„Geschichte ist nicht im gleichen Sinne offen wie die Zukunft, aber offen ist sie auch.“ Dieser Satz stammt aus einem aktuellen Artikel zur deutschen Geschichte des Magazins Der Spiegel. Weiter heisst es darin, dass man so tue „als gäbe es historische Wahrheiten, aber die gibt es nicht. Es gibt nur einen Stand der Forschung, der Lücken hat, die mit Spekulationen gefüllt werden, mit Interpretationen.“ Diese Aussage verwundert nicht. Denn seit jeher speisen sich diese Spekulationen und Interpretationen bereits aus dem Wort Geschichte, welches im Deutschen eine doppeldeutige Bedeutung aufweist: Res gestae und historia rerum gestarum. Vergangenes Geschehen und der Umgang mit diesem vergangenen Geschehen. Es bezeichnet somit „sowohl das Objekt der Darstellung wie die Darstellung des Objekts“. Diese Ambivalenz und die Schwere, gar Unmöglichkeit, das Gegenstandsobjekt, also das vergangene Geschehen, vom individuellen Erkenntnissubjekt, also dem Erzähler, loszulösen, lässt darauf schließen, dass die Geschichtswissenschaft verglichen mit der Naturwissenschaft „durch die jeweilige Gegenwart und ihre Interessen in besonderer Weise motiviert“ ist. Die Vergangenheit steht somit im steten Dialog mit der Zeit und dem Erzähler. Positiv ausgedrückt: „Die Vergangenheit lebt; sie schwankt im Lichte neuer Erfahrungen und Fragestellungen“. Negativ ausgedrückt ist die Vergangenheit jedoch tot. Sie ist vor Manipulation und Ausbeutung nicht geschützt.
Die vorliegende Arbeit versucht dieser potentiellen Manipulation von Geschichte, in diesem Falle speziell durch Politiker, näher zu kommen. Dazu werden drei ausgewählte Texte untersucht, die sich mit unterschiedlichen Zeit- und Kulturräumen befassen. Kapitel 2 stellt die Protagonisten und wichtigsten Kernpunkte dieser Texte dar. Kapitel 3 widmet sich den theoretischen Grundlagen und gibt die in den Texten auftauchenden Begrifflichkeiten und Theorien wie den Historismus, Strukturalismus, Poststrukturalismus, die Hermeneutik, Semiotik, die linguistische Wende und die Historische Diskursanalyse knapp wieder. Auch werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Theorien aufgezeigt. Auf Basis dessen wird in Kapitel 4 folgenden zwei Leitfragen nachgegangen:
1. Wie lassen sich die drei vorliegenden Texte wissenschaftstheoretisch einordnen?
2. Existiert ein roter einigender Faden in den Grundaussagen dieser Texte?
Kapitel 5 gibt schließlich eine kurze Zusammenfassung.
Inhaltsverzeichnis
1. Geschichte im steten Dialog mit dem gegenwärtigen Individuum
2. Instrumentalisierung der Geschichte anhand dreier Beispiele
2.1. Der Sinn der tschechischen Geschichte
2.2. Zur Instrumentalisierung historischen Wissens in der politischen Diskussion
2.3. „Kolumbus des Kosmos“ – Der Kult um Jurij Gagarin
3. Sprache und Individuum in den geschichtswissenschaftlichen Theorien
3.1. Mangelnde Objektivität bei Sprache und Individuum
3.2. Historismus und Strukturalismus
3.3. Poststrukturalismus und Historische Diskursanalyse
4. Vergleichende kritische Analyse
4.1. Wissenschaftstheoretische Einordnung der drei Texte
4.2. Einigender roter Faden und konzeptionelle Unterschiede innerhalb der drei Texte
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Instrumentalisierung von Geschichte durch Akteure aus dem politischen Spektrum anhand von drei ausgewählten Textbeispielen aus unterschiedlichen Zeit- und Kulturräumen. Ziel ist es, ein theoretisches Verständnis für diese Manipulationsprozesse zu entwickeln, wobei der Schwerpunkt auf dem Zusammenspiel von Sprache, Individuum und machtpolitischer Darstellung liegt.
- Analyse der Instrumentalisierung von Geschichte durch Politiker
- Vergleichende Untersuchung von drei historischen Fallbeispielen
- Theoretische Grundlagen: Historismus, Strukturalismus, Poststrukturalismus
- Einsatz der Historischen Diskursanalyse zur Untersuchung sprachlicher Muster
- Reflexion über die Rolle des Individuums als Erzähler von Geschichte
Auszug aus dem Buch
2.3. „Kolumbus des Kosmos“ – Der Kult um Jurij Gagarin
Weitere 34 Jahre später erschien der 30-seitige Artikel des Historikers Klaus Gestwa in der Zeitschrift Osteuropa zum Thema Kooperation trotz Konfrontation – Wissenschaft und Technik im Kalten Krieg. Der Text handelt von dem Personenkult um Jurij Gagarin zu Zeiten des Kommunismus im Speziellen und dem Kosmonautenkult in Russland im Allgemeinen. Die Beurteilung der Geschichte Gagarins liest sich dabei wie ein Zick-Zack-Kurs. Nach dem Raumflug 1961 wird Gagarin als „Kolumbus des Kosmos“ frenetisch gefeiert. Chruščev fördert daraufhin den Kult des „neuen Sowjethelden“. Nach dem tragischen und bis heute umstrittenen Tod Gagarins 1968 verewigt sich schließlich dessen Heldenstatus. In den 1980er Jahren wird Gagarin jedoch von seinem Heldensockel geholt und an den Pranger gestellt. Diese Heldenmontage gipfelte im verwegenen Vorwurf, der Flug ins All sei bloße Inszenierung gewesen. Anfang der 1990er Jahre wird Gagarin schließlich politisch neutral als Symbol für Techno-Veranstaltungen in Russland aufgegriffen. Heute benutzt die „Moskauer Geschichtspolitik“ um Putin den Kult Gagarins mit dem Ziel die „russländische Gesellschaft zusammenzuhalten“. Wie wichtig die Person Jurij Gagarin für Russlands Staatslenker und die Gesellschaft ist, zeigt sich daran, dass russische Medien den Erstflug Gagarins ins Weltall zum herausragendsten Ereignis des 20. Jahrhunderts kürten. Des Weiteren wurde 1998 und 2007 die Ausstrahlung zweier Filmproduktionen in Russland untersagt, da diese das Ansehen und die Leistung Gagarins und der russischen Raumfahrt angeblich beschädigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Geschichte im steten Dialog mit dem gegenwärtigen Individuum: Einführung in die Problematik der Geschichtsschreibung und die Unmöglichkeit, vergangene Ereignisse neutral und losgelöst vom Erzähler zu betrachten.
2. Instrumentalisierung der Geschichte anhand dreier Beispiele: Detaillierte Darstellung der drei ausgewählten Texte, die sich mit der tschechischen Geschichte, politischen Debatten und dem Kult um Jurij Gagarin befassen.
3. Sprache und Individuum in den geschichtswissenschaftlichen Theorien: Theoretische Auseinandersetzung mit Ansätzen wie dem Historismus, Strukturalismus und der Historischen Diskursanalyse in Bezug auf sprachliche Strukturen.
4. Vergleichende kritische Analyse: Wissenschaftstheoretische Einordnung der Texte sowie Aufzeigen inhaltlicher Gemeinsamkeiten hinsichtlich der politischen Instrumentalisierung historischer Narrative.
5. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse und Beantwortung der Leitfragen unter Berücksichtigung der theoretischen Kontexte und der zeitlichen Entwicklung der Instrumentalisierung.
Schlüsselwörter
Instrumentalisierung, Geschichte, Geschichtswissenschaft, Politik, Historismus, Strukturalismus, Poststrukturalismus, Diskursanalyse, Narrativ, Ideologie, Identität, Sprache, Subjektivität, Jurij Gagarin, Tschechische Geschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Phänomen der politischen Instrumentalisierung von Geschichte und untersucht, wie historische Ereignisse von Akteuren zielgerichtet interpretiert und für parteiliche Zwecke genutzt werden.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die Objektivität in der Geschichtswissenschaft, die Wechselwirkung zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die Rolle der Sprache bei der Konstruktion historischer Identitäten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu ergründen, wie sich drei verschiedene Texte wissenschaftstheoretisch einordnen lassen und ob ein einigender roter Faden in der Art und Weise existiert, wie Geschichte instrumentalisiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen interdisziplinären Ansatz unter Einbeziehung von geschichtstheoretischen Konzepten wie dem Historismus, dem Strukturalismus und der Historischen Diskursanalyse.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung der Fallbeispiele (tschechische Geschichte, politische Parlamentsdebatten, Gagarins Personenkult) und eine theoretische Reflexion über Sprache und Individuum, gefolgt von einer vergleichenden Analyse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wesentliche Begriffe sind Instrumentalisierung, Geschichte, Diskursanalyse, Ideologie und die Rolle des Erzählers im geschichtlichen Prozess.
Wie unterscheidet sich der Umgang mit Geschichte bei Pekař im Vergleich zu Gestwa?
Während Pekař noch stark in der Tradition des Historismus verhaftet ist und nach einer objektiven Wahrheit sucht, nutzt Gestwa diskursanalytische Methoden, um die wechselnde Instrumentalisierung Gagarins über Jahrzehnte hinweg aufzuzeigen.
Warum wird Gagarins Personenkult als ein „Zick-Zack-Kurs“ bezeichnet?
Dies beschreibt die wechselhafte Stilisierung Gagarins – vom sowjetischen Helden über die Entzauberung als „Inszenierung“ bis hin zum heutigen Symbol für die nationale Identität Russlands unter Putin.
Welche Bedeutung kommt dem Individuum als Erzähler von Geschichte zu?
Der Erzähler ist in der Geschichtswissenschaft zwangsläufig subjektiv; seine Wahrnehmung und Interessen prägen maßgeblich, wie die Vergangenheit erinnert und gedeutet wird.
- Citation du texte
- Andrej Richter (Auteur), 2014, Instrumentalisierung von Geschichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275810