Trauerprozesse bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung und Implikationen für die inklusive Heilpädagogik

Eine systematische Analyse mit Expertenbefragung


Bachelorarbeit, 2014

82 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ausgangssituation und Problemstellung
1.2 Ziel der Arbeit und Vorgehensweise
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Trauer und Menschen mit geistiger Behinderung - Theoretische Grundlagen
2.1 Trauer und Trauerprozesse
2.2 Lebenssituationen von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung
2.3 Trauer bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung

3 Methodik der Auswertung empirischer Studien zu Trauerprozessen von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung
3.1 Vorgehensweise der Studienauswahl und Auswahlkriterien
3.2 Auswertungsdesign

4 Auswertung ausgewählter Studien zu Trauer und Trauerprozessen bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung
4.1 Studien zum Schwerpunkt Symptome
4.2 Studien zum Schwerpunkt Erfahrungen der Betreuer
4.3 Studien zum Schwerpunkt Trauerfallunterstützung

5 Methodik der empirischen Analyse
5.1 Auswahl und Begründung der Forschungsmethoden
5.2 Auswahl der Zielgruppe / Probanden / Untersuchungsobjekte
5.3 Darstellung und Begründung des Fragebogens
5.4 Vorgehen der Untersuchung

6 Ergebnisse der empirischen Analyse und Interpretation
6.1 Überblick der Ergebnisse
6.2 Darstellung wesentlicher Erkenntnisse der Analyse und Interpretation
6.3 Einordnung der Ergebnisse in das Forschungsgebiet und weiterer Forschungsbedarf
6.4 Vorschlag für ein Forschungsprojekt über Trauerprozesse bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung
6.5 Methodenkritik

7 Zusammenfassung und Fazit mit Implikationen für die inklusive Heilpädagogik

Anhang

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

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Tabellenverzeichnis

Abbildung in dieserLeseprobenichtenthalten

1 Einleitung

1.1 Ausgangssituation und Problemstellung

Das Thema Trauer ist schwierig. Trauer geht immer mit Emotionen einher und ist damit für die Wissenschaft schwer greifbar und untersuchbar. Zum einen kann es daran liegen, dass Emotionen subjektiv empfunden werden, dass jeder Mensch Emotionen anders erlebt und zum Ausdruck bringt. Zum anderen möchten die meisten Menschen dieses Thema lieber meiden. Dies betonen Heppenheimer und Sperl (2011), denen zufolge „die Trauer in der modernen Gesellschaft lange tabuisiert wurde“ (Heppenheimer, Sperl, 2011, S. 9).

Über Trauer gibt es viele wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Suchmaschine „Senseischolar“ findet zum Stichwort „grief“ (Trauer) über 7000 Treffer wissenschaftlicher Studien. Das Suchwort Trauer in Verbindung mit Behinderung reduziert die Trefferzahl auf 135. Dies lässt vermuten, dass über die Trauer von Menschen mit Behinderung nur wenige wissenschaftliche Studien existieren. Lange Zeit wurde Menschen mit Behinderung und speziell mit sogenannter geistiger Behinderung emotionale Kompetenz abgesprochen. Man ging davon aus, dass diese Menschen keine Trauergefühle oder -bedürfnisse haben (vgl. Heppenheimer, Sperl, 2011, S. 9).

Doch mittlerweile sind Wissenschaft und Gesellschaft der Ansicht, dass auch Menschen mit einer Behinderung emotionale Kompetenzen haben. Heppenheimer und Sperl (2011) sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Begabung der emotionalen Kompetenz“ bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung (vgl. Heppenheim, Sperl, 2011, Seite 9).

Dennoch ist das Thema Trauer und Trauerverarbeitung von Menschen mit Behinderung bisher kaum erforscht. Auch Luchtenhard und Murphy (2007) erwähnen in ihrem Buch: „Es gibt nur wenige Untersuchungen darüber, wie erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung den Tod ihnen nahestehender Personen erleben“ (Luchtenhard, Murphy, 2007, S. 13).

Aufgrund der geringen Kenntnisse über Trauerprozesse von Menschen mit Behinderung ist der Umgang damit häufig nicht adäquat. Teilweise findet sich auch eine Tabuisierung der Trauer. Heppenheimer und Sperl (2011) belegen, wie das Thema Trauer auch in Institutionen für Menschen mit Behinderung tabuisiert wird. Heppenheimer beschreibt sein Projekt „Entwicklung einer Trauerkultur in einer Einrichtung am Beispiel Mariaberg“ (vgl. Heppenheimer und Sperl, 2011, S. 10). In Mariaberg arbeitete Heppenheimer als Pfarrer und startete dieses Projekt, um eine Trauerkultur für Menschen mit Behinderung zu entwickeln. Dabei nahm er die Trauer der Bewohner sehr ernst. Er machte die Trauer zu einem wichtigen Thema in seinen Gottesdiensten und der Seelsorge. Er setzte sich dafür ein, dass das Thema Trauer in Ausbildungsberufen wie dem Heilerziehungspfleger/in oder Studientage der Mitarbeiter eingeführt wurde. Die Projekterfahrungen zeigen, welchen Entwicklungsbedarf die Trauerarbeit und der Umgang mir Trauer in diesen Institutionen hat.

Im Hinblick auf Trauer bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung stellen sich mehrere Fragen:

- Welche Trauerreaktionen zeigen sich bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung?
- Welche Trauerphasen gibt es bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung und wie sind diese zu erkennen?
- Welche Ähnlichkeiten lassen sie im Vergleich zu Trauerprozessen bei Menschen ohne Behinderung erkennen oder welche Unterschiede gibt es?

Um diese und weitere Fragen beantworten zu können und für die weitere Erforschung von Trauerprozessen bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung, ist eine Bestandsaufnahme der bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse notwendig. Diese Bestandsaufnahme steht im Mittelpunkt dieser Arbeit.

1.2 Ziel der Arbeit und Vorgehensweise

Das Ziel der Arbeit ist ein Überblick über aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse über Trauerprozesse bei erwachsenen Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung. Diese Erkenntnisse werden aus Studien und einer Expertenbefragung gewonnen. Aus dem daraus identifizierten Forschungsbedarf solleneine Skizze für ein Forschungsprojekt erarbeitet und im Fazit Implikationen für die inklusive Heilpädagogik dargestellt werden.

Der Gegenstand der Bachelorthesis sind Studien, die sich mit Trauerprozessen von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung befassen.

Schwerpunkte der Suche nach Studien waren die folgenden Journale:

- „Journal of Applied Research in Intellectual Disabilities“,
- „Journal of Intellectual Disabilities Research“,
- „The University of Iowa“ und
- „British Journal of Learning Disabilities”.

Um relevante Studien zu finden, dienten die Schlagwörter „Griefdisability“, „bereavementdisability“, „lossdisability“ und „ griefreactiondisability“ als Orientierung. Anhand des Titels und des Abstracts wurden die Studien ausgewählt.

Die Studien sollten nicht älter als 25 Jahre alt sein, sich am aktuellen Forschungsstand orientieren und sich ausschließlich mit Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung befassen.

Eine Schwierigkeit bei der Auswahl der Studien lag in der Begriffsbestimmung. Es war nicht immer eindeutig erkennbar, was genau die Forscher der Studien als geistige Behinderung bezeichneten. Verwendet wurden Begriffe wie „Mental Retardation“ (vgl. Harper et al, 1993, Seite 313), „mild“ und „profound“(vgl. Handley et al, 2013, Seite 188) und „moderat“ (vgl. McHale,2009, Seite 575). Dies ist im Deutschen mit geistiger Verzögerung, milder, mäßiger und schwerer Behinderung zu übersetzten.

Die Studien decken ein breites Feld bei dem Thema Trauer und Behinderung ab. So befassen sich beispielsweise DODD et al mit der komplizierten Trauer, READ et al hingegen mit einer Softwareentwicklung zur Trauerunterstützung, MCEVOY et al erforschten die Erfahrungen der Mitarbeiter/innen in Trauerfällen von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung und HANDLEY et al untersuchten die unterschiedlichen Perspektiven von pflegenden Angehörigen und stationären Betreuer/innen.

Die Auswertung der ausgewählten Studien erfolgte unter folgenden Schwerpunkten:

- Studie/Studien zum Schwerpunkt Symptome
- Studie/Studien zum Schwerpunkt Erfahrungen der Betreuer
- Studie/Studien zum Schwerpunkt Trauerfallunterstützung

Aus den identifizierten Forschungslücken und Kritikpunkten an den bereits durchgeführten Studien sollen Leitfragen für die weitere Forschung abgeleitet werden. Um diese Leitfragen soweit wie möglich durch eine selbst entwickelte Forschungsskizze abzudecken, werden die Leitfragen in entsprechende Kriterien für ein Forschungsprojekt zugeordnet.

Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse werden abschließend Implikationen für die inklusive Heilpädagogik abgeleitet.

1.3 Aufbau der Arbeit

In der Einleitung werden Ausgangssituation, Problemstellung und Ziel der Arbeit definiert. Im zweiten Kapitel geht es um die theoretischen Grundlagen und Begriffsbestimmungen der Themen Trauer, Trauerprozesse und Lebenssituationen von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung.

Das dritte Kapitel beschreibt die Methodik, mit der die empirischen Studien über Trauerprozesse von Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung ausgewählt und ausgewertet werden.

Die ausgewählten Studien werden im vierten Kapitel anhand von Merkmalen wie Forschungsfrage, Methoden, untersuchten Faktoren, Zielgruppe und Ergebnisse bzw. Erkenntnisse ausgewertet und interpretiert.

Im fünften Kapitel wird die Methodik der empirischen Analyseanhand von Experteninterviews aufgeführt. Im sechsten Kapitel werden die Ergebnisse der empirischen Analyse dargestellt und in das Forschungsgebiet eingeordnet, um den Forschungsbedarf zu identifizieren. Anhand des Forschungsbedarfes wurde eine Skizze eines neuen Forschungsprojektes entwickelt.

Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung undeinem Fazit mit Implikationen für die inklusive Heilpädagogik.

2 Trauer und Menschen mit geistiger Behinderung - Theoretische Grundlagen

2.1 Trauer und Trauerprozesse

Trauer ist eine Reaktion auf einen Verlust, den Menschen erlitten haben. Pisarski (1983) beschreibt es als eine normale und natürliche Reaktion, die regelmäßig eintritt. Trauer ist also eine „seelische Antwort auf einen erlittenen Verlust“ (vgl. Pisarski, 1983, Seite 13). Für Trauer gibt es Synonyme wie Jammer, Leid, Qual oder Schmerz. Um in das Thema Trauer und Trauerprozesse einzuführen, wird im Folgenden ein Überblick über die Trauer und Trauerprozesse am Beispiel von Menschen ohne Behinderung gegeben.

Trauer ist keine seelische oder körperliche Krankheit. Langenmayr (2013) beschreibt es als eine biologische Funktion, bei der z.B. die Atmung, das autonome System oder die Immunfunktionen verändert werden (vgl. Langenmayr, 2013, Seite 29). Lammer (2004)ist der gleichen Meinung wie Langenmayr und schreibt „ Trauer ist keine Krankheit, keine Katastrophe, keine Fehlfunktion und kein Zeichen von psychischer oder charakterlicher Schwäche, sondern ein normaler, gesunder und psychohygienisch notwendiger Prozess der Verarbeitung von einschneidenden Verlusten und Veränderungen" (Lammer 2004, Seite 10).

Langenmayr (2013) geht noch weiter und bezeichnet Trauer als eine Art Belastungsstörung (vgl. Langenmayr, 2013, Seite27). Im ICD (International ClassifikationofDiseases) mit dem Code F 43.2, wird die Belastungsstörung wie folgt beschrieben: durch ein entscheidendes Lebensereignis wird eine emotionale Beeinträchtigung hervorgerufen. Laut ICD werden während des Anpassungsprozesses an die neuen Lebensumstände die sozialen Funktionen und Leistungen beeinträchtigt. Dies äußert sich unter anderem durch Angst, depressive Stimmungen oder das Gefühl, den Alltag nicht bewältigen zu können. Unter Belastungsstörung wird auch speziell der Begriff der Trauerreaktion gefasst (vgl. ICD). So ist von Ähnlichkeiten in der Symptomatologie zwischen Trauer und Belastungsstörung auszugehen.

Drei Typen von Trauer lassen sich unterscheiden, die normale, die komplizierte und die pathologische Trauer.

Normale Trauer kennzeichnen sowohl psychische Symptome wie Nervosität, Schlafstörungen, Depressionen, Einsamkeit, Unsicherheit, Angst, Panik, Schuldgefühle, Halluzinationen etc., als auch somatische Symptome wie Atembeschwerden, Rückenschmerzen, Herz-Kreislauf-Störungen oder Magen-Darm-Störungen (vgl. Langenmayr, 2013, S. 69).

Die Unterschiede zwischen normaler und komplizierter Trauer lassen sich nur anhand des Ausmaßes ihrer Symptome beschreiben (vgl. Langenmayr, 2013, S. 38). Znoj (2005) beschreibt dazu Zustände wie Verwirrung, Schlafstörungen, Gedankenrasen, Wahnideen, Schuldgefühle und die Unmöglichkeit, diese Gedanken zu stoppen (vgl. Znoj, 2005, S.32). Rosner und Wagner (2009) nennen hingegen Symptome von ausgeprägter Depression, Angst, Schuld, Rückzug und Vermeidung. Alle Symptome müssen dabei länger als sechs Monate anhalten (vgl. Rosner und Wagner, 2009, S. 442). Dodd et al (2008) beschreiben die Sehnsucht und die Suche nach dem Verstorbenen, das Vertieftsein in Gedanken, die sich um den Verstorbenen drehen oder die Hoffnungslosigkeit über die Zukunft. Aber auch Gefühle wie Einsamkeit, Misstrauen, Schock und der Unglaube gelten als Symptome der traumatischen Trauer (vgl. Dodd et al, 2008, S. 415).

Handley et al (2013) gehen noch weiter und unterscheiden die Symptome, die Dodd et al (2008) zusammenfassen, nochmals in komplizierte und traumatische Symptome der Trauer. Komplizierte Symptome der Trauer sind dabei die Sehnsucht, die Einsamkeit und das Gedankenkreisen um den Verstorbenen. Die Symptome von Unglaube oder Angst schreiben sie den traumatischen Symptomen von Trauer zu (vgl. Handley et al, 2013, S. 187).

Der Übergang zwischen komplizierter Trauer und pathologischer Trauer ist fließend. Langenmayr (2013) betont dabei, dass es in der Trauerverarbeitung psychische und physische Abläufe gibt, die es dem Trauernden unmöglich machen, sich mit der Realität in Verbindung zu setzen (vgl. Langenmayr, 2013, S. 38).

Jansen(1985) charakterisiert pathologische Trauer durch Traurigkeit, Selbstzweifel, Interessenverlust, Schlaf- und Appetitstörung und gebremste motorische Funktionen (vglLangenmayr, 2013, S. 40, nach Jansen, 1985). An dieser Stelle verweist Langenmayr (2013) auf Volkan und Josephthal (1994), die pathologische Trauer mit dem Wiedererkennen des Verstorbenen in anderen Personen, Reinkarnationsinteressen oder dem Eindruck, dass der Tote das Leben des Hinterbliebenen bestimmt, charakterisieren. Pathologische Trauer ist also eine Übertreibung und Verzerrung des Trauerprozesses (vgl. Langenmayr, 2013, S. 40).

Der Trauerprozess ist ein Vorgang, der dabei hilft, den Tod eines Menschen oder andere schwere Verluste zu bewältigen. Dieser ist für die geistige Gesundheit elementar wichtig.
„Dabei handelt es sich um eine der schmerzhaftesten, emotionalsten und intensivsten Prozesse, die ein Mensch in seinem Leben durchlebt“ (vgl. Christine Lackner, 2010, S.1).

Trauerprozesse lassen sich nach Langenmayr (2013) je nach Schwere und Verlauf unterscheiden. Die verzögerte Trauer wird erst durch spätere Ereignisse ausgelöst. Bei der ambivalenten Trauer weicht die eigentliche Trauer späteren Schuldgefühlen. Die chronische Trauer zieht sich über einen langen Zeitraum und ist mit Gefühlen von Abhängigkeit und Hilflosigkeit verbunden. Die kaschierte Trauer ist vom Fehlen der Trauer gekennzeichnet. Bei diesem Typ stellen sich vegetative Symptome, funktionelle Beeinträchtigungen, psychosomatische Symptome und das Gefühl von Wertlosigkeit über mehr als zwölf Monate ein (vgl. Langenmayr, 2013, S, 41).

Im Trauerprozess gibt es drei sogenannte Trauerphasen. Der Trauerprozess beginnt mit der initialen Phase. Diese ist von Betäubung, Schock und Verleugnung geprägt. Die akute Trauerphase kennzeichnen intensive Emotionen wie Depressionen, Verzweiflung oder Rückzug. Die letzte Phase ist die Phase der Ablösung und Hinwendung zu neuen Personen und das Zurechtkommen mit der neuen Lebenssituation (vgl. Langenmayr, 2013, S. 37). Langenmayr (2013) betont dennoch, dass die Trauerphasen kein linearer Prozess sind und eine aktive Auseinandersetzung mit dem Erlebten und den Gefühlen der Hinterbliebenen notwendig ist. Er verweist auf Stroebe und Schut (1999), die Trauer als einen dynamischen Prozess beschreiben. Darin wechseln sich Prozesse von Vermeidung und Sich-Einlassen ab, statt gleichzeitig aktiv zu sein. Als Bewältigungsstrategien des Trauerprozesses werden hier Ablenkung, Religiosität, Sinngebung und zuversichtliche Lebenseinstellung genannt (vgl. Langenmayr, 2013, S. 38 nach Stroebe und Schut, 1999). In der Abbildung ist nochmal ein Überblick über die Trauerprozesse zu sehen.

Abbildung in dieserLeseprobenichtenthalten

Abbildung1: Überblick über Trauerprozesse

Quelle: eigene Erstellung

2.2 Lebenssituationen von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung

Es gibt keine eindeutige Definition von Behinderung, speziell geistige Behinderung. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) beschreibt die geistige Behinderung als eine signifikante und verringerte Fähigkeit, neue und komplexe Informationen und Fähigkeiten zu verstehen, zu erlernen und anzuwenden. Weiterhin erwähnt die WHO, dass sich dadurch die Fähigkeit verringert, ein unabhängiges Leben zu führen (vgl. WHO).

Im Sozialgesetzbuch wird Behinderung wie folgt definiert: „Menschen sind behindert, wenn ihre körperlichen Funktionen, geistigen Fähigkeiten oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit, länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist“ (Stascheit, 2012, S. 1372).

Im Sozialgesetzbuch wird Behinderung wie folgt definiert: „Menschen sind behindert, wenn ihre körperlichen Funktionen, geistigen Fähigkeiten oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit, länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist“ (Stascheit, 2012, S. 1372).

Die UN - Behindertenrechtskonvention, als Übereinkommen für die Rechte von Menschen mit Behinderung, beschreibt hingegen Behinderung im Allgemeinen und geht nicht speziell auf die geistige Behinderung ein. Die UN sieht Behinderung als eine Wechselwirkung verschiedener Barrieren, die diese Menschen an der gleichberechtigten und wirksamen Teilhabe an der Gesellschaft hindern könnten (vgl. UN- Behindertenrechtskonvention). Die UN versteht Behinderung demnach als eine Erscheinung, die durch Barrieren geschaffen wird und nicht als eine Verringerung von Fähigkeiten. Dennoch ist Behinderung ein soziales Konstrukt (vgl. Cloerkes, 2001). Alle drei Definitionen stimmen darüber überein, dass eine sogenannte Behinderung eine eingeschränkte Teilhabe am Leben mit sich bringt.

Nach Biewer (2004) werden Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung oft als Träger negativer Zuschreibungen wahrgenommen (vgl. Biewer, 2004, S. 291). Gerade deswegen treten Ansichten über das Individuum, das Erfahrungen, Emotionen und einen eigenen Charakter mit sich bringt, in den Hintergrund (vgl. Biewer, 2004, S. 291).

Luxen (2004) erwähnt, dass verbale Ausgrenzungen und Abwertungen gegenüber Menschen mit Behinderung in den letzten Jahren abgenommen haben. Dennoch passiert es immer noch zu oft, dass Menschen mit Behinderung wegen Fehlern, Schwächen, Gruppenzughörigkeit etc. ins Lächerliche gezogen werden (vgl. Luxen, 2004, S. 317).

Dabei gibt es zwei verschiedene Kommunikationsarten von verbaler Abwertung. Die paraverbale Abwertung ist das abfällige Reden in Gegenwart einer Gruppe von Menschen mit Behinderung. Die nonverbale Abwertung wird durch Blicke, Verdrehen der Augen oder Stöhnen geäußert (vgl. Luxen, 2004, S. 318). Laut Luxen (2004) befinden sich auch Betreuer in einem Teufelskreislauf. Entweder identifizieren sie sich mit den Menschen und fühlen sich selbst abgewertet oder sie identifizieren sich mit der Gesellschaft und werten die Menschen mit Behinderung ab. So fühlen sich auch die Menschen ohne Behinderung oft hilflos und überfordert (vgl. Luxen, 2004, S. 320).

Biewer (2004) verweist auf viele empirische Studien zum gesellschaftlichen Aspekt von Behinderung. Aber Studien zum Selbstbild von Menschen mit Behinderung gibt es nur in geringer Zahl (vgl. Biewer, 2004, S. 291). Hofmann und Stadter führten 1996 eine Befragung in einer Werkstatt von Menschen mit Behinderung durch, mit dem Ziel, deren Selbstbild zu erforschen. Die Zuschreibung einer geistigen Behinderung löste bei den Teilnehmern mit Behinderung Reaktionen von Wut und Ohnmacht aus, sodass das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein der Teilnehmer durch die Zuschreibung bedroht war (vgl. Biewer 2004, S 292).

Die Lebenswirklichkeit von Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung ist nicht nur von gesellschaftlichen Aspekten geprägt, sondern auch von ihren Wohn- und Lebensformen. Viele Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung wohnen in gesonderten Institutionen.

Diese Wohneinrichtungen stehen meist in Stadtrandgebieten und sind somit isoliert vom Stadtmittelpunkt. Die Menschen mit Behinderung in diesen Institutionen können sich ihre Mitbewohner nicht aussuchen und leben meist in größeren Personenzahlen zusammen, als das in einer normalen Wohngemeinschaft üblich wäre (vgl. Dennhöfer, 2004, S. 345). Dies hängt unter anderem auch mit finanziellen Mitteln zusammen.

Die Selbstorganisation der dort lebenden Menschen wird von den Strukturen und Hierarchien der Institution geprägt und von den geltenden Regeln. Mit diesen Regeln müssen sich die dort lebenden Menschen abfinden (vgl. Dennhöfer, 2004, S. 348).

Diese Wohn- und Lebensformen bringen ein hohes Konfliktpotential mit sich (vgl. Dennhöfer, 2004, S. 348). Dies fordert von den dort lebenden Menschen ein hohes Maß an sozialen Kompetenzen und Toleranz (vgl. Dennhöfer, 2004, S. 351). Oft gibt es auch Auseinandersetzungen mit anderen Bewohnern wegen der Durchsetzung eigener Vorstellungen, der gewünschten Abgrenzung von den anderen oder der eigenen Freiheit (vgl. Dennhöfer, 2004, S. 354).Dieses hohe Maß an sozialen Kompetenzen und Toleranz könnten wohl viele Menschen ohne Behinderung nicht aufbringen.

Dennhöfer (2004) verweist aber auch auf die positiven Aspekte solcher Wohn- und Lebensformen. Er beschreibt die Institution als geschützten Raum vor den gesellschaftlichen Forderungen, wo das „anders- Sein“ normal erscheint. Diese sind ein Ort an dem Kompetenzen erworben werden. Hier lassen sich Nähe, Zuwendung, Entfaltungsmöglichkeiten und Unterstützung in Krisensituationen finden (vgl. Dennhöfer, 2004, S. 357).

[...]

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Trauerprozesse bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung und Implikationen für die inklusive Heilpädagogik
Untertitel
Eine systematische Analyse mit Expertenbefragung
Hochschule
Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg)
Veranstaltung
Inklusive Pädagogik und Heilpädagogik
Note
2,1
Autor
Jahr
2014
Seiten
82
Katalognummer
V275747
ISBN (eBook)
9783656681939
ISBN (Buch)
9783656682004
Dateigröße
8259 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
trauerprozesse, menschen, behinderung, implikationen, heilpädagogik, eine, analyse, expertenbefragung
Arbeit zitieren
Filiz Volk (Autor), 2014, Trauerprozesse bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung und Implikationen für die inklusive Heilpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275747

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