Der Existentialsatz in der finnischen Sprache

Eine Untersuchung anhand muttersprachlicher Texte verschiedener Herkunft, Stilistik und Zielsetzung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Theoretische Ansätze zu den Satztypen in der finnischen Sprache
2.1 Auli Hakulinen und Fred Karlsson,
2.2 Börje Vähämäki,
2.3 Päivi Schot-Saikku, 1993 und
2.4 Iso suomen kielioppi, Kapitel Syntaktiset lausetyypit

3. Der Existentialsatz. Begrifferklärung
3.1 Der Existentialsatz im Finnischen
3.2.1 Omistuslauseet
3.2.2 Ilmiölauseet
3.2.3 Tilalauseet

4. Analyse der ausgesuchten Texte
4.1 Der Lehrtext: Tietoja Suomesta
4.2 Zeitungsartikel: „Prinsessan valtakunnassa kaikki hyvin“
4.3 Finnischsprachiges Märchen: „Tuhkimo“
4.4 Auszug eines finnischen Romans: „Yhden yön tarina“
4.5 Statistischer Vergleich und kontrastive Untersuchung

5. Zusammenfassung

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Es ist generell sehr schwierig die finnische Sprache in Rahmen zu setzen; die unzähligen grammatikalischen und syntaktischen Regeln und die noch zahlreicheren Ausnahmen davon sind schon immer eine Herausforderung gewesen, sowohl für Sprachenlerner, als auch für Sprachforscher. Der Anfang der linguistischen Forschung in Finnland kann verhältnismäßig weit in der Vergangenheit gesetzt werden - die erste Grammatik „Grammatica Fennica“ wurde schon im Jahre 1733 von Bartholodus G. Vhael verfasst. Eine vorsichtige Überschrift hat Jacob Judén seinem Werk vom Jahre 1816 gegeben: „Forsök till utregande af finska språkets grammatik“. Renhold von Becker, Johan Stråhlman und Henrik Constantin Corander sind andere Forscher dieser Zeit, die sich mit der Grammatik des Finnischen auseinandergesetzt haben. Aber trotz der langen Tradition in dieser Hinsicht, dulden bis heute noch Begriffe der finnischen Syntax Erneuerungen und Erweiterungen. Das „letzte Wort“ der finnischen Sprachforschung wurde im Jahre 2004 von Auli Hakulinen in Helsinki herausgegeben. „Iso suomen kielioppi“ stellt den momentan modernsten Forschungsstand der Grammatik dar. Aber diese Grammatik ist bestimmt nicht das allerletzte Wort der finnischen Sprachwissenschaft, aufgrund der Vielfältigkeit und Formenreichtum der Sprache.

Über den finnischen Satzbau und insbesondere über die sogenannten eksistentiaalilauseet wird noch heutzutage viel diskutiert. Otto Jespersen hat zum ersten Mal in 1924 den Terminus benutzt. „Unter Existentialsätzen wurden ursprünglich fixierte Satzkonstruktionen verstanden, wie die englischen there is-, die deutschen es gibt-, und die schwedischen det finns-Sätze.“1 In der finnischen Sprachwissenschaft wurde der Begriff zum ersten Mal im Jahre 1954 von Osmo Ikola eingeführt um bedeutungsähnliche Satzkonstruktionen in der finnischen Sprache zu benennen. Nach 1954 gibt es viele Linguisten, die sich mit dem Fachbegriff beschäftigen - Auli Hakulinen, Fred Karlsson, Päivi Schot-Saikku, Börje Vähämäki, Maria Vilkuna, Tapani Kelomäki. Zum großen Teil werden die wissenschaftlichen Artikel dieser Forscher über das Thema der Ausgangspunkt der vorliegenden Hausarbeit sein. Ich werde mich mit dem Begriff eksistentiaalilause auseinandersetzen und ich werde die Veränderungen seiner Bedeutung und die Erweiterung seiner Signifikanz in der Zeit verfolgen.

Für die Zwecke der Arbeit muss sich in erster Linie eine klare Definition des Begriffes eksistentiaalilause herauskristallisieren. Ich versuche einen Überblick über die wissenschaftlichen Ansätze zu den Satztypen und zu der syntaktischen Systematik der finnischen Sprache anhand mehrerer wissenschaftlichen Artikeln zu verschaffen. Nach einer vertieften Interpretation möchte ich weiterhin die Praxis untersuchen und mich mit Texten unterschiedlicher Natur - Zeitungsartikel, Romanauszug, Märchen und einem Lehrtext beschäftigen. Mittels dieser Texte werden Punkte untersucht wie welche Rolle der Existentialsatz in der finnischen Sprache hat, in Texten welcher Herkunft er am meisten vorkommt und aus welchen Gründen. Weiterhin wäre es interessant zu forschen, wie die Finnischlerner diesen Satztyp präsentiert bekommen und welche Probleme bei seinem Erlernen vorkommen.

Die Texte, die in der Arbeit verwendet werden, sind unterschiedlicher Natur - es handelt sich um einen Zeitungsartikel, um einen fiktionalen Text, gerichtet an jüngeres Publikum - ein Märchen, um einen Auszug aus einem finnischen Roman und um einen Lehrtext aus einem gängigen finnischen Lehrbuch. Um diese Auswahl zu begründen, muss man mehrere Ausgangspunkte in Betracht ziehen. An erster Stelle sind die verschiedenen Texte an diverse Lesergruppen gerichtet, in Hinsicht auf ihren Alter, die deswegen auch über unterschiedliche Akzeptanzvermögen verfügen. Ob das Alter ein Faktor dabei sein könnte, für welche Satztypen sich die Textverfasser eher entscheiden, wird nach einem Vergleich sicherlich sichtbar. Zwischen den vier ausgewählten Texten besteht ein großer Unterschied in Hinsicht auf Genre, deswegen könnten sie Information anbieten, ob das Genre einen Einfluss auf die Satzstruktur ausübt. Und letztlich repräsentieren der Artikel, das Märchen, der Romanauszug und der Lehrtext die verschiedenen Sprach- und Kulturräume ihrer Leser. Wie schon erläutert, hat die vorliegende Arbeit als Gegenstand, die Formen und Funktionen des Existentialsatzes in der finnischen muttersprachlichen Literatur zu analysieren. Die Textauswahl hat darauf gezielt, die unterschiedliche Stilistik, Herkunft und Zielsetzung der Primärtexte hervorzuheben.

2. Theoretische Ansätze zu den Satztypen in der finnischen Sprache

2.1 Auli Hakulinen und Fred Karlsson, 1979

In ihrem Artikel von 1979 verschaffen Auli Hakulinen und Fred Karlsson einen ziemlich ausführlichen Überblick über die Satztypen in der finnischen Sprache für ihre Zeit. Börje Vähämäki bezeichnet ihr Werk als: „the most comprehensive look at Finnish sentence typology […]”.2 Die zwei Wissenschaftler gehen von dem Begriff des sogenannten ydinlause - Zentral- / Kern- / Basissatz aus: „Ydinlauseet ovat minimaalisia „lauseatomeja“, joita ei voi johtaa toisistaan ainakaan sillä ehdolla, että transformaatiot eivät saa muuttaa kognitiivista merkitystä (vrt. Zsilka 1973:357).“3 Der Kernsatz, ursprüngliche Idee von Lyons von 1977, ist derjenige, der die zentrale Bedeutung trägt und der selbst ohne alle zusätzlichen Elemente und Informationen: „lause- tai kehysadverbiaali, verbiketju, modaalisuuteen, tempukseen ja kieltoon liityviä elementtejä [...]“4 existieren kann. Sie berufen sich weiterhin auf die von Lyons 1977 eingeführte Satztypenschema, die aus den folgenden Hauptelementen besteht - NP (Nominalphrase), V (Verb), Kop (Kopula). Das Ergebnis sind sechs Hauptsatztypen in der finnischen Sprache herausgekommen: Intransitiv, Transitiv, Equativ und Askriptiv, Zustandssatz, Existential, Possessiv. Dazu kommen noch einige Satztypen, die als marginale bezeichnet werden, aufgrund ihres selteneren Gebrauchs - inkluusiolause, tulosrakenne, puhki- rakenne, kokijalause und kvanttorilause. Die Kriterien, die verwendet werden, sind vielfältig - es werden Transitivität, Existentialität, semantische Rolle und verschiedene syntaktischen Kategorien in Betracht genommen. Der Unterschied zwischen dem intransitiven Satz und dem Zustandssatz ist beispielsweise semantisch: „Edellinen on verrattomasti yleisempi, tyypi (D) puolestaan rajoittu muutamiin erikoistapauksin, joista tärkein ovat sääverbit kuten myrskyää, sataa, tuulee.“5 Transitive und intransitive Sätze unterscheiden sich in ihrer grammatikalischen Struktur. Die Existentialsätze unterscheiden sich von den anderen Haupttypen sowohl in grammatikalischem Sinne: Verbkongruenz, Kasusform des Subjekts, als auch semantisch - in seiner Basisform sagt er nur eine Existenz aus. Eben diese Vielfältigkeit der Kriterien von Hakulinen und Karlsson könnte zu manchen Unstimmigkeiten führen, es entsteht z. B. die Frage, ob eine omistus-Konstruktion nicht eigentlich als ein eksistentiaalilause betrachtet werden kann. In grammatikalischer Hinsicht haben die zwei Satztypen die gleiche Konstruktion:

Kuussa on pieniä lapsia.

Koiralla on luu6.

Durch die Einführung einer Systematisierung, die auf einheitlichen Kriterien beruht, können solche Unklarheiten beseitigt werden. Der Artikel von Hakulinen und Karlsson übt aber nichtsdestotrotz einen sehr starken Einfluss auf die damalige finnische Linguistik aus. Ihre Klassifizierung dient später als Ausgangspunkt vieler Sprachforscher.

2.2 Börje Vähämaki, 1987

Einer dieser Sprachforscher ist Börje Vähämäki. In seinem Artikel von 1987 „On Defining Basic Sentences in Finnish” versucht er Hakulinen und Karlssons System zu erweitern und entwickeln. Die Kriterien, die Vähämäki in Betracht nimmt, sind nicht so heterogen wie Hakulinen und Karlssons - in dem ersten Schritt lässt er die Semantik beiseite und konzentriert sich hauptsächlich auf die grammatikalischen Unterschiede, die die Satztypen aufweisen. Somit kommt er zu den drei Hauptsatztypen der finnischen Sprache. Um die weiteren Untertypen zu ermitteln, beachtet er die Bedeutung der verschiedenen Satztypen. Auf diese Weise kommt er zu einem sehr unterschiedlichen System. Die marginale puhki-Konstruktion z. B. braucht als kein eigenständiger Satztyp betrachtet werden; zwei Beispiele beweisen, dass die Konstruktion in ihrer Variationen entweder als intransitiv oder als existential gelten kann. Die possessiven Sätze sind ein Untertyp der Existentialen, da der Unterschied zwischen LOK und POSS bei Hakulinen und Karlsson rein semantisch ist. Die zwei fasst Vähämäki als Adverbialphrasen auf, die durch einen Lokalkasus markiert sind. Die tulosrakenne klassifiziert er auch als einen Untertyp der eksistentiaailause, weil sie eine ähnliche Satzstruktur hat.

Die wichtigste Aussage Vähämäkis in diesem Artikel ist, dass es eigentlich zwei Hauptsatztypen im Finnischen gibt: Existentialsätze und Nichtexistentialsätze, die restlichen Satztypen können als Untertypen dieser zwei gelten. Nur der bei Hakulinen und Karlsson sogenannte kokijalause (Experiencer sentence bei Vähämäki) darf als eigenständiger Typ betrachtet werden, weil: „that does not seem to fit either pattern.“7 Folglich gibt es drei Hauptsatztypen - „those with mandatory nominative in the initial NP, [...] and those either with the initial NP marked for Partitive [...] or some other cases [...] or lacking an initial NP altogether.”8 Weiterhin gibt es mehrere Untertypen dieser drei Gruppen. Die Nichtexistentialsätze teilen sich in den folgenden Kategorien auf: Transitive, Intransitive, Equative, Inclusion sent. Die Existentialsätze sind: Result sentence, Possessives, PART OF sentences, State sentence, Mensural Guant sentences, Sortal Quant sentences.9 Der Experiencer sentence hat keine Untertypen.

Vähämäki modernisiert und entwickelt das von Hakulinen und Karlsson gesetzte Anfangskonzept; er betrachtet die Satztypen unter verschiedenen Voraussetzungen und kommt dementsprechend zu verschiedenen Ergebnissen. Sein Hauptbeitrag äußert sich in der homogeneren Herangehensweise bei der Auswahl von Kriterien für die Klassifizierung.

2.3 Päivi Schot-Saikku, 1993 und 1995

In einem Artikel von 1993 verschafft Päivi Schot-Saikku einen ausführlichen Überblick über die momentan existierenden Satztypsystemen in der finnischen Linguistik. Sie setzt sich mit den Artikeln von Hakulinen und Karlsson, Eeva Kangasmaa-Minn, John Lyons, Martti Airila und Börje Vähämäki auseinander. Sie untersucht diese Systematisierungen auf ihre Stärken und Schwächen und führt selber einen Systematisierungsvorschlag am Ende des Artikels auf. Der zentrale Ansatz ist die Sätze in zwei größeren Gruppen aufzuteilen - mit oder ohne Verb- Subjekt Kongruenz. Die Nominalphrasen in den Sätzen ohne Verbkongruenz nennt sie

Oblique Frame types10 und schränkt diese auf lokative, genitive und partitive ein. Ihre Herangehensweise und Gebrauch von morphosyntaktischen Kriterien liefern eine simplifizierte, dennoch geltende Systematisierung.

In dem Artikel von 1995 erweitert sie ihr Konzept. Sie geht wieder von einem „peruslause“ aus: NP + V + X11. Die zwei Haupttypen sind wieder NP-nominative und NP-oblique, aber zu den oblique frames zählt sie auch den Fall NP=Ø, z. B.: Harmittaa.12 Die Sätze mit NP lokatiivi teilt sie darüber hinaus in solchen mit abstrakter und konkreter Bedeutung. Diejenigen, die einen Lokalkaus in abstraktem Sinne in der Nominalphrase aufweisen, unterscheiden sich von den konkreten auf semantischer Ebene - sie können omistus- oder muutos-Konstruktionen13 sein.

Das besondere bei Päivi Schot-Saikkus wissenschaftlicher Arbeit ist, dass sie alle bis jetzt gemachten Forschungen in Betracht zu nehmen versucht. Sie gibt eine Meinung zu den bis jetzt entstandenen Systemen und bemüht sich dazu, ihre Stärke in einem neuen und moderneren System einzubetten.

[...]


1 Soro, Maikki : Das Erstglied des deutschen und finnischen Aussagesatzes. Eine kontrastive Untersuchung anhand journalistischer und literarischer Texte. Tampere: Tampereen Yliopistopaino OY - Juvenes Print, 2007. S. 236.

2 Vähämäki, Börje K.: On definig basic sentences in Finnish. In: Koski, Mauno & Lähdemäki, Eeva & Häkkinen, Kaisa (red.), Fennistica festiva in honorem Göran Karlsson septuagenarii. Åbo: Åbo Akademis förlag, 174-188, 1987. S. 174.

3 Hakulinen, Auli & Karlsson, Fred: Nykysuomen lauseoppia. Helsinki: Suomalaisen kirjallisuuden seura, 91- 106, 1979. S. 91.

4 Hakulinen, Auli & Karlsson, Fred: 1979. S. 92.

5 Hakulinen, Auli & Karlsson, Fred: 1979. S. 93.

6 Hakulinen, Auli & Karlsson, Fred: 1979. S. 93.

7 Vähämäki, Börje K.: 1987. S. 185.

8 Vähämäki, Börje K.: 1987. S. 177.

9 Vgl. Vähämäki, Börje K.: 1987. S. 185-186.

10 Schot-Saikku, Päivi: What makes Finnish different? In: Holmberg, Anders & Nikanne, Urpo (eds.), Case and other functional categories in Finnish syntax. Berlin: Mouton de Gruyter, 207-224, 1993. S. 219.

11 Schot-Saikku, Päivi: Prototyyppisestä subjektista ja lausetyypeistä. In: Virittäjä 2/1995, 253-261. S. 258.

12 Schot-Saikku, Päivi: 1995. S. 258.

13 Schot-Saikku, Päivi: 1995. S. 258.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Existentialsatz in der finnischen Sprache
Untertitel
Eine Untersuchung anhand muttersprachlicher Texte verschiedener Herkunft, Stilistik und Zielsetzung
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V275773
ISBN (eBook)
9783656687122
ISBN (Buch)
9783656687115
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
existentialsatz, sprache, eine, untersuchung, texte, herkunft, stilistik, zielsetzung
Arbeit zitieren
Galina Koleva (Autor), 2010, Der Existentialsatz in der finnischen Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275773

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