Gewalttätigkeit im Rahmen von Erziehung, Bildung und Sozialisation. Ein Fall aus der Migrationshilfe


Hausarbeit, 2013
20 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

0. Einleitung

1. Metatheorie
1.1 Erkenntnistheorie-, Handlungstheorie und wissenschaftliche Erkenntnis
1.2 Objekttheorie
1.3 Soziale Probleme
1.4 Werte und Ethik zur Beurteilung sozialer Probleme

2. Allgemeine Problemstellung
2.1 Die Ausgangssituation des Klienten
2.2 Der Allgemeine Forschungsstand der Gewalttätigkeit der Jugendkultur

3. Allgemeine Handlungstheorien - Die Soziologische Analyse

4. Spezifische Handlungstheorien

5. Handlungsleitlinien und Methoden
5.1 Handlungsleitlinien
5.2 Erlebnispädagogische Methode in Bezug auf den Ethikkodex der Profession

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich durch Verbindung der Lehrveranstaltungen S-V1/1 und S-V1/2 einen konkreten Fall aus meiner praktischen Arbeit, transdisziplinär näher beleuchten. Mit Hilfe des Transformativen Dreischritts werde ich versuchen verschiedene Wissensformen einer Handlungswissenschaft miteinander zu relationieren, um damit mehrperspektivisch eine Lösung des Theorie- Praxis-Problems der Sozialen Arbeit im konkreten Fall zu erzielen. Dazu werde ich zunächst eine metatheoretische, wertbezogene Grundsatzentscheidung unter Bezug auf den Ethikkodex der Profession herbeiführen, indem ich unter philosophischen und ethischen Gesichtspunkten eine Begründung der Werte und Normen suche. Um mich anschließend mit dem damit transportierten Menschen und Gesellschaftsbild auseinandersetzen und zu untersuchen welches Paradigma dem transformativen Dreischritts zugrunde liegt. Auf der Basis dieses Paradigmas folgen, die Beschreibung des Kontextes, des Problems, der Einzelheiten und die Hintergrundinformationen der Person, um nachfolgend unter soziologischen Gesichtspunkten tiefer analysiert zu werden. Handlungstheoretische, nomopragmatische Hypothesen werden daraufhin gemacht um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sich aufgrund der nomopragmatischen Gesetzmäßigkeit an der Ausgangssituation des sozialen Problems der Person etwas verändert. Im Anschluss werden Empfehlungen als Handlungsleitlinien gegeben und anschließend eine Methode auf der Basis der nomologischen bzw. nomopragmatischen Aussagen formuliert.

1. Metatheorie

Im Folgenden versuche ich, philosophische Grundentscheidungen zur Frage darzustellen, was mit Wirklichkeit und Erkenntnis gemeint ist, und welches Menschen und Gesellschaftsbild mittransportiert wird. Wir müssen uns bewusst werden, dass wir in Europa einerseits aus der jüdisch / christlichen Kultur, und andererseits aus der hellenistischen / römischen Kultur geprägt wurden und hervorgingen. Es gibt zwei klassische Fragen europäischer Philosophie: Besteht das Sein primär aus Ideen (Idealismus) oder primär aus materiellen, konkreten Dingen (Materialismus). Je nach Antwort beginnen theoretische Ansätze mit Aussagen über Ideen / Codierungen / Texte, kulturelle Inhalte, Bewusstseinsformen oder Aussagen über physikalische, biologische und ökonomische Vorstellungen.1 Es gibt auch Ansätze, welche die Beziehung zwischen zwei Einheiten als konstitutiv und Ausgangspunkt einer theoretischen Perspektive betrachten. Die letzte Vorstellung führt uns zur nächsten Frage, die nach den möglichen Beziehungen zwischen Einheiten. Hier gibt es die Wirklichkeitsvorstellung des Individualismus oder Atomismus, dessen Hypothese besagt, dass alles existierende aus isolierten und unverbundenen Einheiten besteht, während der Holismus eine zweite Hypothese davon ausgeht, dass die Wirklichkeit aus undifferenzierten, unzerlegbaren Ganzheiten besteht, die selbstreferentiell existieren und sich entwickeln.2 Eine dritte Ontologie ist der Systemismus, dessen Hypothese besagt, dass alles, was existiert, ein System oder Teil eines Systems oder Interaktionsfeldes ist. Demnach gibt es hochkomplexe multiniveaunale Systeme, die aus dem Ergebnis eines räumlichen und zeitlichen Differenzierungsprozesses von existierenden Dingen entstehen.3 So haben wir eine physikalisch- chemische, eine biologische, eine psychische, eine soziale und eine kulturelle Wirklichkeitsebene mit ihren Systemen. Alle Dinge und Systeme sind nun vier Gesetzmäßigkeiten unterworfen, nämlich kausale Gesetzmäßigkeiten, objektiv zufällige Gesetzmäßigkeiten, verschiedene wechselwirkende Prozesse verstärkende oder abschwächende Gesetzmäßigkeiten und teleonome gesetzmäßige Veränderungen.4

1.1 Erkenntnistheorie-, Handlungstheorie und wissenschaftliche Erkenntnis

Die systemische Vorstellung des Erkennens geht davon aus, das es den Menschen möglich ist, die Realität zumindest partiell zu erkennen auch wenn sie keinen, von ihren biopsychischen Wahrnehmungs- und Kognitionsmöglichkeiten unabhängigen Zugang dazu haben.5 Menschliche Wahrnehmung im privaten und öffentlichen Alltag ist aber beschränkt, unvollständig, verzerrt, ergänzend, weglassend und fehlerhaft, das heißt eine (normative) Handlungswissenschaft stützt sich auf ein forschungsgestütztes Verfahren um die Unzulänglichkeiten von analytischen, ressourcenbezogenen und verfahrensmäßigen Fehleinschätzungen, von interessengesteuerten Handeln zu erkennen und so weit als möglich zu korrigieren, um so eine bessere Übereinstimmung zwischen Wert und Zielsetzungen und bestehender oder sozial gestalteter (konstruierter) Realität zu erreichen.6 Das Kriterium zur Beurteilung einer normativen Handlungswissenschaft ist zum einen Wahrheit, wenn es um das erkennen geht, was vorliegt und entstanden ist (Beschreibungs- und Erklärungswissen), zum anderen ist es Wirksamkeit angesichts der Frage, wie es sich bewusst verändern lässt und verändert hat und je nachdem Effizienz als ein bestimmtes Verhältnis zwischen Aufwand und erreichter Zielverwirklichung.7

1.2 Objekttheorie

Systemisch gedacht geht es in der Sozialen Arbeit darum ihrem Beitrag zur Entstehung, Erhaltung und Veränderung sozialer Probleme zu leisten mit Hilfe der Basiswissenschaften, die zu Bezugswissenschaften der Sozialen Arbeit werden. Dabei ist wichtig von welcher Ontologie und mithin auch welchem Menschen und Gesellschaftsbild die Wissenschaft ausgeht. Im systemischen Paradigma sind Menschen psychobiologische Systeme, die dank ihrer psychobiologischen Ausstattung (Wissen, Denken, Fühlen, Urteilen, Handeln) psychische, soziale und kulturell Gegebenheiten auch dank ihrer Erkenntnis- und Handlungskompetenzen entwickeln und neu gestalten können. Menschen haben das Bedürfnis der Wiederherstellung von inneren Soll Werten und versuchen infolge von Lernprozessen ihre Defizite zu kompensieren. Diese inneren Soll Werte beruhen auf den biologischen, psychischen und sozialen Bedürfnissen eines Individuums. Fällt die Bewertung negativ aus und sieht man keine Möglichkeit, die bedürfnisfeindlich, ungerecht beurteilte Struktur und Kultur zu verändern, entstehen psychische Spannungen. Die Bewältigung dieser Spannungen kann je nach kultureller und struktureller Sozialisation innerpsychisch verarbeitet werden durch ein unrealistisches Festhalten an den Lebenszielen, die bewusste Reduktion von Ansprüchen, Rückzug, Apathie oder man schreibt die problematische Lebenssituation eigenes Versagen zu und betrachtet die Sozialstruktur mit den dazugehörenden Regeln / Gesetze als gottgegeben. Die zweite Bewältigungsform trägt die psychischen Spannungen nach außen beispielsweise durch soziale Abweichung, Gewalt und Kriminalität. Die letztere Bewältigungsstrategie der Gewalt finden wir im konkreten dargestellten Fall wieder.

1.3 Soziale Probleme

Eine Erklärung sozialer Probleme auf dem Hintergrund des systemischen Paradigmas muss einerseits die Entstehung problematischer Gesellschaftsstrukturen aufgrund von Merkmalen und Interaktionsmustern von Individuen erklären. Andererseits muss sie den Einfluss von Merkmalen und Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaftsstruktur von sozialen Systemen - auf die strukturelle Lage, das Wohlbefinden und Verhalten von Individuen ermitteln.8

1.4 Werte und Ethik zur Beurteilung sozialer Probleme

Für die Beurteilung sozialer Probleme enthält der Ethikkodex der Profession; die Menschenwürde, die Menschenrechte und die soziale Gerechtigkeit als zentrale Norm und Wertvorstellungen, dessen Grundlage dem biblischen Menschenbild entstammt und der Ebenbildlichkeit und Geschöpflichkeit (Einbildung des Bildes Gottes in unser Leben) des Menschen und dem realisierten Beziehungsgefüge zu seinem Nächten, zur Schöpfung und zu Gott. Es ist zu beachten, dass individuelle und soziale Werte sich bedingen und im systemischen Paradigma davon ausgegangen wird, dass zunächst weder individuelle noch soziale Werte Priorität haben sollen. Individuelle Freiheitswerte und -rechte sind daran ausgerichtet, das Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit, die Fähigkeit zur Selbstbestimmung und Selbstgesetzgebung, zur Gestaltung und Steuerung der bedürfnisrelevanten Umwelt im Hinblick auf individuelles und familiäres Wohlbefinden zu schützen; sie sollen des Weiteren vor Unterdrückung, willkürlichen Gerichtsverfahren, Diskriminierung oder Verfolgung bei Strukturkritik (z. B: Religionskritik oder Regimekritik) schützen. Ebenso sind die Solidar-, Gerechtigkeitswerte und Sozialwerte daran orientiert, die bedürfnisgerechte Teilhabe an den gesellschaftlichen Ressourcen zu ermöglichen; dadurch schützen sie vor Armut, Unwissenheit, Erwerbslosigkeit, Obdachlosigkeit, aber auch vor struktureller Diskriminierung, kultureller Kolonisierung, Ausbeutung usw.9

2. Allgemeine Problemstellung

2.2 Die Ausgangssituation des Klienten

Das Beispiel stammt aus der Erziehungsberatung für junge Männer. Es handelt sich um einen jungen Mann, der mit 17 Jahren keinen Schulabschluss besitzt und durch mehrere Gewalttaten in der Schule auffällig geworden ist. D. wächst in einer Familie mit sechs Geschwistern und türkischem Migrationshintergrund auf. Aktuell befindet er sich in einer Erziehungsmaßnahme der Migrationshilfe auf richterlichen Beschluss und versucht dort durch die Beratung seine Problematik zu beheben und zu lernen, wie er sein Leben eigenständig ohne gewalttätig zu werden leben kann und sein Aggressionsverhalten zu steuern. Seine Probleme sind sowohl die Perspektivlosigkeit, die Abhängigkeit der Anerkennung von wichtigen Bezugspersonen in seinem sozialen Umfeld und seine Gewaltbereitschaft. Er geht keinen Interessen nach, noch besitzt er eine Form förderlicher Freizeitgestaltung. Seine sozialen Kontakte bestehen in erster Linie aus der Familie und Freunden. D. war früh schnell auf sich allein gestellt. Er kümmerte sich um die jüngeren Geschwister, nutzte aber jede Gelegenheit um die älteren Geschwister zu begleiten. Er wurde wiederholt von seinem Vater geschlagen, auch wenn, laut D., dafür kein Grund ersichtlich wurde. Sobald D. einem Mann gegenübersteht, der ihn an seinen Vater erinnert oder er sich ihm trotz seiner Wortgewandtheit in Gesprächen unterlegen fühlt, wird er aggressiv und aufbrausend. Er versucht seinem Gegenüber einzuschüchtern und ihm zu drohen, was in der Vergangenheit immer wieder zu Schlägereinen und Anzeigen wegen Körperverletzung führte. Zeitgleich steckt D. auch für andere Schläge ein und verteidigte seine Mutter und die jüngeren Geschwister. In der Hauptschule fehlte er vermehrt. Heute weiß er nicht, welchen Beruf er ergreifen möchte. Seit seiner Kindheit lebte die Familie in einer kleinen Wohnung einer nordhessischen Stadt in einem Hochhaus. Der starke Einfluss, der islamistischen Kultur und Prägung kommt bei den Eheleuten zum Tragen. In dieser Prägung hat der Mann im Haushalt das Sagen und jeder muss sich seinem Willen beugen. Daher geht er arbeiten, während seine Frau zuhause für den Haushalt und die Kinder zuständig ist. Sein Vater gilt als ein Choleriker, der zu Wutausbrüchen neigt. Dwan Kayaouglu berichtet, dass er nicht selten diesen Zorn auf sich zog und so von seinem Vater geschlagen wurde. Die Gewalt, die er gegenüber seinem Sohn ausübte, war an der Tagesordnung. Der Vater und der Sohn fanden keine vernünftige Gesprächsbasis. D. ist das dritte von sechs Kindern in der Familie. Früh hat er für seine jüngeren Geschwister gesorgt und Verantwortung übernommen. Bis heute hat er eine enge Beziehung zu seinem jüngsten Bruder, der bisher nichts von D.s Gewalttätigkeit mitbekommen hat. Zeitgleich war sein ältester Bruder, wie ein Idol für Ihn. Durch ihn, kam der damals 12- jährige D. auf einer Party zum ersten Mal in Kontakt zur gewalttätigen Clique, die sich mit anderen Banden trifft und in Schlägereien verwickelt ist. In der Familie sind alle Geschwister gewalttätig. Dies reicht von leichten, vereinzelten Delikten, über schwere Körperverletzungen. Die ältesten Geschwister haben ebenso alle gerichtliche Verwarnungen wegen Körperverletzungen und Besitz von Drogen. Allerdings wurde das Strafmaß immer ohne Bewährung oder Haftstrafe angeordnet.

2.1 Der Allgemeine Forschungsstand der Gewalttätigkeit in der Jugendkultur

Gewalt ist ein Machtproblem zwischen mindestens zwei Individuen. Aufgrund von verschiedenen Fallstudien ergeben sich folgende Gesetzmäßigkeiten für das Gewaltverhalten: Auf der Ebene der gewaltausübenden Kinder und Jugendliche, bei denen 40 Prozent der Dauertäter auch Daueropfer sind - stößt man auf eine subjektiv wahrgenommene Außenseiterposition (Sie glauben, dass die Lehrer sie aufgegeben haben - psychologische Erklärung), Konkurrenz unter den Schülern (Sozialpsychologische Erklärung) und der häufige Konsum von Gewalt-, Horror- und Pornofilmen (psychologische und kulturelle Erklärung). Auf der Ebene der Lehrerschaft ergeben sich folgende Befunde: Etikettierendes Verhalten der Lehrerschaft, sowie das die meisten Lehrkräfte bei schweren Prügeleien nicht eingreifen, als auch eine rigide Disziplinierung und Regelanwendung. Auf der Ebene der Schulorganisationsstruktur findet man einen gesellschaftlich induzierten Spar- und Leistungsdruck auf die Lehrerschaft vor. In Familiensystemen fand man ein restriktives, repressives Erziehungsklima und Erwerbslosigkeit der Eltern oder Geschwister. Bezüglich der Wohnsituation ergab sich, auf der Makroebene die Einbindung in aggressiven Cliquen aber auch der Zusammenhang mit einer hohen Armutsrate und Erwerbslosigkeit in bestimmten Stadtteilen.10

3. Allgemeine Handlungstheorien - Die Soziologische Analyse

Um meine (jugend)soziologische Analyse abweichenden sozialen Verhaltens (bzw. Handelns) für diesen Fall von D. ertragreich zu machen, unternehme ich den Versuch einer Verbindung zweier interdependenter kriminalsoziologischer Paradigmen. Zum einen der ätiologischen und zusätzlich der interaktionistischen Methode, auf Mikro-, sowie Makroebene vor dem Hintergrund unserer derzeitigen (Risiko-/ Erlebnis)gesellschaft (Beck/ Schulze).11

„ Probleme haben ihre unterschiedlichen Perspektiven, denn trotz ihrer „ Quasi-Objektivität “ besitzen sie eine „ unausrottbare Subjektivität “ , sind also relativ, werden abweichend gesehen und interpretiert, existieren und vergehen, verändern sich und unterliegen ideologieträchtigen und interessengeleiteten Definitionsprozessen durch die gesellschaftlichen Gruppen. “ 12

Jegliches soziale Handeln hat zunächst eine aus spezifischen Werten resultierende, kodifizierte Normgebundenheit. Diese bringt Verhaltensforderungen sowie Personen oder Institutionen („Normsender“)13 hervor, die den jeweiligen normativen Charakter mittels sozialer Kontrolle und Sanktionen in bestimmten Situationen Normadressaten14 gegenüber durchzusetzen suchen. Betrachtet man den Sozialen Tatbestand (Durkheim) der Normen als kulturelle Leistungen und Errungenschaften,15 die nach räumlichem, zeitlichem oder sozialem Kontext variieren und jeweils neu zur Disposition gestellt werden, existiert auch die Abweichung nur in den Augen der jeweiligen Betrachter. Devianz ist folglich eine Frage der sozial definiteren Normsetzung, eine Konsequenz der Anwendung von Regeln durch Andere und somit Ausdruck aktueller Machtverhältnisse.16

Will eine Gesellschaft die Fortdauer aktuell bestehender Werte und Normen sichern, wird insbesondere unter jugendsoziologischer Perspektive die Einflussnahme der jeweiligen Gesellschaft gegenüber ihrer Jugendgeneration, mittels Sozialisation, Erziehung und Bildung auf ein Anpassen an die soziale Ordnung, an gesellschaftliche Erwartungen und Ideale zielen.17 Mikrosoziologisch ist im Rahmen der Frage nach möglichen Initiationsphasen der Gewalttätigkeit vor allem der Ablöseprozesses Adoleszenten von der Herkunftsfamilie oder anderer Autoritäten, als auch den damit verbundenen, zum Teil widersprüchlichen Verhaltensforderungen und (Negativ-) Erfahrungen (z.B. Ohnmacht, geringer Selbstwert, etc.) bedeutsam.18 Aufgrund der intensivierten Suche nach der eigenen Ich-Identität und der sozialen Position, kommt es zwangsläufig, ebenso durch motivationale Grundthemen, wie Neugier, Angstüberwindung, Protest, der Suche nach Zugehörigkeit oder einem Weg zur Problembewältigung, zu einem Distanzierungs- und Probierhandeln Jugendlicher.19 In einer Gesellschaft, in der, wie Beck meint, mit der Komplexität von Entscheidungen auch das Risiko Fehlentscheidungen zu treffen, massiv gestiegen ist, kommt insbesondere für Jugendliche die Ambivalenz zwischen gesellschaftlicher „Sonnen- und Schattenseite“ besonders zum Tragen.20 Schulze würde in der Analyse der Erlebnisgesellschaft dieses distinktive, antikonventionelle Handeln zwischen (jugendlichem) Unterhaltungsmilieu (Spannungsschema) und (elterlichem) Harmoniemilieu (Trivialschema) verorten.21 Obwohl Durkheim Abweichung grundsätzlich innovatives Potential zuschreibt, wird jugendliche Devianz auch makrosoziologisch vorwiegend als störende/ bedrohende Ausdrucksform einer misslungenen Integration, ja „Jugend an sich“, nicht zuletzt auch durch Politik und Medien als Risiko- und (soziale) Problemphase konstruiert. Damit werden verankerte Strukturprobleme „aus der Mitte der Gesellschaft“ oder der Bildungs- und Sozialpolitik ausgeblendet.22

Die primäre Devianz wird unter soziologischer Perspektive durch die Struktur und Qualität der jeweiligen sozialen Beziehungskontexte des Jugendlichen, durch Art und Weise des Umgangs mit sozialräumlichen Gegebenheiten, sowie durch die Intensität der Aufmerksamkeit, die er bei Organen staatlicher sozialer Kontrolle hervorruft, wahrscheinlicher. Es ist ein mikro- und makrosoziologisches Prozessgeschehen bis zum Gewohnheitshandeln, in welchem sich schrittweise Einstellungen und Techniken angeeignet werden. Kommt es in auftretenden (Macht-)Konflikten, zuhause oder in anderen sozialen Relevanzsystemen (Schule, Ausbildung etc.) zu keiner Lösung am Ort des Geschehens, erscheint nicht nur (Gegen-)Gewalt, sondern auch die Flucht in das uniplexe setting (Timothy Leary) von Peers ((später) evtl. gewaltbereite Subkultur, Cohen)23 als Katalysator. Übermäßige Gewalt kann in diesem kollektiven Erlebniszusammenhang zudem ein Ausdruck des Wunsches um (verfrühte) Aneignung und Demonstration des begehrten (machtvolleren) Erwachsenenstatus sein.24 Folgt man weiterhin der (Lern- )Theorie der differentiellen Assoziation (Sutherland, 1947), wird abweichendes Verhalten als ein „Überwiegen an Gesetzesverletzungen begünstigenden Einstellungen gegenüber jenen, die sie negativ bewerten“, 25 charakterisiert („krimineller Definitionssaldo“). Auch in D.s Fall können inmitten „konkurrierender Situationsdefinitionen“26 (non)verbale und symbolische Interaktionen und Verhaltensmuster für eine gewaltfreundliche Sozialisation in seinen „intimen persönlichen (Primär-)Gruppen“ ausgemacht werden.27 Begünstigende Einstellungen wären etwa die in Häufigkeit, Dauer, Priorität und Intensität wichtige Disposition D.s der zur Imitation einladenden Gewalt von Geschwistern und Peers. In einer derartigen Gelegenheitsstruktur („opportunity structures“ nach L.E.Cloward/ R.A.Ohlin, 1960) können alternative Wertesysteme, Techniken, Motive, Rationalisierungen und Attitüden erworben werden.28 Es entstehen meist paradoxe Situationen, wie die Missachtung gesellschaftlicher oder familiärer Normen bei gleichzeitiger Anerkennung derselben.

In einer kontrolltheoretischen Weiterentwicklung der Sutherlandschen Theorie, zum Beispiel durch Gottfredson und Hirschis GTOC, kommt ebenso der Zusammenhang von „attachment“ (emotionale Bindung an Familie, Schule, Peers), elterlicher sozialer Kontrolle (Beaufsichtigung, Erkennen und richtiges Sanktionieren devianten Verhaltens) und mangelnder Selbstkontrolle in den Blick.29 Korrelierende familiäre Faktoren für Delinquenz wären hierbei, neben einer „broken home“ Situationen auch eine große Familie. Indifferente „beliefs“ (Vorstellungen über Recht und Gesetz), abnehmendes „commitment“ (Eingebundenheit in soziale Rollen) und „involvement“ (zeitliche Eingebundenheit in konventionelle Aktivitäten), begünstigen nach Hirschi weiterhin deviantes Verhalten.30 Glaser (1956) erweitert die anfängliche Theorie ferner um den Aspekt der differentiellen Identifikation mit einer delinquenten, aber positiv bewerteten Bezugsperson.31 Noch immer ätiologisch, aber nun makrosoziologisch, muss insbesondere für die spezielle Situation Jugendlicher auch Robert K. Mertons Anomietheorie angeführt werden.32 Basierend auf Durkeims Überlegungen zu Anomie, sieht Merton einen Schwerpunkt in erster Linie in der Diskrepanz zwischen angeeigneten Werten und Zielen der (legalen) Gewaltkultur und der für die Erreichung der Ziele verfügbaren legalen Mittel. Mögliche Erklärungsansätze zu D.s fortschreitender „Gewaltkarriere“, seinem devianten Verhalten liefern im Übergang von Mikro- auf Makroebene nun interaktionistische Theorien wie der Labeling Approach.33 Mittels selektiver Normanwendung durch die Gesellschaft, werden in einem dynamischen Prozess „Abweichler“ - Etiketten (Stigmata, Goffman) verteilt, aufgrund dessen es leichter fällt Menschen fortwährend, nicht mehr als spezifisch, sondern als generell abweichend zu behandeln.34 Im Rahmen der Bemühung um Konsistenz wird der Stigmatisierte in Mechanismen der self fulfilling prophecy die nicht deviante Selbstdefinition der antizipierten, sanktionsmächtigen Fremddefinition angleichen. Becker nennt diese Reorganisation des ICH eine Formung des Selbst nach dem Bilde, das die Leute von einem haben.35 Die Person erhält eine Art „master status“, in unserem Fall die Gewalt als „Charakterfehler“, der alle anderen Merkmale überdeckt. Gesellschaftlich steht der Grund dafür bereits a priori fest - die Exklusion Abweichender aus Schul-/ Erwerbsarbeits- und Lebensalltag wird als Ergebnis eines „sozialen Selbstmordes“, nicht einer „sozialen Hinrichtung“ präsentiert.36 Um fortschreitende Exklusion zu verhindern, wird nach Goffman der Stigmatisierte zu einem „Stigma - Management“ übergehen. Die wenigen Personen, die in der Lage wären den Stigmatisierten zu erpressen, können als protektiver Kreis gleichzeitig auch zur Wahrung des Geheimnisses beitragen. Familienmitglieder besitzen hierbei eine herausgehobene Stellung, wobei sie selbst meist Gründe für die Verbergung des Fehlers haben.

4. Spezifische Handlungstheorien

Aufgrund der multiplen und komplexen Herausforderungen, die D. zu bewältigen hat, ist eine Einzelfallhilfe zu empfehlen. Durch die Einzelfallhilfe erfolgt eine ganzheitliche biopsychosoziale, individuelle Begleitung und Beratung D.s. Dadurch wird gezielt auf seine Bedürfnisse eingegangen. Wenn er durch die interaktiven Austauschprozesse mit dem Sozialarbeiter (Normvermittler) eine optimale sozialpädagogische Unterstützung erhält, dann werden seine Handlungskompetenzen gestärkt, Ressourcen erweitert und er wächst in der Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung. Wenn die Kooperationen und Vernetzung mit Hilfesystemen, informellen Bildungseinrichtungen wie beispielsweise Vereine, Kirchen und Gemeinnützige Organisationen und Interessengemeinschaften gelingt, dann würde es der Selbstwirksamkeit und dem Empowerment von D. dienen. Über die Erstellung eines Hilfeplans steigt die Wahrscheinlichkeit, dass systemtheoretische Lösungen gefunden werden, indem die soziostrukturellen, sozioökonomischen und sozialpsychologischen Bedingungen des Klienten effizient und zielorientiert verbessert werden. Wenn die Funktionalität, Kompatibilität und Reproduktion von Dw. in der Gesellschaft gewährleistet werden soll, dann ist es notwendig das Verhalten an die kulturell tradierten Muster und Vorstellungen anzupassen und zu ändern. Wenn eine Modell-, Identitäts- und Kulturveränderung stattfindet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er einen besseren Zugang zu den sozialen Relevanzsystemen (Schule, Ausbildung) findet und eine bedürfnisgerechte Teilhabe an den Ressourcen des Gesellschaftssystems möglich wird. Wenn das soziale, ökonomische und kulturelle Kapital angehoben wird, steigt die Partizipationsfähigkeit an kulturellen, sozialen Systemen und Netzwerken. Wenn die bewusste Reflexion des Habitus D.s beachtet (mit den inneren Werten) und wahrgenommen wird und seine interkulturelle Kompetenz gestärkt wird, dann kann eine Distinktion durch Symbole und Handlungen von Autoritätspersonen (Lehrer, Sozialarbeiter) vermieden werden. Dies impliziert eine partizipatorische, selbstorganisierte und eigenständige Handlungs- und Vorgehensweise D.s. Bei Erfolgen stärkt diese Handlungstheorie seine soziale Rolle im Gesellschaftssystem und wirkt identitätsstiftend und fördernd zugleich.

Aber auch die Reflexionsfähigkeit, sowie die Selbst- und Fremdwahrnehmung müsste durch die Interaktion mit dem Sozialarbeiter gefördert werden. Dadurch soll eine neue Bewusstseinsbildung D.s über das Normen und Werteverständnisses der Gesellschaft erfolgen und eine Annäherung an das Gesellschaftssystem stattfinden.

Als gewalttätiger Jugendlicher muss D. zu mehr Selbstbewusstsein und zur Hoffnung verholfen werden, dass sich seine Leistungen im Hinblick auf seine schulische oder berufliche Zukunft lohnt, dann besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Fremd- und Selbstbild verändert und die Gewalt an der Schule zurückgeht. Der Lehrerschaft muss gewonnen werden, ihr stigmatisierendes Verhalten in Bezug auf Lern- und Verhaltensdefitzite zu verzichten, dann besteht die Wahrscheinlichkeit, dass D. Gewalt abnimmt. Es geht hier um die Veränderung stark asymmetrischer Machtbeziehungen, und damit konkret darum, das stigmatisierende Verhalten aufzugeben und D. glaubwürdig den Zusammenhang zwischen seinen schulischen Leistungen und der Chance, Zugang zu einem gesellschaftlich anerkannten, existierenden Beruf zu erhalten, aufzuzeigen. In dieser Hinsicht geht es um Machtverzicht der Lehrerschaft gegenüber D. als Schüler. Gegenüber der Schulleitung, die jede neoliberale politische Forderung unkritisch und ungebrochen übernimmt und gegenüber der Lehrerschaft mittels eines Top Down Modells37 durchsetzt, geht es hingegen um Machtaufbau, was mit der Identifizierung von Machtquellen und der Bestimmung einer legitimen Machtabsichtserklärung beginnt.

Die Schulleitung müsste infolge dessen dafür gewonnen werden, die negativen Wirkungen der unkritisch übernommenen neuen Steuerungsmodelle zu evaluieren.38 Wenn dies erfolgt besteht die Wahrscheinlichkeit, dass der Leistungsdruck auf Lehrer und damit auch auf die Schülerschaft, in diesem Fall auf D., abnimmt, und dass damit die Gewaltereignisse zurückgehen. Mit anderen Worten kann hier ein Zusammenhang zwischen der sozialen Mikro- und Makroebene vermutet werden, was die Notwendigkeit transdisziplinärer Erklärungen aufzeigt.

Wenn man versucht die Umgangsregeln in der von repressiven, bedürfnisfrustrierenden Familie zu verändern, dann besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die dadurch verursachte Aggression und Gewaltbereitschaft abnimmt und sich nicht auf die Schulsituation auswirkt. Wenn man ebenso versucht, für D. durch nachbarschaftliche, lokale Vernetzung Zufluchtsorte zu schaffen, wo er auch Hilfe bei den Hausaufgaben erhält, dann besteht die Wahrscheinlichkeit, dass er weniger häufig die Mitgliedschaft in gewaltbereiten Cliquen sucht und zugleich auch bildungsmäßig gefördert wird.

Die Brüder und Cliquenmitglieder müssten die Chance erhalten, andere Verhaltensregeln im Umgang mit Konflikten und den damit verbundenen Bedürfnisfrustrationen zu erlernen, dann besteht die Chance, dass Gewaltereignisse im Umfeld der Schule abnehmen. Ebenso sollte man ihnen die Chance zum Ausstieg aus der gewaltbereiten Clique und zum Einstieg in ein anderes soziales System motivieren, denn dann kann erwartet werden, dass die Gewaltereignisse im Umfeld der Schule abnehmen.

Es geht hierbei um die Herstellung neuer, weniger asymmetrischer, herrschaftsbestimmter Machtbeziehungen. Diese können entweder durch Wandel von sozialen Regeln der Machtstrukturierung in kleineren wie größeren sozialen Systemen oder durch den Ausstieg aus dem leidverursachenden sozialen System der Familie oder Clique und der Mitgliedschaft in einem anderen, bedürfnisgerechteren sozialen System, zum Beispiel einem Jugendtreff herbeigeführt werden.39

Wenn man versucht, sozialpolitische Programme, beispielsweise individuelle Begleit- oder Coachingprogramme für den Übergang Schule-Lehrstelle zu entwerfen, die den Schüler(inne)n die Gewissheit geben, dass sie nach Absolvierung der obligatorischen Schulpflicht eine Lehrstelle haben oder eine weiterführende Schule besuchen können, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die Gewaltereignisse von D. zurückgehen.

[...]


1 Vgl. Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Haupt Verlag. 2007. S. 159

2 Vgl. Ebd. S. 160

3 Vgl. Ebd. S. 163

4 Vgl. Ebd. S. 166

5 Vgl. Ebd.

6 Vgl. Ebd. S. 169

7 Vgl. Ebd. S. 172

8 Vgl. Ebd. S. 189

9 Vgl. ebd. S. 193

10 Vgl. Ebd. 208

11 Vgl. Beck, U.: 1986, S. 112

12 Griese, H: 2007. S. 132

13 Vgl. Rommetveit 1999, In Lammneck, 2007 S.22

14 Vgl. Ebd. S. 22

15 Vgl. Ebd.

16 Vgl. Joas, S. 185

17 Vgl. Liebsch, K. 2012, S. 212f

18 Vgl. Scherr A.: 2009, S. 209

19 Vgl. Hirschi 1969 in Joas: 2007 S.75

20 Vgl. Scheer A: 2005, S. 163

21 Vgl. Schulze 1995, S. 132

22 Vgl. ebd.

23 Vgl. Lamnek: 2007, S. 147ff

24 Scheer; 2008, S. 203

25 Becker 1983, S. 126

26 Vgl. Dollinger B: 2006, S. 134

27 Lamnek: 2007. S. 195

28 Vgl. Ebd.

29 Scheer A.: S. 203

30 Vgl. Lamnek 2007: S. 205

31 Reuband, K: 1994, S 30

32 Reuband, K: 1994, S. 33ff

33 Vgl. Lamnek 2007, S. 205

34 Vgl. Ebd.

35 Dollinger B: 2006, S. 149

36 Vgl. Ebd. S. 158

37 Staub- Bernasconi: 2007, S. 206

38 Vgl. ebd

39 Vgl. Staub-Bernasconi: 2007, S. 228

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Gewalttätigkeit im Rahmen von Erziehung, Bildung und Sozialisation. Ein Fall aus der Migrationshilfe
Hochschule
CVJM-Kolleg Kassel
Veranstaltung
Transdisziplinäre Grundlagen der Sozialen Arbeit
Note
2.0
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V275715
ISBN (eBook)
9783656686811
ISBN (Buch)
9783656686828
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, Bildung, Sozialisation, SPSA Modell, Systemisches Pradigma, Gewalt, Jugendliche, Sozialarbeit, Gewalttätigkeit, systemisch, transdisziplinär, Erlebnispädagogik, Migration, Männerarbeit, Jugend
Arbeit zitieren
Christian Seel (Autor), 2013, Gewalttätigkeit im Rahmen von Erziehung, Bildung und Sozialisation. Ein Fall aus der Migrationshilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275715

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