„Napoleon ist an allem schuld.“ Dieser Titel eines Stücks von Curt Goetz scheint übertragbar auf die Ursachen der Not im ehemaligen ‚Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation‘, das am 6. August 1806 mit dem Rücktritt Kaiser Josephs II. erlosch. Nach der Französischen Revolution 1789 führte die Expansion Frankreichs durch Napoleon zu zahlreichen Kriegen in Europa. Verwüstung, Tod junger arbeitsfähiger Männer, Vernichtung von Ernten, Plünderungen und auch der Verlust gewachsener Infrastrukturen und Nachrichtenwege folgten. Fortbewegungsmittel wurden beschlagnahmt, die ländliche Bevölkerung auf der Suche nach Arbeit und Nahrung immobilisiert. Aufhebung von Heiratsbeschränkungen vielerorts führte zu einer Bevölkerungszunahme. Dazu kamen Landabgaben im Gegenzug zu Befreiung von Frondienst und Obereigentum. Landflucht ab ca. 1820 und Auswanderung exportierten die Not, es bildeten sich Ballungszentren wie im Ruhrgebiet, Berlin und Südwestdeutschland. Ganze Familien mussten unter schlechtesten Bedingungen in den neuen Industrien arbeiten – was ihnen im Laufe des ‚Vormärz‘ ab 1830 und durch die revolutionären Theorien von Karl Marx bewusst gemacht wurde. Der größte Teil der Bevölkerung besaß keinerlei Absicherung gegen Alter, Krankheit oder Tod des Familienernährers. Die ländliche Armut war 1871 für zwei Drittel der Reichseinwohner noch Normalität, aber auch in der Stadt zogen Hunger, Kälte, Raumnot und schlechte Hygienebedingungen Krankheit, Tod und hohe Kindersterblichkeit nach sich.
Inhaltsverzeichnis
1. Grundlagen und Ansätze Sozialer Arbeit 1789-1890
1.1. Ursachen für Verarmung und soziale Probleme
1.2. Welches Ziel verfolgte Soziale Arbeit in dieser Zeit?
1.3. Religiöse und politische Ideen bzgl. Sozialer Arbeit im 19.Jh.
1.4. Methodeneinsatz im Bereich der Sozialen Arbeit
1.5. Vom Verwalter zum Helfer, Erzieher und Beobachter
1.6. Fazit
2. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit
2.1. Leitdiskussion, Grundannahmen und Ideen
2.2. Basissätze und Prinzipien
2.3. Berufsbezogenheit des Konzeptes und der Theorieansätze
3. Der Fall Puvogel und die Methodenwechsel der Sozialen Arbeit
3.1. Weitere Wandlungen des Falles Puvogel bis zum Jahr 2015
3.2. Gründe für Umetikettierung und Methodenwechsel Sozialer Arbeit
3.3. Weiterentwicklung Sozialer Arbeit im historischen Kontext
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit widmet sich der historischen Entwicklung und den theoretischen Fundamenten der Sozialen Arbeit. Sie untersucht, wie sich die Ursachen für soziale Notlagen seit dem späten 18. Jahrhundert gewandelt haben und welche methodischen Ansätze die Soziale Arbeit entwickelt hat, um diesen Herausforderungen zu begegnen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der lebensweltorientierten Perspektive nach Hans Thiersch liegt.
- Historische Analyse der Armutsentwicklung und der sozialen Frage ab 1789.
- Theoretische Grundlagen und Grundannahmen der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit.
- Methodische Wandlungen anhand der Fallbeispielanalyse Puvogel.
- Bedeutung von Wissenschaftlichkeit und Professionalisierung im sozialpädagogischen Handeln.
- Herausforderungen durch das doppelte Mandat und den gesellschaftlichen Wandel.
Auszug aus dem Buch
1.1. Ursachen für Verarmung und soziale Probleme
„Napoleon ist an allem schuld.“ Dieser Titel eines Stücks von Curt Goetz scheint übertragbar auf die Ursachen der Not im ehemaligen ‚Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation‘, das am 6. August 1806 mit dem Rücktritt Kaiser Josephs II. erlosch. Nach der Französischen Revolution 1789 führte die Expansion Frankreichs durch Napoleon zu zahlreichen Kriegen in Europa. Verwüstung, Tod junger arbeitsfähiger Männer, Vernichtung von Ernten, Plünderungen und auch der Verlust gewachsener Infrastrukturen und Nachrichtenwege folgten. Fortbewegungsmittel wurden beschlagnahmt, die ländliche Bevölkerung auf der Suche nach Arbeit und Nahrung immobilisiert. Aufhebung von Heiratsbeschränkungen vielerorts führte zu einer Bevölkerungszunahme. Dazu kamen Landabgaben im Gegenzug zu Befreiung von Frondienst und Obereigentum. Landflucht ab ca. 1820 und Auswanderung exportierten die Not, es bildeten sich Ballungszentren wie im Ruhrgebiet, Berlin und Südwestdeutschland. Ganze Familien mussten unter schlechtesten Bedingungen in den neuen Industrien arbeiten – was ihnen im Laufe des ‚Vormärz‘ ab 1830 und durch die revolutionären Theorien von Karl Marx bewusst gemacht wurde. Der größte Teil der Bevölkerung besaß keinerlei Absicherung gegen Alter, Krankheit oder Tod des Familienernährers. Die ländliche Armut war 1871 für zwei Drittel der Reichseinwohner noch Normalität, aber auch in der Stadt zogen Hunger, Kälte, Raumnot und schlechte Hygienebedingungen Krankheit, Tod und hohe Kindersterblichkeit nach sich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Grundlagen und Ansätze Sozialer Arbeit 1789-1890: Dieses Kapitel skizziert die historischen Ursprünge der sozialen Notlagen durch Industrialisierung und Krieg sowie die ersten, oft ehrenamtlichen Ansätze der Armenpflege.
2. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit: Hier wird das von Hans Thiersch geprägte Konzept der Lebensweltorientierung vorgestellt, das einen wissenschaftlich reflektierten und emanzipatorischen Zugang zur Unterstützung von Adressaten in ihrem Alltag fordert.
3. Der Fall Puvogel und die Methodenwechsel der Sozialen Arbeit: Anhand einer narrativen Fallstudie werden die methodischen Veränderungen in der Sozialen Arbeit von den 1950er bis in die 2010er Jahre aufgezeigt und die Diskrepanz zwischen fachlichem Anspruch und bürokratischer Realität reflektiert.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Geschichte der Sozialen Arbeit, Lebensweltorientierung, Hans Thiersch, Armut, soziale Frage, Fall Puvogel, Methodenwechsel, Sozialpädagogik, Hilfe zur Selbsthilfe, Professionalisierung, Sozialgesetzgebung, gesellschaftlicher Wandel, Fallarbeit, Alltag.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Entwicklung der Sozialen Arbeit von der Zeit der Französischen Revolution bis in die Gegenwart sowie mit der theoretischen Konzeption der Lebensweltorientierung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen gehören die Ursachen der Armut im 19. Jahrhundert, die Professionalisierung der helfenden Berufe und der Wandel der Methoden der Sozialen Arbeit im Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, die historischen Kontinuitäten und Brüche im Selbstverständnis der Sozialen Arbeit aufzuzeigen und ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie Theorien wie die von Hans Thiersch zur Optimierung der gesellschaftlichen Praxis beitragen können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine historisch-analytische Methode verwendet, kombiniert mit einer hermeneutischen Auseinandersetzung mit Fachliteratur und der narrativen Analyse eines spezifischen Fallbeispiels.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der frühen Armenpflege, die theoretische Einführung der Lebensweltorientierung und die Analyse des "Falles Puvogel", der den Wandel von der praktischen Hilfe hin zur administrativen Fallverwaltung illustriert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Lebensweltorientierung, Soziale Frage, Professionalisierung, hermeneutische Reflexion und Hilfe zur Selbsthilfe.
Wie unterscheidet sich die "klassische" Armenpflege von der modernen Lebensweltorientierung nach Thiersch?
Während die frühe Armenpflege oft auf Kontrolle und punktueller Unterstützung basierte, zielt die Lebensweltorientierung auf ein ganzheitliches Verständnis des Klienten in seinem sozialen Umfeld und auf die Förderung seiner Selbstbestimmung ab.
Welche Kritik übt der Autor am heutigen Zustand der Sozialen Arbeit?
Kritisiert wird insbesondere die zunehmende bürokratische Belastung und Dokumentationspflicht, die den zeitlichen Spielraum für eine individuelle und pädagogische Zuwendung zu den Adressaten einschränkt.
- Citation du texte
- Annett Hornung (Auteur), 2011, Geschichte und Theorien der Sozialen Arbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275499