Heilung oder Tötung? Die Person im Blickfeld der Dissoziativen Identitätsstörung


Hausarbeit, 2013

15 Seiten, Note: 1,3

Teresia Minjoli (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dissoziative Identitätsstörung
2.1. Der Fall Christine Beauchamp

3. Multiple Persönlichkeiten und Person-Begriffe
3.1. Person-Begriff in der Psychologie
3.2. Person-Begriff in der Philosophie
3.2.1. Die Person bei Locke
3.2.2. Die Person bei Singer

4. Heilung durch Therapie
4.1. Folgen für die Personen

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

7. Versicherung

1. Einleitung

In den letzten Jahrzehnten hat die psychische Krankheit Dissoziative Identitätsstörung immer mehr an medialer Aufmerksamkeit gewonnen. Ob in fiktiven Filmen und Büchern oder realen Berichterstattungen, das faszinierende Krankheitsbild zeigte in den verschiedensten Medien wachsende Präsenz. Sie soll auch Gegenstand dieser Arbeit werden. Doch während der Fokus für Gewöhnlich auf der Krankheit selbst liegt, sollen hier die Persönlichkeiten im Vordergrund stehen, die sich im Laufe dieser Krankheit entwickeln können. Hier stellt sich die Frage, ob diese tatsächlich als Personen anzusehen sind oder nur Teilpersonen, wie es in der Fachliteratur auch der Fall ist. Aber sind sie wirklich nur „verschiedene Anteile eines Menschen, [die sich] als so sehr voneinander getrennt erleben, dass sie jeweils über eigene Identitäten verfügen“[1]? Die Unterschiedlichsten Fallbeispiele zeigen, wie extrem sich die Abspaltungen mit der Zeit voneinander unterscheiden. Sie führen mehr und mehr ein Eigenleben, entwickeln unterschiedliche Charakterzüge, Vorlieben, haben andere Freunde und Hobbys. Wenn diese schließlich doch als Personen anzusehen sind, welche Bedeutung hätte für sie dann eine Heilung von der Krankheit?

Wie so oft in der Debatte um den Person-Begriff stellt sich auch hier die Frage: Wo fängt Person-sein an und wo hört es auf? Insbesondere in der Ethik, wenn es um moralische Bewertungen von Handlungen geht, wie im Falle von Abtreibungen oder das Ausschalten von lebenserhaltenden Geräten bei Komapatienten. So würde sich auch hier die Frage stellen, ob das Heilen einer Dissoziativen Identitätsstörung tatsächlich moralisch unbedenklich ist, wenn die verschiedenen Teilpersonen nicht nur als Identitäten, sondern als eigenständige Personen anzusehen sind.

In der aktuellen Fachliteratur über Dissoziative Identitätsstörungen wird durchaus unterschiedlich mit der Betitelung der abgespaltenen Personen umgegangen. In „Multiple Persönlichkeiten“[2] bezeichnet die Autorin und Psychotherapeutin Michaela Huber diese durchgängig als „Personen“, während die meisten anderen Autoren von Teilpersonen oder Persönlichkeiten ausgehen.

In dieser Arbeit soll die Frage, ob eine Heilung einer Patientin mit Dissoziativer Identitätsstörung, einer Tötung der verschiedenen abgespaltenen Personen gleich kommt, behandelt werden. Dazu ist es notwendig zunächst die Krankheit selbst näher zu erklären und welche Rolle die verschiedenen Personen in diesem Zusammenhang spielen. Ein Fallbeispiel soll einen möglichen Krankheitsverlauf und zudem eine Therapierung der Krankheit erläutern. Um die Frage weiterhin bearbeiten zu können soll ein Einblick in verschiedene Person-Begriffe die Umstände, unter denen eine Abspaltung als Person gilt klären. Schließlich wird noch auf die Behandlung der Krankheit Bezug genommen und welche möglichen Folgen für die Personen aufgrund dieser entstehen könnten, um Abschließend in einem Fazit zu erläutern, unter welchen Umständen eine Heilung tatsächlich mit einer Tötung gleichgesetzt werden könnte.

2. Dissoziative Identitätsstörung

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS), besser bekannt als multiple Persönlichkeitsstörung, wie die Krankheit früher genannt wurde, fand 1980 Einzug in das internationale Diagnosesystem für psychische Störungen. Die tatsächliche Geschichte der Krankheit beruft sich allerdings auf eine sehr viel längere Zeit. Einige der kirchlichen Schilderungen von Besessenheitszuständen sowie Anklagen der Hexerei lassen sich aus heutiger Sicht auf multiple Persönlichkeiten oder dissoziative Identitätsstörungen zurück führen. Aber was ist überhaupt eine multiple Persönlichkeit und wie kommt es dazu, dass sich in einem gesunden Menschen aus einer Person mehrere ganz unterschiedliche ausbilden?

Die Dissoziative Identitätsstörung fällt im allgemeinen Sprachgebrauch unter die Kategorie psychische Störung. Dabei tritt in Folge von wiederholten traumatischen Ereignissen, die sich in der Regel im Kindesalter ereignen, eine Dissoziation bzw. Aufspaltung der Person auf. Die Ereignisse haben dabei ein so hohes Ausmaß an Gewalt, dass sie nur solche Menschen überleben können, die über ein außergewöhnlich hohes Dissoziationsvermögen verfügen. Die Fähigkeit zum Dissoziieren selbst, hat jeder Mensch und jeder tut dies auch. Beispielsweise in Situationen, in denen eine Reaktion wie unbewusst einfach geschieht, wie das Funktionieren in einem Schockzustand. Deshalb gilt das Aufspalten in multiple Persönlichkeiten für die meisten Spezialisten auch eher als Überlebensstrategie des Geistes. Eine oder mehrere weitere Persönlichkeiten machen es für die betroffene Person möglich, die Ereignisse körperlich zu überstehen, indem sie sich selbst aus der Situation entfernt. Eine andere Person übernimmt also in diesem Moment das Handeln und Denken. Diese Person sowie jede weitere, besitzt ein eigenes Bewusstsein, Gedächtnis und eigene Vorlieben. Sie führt sogar in manchen Fällen ein ganz eigenes Leben. So kann es vorkommen, dass sich eine Person plötzlich an einem Ort wiederfindet, ohne zu wissen, wie sie dort hingelangt ist oder unbekannte Kleidungsstücke im Schrank vorfindet, die sie selber nie gekauft hätte. Die Unterschiedlichkeit der Personen ist in einigen Fällen so ausgeprägt, dass es neben Alter, Charakter und Geschlecht, sogar unterschiedliche Gesundheitsbilder geben kann. Eine Person kann körperlich also kerngesund sein, während eine andere Allergien oder chronische Krankheiten haben kann.

Nicht alle Personen wissen von einander. Einige gehen von ihrer alleinigen Existenz im Körper aus. DIS-Patienten, die sich mit der Aufspaltung ein Stück weit arrangiert haben, reden von sich oft in der ersten Person Plural, obwohl zu einer bestimmten Zeit immer nur eine Person nachweisbar ist.

2.1. Der Fall Christine Beauchamp

In der Fachliteratur, aber auch in der Gesellschaft sind im Laufe der Zeit verschieden Fälle multipler Persönlichkeiten bekannt geworden. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die fiktive Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde.[3]

1906 berichtete der Neurologe Morton Prince in seinem Buch „Dissociation of a Personality“ über den Fall der Christine Beauchamp. Anhand dieses Fallbeispiels, soll nun näher Bezug auf die verschiedenen Personen und deren mögliche Entwicklung im Laufe einer Therapie genommen werden.

Die Patientin Christine Beauchamp litt bereits in jungen Jahren unter Kopfscherzen, Schlafstörungen, Tagträumen und Halluzinationen. Als Kind wurde sie von ihrem Vater missbraucht und von der Mutter vernachlässigt. Eine Vergangenheit, die wie bereits erwähnt, typisch für multiple Persönlichkeiten ist. Mit 23 Jahren sucht sie schließlich den Neurologen Dr. Morton Prince auf, der ihren Fall studiert und sie zudem heilen möchte. Unter Hypnose traten mit der Zeit drei verschiedene Personen auf: Sally „der Teufel“, „die Frau“ und „die wahre Christine Beauchamp“. Diese unterschieden sich von der wachen, aber auch von der hypnotisierten Christine Beauchamp (die zunächst unter Hypnose sie selbst blieb) grundlegend.

[...]


[1] Deistler, Imke & Vogler, Angelika (Hg.): Einführung in die Dissoziative Identitätsstörung. Multiple Persönlichkeiten, Paderborn 2005 (im Folgenden zitiert als: Deistler, Imke & Vogler, Angelika: Einführung in die Dissoziative Identitätsstörung), S. 13.

[2] Das Handbuch über Multiple Persönlichkeiten ist das erste seiner Art, das im deutschsprachigen Raum erschien.

[3] Wilkes, Kathleen: Multiple Personality and Personal Identity. The British Journal for the

Philosophy of Science (Hg.), 32(4), 1981, (im Folgenden zitiert als: Wilkes, Kathleen: Multiple Personality and Personal Identity), S. 331-348.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Heilung oder Tötung? Die Person im Blickfeld der Dissoziativen Identitätsstörung
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V275476
ISBN (eBook)
9783656680444
ISBN (Buch)
9783656680437
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Philosophie der Person, John Locke, Peter Singer, Person-Begriff, DIS, Dissoziative Identitätsstörung, Multiple Persönlichkeitsstörung
Arbeit zitieren
Teresia Minjoli (Autor), 2013, Heilung oder Tötung? Die Person im Blickfeld der Dissoziativen Identitätsstörung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275476

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