließend werden die genauen Unterschiede dieser drei Modelle am Beispiel von Naturkatastrophen demonstriert und abschließend ein Fazit gezogen.

2. Risikobegriff

Wenn man allgemein vom Begriff „Risiko“ spricht, ist

„der in einer Handlungsgegenwart antizipierbare mögliche Schaden zu verstehen, der sich als Folge der gegenwärtigen Handlung ergeben könnte. Ein Risiko liegt also dann vor, wenn in der Gegenwart Unsicherheit über die Zukunft besteht, da man diese noch nicht kennt und kennen kann.“ (ebd.: 254)

Der Risikobegriff drückt also in der Gegenwart ein Problem in der Vorhersage von möglichen Folgen in der Zukunft aus. Diese allgemeine Definition von Risiko besagt letztendlich, dass dann von Risiko gesprochen werden kann, wenn sich aus aktuellen Handlungen denkbare Gefährdungen in der kommenden Zeit ergeben könnten (ebd.: 254f.).

Jedoch ist Risiko und seine Einschätzung, Wahrnehmung und Akzeptanz nicht nur ein psychisches, sondern vor allem ein soziales Problem. Deshalb muss ein soziologischer Risikobegriff mehr erfüllen als der oben genannte allgemeine Begriff. Dieser soziologische Begriff muss danach fragen, wer oder was darüber urteilt, ob einem Risiko Beachtung geschenkt wird oder nicht. Diese Frage nach der Auswahl von Risiken ist keine zufällige, sondern hat soziale Ursprünge (Luhmann 1991: 11f.).

Die soziologische Relevanz von Risiken besteht also zum einen darin, dass es bestimmte risikoreiche Phänomene in der Gesellschaft gibt und zum anderen, dass danach geforscht werden muss, durch welche sozialen Entwicklungen diese Risiken geschaffen und verwendet werden. Es kommt also sowohl auf die objektive Komponente an, was überhaupt an Schadensrelevantem passiert, als auch auf die konstruktivistische Komponente die aussagt, wie es sozial gebildet und verarbeitet wird (Nassehi 1997: 256f.).

Für Niklas Luhmann ist der Begriff der „Beobachtung zweiter Ordnung“ (ebd.: 257) essentiell für seinen erweiterten Risikobegriff. Diese Beobachtung zweiter Ordnung findet statt, wenn eine Person überlegt und abwägt, ob sie sich auf ein Risiko einlassen soll. Diese Person beobachtet sich also selbst aus einer Lage eines Beobachters zweiter Ordnung. Wenn das der Fall ist, kann laut Luhmann von einem Risikobewusstsein oder Risikokommunikation gesprochen werden (ebd.).

Ein solcher Risikobegriff umfasst deshalb nicht nur die Möglichkeit eines Schadens, sondern auch ob der denkbare Schaden im Entscheidungsprozess mitbedacht wird, um dann ein bestimmtes Handeln auszuführen oder zu unterlassen. Die Soziologie des Risikos hat somit immer etwas damit zu tun, wie man Ungewissheit handhabt und wie Entscheidungen getroffen werden (ebd.: 257f.).

Im folgenden Punkt der Hausarbeit wird der Fokus nun auf die Risikokultur in traditionellen Gesellschaften gelegt.

3. Risikokulturen

Risiken wurden und werden in traditionellen, industriellen und modernen Gesellschaften unterschiedlich wahrgenommen, erlebt und verarbeitet. Doch was verstehen wir eigentlich unter der Wahrnehmung von Risiken? Fakt ist, dass wir Risiken nicht mit den Sinnesorganen wahrnehmen können und es somit keinen greifbaren Gegenstand „Risiko“ gibt. Sondern wir nehmen Situationen und Tätigkeiten wahr und lesen oder hören damit verknüpfte Risiken. Durch diese Wahrnehmungen bilden wir uns anschließend eine Meinung über das Risiko der Handlungen (Jungermann/Slovic 1997: 171). Folglich ist Risiko

„ein Merkmal, das Objekten, Aktivitäten und Situationen aufgrund von Wahrnehmungs-, Lern- und Denkprozessen zugeschrieben wird“ (ebd.)

Der unterschiedliche Umgang mit Risiken in traditionellen, industriellen und modernen Gesellschaften gründet sich gemäß den Autoren Douglas und Wildavsky auf die verschiedenartigen Kulturen der Gesellschaften über die Zeit hinweg. Jede Form des gemeinschaftlichen Lebens hat demnach einen eigenen und charakteristischen Risikoaufbau. Bestimmte Werte und Normen, die in der Gesellschaft verfestigt sind, bewirken die Ausprägung von gemeinsamen Ängsten und legen zugleich fest, vor welchen Dingen man sich nicht fürchten muss. Jede Gesellschaftsform hat somit auch eine eigene Ansicht über die natürlichen Gegebenheiten der Umwelt, die maßgeblich die Selektion von Gefahren beeinflusst. Es gibt also verschiedene soziale Grundsätze, die bestimmen, welche Wagnisse als gefährlich angesehen werden und bei welchen Risiken es sich lohnt, diese einzugehen. Das bedeutet außerdem, dass jedes soziale Zusammenleben kulturell voreingenommen ist (Douglas/Wildavsky 1993: 118ff.).

Nach dieser kurzen allgemeinen Einführung über die Risikokulturen, folgt nun der Bezug auf die traditionellen Gesellschaften.

3.1. Traditionelle Gesellschaften

Das Erleben von Unsicherheiten ist logischerweise nicht erst seit der Moderne aktuell. Auch in traditionellen Gesellschaften gibt es Ungewissheiten bezüglich der Zukunft. In diesen vormodernen Gesellschaften benutzt man bestimmte Weltanschauungen und Methoden der Philosophie zum Verständnis und Verarbeitung von Unsicherheiten. Jedoch kann hier nicht die Rede vom heutigen Verständnis von „Risiko“ sein, verstanden als ein Handeln, dass mögliche zukünftige Schäden hervorbringen kann. Dieses Verständnis von Risiko ist in den frühen Gesellschaftsformen noch nicht bekannt (Nassehi 1997: 258).

Gemäß des Soziologen Christoph Lau werden in traditionellen Gesellschaften Unsicherheiten zwar persönlich und subjektiv erlebt, diese sind jedoch mit bestimmten Gruppengesetzen verknüpft:

„Traditionelle Risiken sind ... sozial normiert und sanktioniert. Sie wirken gemeinschaftsstiftend, regeln Gruppenzugehörigkeiten und stabilisieren Gruppengrenzen. Diese Funktion der Zugehörigkeitsregelung wird besonders deutlich bei Risiken wie dem Duell, der Mensur, den Wanderjahren der Handwerksgesellen, die den Doppelcharakter von Risiken als Pflicht und Privileg herausstellen.“ (Lau 1989: 421 in: Nassehi 1997: 259)

Hier wird deutlich, dass Risiken an den Stand der jeweiligen Personen gebunden sind, aber auch etwas mit Genugtuung, Anerkennung und bestimmten Verhaltensregeln zu tun haben. Unsicherheiten werden demnach im sozialen Zusammenhalt von Gesellschaften verarbeitet. Alle Gefahren, die nichts mit der „Gruppe“ gemein haben, werden in traditionellen Gesellschaftsformen nicht als Risiken anerkannt, sondern als „allgemeine irdische Lebensgefährdungen“ (Nassehi 1997: 259) bezeichnet. Dazu gehören zum Beispiel Naturkatastrophen, Unfälle oder Seuchen, die eben nicht als Folge der Entscheidungen von Individuen gesehen werden, sondern gegebenenfalls die Verantwortung bei Gott oder bestimmten Göttern gesucht wird (ebd.).

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Details

Titel
Soziologie des Risikos. Wie unterscheiden sich traditionelle, industrielle und moderne Risikokulturen am Beispiel Naturkatastrophen?
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V275238
ISBN (eBook)
9783656684268
ISBN (Buch)
9783656684220
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Risiko, Risikokultur, Soziologie des Risikos
Arbeit zitieren
Verena Schindler (Autor), 2014, Soziologie des Risikos. Wie unterscheiden sich traditionelle, industrielle und moderne Risikokulturen am Beispiel Naturkatastrophen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275238

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