Die Cancioneros existieren schon seit Jahrhunderten in Spanien. Unter Cancioneros versteht man Liedersammlungen in denen Volkslieder oder auch Volksmelodien gesammelt wurden. Jedoch gab es keine wissenschaftliche oder auch musikwissenschaftliche Erforschung dieser Volkslieder in Spanien bis ins 19. Jahrhundert hinein. Dem Lehrer, Forscher und Komponisten Felipe Pedrell ist es zu verdanken, dass diese Werke einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Nicht nur Komponisten, sondern auch das Volk sollten von diesem reichen musikalischen Repertoire Spaniens profitieren. Pedrell wollte eine Verbindung von Kunstmusik und Volksmusik, sowie durch Anlehnung an die nationale spanische Tradition, eine nationale Musik schaffen. Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb er seine Hauptwerke mit denen er eine Escuela Nacional de Música española, also eine nationale Schule der spanischen Musik begründen und gleichzeitig als Initiator der spanischen Musikwissenschaft in die Geschichtsbücher eingehen sollte.
In dieser Arbeit soll das theoretische Schaffen Pedrells in Hinblick auf das Volkslied erläutert werden, sowie seine und die heute übliche kategorisierte Einteilung des Volksliedes in Spanien.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Anfänge der Musikforschung in Spanien und erste Volksliedsammlungen
3. Das Volkslied in Spanien
3.1. Die verschiedenen Kategorien des Liedes
4. Felipe Pedrell und das Volkslied
4.1. Das “Cancionero musical popular español”
4.2. Kunst- und Naturmusik
4.3. Die Einteilung des Liedes im „Cancionero“
5. Die gegenwärtige Entwicklung der Musikethnologie in Spanien
6. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht das theoretische Schaffen von Felipe Pedrell in Bezug auf das spanische Volkslied. Ziel ist es, seine kategorisierte Einteilung des Volksliedes zu erläutern, die Bedeutung seiner Hauptwerke für die nachfolgende Musikwissenschaft zu analysieren und den Stellenwert sowie die Entwicklung der Musikethnologie in Spanien kritisch zu hinterfragen.
- Historische Entwicklung der Volksliedforschung in Spanien vor dem 20. Jahrhundert
- Die Rolle von Felipe Pedrell als Initiator der spanischen Musikwissenschaft
- Strukturelle Analyse und Kategorisierung des Liedes im "Cancionero musical popular español"
- Diskurs um Kunstmusik versus Naturmusik im Kontext nationaler Identität
- Status quo und Herausforderungen der modernen Musikethnologie in Spanien
Auszug aus dem Buch
4.2. Kunst- und Naturmusik
Pedrell setzt die Existenz einer Naturmusik voraus, die wie die Sprache dem Ausdrücken von Gefühlen dient und sich als bloßer „Naturlaut“ in artikuliertem oder auch unartikuliertem Gesang ausdrücken kann. Dieser Naturlaut wird durch das Wort, die Sprache gesteigert, bzw. aufgewertet und entwickelt sich so zur eigentlichen Musik. Diese Musik bleibt, von allen anderen Einflüssen unabhängig und unbeeinflusst, während die Kunstmusik gerade durch diese Einflüsse einem ständigen Wandel unterworfen wird: “Nur diese Musik hat fortgedauert und dauert immer noch fort, während die andere Musik, die Kunstmusik, sich unaufhörlich entwickelt und umwandelt wegen unerklärlichen Rückentwicklungen und Verbesserungen, der Technik, der Vorgänge, der einzelnen Formen des Konventionellen“
Die Naturmusik kann so vergangene Epochen wiederspiegeln und die Kunstmusik nur einen bestimmten Zeitabschnitt.
Diese Musik sei nicht direkt von einem Individuum geschaffen oder von einem Kollektiv, sondern eher von einem „kreativen anonymen Individuum“. Für Pedrell war eine música natural eine Musik, die „nicht nur reguliert war von umstandsbedingten Tatsachen oder von Gelehrten“, sondern die “nur eine gute Veranlagung voraussetzte und einen Impuls zur Leidenschaft des Singens“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Lücke der wissenschaftlichen Volksliedforschung in Spanien ein und würdigt die Pionierarbeit von Felipe Pedrell, der das Volkslied als Basis für eine nationale spanische Musik identifizierte.
2. Die Anfänge der Musikforschung in Spanien und erste Volksliedsammlungen: Dieses Kapitel skizziert die Vorläufer der Forschung ab dem 16. Jahrhundert und die Entwicklung hin zu einer nationalen musikalischen Bewegung im 19. Jahrhundert, geprägt durch erste Lied- und Textsammlungen.
3. Das Volkslied in Spanien: Hier werden die regionalen Unterschiede und die kulturelle Vielfalt des spanischen Volksliedrepertoires unter Berücksichtigung geografischer und historischer Faktoren beleuchtet.
3.1. Die verschiedenen Kategorien des Liedes: Dieser Unterpunkt klassifiziert spezifische Liedgattungen wie Balladen, Kinderlieder, Arbeitslieder und religiöse Gesänge anhand ihrer Struktur und Funktion.
4. Felipe Pedrell und das Volkslied: Dieses zentrale Kapitel analysiert Pedrells Rolle als Reformer und Initiator der spanischen Musikethnologie sowie seinen Einfluss auf die Renaissance der spanischen Kompositionskunst.
4.1. Das “Cancionero musical popular español”: Es erfolgt eine detaillierte Betrachtung von Pedrells vierbändigem Hauptwerk, das theoretische Konzepte mit einer umfangreichen Sammlung von Volksmelodien verbindet.
4.2. Kunst- und Naturmusik: Das Kapitel erläutert Pedrells philosophische Unterscheidung zwischen der archaischen Naturmusik und der sich wandelnden Kunstmusik als Grundlage seines nationalmusikalischen Ansatzes.
4.3. Die Einteilung des Liedes im „Cancionero“: Hier wird Pedrells Systematik der Ordnung von Volksliedern nach Gebrauchszusammenhängen und musikalischen Kriterien kritisch hinterfragt.
5. Die gegenwärtige Entwicklung der Musikethnologie in Spanien: Das Kapitel reflektiert den aktuellen Forschungsstand, die institutionelle Vernachlässigung der Musikethnologie sowie die Spannung zwischen traditioneller Authentizität und moderner Popularmusik.
6. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Würdigung von Pedrells bleibendem Einfluss auf die spanische Musikforschung und den Hinweis auf die anhaltenden Transformationsprozesse innerhalb der Disziplin.
Schlüsselwörter
Felipe Pedrell, Cancionero musical popular español, Volksliedforschung, Musikethnologie, Spanien, Musikwissenschaft, Nationalmusik, Naturmusik, Kunstmusik, Folklore, Balada, Romances, Musikgeschichte, kulturelle Identität, Musikforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der musikwissenschaftlichen Bedeutung des Lehrers, Forschers und Komponisten Felipe Pedrell für die spanische Volksliedforschung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Fundierung einer nationalen spanischen Musik, die Klassifizierung von Volksliedern im "Cancionero musical popular español" sowie der historische Wandel der Musikethnologie in Spanien.
Was ist das primäre Ziel dieser Arbeit?
Ziel ist es, Pedrells theoretisches Schaffen aufzuarbeiten, seine Einteilung des Volksliedes kritisch zu beleuchten und seinen prägenden Einfluss auf die spätere spanische Musikforschung zu würdigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit stützt sich auf eine historische und musikwissenschaftliche Analyse primärer Quellen, wie Pedrells Schriften, und kombiniert diese mit dem Kontext zeitgenössischer sowie moderner musikethnologischer Betrachtungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historischen Anfänge, die detaillierte Vorstellung von Pedrells Hauptwerken, die philosophische Unterscheidung zwischen Natur- und Kunstmusik sowie eine Bestandsaufnahme der modernen Musikethnologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Felipe Pedrell, Cancionero, Volksliedforschung, Musikethnologie, nationale Identität und die Transformation musikalischer Traditionen.
Welche Rolle spielt der Begriff "música natural" bei Pedrell?
Pedrell versteht darunter ein anonym geschaffenes, authentisches musikalisches Material, das als unbeeinflusste Basis für eine neue, höhere Kunstmusik dienen soll.
Warum wird die Musikethnologie in Spanien heute als rückständig bezeichnet?
Laut den angeführten Experten wird die Disziplin oft nur als Hilfsdisziplin betrachtet, ist institutionell unzureichend verankert und konzentriert sich in der Forschung häufig zu stark auf musikalische Ergebnisse statt auf den soziokulturellen Kontext.
- Arbeit zitieren
- Cornelia Friebe (Autor:in), 2007, Felipe Pedrell und das Volkslied in Spanien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275375