Faulheit in Joseph von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

22 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Faulheit in Aus dem Leben eines Taugenichts
2.1 Begriffsdefinitionen: Faulheit vs. Müßiggang
2.2 Charakterisierung des Taugenichts
2.3 Der Taugenichts- ein Müßiggänger?
2.4 Die Welt des Taugenichts
2.5 Faule bzw. Fleißige Motive und Symbole
2.6 Die Faulheit des Textes

3 Schlussbemerkungen

4 Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,

Den schickt er in die weite Welt[1]

Dieses Zitat stammt aus der Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts von Joseph von Eichendorff, die im Jahr 1826, in literarischen Epoche der Romantik erschienen ist.

Dem romantischen Helden entsprechend, lässt der Protagonist dieser Erzählung alle bürgerlichen und konventionellen Maßstäbe hinter sich und bricht in die Welt auf, um diese zu entdecken und Abenteuer zu erleben. Sich selbst betrachtet der der junge Mann, wie aus dem Zitat ersichtlich wird, als Günstling Gottes, der nicht für die Arbeit, sondern zu wichtigeren Dingen auserkoren ist. Er ist derjenige, der aus den Zwängen seines Heimatortes ausbrechen darf. Von seinen Mitmenschen wird er jedoch nicht als Begünstigter angesehen, sondern als Faulpelz oder als Müßiggänger bezeichnet. Selbst sein eigener Vater beschuldigt ihn als Taugenichts (S. 6).

Im Rahmen dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit diese Bezeichnung als Taugenichts zutrifft. Ziel ist es dabei die Faulheit im Werk Eichendorffs möglichst ganzheitlich zu betrachten und zu diskutieren. Folglich soll nicht nur der Charakter des Protagonisten auf Anzeichen von Faulheit untersucht werden, sondern auch die anderen Personen, die in der Novelle auftreten, so wie die Motive, die Sprache und die Struktur des Textes. Vergleichend in die Analyse miteinbezogen werden stellenweise auch andere Charaktere der Literaturgeschichte, soweit ein solcher Vergleich sinnvoll erscheint. Vor dieser Analyse soll zunächst eine Unterscheidung der Begriffe Faulheit und Müßiggang vorgenommen werden. Diese Definitionen sind für eine Zuordnung der zu analysierenden Elemente wichtig. Zu Beginn der Arbeit soll die Figur des Taugenichts zunächst charakterisiert und dann auf Merkmale der Faulheit bzw. des Müßiggangs hin untersucht werden. Darauf hin folgt eine Erörterung spezifischer Topoi der Novelle, die faule bzw. fleißige Merkmale enthalten. Die Analyse endet damit, dass der Text in seiner Struktur und Sprache auf Faulheit hin untersucht wird. Zum Schluss sollen alle gewonnenen Ergebnisse in einem Resümee zusammengefasst werden. In erster Linie wird diese Arbeit versuchen, die Analyse vor allem anhand von Textstellen, immanent vorzunehmen und die dadurch erzielten Ergebnisse durch Forschungsliteratur zu vertiefen.

Die Literatur zu Joseph von Eichendorff im Allgemeinen und der Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts im Besonderen ist sehr umfangreich. Beispielsweise liefert das seit 1942 jährlich erscheinende Eichendorff-Jahrbuch Aurora zahlreiche Beiträge zu Eichendorffs Leben und Werk. Speziell zum Thema Faulheit war vor allem die Arbeit Poetik des Nicht(s)tuns: Verweigerungsstrategien in der Literatur seit 1800 aus dem Jahr 2008 von Leonhard Fuest relevant.

2 Faulheit in Aus dem Leben eines Taugenichts von Joseph von Eichendorff

2.1 Begriffsdefinitionen: Faulheit vs. Müßiggang

Faulheit ist der mangelnde Wille oder die bewusste Verweigerung sich anzustrengen und zu arbeiten. Es gibt verschiedene Interpretationsmöglichkeiten der Faulheit, vom absoluten Nichtstun bis hin zu einer Tendenz zur Trägheit.

Der Begriff der Faulheit bezeichnet wörtlich betrachtet ursprünglich den Zustand von schlecht gewordenem Obst oder der Verwesung von toten Tieren und Menschen. Demnach ist Faulheit mit dem Tod oder dem absoluten Nichts gleichzustellen. Als faule Menschen müsste man folglich diejenigen bezeichnen, die wortwörtlich nichts tun oder dem Tod nahe sind. Nun gibt es, wie bereits erwähnt, verschiedene Spielarten der Faulheit, die vom völligen Nichts-Tun weit entfernt sind. Dazu gehört auch der Müßiggang, der für diese Arbeit besonders relevant ist, da er dem Lebensstil des zu analysierenden Protagonisten, dem Taugenichts, am ehesten zu entsprechen scheint.

Es gibt zwei alternative Ansichten über den Müßiggang. Einerseits wird er als positive Variante der Faulheit gegenübergestellt. Der Müßiggang wird hier als das entspannte Leben, frei von Pflichten betrachtet, wobei der Müßiggänger das Leben mit vergnüglichen Tätigkeiten und geistigen Genüssen genießt. Der Müßiggänger tut nur, was er tun will, nicht, was er tun muss oder was von Nutzen wäre.[2] Der Müßiggang ist dieser Ansicht nach eine Lebenseinstellung, Teil eines Lebensprogramms, und auch keine undefinierte Zeit, wenn auch eine Zeit ohne Arbeit. Müßiggang sei höheren Ansprüchen unterstellt und wird als eine Zeit der Besinnung angesehen. Die Zeit der geistig-körperlichen Persönlichkeitsentfaltung oder die Erfrischungszeit der Arbeit. Muße ist nicht Nichtstun, sie ist geistige Tat.[3] Nichtstun gilt als Bedingung des Schöpferischen, ist gerade für Künstler demnach keine Zeitvergeudung, sondern unbedingt nötig, um kreative Arbeit leisten zu können.[4] Jedoch gibt es auch eine negativere Betrachtungsweise des Müßiggangs. Der Müßiggänger wird bei dieser zwar nicht als Nichtstuer angesehen, da er ja etwas tut, es wird aber gleichzeitig darauf hingewiesen, dass die Muße als legitime Form der Nicht-Arbeit vom Müßiggang zu unterscheiden ist. Während der Müßiggang als unmoralische Verschwendung von Zeit und Energie gilt, hat sich die Muße als geistige, moralische Tätigkeit etabliert. Der Müßiggang ist ein Akt gegen die Gesellschaft, der es aus seiner Passivität heraus nicht wirklich fertig bringt ein Akt zu sein. Müßiggang ist die größtmögliche Passivität bis hin zur Gleichgültigkeit und Selbstzerstörung. Faulheit und Müßiggang sind dieser Ansicht nach in ihrer Amoralität und Fehlerhaftigkeit miteinander verwandt, das sie keinen positiven Nutzen haben und sind der Muße wie der Arbeit entgegengesetzt. Der Müßiggänger ist dabei aber noch agiler als der Faulenzer.[5]

Die Müßiggänger verweigern sich jedoch im Gegensatz zu den Faulenzern nicht aus Antriebslosigkeit heraus der Arbeit. Sie entscheiden sich dazu bewusst aus dem Grund, dass sich ihnen die Sinnlosigkeit des immer Gleichen, sich wiederholenden offenbart. Eine regelmäßige Arbeit kommt ihnen zwecklos und stupide vor. Die lineare Zeit wird zu einer zirkulären, was zur Langeweile und Melancholie führt. Der Müßiggänger verweigert sich also der Arbeit, weil er die Langeweile fürchtet und sich davon Glück und Freiheit verspricht.[6]

In Folge soll der Versuch unternommen werden, diese Betrachtungsweisen auf den Taugenichts zu übertragen und festzustellen, inwieweit sie auf diesen zutreffen. Dafür muss zunächst eine allgemeine Charakterisierung des Taugenichts vorgenommen werden, bevor eine Einstufung als Müßiggänger bzw. Faulenzer angestrebt werden kann.

2.2 Charakterisierung des Taugenichts

Über die Herkunft des Taugenichts lässt sich nur wenig sagen. Er wächst als vermeintlich einziges Kind nach dem Tod seiner Mutter in der Obhut des Vaters auf, der eine Mühle betreibt (S. 5). Äußerlichkeiten werden in der Erzählung vom Taugenichts nur spärlich Preis gegeben. Der eigentliche Name des Protagonisten wird nicht erwähnt. Der Vater nennt ihn zu Beginn der Novelle „Taugenichts“ (S. 5). Ein Name, in dem bereits eine Bewertung impliziert ist. Denn während sein Vater bereits seit dem frühen Morgen seiner Arbeit nachgeht, ist der Taugenichts eben erst aufgestanden und genießt die Sonne (S. 5). Da der Vater dieses Verhalten bereits gewohnt zu seien scheint, ist davon auszugehen, dass der Sohn immer zu dieser Faulheit neigt. Mit der „Beschimpfung“ als Taugenichts wird die angestaute Wut des Vaters deutlich. Der richtige Name des Sohnes ist nicht relevant und wird auch in der weiteren Handlung nicht erwähnt. Der Sohn nimmt diesen Namen, den ihm sein Vater gibt an und identifiziert sich sogar damit. Er antwortet nämlich auf die Aufforderung seines Vaters, zu gehen wie folgt: „wenn ich ein Taugenichts bin, so ist´s gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen“ (S. 5). Er kehrt die negative Bedeutung des Begriffes, die ihm das Bürgertum verleiht, nämlich, dass ein Taugenichts „nichts taugt“ und es ihm Leben zu nichts bringen wird, um ins Gegenteil, nämlich, dass ein Taugenichts die Chance hat, Erfolg zu haben und glücklich zu sein.[7] Wie der Name ist auch das Alter des Taugenichts unbekannt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass er sich in einem Alter befindet, in dem seine Altersgenossen bereits angefangen haben zu arbeiten oder sich als fahrende Gesellen zu erproben. Denn schließlich wird ein solches Verhalten nun auch von ihm erwartet. Außerdem spricht er selbst von seinem „Milchbart“ (S. 49). Er hat also noch keinen richtigen Bartwuchs. Der Taugenichts befindet sich demnach noch in einem jugendlichen Alter von ca. 15 bis 18 Jahren. Das Aussehen des Taugenichts wird ebenfalls nicht näher beschrieben. Er muss aber etwas Gewinnendes an sich haben, denn zumindest auf Frauen wirkt er anziehend und wird von diesen mehrmals im Laufe der Handlung angesprochen. Da er problemlos in seiner Verkleidung für eine Frau gehalten wird, hat er wahrscheinlich androgyne Züge, die aber auch noch mit seinem jungen Alter zusammenhängen könnten. Sein anziehendes Äußeres hilft dem Protagonisten immer wieder in schwierigen Situationen durchs Leben. Der Taugenichts denkt und handelt nur für den heutigen Tag und macht sich keine Sorgen über den nächsten Morgen. Welche Ziele die Hauptfigur verfolgt, ist unklar. Er spricht davon, in die Welt hinauszugehen und sein Glück zu machen (S. 5). Auf welche Art dies geschehen soll, weiß er wohl selbst nicht. Er hat keine beruflichen Ambitionen. Es scheint eher so, als müsste der junge Mann erst einmal aus seinem Heimatort hinaus, um feststellen zu können, was er sich vom Leben erwartet und wie er sich seine Zukunft vorstellt. Bis dahin wird er einfach in den Tag hinein leben.

[...]


[1] Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts, Stuttgart 2001, S. 6.

Zitate dieser Ausgabe werden im Folgenden durch Seitenangaben in Klammern im Fließtext belegt.

[2] Vgl. Gert Mattenklott: Blindgänger: Physiognomische Essais, Frankfurt am Main 1986, S. 44.

[3] Vgl. Ebd.

[4] Vgl. Ebd., S. 46.

[5] Vgl. Leonhard Fuest: Poetik des Nicht(s)tuns: Verweigerungsstrategien in der Literatur seit 1800, München 2008, S. 22.

[6] Vgl. Ebd., S. 23.

[7] Vgl. Wolfgang Paulsen: Eichendorff und sein Taugenichts: Die innere Problematik des Dichters in seinem Werk, Bern und München 1976, S. 14.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Faulheit in Joseph von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts"
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Literatur und Medien)
Veranstaltung
Faulheit in Literatur und Film
Note
2,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V275806
ISBN (eBook)
9783656687610
ISBN (Buch)
9783656687597
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Taugenichts, Joseph von Eichendorff, Faulheit, Müßgiggang
Arbeit zitieren
Stephanie Knauer (Autor), 2012, Faulheit in Joseph von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275806

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