Die Beeinflussung von Denken und Handeln, also Indoktrination und Manipulation, sind Themen, die mich nicht erst seit meinem Lehramtsstudium beschäftigen. Musik wurde und wird dabei oft zum Erreichen bestimmter, auch erzieherischer Ziele eingesetzt. Und wann
scheint dies offensichtlicher der Fall gewesen zu sein als in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts? Und zu keiner Zeit scheint es so offensichtlich um zumeist inhumane Ziele gegangen zu sein.
Aber ist denn die Zielsetzung das entscheidende Kriterium, um Beeinflussung durch Musik gut oder schlecht zu heißen? Oder müsste man nicht Manipulation und Indoktrination mittels Musik grundsätzlich ablehnen? Ohne die Frage hier beantworten zu können, kann man aber davon ausgehen, dass Kinder und Jugendliche solchen Erziehungsmaßnahmen besonders wehrlos ausgeliefert sind. Musik für die Gruppe der Heranwachsenden war schon immer mit bestimmten Zielen verknüpft, und seien es „nur“ allgemeinerzieherische oder musikpädagogische.
Ich möchte hier der Frage nachgehen, welche esellschaftspolitischen und musikalischen Entwicklungen zur Entstehung des „Jasager“ von Brecht und Weill führten – „das erste als „Schuloper“ bezeichnete musikalische Werk des 20. Jahrhunderts“ (Brock 1978: 77), welche Ziele beide verfolgten und welche Reaktionen sie letztendlich hervorriefen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Musiktheater für Kinder und Jugendliche
3. Reformpädagogik und Jugendmusikbewegung
4. Kulturpolitische Entwicklungen
4.1. Neue Musik in Donaueschingen und Baden-Baden
Exkurs: Gebrauchsmusik
4.2. Episches Theater bei Brecht
4.3. Der Lehrstückgedanke
5. Brecht/Weills „Der Jasager“
5.1. Der Gestus in der Musik
5.2. Musikalische Synthese und Verfremdung
5.3. Schuloperkomposition und das Prinzip der Einfachheit
6. „Der Jasager (II)“ und „Der Neinsager“
7. Schulopern nach 1930
8. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftspolitischen und musikalischen Entwicklungen, die zur Entstehung der „Schuloper“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten. Im Zentrum steht dabei die Analyse des Werkes „Der Jasager“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill, um deren Zielsetzungen, das Konzept der pädagogischen Musik und die resultierenden Reaktionen kritisch zu beleuchten.
- Historischer Kontext von Musiktheater für Kinder und Jugendliche
- Einfluss der Reformpädagogik und der Jugendmusikbewegung
- Theorie des epischen Theaters und des Lehrstückgedankens bei Brecht
- Musikalische Umsetzung durch Kurt Weill (Gestus, Verfremdung, Einfachheit)
- Vergleichende Betrachtung von „Der Jasager“ und „Der Neinsager“
Auszug aus dem Buch
5.1. Der Gestus in der Musik
„Wir finden gestische Musik überall, wo ein Vorgang zwischen Mensch und Mensch in naiver Weise musikalisch dargestellt wird.“ (Weill 1929, zit. n. Weill 1990: 65) und wo bei diesem Vorgang Sprache benutzt wird, kann diese rhythmisch fixiert werden:
„Die Musik hat die Möglichkeit, die Akzente der Sprache, die Aufteilung der kurzen und langen Silben und vor allem die Pausen schriftlich zu notieren und dadurch die schwersten Fehlerquellen der Textbehandlung auf der Bühne auszuschalten. Man kann übrigens einen Satz auf die verschiedensten Arten rhythmisch interpretieren, und auch derselbe Gestus ist in verschiedenen Rhythmen auszudrücken; das Entscheidende bleibt nur, ob der richtige Gestus getroffen wird. Diese rhythmische Fixierung, die vom Text her erreicht wird, bildet aber nur die Grundlage einer gestischen Musik. (...) Im Rahmen einer solchen rhythmisch vorausbestimmten Musik sind alle Mittel der melodischen Ausbreitung, der harmonischen und rhythmischen Differenzierung möglich, wenn nur die musikalischen Spannungsbögen dem gestischen Vorgang entsprechen.“ Weill 1929, zit. nach Weill: 65f
Der „Gestus“ in der Musik soll wie im epischen Theater ermöglichen, bestimmte gesellschaftliche Haltungen wahrzunehmen und dadurch Rückschlüsse auf gesellschaftliche Verhältnisse zuzulassen bzw. „’musizierend eine bestimmte Haltung einzunehmen’, und verlangt damit zugleich vom Zuhörer kritische Betrachtung und Stellungnahme“ (Brock 1978: 76). Mit bestimmten rhythmisch-melodischen Grundgesten schafft Weill in seiner Musik eine Distanz des Spieler/Zuschauers zur dargestellten Figur – eine Bedingung für die Verfremdung. Dadurch, dass er z. B. für Lehrer, Knabe und Mutter in Nr. 2 den gleichen Grundgestus, das gleiche Grundmotiv benutzt, nimmt keiner der drei einen wirklich individuellen Ausdruck an. Eine erste mögliche Interpretation und Identifikation wird somit verhindert. (vgl. Wille 2005: 98)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Autorin legt dar, wie Musik erzieherisch instrumentalisiert werden kann, und stellt die Forschungsfrage nach den gesellschaftspolitischen Hintergründen der „Schuloper“ von Brecht und Weill.
2. Musiktheater für Kinder und Jugendliche: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung des Schuldramas in Deutschland, von religiöser Unterweisung bis hin zu patriotischen Jugendfestspielen.
3. Reformpädagogik und Jugendmusikbewegung: Hier wird der Einfluss pädagogischer Reformbewegungen um 1900 beschrieben, die das Kind als eigenständiges Subjekt entdeckten und die Musik als erzieherisches Mittel stärkten.
4. Kulturpolitische Entwicklungen: Das Kapitel analysiert die Umwälzungen im Kulturleben nach dem Ersten Weltkrieg, die Suche nach neuer Sachlichkeit und die Etablierung des Begriffs „Gebrauchsmusik“.
4.1. Neue Musik in Donaueschingen und Baden-Baden: Es wird die Entwicklung der Festivals für Neue Musik und die zunehmende Hinwendung zur Gebrauchsmusik und Zusammenarbeit mit Laienmusikern dargestellt.
Exkurs: Gebrauchsmusik: Dieses Kapitel definiert den Begriff „Gebrauchsmusik“ als Gegenbewegung zur elitären Kunstmusik, die Musik wieder im Alltagsleben verankern wollte.
4.2. Episches Theater bei Brecht: Hier wird Brechts Konzept des epischen Theaters erläutert, das durch Distanzierung und kritische Reflexion statt durch emotionale Einfühlung wirken soll.
4.3. Der Lehrstückgedanke: Dieses Kapitel erläutert die Konzeption des Lehrstücks als „learning play“, das den Zuschauer zum aktiven Akteur machen will und bei dem der Prozess der Erarbeitung wichtiger ist als das Ergebnis.
5. Brecht/Weills „Der Jasager“: Die Entstehungsgeschichte und der inhaltliche Kern der Schuloper „Der Jasager“ auf Basis der japanischen Vorlage „Taniko“ werden dargelegt.
5.1. Der Gestus in der Musik: Hier wird die Bedeutung des musikalischen Gestus als Mittel zur Unterstützung der Verfremdung und zur kritischen Distanznahme untersucht.
5.2. Musikalische Synthese und Verfremdung: Das Kapitel beschreibt Weills Methode, klassische und moderne Elemente zu verbinden, um gewohnte Hörerwartungen zu durchbrechen.
5.3. Schuloperkomposition und das Prinzip der Einfachheit: Weills Forderung nach musikalischer Einfachheit, die dennoch künstlerisch anspruchsvoll bleiben sollte, wird hier zentral diskutiert.
6. „Der Jasager (II)“ und „Der Neinsager“: Dieses Kapitel beleuchtet die kontroversen Reaktionen auf das Werk und die anschließende Entwicklung der modifizierten Fassungen sowie des „Neinsagers“.
7. Schulopern nach 1930: Hier werden verschiedene Werke nach 1930 aufgeführt, die entweder auf den Erfolg des „Jasagers“ reagierten oder eine andere pädagogische Zielsetzung verfolgten.
8. Schlussbemerkung: Die Autorin resümiert die Aktualität des Themas und betont die Verantwortung von Pädagogen, Kinder zu einem kritischen Umgang mit Musik zu befähigen.
Schlüsselwörter
Schuloper, Der Jasager, Bertolt Brecht, Kurt Weill, Gebrauchsmusik, Musikpädagogik, Lehrstück, Episches Theater, Verfremdungseffekt, Musik und Politik, Reformpädagogik, Musiktheater, Kulturpolitik, 20er Jahre, gesellschaftliche Relevanz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Entstehungsbedingungen und die pädagogischen sowie politischen Hintergründe der „Schuloper“ im frühen 20. Jahrhundert, mit besonderem Fokus auf Brecht und Weills Werk „Der Jasager“.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Reformpädagogik, die Jugendmusikbewegung, das Konzept des epischen Theaters bei Brecht, die musikalischen Neuerungen Weills sowie die gesellschaftliche Funktion von Musik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuzeichnen, welche gesellschaftspolitischen und musikalischen Entwicklungen zur „Schuloper“ führten, welche Ziele die Autoren verfolgten und wie die zeitgenössische Rezeption sowie die Einordnung des Werkes ausfielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine musikwissenschaftliche Hausarbeit, die auf einer Literaturanalyse basiert, ergänzt durch die Untersuchung von Libretti, musiktheoretischen Schriften der Zeit und zeitgenössischen Rezensionen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des Lehrstücks, die theoretischen Grundlagen bei Brecht, Weills Kompositionsweise (Gestus, Einfachheit), die Analyse von „Der Jasager“ und „Der Neinsager“ sowie einen Überblick über zeitgenössische Schulopern.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Schlüsselwörter sind unter anderem Schuloper, Der Jasager, Brecht, Weill, Gebrauchsmusik, Musikpädagogik, Lehrstück und epische Musik.
Warum war das Prinzip der „Einfachheit“ für Weill so wichtig?
Weill strebte danach, Musik für Amateure und Schüler zugänglich zu machen, ohne ihre künstlerische Substanz zu opfern, um ein breiteres Publikum zu erreichen und Musik in den Alltag zu integrieren.
Inwiefern unterscheidet sich der „Neinsager“ vom „Jasager“?
Während der „Jasager“ das Einverständnis mit der Gemeinschaft in den Vordergrund stellt, verweigert der Protagonist im „Neinsager“ diese Zustimmung, was zu einer unterschiedlichen moralischen und inhaltlichen Bewertung führt.
- Arbeit zitieren
- Juliane Kühne (Autor:in), 2013, Die Entstehung der „Schuloper“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Kontext der gesellschaftspolitischen Entwicklung in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275637