Mädchenarbeit als Handlungsfeld der Jugendsozialarbeit. Religions- und sozialpädagogische Perspektive


Hausarbeit, 2014
28 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Mädchenarbeit als Handlungsfeld der Jugendsozialarbeit
2.1 Grundrechte eines Mädchens im Kindes und Jugendalter
2.2 Erziehungsziele der Mädchenarbeit auf Grundlage des Grundgesetzes
2.3 Lebenssituation der Mädchen im 21. Jahrhundert

3 Mädchenarbeit in der Evangelischen Religionspädagogik
3.1 Theorie der religiösen Entwicklung
3.2 Religiosität Jugendlicher Mädchen im 21. Jahrhundert
3.3 Der Stellenwert der Mädchenarbeit in der Religionspädagogik

4 Mädchenarbeit in der Sozialen Arbeit
4. 1 Prinzipien der Mädchenarbeit in der Jugendsozialarbeit
4.2 Konzepte der Mädchenarbeit in der Jugendsozialarbeit

5 Reflexionsstand der Diskurse im Vergleich

6 Präventive Effekte der Mädchenarbeit
6.1 Präventive Effekte auf der biologischen Ebene
6.2 Präventive Effekte auf der psychischen Ebene
6.3 Präventive Effekte auf der kulturellen Ebene
6.4 Präventive Effekte auf der sozialen Ebene

7 Verkündigungssituation in der Mädchenarbeit

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Mädchenarbeit“ im Rahmen der religions- und sozialpädagogischen Jugendsozialarbeit. Im Mittelpunkt steht die Frage: „Welche Wirkung und präventive Effekte hat die Mädchenarbeit aus religions- und sozialpädagogischer Sicht für die Kinder und Jugendlichen selbst, aber auch für die Gesellschaft?“ Diese Frage wird im Rahmen eines transdisziplinären, integrativen Konzepts, indem die beiden Disziplinen der Religionspädagogik und der Sozialen Arbeit verknüpft werden, näher beleuchtet. Hierbei stehen im zweiten Kapitel die Beschreibung der Mädchenarbeit als Handlungsfeldes der Jugendsozialarbeit, die Grundrechte aber auch die Erziehungsziele und die Lebenssituation eines Mädchens im Mittelpunkt. Eine genaue Betrachtung des Stellenwertes der Mädchenarbeit in der Religionspädagogik und der Sozialen Arbeit schließt sich an, um speziell auf die dazugehörigen sozialpädagogischen Strategien und Maßnahmen eingehen zu können. In Kapitel 5 wird der Reflexionsstand der beiden Diskurse beleuchtet um im Anschluss im sechsten Kapitel die präventiven Effekte der Mädchenarbeit näher zu betrachten. Es erfolgt am Beispiel einer Verkündigungssituation die interdisziplinäre Verknüpfung der beiden Disziplinen. Das Fazit rundet die Hausarbeit in einer Konklusion der entwickelten Argumente über die Bedeutung und Wirksamkeit der Mädchenarbeit für die Gesellschaft semantisch ab.

2 Mädchenarbeit als Handlungsfeld der Jugendsozialarbeit

In der Sozialen Arbeit hat sich die Mädchenarbeit als ein Teil der Jugendsozialarbeit entwickelt. Der Begriff Mädchenarbeit beinhaltet: alle Aktivitäten der Jugendhilfe zur Förderung der Chancengleichheit von Mädchen.1 Um die Chancengleichheit von Mädchen zu erreichen, befasst sich die Mädchenarbeit im Wesentlichen mit den Bedingungen und Ursachen der geschlechtsspezifischen Sozialisation, der Verteilung der Berufs- und Familienarbeit und mit Gewalt von Männern gegen Frauen und Mädchen. Mit der Mädchenarbeit soll erreicht werden, dass das Selbstbewusstsein und die Handlungsautonomie von Mädchen gestärkt werden. Darüber hinaus soll über geschlechtsspezifische Normierungen und Diskriminierungen aufgeklärt werden.2 Mädchenarbeit setzt also an dem Vorhandensein einer geschlechtsspezifischen Benachteiligung vom Mädchen als Bedingung an. Die Wurzeln der Mädchenarbeit sind in der 1960er Jahren zu finden.3

Der Feminismus hat einen besonderen Einfluss darauf genommen, dass die Jugendhilfe spezielle Angebote für Mädchen und junge Frauen anbietet, um den bis dahin männlich dominierten Arbeitsbereichen der Jugendhilfe einen Gegenpol zu setzen. Bis dahin verteilte unsere Kultur der Zweigeschlechtlichkeit Ressourcen wie Personal, Geld, Zeit und Raum deutlich zuungunsten von Mädchen.4 Unter den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen und der patriarchale Grundstruktur waren Mädchen und Frauen häufig Opfer der sozialen Machtverhältnisse.5 Mädchen wurden bis in die 70er Jahre in die soziale Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt und als passiv-resignativ, fremdbestimmt und als defizitär beschrieben.6 Frauen und Mädchen blieben fixiert auf ein Leben für andere. Erst mit dem sechsten Jugendbericht (1984) erhält die parteiliche Mädchenarbeit Auftrieb und öffentliche Beachtung.7 Angestrebt wird die Komplementarität bei der Geschlechterrollensozialisation. Das Ziel ist es, die Mädchen und jungen Frauen zu einem eigenständigen Leben zu befähigen. Es wurden Ansätze entwickelt, um der Lebensrealität von Mädchen gerecht zu werden.

Mädchenarbeit ist innerhalb der Jugendsozialarbeit zugleich ein eigenständiger Ansatz und Querschnittsaufgabe.8 Sie setzt sich kritisch mit gesellschaftlichen Bedingungen auseinander und hinterfragt die scheinbare Neutralität des Begriffs Jugend. Sie will nicht nur auf die Jugendsozialarbeit und Jugendpolitik, sondern auch auf kirchliche Strukturen Einfluss nehmen.9

„Durch den § 9 Abs. 3 SGB VIII wird hervorgehoben dass sowohl die spezifischen Lebenslagen von Mädchen als auch von Jungen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen sind und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern ist. Demnach besteht eine rechtsverbindliche Grundlage auch mädchengerechte Angebote zu entwickeln und durchzuführen.“10 Wesentliche Aspekte der Mädchenarbeit sind der Einsatz für ihre Interessen und Belange, die Herstellung einer gerechten und gleichen Teilhabe beider Geschlechter in allen Bereichen, die Auf- und Umwertung von Weiblichkeit, mit dem Ziel, dass Weiblichkeit und Männlichkeit gleichwertige Prinzipien werden.11 „Zielgruppen der Mädchenarbeit sind Mädchen und junge Frauen vom 10. bis zum 27. Lebensjahr, die individuell beeinträchtigt und sozial benachteiligt sind und einer besonderen Förderung bedürfen (vgl. § 13 SGB VIII und § 9.3 SGB VIII).“12 Die Angebote der Mädchenarbeit sind ganzheitlich, zielgruppen- und lebensweltorientiert, präventiv und parteilich für Mädchen. Sie findet statt als Freizeit- oder Schulangebot, oder im Rahmen der Jugendberufshilfe. Pädagogische Ziele der feministischen Mädchenarbeit sind die Selbstbestimmung und Freiheit für Mädchen und als Weiterführung dieses Ziels Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen in der Gesellschaft.13 Es geht darum Mädchen außerhalb der Familie in ihrem Erwachsenwerden zu unterstützen, sie zu wahrzunehmen, ihnen ein ernsthaftes Gegenüber zu sein und auf ihrem Weg zu begleiten. Mädchenarbeit ist daher ganzheitliche Bildungsarbeit. In der Jugendarbeit haben die Mitarbeiter/innen die Verantwortung, das Mädchenarbeit bewusst so gestaltet wird, dass Mädchen sich dort wiederfinden. Die Voraussetzung dafür ist, dass sie Räume zur Gestaltung, Experimente und ernsthafte Beziehungen vorfinden. Allgemein ist die parteiliche Mädchenarbeit eine Form der Jugendhilfe, die der weiblichen Sozialisation Rechnung trägt. In der Praxis wird dies häufig durch Gruppenangebote in Mädchentreffs, Mädchenhaftes, Kirchengemeinden, Schulen und Vereinen verwirklicht.

2.1 Grundrechte eines Mädchens im Kindes und Jugendalter

Das Mädchen als Kind oder Jugendliche ist in unserer Verfassungsordnung Grundrechtsträger. Sie ist eine Person - mit eigener Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 Satz 1 GG), - mit dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG), - mit dem Recht auf Entfaltung ihrer Persönlichkeit (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG), - die den Schutz ihres Eigentums und Vermögens genießt (Art. 14 Abs. 1 GG).14 Das Alter eines Menschen ist im Rahmen des persönlichen Schutzbereichs dieser Grundrechte irrelevant. Die Grundrechte des Mädchens bestehen daher natürlich auch gegenüber den Eltern. Sie stellen einen zentralen Bezugspunkt für eine Definition des Kindeswohls dar und beziehen sich auf die Angewiesenheit der Fürsorge und Erziehung: „Denn wird ihr diese vorenthalten, leidet es u.U. Schaden und/oder kann ihre Persönlichkeit nicht frei entwickeln.“15 Somit ist das Kindeswohl nicht nur als ein Ist-Zustand zu sehen, sondern es beinhaltet auch den Prozess der Entwicklung zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit. Kinder und Jugendliche bedürfen der positiven Förderung, um sich zu eigenverantwortlichen, mündigen Persönlichkeiten zu entwickeln und sie müssen vor Gefahren für ihr Wohl geschützt werden.16 Die Kindeswohlgefährdung bedeutet somit die Gefährdung der Entwicklung zu Mündigkeit und Eigenverantwortlichkeit des Kindes, d.h.: „Eine gegenwärtige, in einem solchen Maße vorhandene Gefahr, dass sich bei der weiteren Entwicklung eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt.“17 Die Kinder- und Jugendhilfe haben es also mit biopsychosozialkulturellen Faktoren zu tun, auf deren Grundlage die Entwicklung zu Mündigkeit/ Eigenverantwortlichkeit gefährdet ist.18 Somit sind präventive Maßnahmen und Methoden in der Mädchenarbeit hilfreich um diese Entwicklung nicht zu gefährden. Im Fall einer konkreten Gefährdung hat sich die Betrachtung strikt an der Situation des einzelnen Kindes oder der einzelnen Jugendlichen zu orientieren.19 Die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse des werdenden Erwachsenen steht daher im Mittelpunkt der Mädchenarbeit. Diese Bedürfnisse umfassen die Fürsorge, den Schutz und die Erziehung.

2.2 Erziehungsziele der Mädchenarbeit auf Grundlage des Grundgesetzes

Dem Grundgesetz liegt ein Verständnis des jungen Menschen (= Erziehungsziel) zugrunde, das ihn in der Spannung zwischen Selbststand und Sozialbezug sieht. Das Mädchen soll demnach weder zum kollektivistischen "Sozial- und Herdentier" noch zum selbstherrlich-willkürlichen Individualisten entwickeln.20 „Der Selbststand des Menschen definiert sich in dieser Hinsicht über die Sittlichkeit und Eigenständigkeit, über die Selbstverantwortlichkeit, über das Recht zur Selbstbestimmung und über die Abwehr einer Reduktion des Menschen zum Objekt.“21 Der Sozialbezug definiert sich über die Einordnung des Menschen zur Gemeinschaft und über die Begrenzung individueller Freiheit bzw. der Pflichtgebundenheit des Menschen.22 Das Erziehungsziel des Grundgesetzes braucht deshalb eine soziale Umwelt, in dem dieses auch realisiert werden kann. Diese soziale Umwelt kann die Mädchenarbeit in unterschiedlichen Settings bieten. Gerade für die Kinder und Jugendlichen, die im Rahmen der Primärsozialisation grundlegende Verhaltensmuster, Werte und Normvorstellungen nicht vermittelt wurden, bietet hier die Kinder- und Jugendhilfe in Form der Mädchenarbeit eine präventive Möglichkeit, sich diese anzueignen um somit den benachteiligten Mädchen eine gerechte Teilhabe zu ermöglichen. Der Schlüssel zu einer gerechten Teilhabe liegt in einer ganzheitlichen Bildung des jungen Menschen. Die Gemeinschaft wird damit als soziale Umwelt verstanden, in der die persönliche Entfaltung des Menschen geschehen kann.23 Dies kann u.a. in der Familie, Schule, Peer Group, Vereinen etc. stattfinden. Die dem Menschen zugesprochene soziale Entfaltung wird aber nicht als rücksichtsloser Selbstverwirklichungsprozess verstanden (die totale Freiheit etwa auch zu Aggression gegenüber Schwächeren). „Eine unsittliche Interaktion, wäre also dadurch gekennzeichnet, dass ein selbstherrlicher Mensch, eine selbstherrliche Organisation, ein selbstherrliches Funktionssystem als Subjekt mit einem zum Objekt herabgewürdigten andern Menschen agiert.“24 Deshalb ist jeglicher Vorgang, der dazu geeignet ist, Menschen und hier im speziellen Mädchen aus der Balance zwischen Eigenstand und Sozialverantwortung herauszubringen oder eine Entwicklung zu einer mündigen Gestaltung dieser Balance zu gefährden, grundsätzlich als eine Kindeswohlgefährdung zu betrachten ist.25

2.3 Lebenssituation der Mädchen im 21. Jahrhundert

In der Schell Jugendstudie von 2010 wird den Jugendlichen und insbesondere den Mädchen eine hohe persönliche Leistungsbereitschaft, welche sich auf den grundlegenden Wertewandel hin zu einer pragmatischen Haltung zurückführen lässt, bescheinigt.26 Die Mädchen streben gute Bildungsabschlüsse an und verfügen über eine hohe Kommunikations- und Kontaktfähigkeit. Schule wird zu einem Treffpunkt einem Kommunikationsraum der Gleichaltrigen ausgebaut.27 Ein großer Teil jugendlichen Lebens spielt sich in sozialen Netzwerken ab, in denen fast alle Aktivitäten, Gefühle und biografische Veränderungen und Kommunikation in der Regel unreflektiert geteilt werden. Hier finden wesentliche Normierungs - und Meinungsbildungsprozesse statt. Auffällig ist eine stärkere Akzentsetzung der Mädchen und jungen Frauen auf Partnerschaft, Familienleben und Eigenverantwortung.28 Weibliche Jugendliche haben ein intensives Verhältnis zur Wertorientierung, vor allem die besonders werthaltigen Orientierungen, die sich auf das Soziale, die Natur und die Religion beziehen.29 Gesetz und Ordnung, sowie die Sicherheit zu respektieren, ist Mädchen wichtig. Mädchen betonen ihr Gesundheitsbewusstsein und ihre Gefühle stärker und geben sich gleichzeitig toleranter, umweltbewusster, sozial hilfsbereiter und religiöser.30 In ihrer Selbstzufriedenheit zeigen Mädchen ab dem Beginn der Pubertät einen viel deutlicheren Abfall, hier spielt auch das Körpergefühl eine bedeutende Rolle.31 Die Phase der weiblichen Adoleszenz ist für die meisten Mädchen mit einem starken Verlust an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein verbunden. Gerade in dieser Phase spielt Sexualität eine enorme Rolle im Alltagserleben von Jugendlichen. Dies spiegelt sich im Pornokonsum, dem tatsächlich sexuellen Aktivwerden und dem Sprachgebrauch wieder.32 Statistische gesehen fällt es Jugendlichen leichter über Sexualität zu reden als über ihren Glauben.33 Ebenso ist zu erkennen, dass die Zeit die den Mädchen zur Verfügung steht stetig sinkt, während die Vereinnahmung von Schule anwächst.34 Freizeit war bisher jedoch ein Charakteristika der Jugendphase, dient zur Identitätsfindung und zum notwendigen Ausgleich. Durchschnittlich verbringen Jugendliche 40 Stunden in der Woche mit Schule und Hausaufgaben. „35 % der Jugendliche jobben in ihrer Freizeit und die Inanspruchnahme von Nachhilfe ist von 2002 auf 2010 von 18% auf 24% gestiegen bei Jugendlichen im Alter von 12-25 Jahren.“35 Ebenso ist berühmt werden für Jugendliche nicht unrealistisch. In der Rezeption der Castingshows spiegelt sich ein starker Wunsch nach Anerkennung und danach „Besonders zu sein“ wieder.36 Die Message lautet: Jeder kann es schaffen. Mädchen ist besonders bewusst das die Anpassungsfähigkeit und Flexibilität an sich verändernde Umweltbedingungen insbesondere in der Arbeitswelt ansteigt und wenn diese Anpassung an die Erfordernisse der modernisierten Gesellschaft gelingt, man zu den Gewinnern gehört.37 Es liegt auf der Hand, dass nicht alle Mädchen zu den sogenannten Modernisierungsgewinnern gehören können. Denn zur Benachteiligung qua Geschlecht liegt oft eine Benachteiligung durch das soziale Milieu (mangelnde materielle und soziale Ressourcen) vor, denn die Mädchen die nicht in privilegierten sozialen Milieus heranwachsen, gehören oft zu den Modernisierungsverlierern. Gerade diese Mädchen sind Adressaten der Mädchenarbeit im Rahmen der Jugendhilfe und machen die Notwendigkeit der Mädchenarbeit deutlich.

3 Mädchenarbeit in der Evangelischen Religionspädagogik

3.1 Theorie der religiösen Entwicklung

Die heutige Religionspädagogik, in der die entwicklungspsychologischen Erkenntnisse durch Erik Erikson eingegangen sind und um die wirkungsvolle pädagogische Stufentheorie eines Piagets und Kohlbergs erweitert worden sind, basiert auf dem sozialpädagogischen Altersstufenmodell von Piaget / Kohlberg. Dazu wurde durch Oser/Gemünder eine Theorie zur religiösen Entwicklung erstellt. Der entwicklungspsychologischer Ansatz und die Strukturen des Denkens, sowie das Verstehen und Urteilen von Kindern wurden in den Mittelpunkt gerückt.38 Der Unterschied zur Disziplin der Sozialpädagogik und der Theorie Piagets ist, dass der Begriff des Letztgültigen als Generalbegriff für Gott verwendet wird. Oser / Gemünder formulieren daher: „Wenn Menschen Ereignisse ihres Lebens religiös verarbeiten, so benötigen sie dazu ihr Denken, Sprechen, Fühlen und Handeln. Hinter dieser Tätigkeitsweise versteckt sich ein subjektives Muster der Beziehung des Menschen zu einem Letztgültigen.“39 Die Pointe, ist dass der Mensch sich in 5-6 Stufen entwickelt, die altersabhängig und irreversible sind. Diese Stufentheorie wurde später durch Fowler erweitert, indem er den Menschen umfassender behandelt und ihn individuell nach seinem Entwicklungsstand eingeteilt wird. Außerdem lässt die Theorie mehr Flexibilität und Reversibilität zu und berücksichtigt die Sozialisation des Menschen. Auf Grundlage dieses theoretischen Stufenmodells von Fowler basieren die aktuelle religiöse Entwicklung der Menschen und somit auch die Entwicklung der jungen Mädchen und Frauen im Alter von 10-27 Jahren.

3.2 Religiosität Jugendlicher Mädchen im 21. Jahrhundert

Aktuell ergeben sich aus einer Studie des Weltjugendtages 2005 folgende Thesen zur Religiosität Jugendlicher im 21. Jahrhundert:

1. „Jugendliche sind nicht areligiös, dies zeigt ihre Selbsteinschätzung. Religion bedeutet für sich jedoch etwas anderes als in der Vergangenheit, bezeichnen sie nicht so, weil Religion für viele Jugendliche mit Kirche gleichgesetzt wird.“
2. „Jugendliche Religiosität spielt sich zunehmend räumlich, sowie inhaltlich abseits religiöser Institutionen ab. Dies gilt für Ostdeutschland stärker als für Westdeutschland und für ländliche Regionen weniger als für Städte.“
3. „Die Religion ist ein Puzzle aus verschiedenen Einflüssen und Religionen.
Auswahlinstrument ist dabei die Subjektivität der Jugendlichen.“
4. „Orte an denen die vorhandene Religiosität Jugendlicher stärker sichtbar oder ausgedrückt wird als im Alltag sind religiöse Events wie beispielsweise der Kirchentag“.
5. „Im Alltag hingegen gehört Religion in den intimen Privatbereich der Jugendlichen. Der Zugang zu ihr geschieht häufig durch innere oder äußere Anlässe (funktional).“
6. „In Ostdeutschland steht die große Mehrheit der kirchenfernen Jugendlichen einer starken Minderheit sehr religiös-orientierter Jugendlicher gegenüber. Diese Situation könnte richtungsweisend für die gesamte Bundesrepublik sein.“
7. „Auch in der grundsätzlich sehr religiösen Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund lassen sich die Tendenzen einer modernisierten Religiosität feststellen.“40

3.3 Der Stellenwert der Mädchenarbeit in der Religionspädagogik

In der Religionspädagogik ist die Mädchenarbeit ein praktischer Teil der Kinder- und Jugendarbeit in der Kirchengemeinde. Das Konzept der Jungschar als Gruppenangebot wird durch eine geschlechtshomogene Gruppe spezialisiert. Auf diese Weise kann besser auf die geschlechtsspezifischen Bedürfnisse und Wünsche eingegangen werden. Jungschar als Konzept in dessen Rahmen Mädchenarbeit stattfindet, ist ein wichtiges Standbein der Gemeinde- und Religionspädagogik, um konstante Beziehungen zu Mädchen zu knüpfen und zu festigen. In einer Kinder- und Jugendarbeit, die geschlechtsspezifische Gruppenangebote macht, besteht weiterhin die Möglichkeit die biblische Botschaft so zu veranschaulichen, dass sie gerade der mädchenspezifischen Lebenswelt besser zugänglich wird.

Die Mädchenarbeit bezieht sich meistens auf das Alter von 10 bis 17 Jahren.41 Im Jugendverband des CVJM ist beispielsweise die Mädchenarbeit in Verbindung mit Jungschararbeit ein wichtiges Standbein in vielen Ortsvereinen. In dem gemeindepädagogischen Kontext spielt sicherlich auch eine Rolle, dass in Kirchengemeinden häufig mehr Frauen als Mitarbeiter zu finden sind.42 Mädchenarbeit kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, um weibliche Jugendliche und Frauen in die ehrenamtliche oder auch hauptamtliche Arbeit der Gemeindepädagogik zu führen.

Der Forschungsstand der Mädchenarbeit im gemeindepädagogischen Kontext ist schwer zu erfassen, da hier meist Erkenntnisse aus dem sozialpädagogischen Kontext übertragen werden und kaum eigene Forschungsprojekte für den Bereich der Mädchenarbeit in der Religionspädagogik zu finden sind. Es gibt jedoch einige Arbeitshilfen zu Gruppenstunden und Freizeitarbeit mit Mädchen, die sich auf die Praxis beziehen. Diese Arbeitsmaterialien werden meistens vom Träger der jeweiligen Arbeit zur Verfügung gestellt, hier sei als Beispiel auch der CVJM genannt, der regelmäßig praktische Arbeitshilfen herausgibt.

Viele Abhandlungen über Mädchenarbeit konzentrieren sich vor allem auf die Pädagogik, die Mädchen mit spezifischen Sorgen, Wünschen und Begabungen wahrnimmt. Es werden Konzepte beschrieben, wie diese geschlechtsspezifischen Aspekte gestärkt werden können. Abhandlungen über Mädchenarbeit, die ausschließlich im gemeindepädagogischen Kontext stattfindet, sind selten und schwer zu finden. Die Abhandlungen über das Thema Mädchenarbeit beziehen sich hauptsächlich auf die allgemeine Pädagogik mit Mädchen.

[...]


1 Trauernicht, Gitta (1997): Begriff Mädchenarbeit. In: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.): Fachlexikon der Sozialen Arbeit. Frankfurt am Main. 1997, S. 626

2 Vgl. ebd.

3 Klees, Marburger, Schumacher (2007): Mädchenarbeit, Praxishandbuch für die Jugendarbeit, Juventus Verlag Weinheim, S. 12

4 Vgl. ebd. S. 13

5 Zitelmann, Maud (2000): Das „Wohl des Kindes“ - Zur Entwicklung des Kindschaftsrechts im zwanzigsten Jahrhundert, in: Baader u.a. (Hrsg.)(2000): Hellen Keys reformpädagogische Vision. „Das Jahrhunderts des Kindes“ und seine Wirkung, Weinheim/Basel, S. 23

6 Vgl. ebd. S. 20

7 Vgl. ebd.

8 Bundesarbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugendsozialarbeit (2010): Selbstverständnis der Mädchensozialarbeit http://www.bagejsa.de/publikationen-und-downloads/downloads/positionierungen/mädchensozialarbeit 01.04.2014

9 Vgl. ebd. S. 3

10 Vgl. ebd. S. 4

11 Vgl. ebd. S. 5

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. Kindler H., Lillig S., Blüml H., Meysen T. und Werner A. (Hrsg.) (2006): Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). München: Deutsches Jugendinstitut e. V.

15 Zitelmann, Maud (2000): Das „Wohl des Kindes“ - Zur Entwicklung des Kindschaftsrechts im 20. Jhdt., in: Baader

u.a. (Hrsg.)(2000): Keys reformpädagogische Vision.„Das Jahrhunderts des Kindes“ und seine Wirkung, Weinheim S.23

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. ebd.

18 Vgl. Eilert, Jürgen: SV 4 Vorlesung Kinder und Jugendhilfe, Arbeitsblätter und Präsentation

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. Auszug aus dem Handbuch Kindeswohlgefährdung des Allgemeinen Sozialen Dienstes 2006

21 Auszug aus dem Handbuch Kindeswohlgefährdung des Allgemeinen Sozialen Dienstes 2006

22 Vgl. ebd.

23 Vgl. Eilert, Jürgen: SV 4 Vorlesung Kinder und Jugendhilfe, Arbeitsblätter und Präsentation

24 Auszug aus dem Handbuch Kindeswohlgefährdung des Allgemeinen Sozialen Dienstes 2006

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. Deutsche Shell (Hrsg.) / (2013): Jugend 2012. Zwischen pragmatischen Idealismus und Materialismus. Frankfurt

27 Vgl. Bitzan, Daigler (2001): Eigensinn und Einmischung: Einführung in Grundlagen und Perspektiven parteilicher Mädchenarbeit. Weinheim, S. 43

28 Vgl. Fieberthäuser (2007): Geschlechterforschung-Innovation geschlechtsbezogener Jugendarbeit Weinheim, S.119

29 Vgl. ebd.

30 Vgl. ebd. S. 123

31 Vgl. Deutsche Shell (Hrsg.) / (2013): Jugend 2012. Zwischen pragmatischen Idealismus und Materialismus. Frankfurt

32 Vgl. ebd. S. 17

33 Vgl. ebd. S. 67

34 Vgl. Ziebertz, Reinherr (2013): Lebenswelt der Jugendlichen im Jahr 2013. Verlag Buderich. S. 234

35 Ziebertz, Reinherr (2013): Lebenswelt der Jugendlichen im Jahr 2013. Verlag Buderich. S. 234

36 Vgl. ebd. 245

37 Vgl. ebd.

38 Vgl. Tenorth (2010) : Klassiker der Pädagogik. Zweiter Band: Von John Dewey bis Paulo Freire. Beck Verlag, S. 245

39 Vgl. Ebd.

40 Fauser, Katrin (2010) Jugendliche als Akteure im Verband. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung der Evangelischen Jugend. Verlag Budrich. S. 42ff

41 Vgl. CVJM (Hrsg.) 2000: Kinder und Jugendarbeit. Heft 92. Mädchenarbeit

42 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Mädchenarbeit als Handlungsfeld der Jugendsozialarbeit. Religions- und sozialpädagogische Perspektive
Hochschule
CVJM-Kolleg Kassel
Note
1.3
Autor
Jahr
2014
Seiten
28
Katalognummer
V275712
ISBN (eBook)
9783656682943
ISBN (Buch)
9783656682936
Dateigröße
2062 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendsozialarbeit, Mädchenarbeit, Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit, Religionspädagogik, Prävention, Girls Day, Feminismus, Frauen, Girls, Sozialarbeit, Fürsorge, Schutz, Gewalt, Teilhabe
Arbeit zitieren
Christian Seel (Autor), 2014, Mädchenarbeit als Handlungsfeld der Jugendsozialarbeit. Religions- und sozialpädagogische Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275712

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