Der "Telegarden" von Ken Goldberg


Term Paper, 2011
17 Pages, Grade: 1,7

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Telegarden
2.1 Telerobotik
2.2 Das Mercury Project – Vorgänger des Telegardens
2.3 Beschreibung Telegarden

3. Themen des Telegardens
3.1 Telepräsenz
3.3 Der Begriff der Telepistemology
3.4 Der Telegarden als Experiment einer Online Community

4. Partizipation

5. Fazit

6. Literaturanhang

1. Einleitung

Ken Goldberg, der Elektrotechnik und Wirtschaft studiert hat und heute als Professor an der University of California, Berkeley, tätig ist, hat gewissermaßen gleich zwei Berufe. Während er tagsüber seinen Aufgaben als Wirtschaftsingenieur und Professor nachgeht, wird er bei Nacht zum Künstler. Sein Gebiet ist das der Telepräsenz-Kunst, die mit der Telerobotik und dem Internet arbeitet.

Auf den ersten Blick mag es irritieren, dass ein gestandener Wissenschaftler wie Goldberg, sich ausgerechnet die Kunst zum Ausgleich gesucht hat. Doch bereits in der High School besuchte er den Kunstunterricht, entschied sich später vor allem aus finanziellen Gründen für das geregelte Einkommen des Ingenieurs. Heute ist er ein Beispiel dafür, dass Kunst und Technik durchaus Hand in Hand gehen können. Goldberg betont, dass Kreativität und Neugier für beide Bereiche elementar sind.[1] Für ihn bedeutet sein Ingenieurdasein nicht monotone Arbeit, sondern das Aufzeigen und Lösen interessanter Probleme und das Hervorbringen neuer Werkzeuge, die das Leben des Menschen von Grund auf verändern können, wie es etwa das Beispiel Computer zeigt.

Er mag den konzeptionellen Ansatz der Kunst, die oft kritisch ist gegenüber dem gegenwärtigen Zustand, insbesondere der Technologie. Durch sein Künstlerdasein hat er die Chance, am Tag neu entwickelte Technologien bei Nacht zu hinterfragen und zu kritisieren. Dank seines Fachwissens sieht er sich in einer guten Position, das zu tun, denn als Ingenieur versteht er schon früher als andere das wahre Potential von etwas, das erst im Kommen ist und vielleicht erst in fünf Jahren große Auswirkungen haben wird. Daraus kann er Kunst machen, die vorausahnend die Fragen schon aufwirft bevor es zu spät ist.

Die Technik durchdringt nach und nach alle Lebensbereiche, auch die Kunst ist dagegen nicht immun. So gibt es immer mehr Computerkunst, die das Kunstpublikum vor neue Aufgaben und Formen der Rezeption stellt. Auch Goldbergs Internetinstallation des „Telegarden“ von 1995 vereint den technologischen Fortschritt der Telerobotik mit den Zweifeln und Fragen, die das Internet hervorbringt. Goldberg treibt diese Beziehung in seinem Projekt an eine absurde Spitze. Der Internetgarten ist ein Experiment darüber, wie das soziale Miteinander und die Beziehung zwischen Kunst und Technik im heutigen Zeitalter funktionieren können.

Die vorliegende Arbeit soll das Projekt des Telegardens und dessen zentralen Themen und Ideen vorstellen, sowie sich genauer der Frage widmen, wie Goldberg versucht, die klassischen Grenzen der Kunstrezeption aufzulösen und somit Offenheit in seinen Projekten erzielt. Sie untersucht die Wege, die Goldberg beim Aufbau seiner Social Community einschlägt und welche Mittel er einsetzt, um Partizipation und Interaktion zu erreichen.

2. Der Telegarden

2.1 Telerobotik

Um die Kunstprojekte Ken Goldbergs zu verstehen, ist es wichtig, sich zunächst dem Feld der Robotik anzunähern. Ein Roboter ist eine Maschine, die Tätigkeiten ausführt auf welche sie vorher programmiert wurde. Dabei gibt es sowohl stationäre als auch mobile Geräte, die sich etwa im Raum bewegen können. Der bedeutende Unterschied zu Telerobotern, wie Goldberg sie einsetzt, ist, dass diese nicht durch ein Programm gesteuert werden, sondern aus der Ferne, entweder durch einen Computer oder einen menschlichen Operator. Dieser kann über den Teleroboter demnach Aktionen in Echtzeit über eine weitere Distanz hinweg ausführen. Die ersten Teleroboter wurden in den 1950er Jahren entwickelt und kamen bei der Erkundung von unzugänglichen Gebieten zum Einsatz, wie etwa dem Schiffswrack der Titanic, auf dem Mars oder auch in Tschernobyl zur Erforschung von radioaktivem Material. Auch im Militär, etwa bei ferngesteuerten Drohnen-Flugzeugen, oder in der Medizin bei Operationen werden Teleroboter als Hilfsmittel genutzt. Viele der uns bekannten, alltäglichen Technologien funktionieren auf dieser Basis, etwa die Fernbedienung für den Fernseher: „Some of our most influential technologies, the telescope, telephone, and television, were developed to provide knowledge at a distance.”[2]

Goldberg kombiniert in seinen Projekten diese Technologie mit der des Internets, einer der neuesten Technologien in den späten Neunzigern. Nach und nach wurde es immer mehr Menschen, auch Amateuren, möglich, sich in das Internet einzuwählen und dadurch auf weltweit verbreitetes Material zuzugreifen.

2.2 Das Mercury Project – Vorgänger des Telegardens

Goldberg und sein Team waren die ersten, die im August 1994 einen Teleroboter installierten, der über das Internet steuerbar war. An das Ende eines Roboterarmes wurden eine digitale Kamera und eine Luftdüse angebracht.[3] Der Arm befand sich über einer mit Sand gefüllten Box, in der mehrere Gegenstände versteckt waren. Über das Internet konnten sich Besucher in den Roboterarm einloggen und diesen sowohl steuern, als auch über die Kamera ein Echtzeitbild der Sandkiste sehen. Mit Hilfe der Düse konnte der Sand innerhalb der Box verschoben werden um die versteckten Gegenstände zu lokalisieren.

Es war nicht das erste Kunstprojekt Goldbergs, das mit Hilfe der Robotik funktionierte. Bereits als Student hatte er mit einem malenden Roboterarm experimentiert, doch als er die entstandenen Gemälde ausstellte, merkte er, dass es eher das Video des malenden Roboters war, das die Menschen interessierte, als die Bilder an sich.[4] Diese Computerkunst, das heißt Computer-generierte Malerei, war seit den 1980er Jahren im Kommen, wurde aber von der Kunstwelt aufgrund ihrer Sterilität größtenteils ignoriert. Ken Goldberg knüpfte an diesen Argwohn des Kunstpublikums an: für ihn stellte sich nunmehr die Frage, ob es möglich sei, Kunst zu kreieren, der es, im Sinne Walter Benjamins, an Aura nicht mangele. Was fehlte der Computerkunst, was macht Kunst aus, was fasziniert an Installationen? – Fragen, die Goldberg faszinierten und denen er sich mit Hilfe seiner Roboter widmete. So erkannte er, dass die Betrachter nicht bloß die Materialien des Gemäldes, das Endprodukt, interessierten, sondern auch der körperliche Entstehungsprozess, der Akt des Malens selbst. 1992 richtete er dann in der USC Fisher Gallery in Los Angeles seine erste Roboterinstallation namens „Power and Water“ ein, in der er eben das ausstellte.[5]

Das Mercury Project von 1994 war die erste Telerobotik-Installation, in die sich Besucher aus der ganzen Welt über das Internet einloggen konnten.[6] Das sprengte die Grenzen einer herkömmlichen Kunstinstallation, die im Museumskontext nur einem Publikum zugänglich war, das sich tatsächlich in die Räumlichkeiten begab und sich dort zu bestimmten Öffnungszeiten, sowie unter der Regel das Kunstwerk nicht anzufassen, geschweige den zu verändern, aufhalten konnte. Um den Roboterarm über der Sandbox zu steuern, konnte jeder, der über einen Internetzugang verfügte, die Webseite zu jeder beliebigen Tageszeit besuchen, was das Projekt einem breiten Publikum zugänglich machte – und das über Jahre hinweg.

Aus dem ersten Projekt der Sandbox ging direkt das zweite Projekt des Telegardens hervor. Hatte so das Mercury Project noch die Archäologie aus der Ferne zum Thema, schien es Goldberg natürlich, nach dem Jagen und Sammeln den evolutionsgemäßen Schritt in Richtung Agrikultur zu unternehmen: „Let’s build a garden and we'll allow people to come in over the Internet and to move around, with the robot, move a camera through the garden to look, but also to water the plants and plant their own seeds.”[7]

Die Idee des Jagen und Sammelns charakterisiert das typische Verhalten im Internet[8]: zum einen das Jagen durch das Internet auf der Suche nach festgelegter Information, etwa nach Neuigkeiten oder Informationen zu einem bestimmten Ereignis. Und das Sammeln als Suche ohne festgelegtes Ziel, das „herumsurfen“, wahlloses Verfolgen von Verlinkungen und Sich-umsehen im World Wide Web. Und nun folgerichtig der Telegarden als Ausdruck des Bedürfnisses der Internet-Nomaden nach Sesshaftigkeit innerhalb der Weite des Netzes, nach einem eigenen Haus und einem eigenen Acker vor der Tür. Ein eigener Garten, zu dem man zurückkehren kann, wann immer man möchte. So sollte auch der Besucher der Telegarden-Webseite an diese gebunden werden und immer wiederkommen. Das Prinzip des Telegardens baute auf dieser Wiederkehr auf und verfolgte das Ziel der Errichtung einer Online-Community, einem sozialen Netzwerk. Er sollte als Bezugspunkt im weiten Internet funktionieren, den „man lieb gewinnt, wo sich vor allem Leute mit gleichen Gefühlen finden, mit denen man neue Freundschaften schließen kann. Der Wunsch, gemeinsam etwas zu schaffen und sich als Gruppe zu begegnen […].“[9]

[...]


[1] „Coversations with history“ der University of California, Berkeley: Interview mit Ken Goldberg vom 25. August 2005, Skript: http://globetrotter.berkeley.edu/people5/Goldberg/goldberg-con0.html (8.8.2011)

[2] GOLDBERG, Ken, The robot in the garden, Cambridge 2000, S. 2.

[3] ebd., S.6.

[4] siehe „Coversations with history“, 2005.

[5] Power and Water (1992), siehe: http://goldberg.berkeley.edu/art/fisher2.html (8.8.2011)

[6] Homepage des Projektes: http://www.usc.edu/dept/raiders (8.8.2011)

[7] siehe „Coversations with history“, 2005.

[8] vgl. GATTI, Gianna Maria, Das Technologische Herbarium, Berlin 2011, S. 111f.

[9] Gatti 2011, S. 115.

Excerpt out of 17 pages

Details

Title
Der "Telegarden" von Ken Goldberg
College
University of Constance
Grade
1,7
Author
Year
2011
Pages
17
Catalog Number
V275425
ISBN (eBook)
9783656677321
ISBN (Book)
9783656677314
File size
561 KB
Language
German
Tags
telegarden, goldberg
Quote paper
Sandra Kuberski (Author), 2011, Der "Telegarden" von Ken Goldberg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275425

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