Zur Bedeutung von Körper und Medien in Ammanitis "L'ultimo capodanno dell'umanità" und Noves "Il mondo dell'amore"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Phänomen der giovani scrittori
2.1 Die giovani scrittori der 1980er Jahre
2.2 Die giovani scrittori der 1990er Jahre

3. Ammanitis L’ultimo capodanno dell’umanità
3.1 Biografische Angaben
3.2 Struktur und Inhalt der Erzählung
3.3 Die Verknüpfung von Körper und Medien

4. Noves Il mondo dell’amore
4.1 Zum Autor
4.2 Zum Werk
4.3 Der Zusammenhang von Körper und Medien

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturangabe

1. Einleitung

Lange Zeit war das staatliche Fernsehen in Italien gegenüber anderen Ländern Europas im Rückstand.[1] Als jedoch 1976 der erste landesweit zu empfangende Privatsender eingeführt wurde (was in Deutschland erst 1984 geschah), kam es zu einem gehörigen Aufschwung des Mediums, was den Fernsehkonsum der Italiener steigen ließ und ihnen einen europäischen Spitzenrang sicherte.[2]

Seit den 1980er Jahren entwickelte sich aufgrund des immer invasiver werdenden Mediums Fernsehen und dessen Omnipräsenz ein neues Konkurrenzverhältnis zwischen Literatur und technischen Kommunikationsmitteln. Daraufhin reflektierten Schriftsteller aller Altersklassen die Bedeutung von Film und Fernsehen für die Literatur und deren Schaffenden. Jüngere Autoren, d.h. die giovani scrittori der 1980er Jahre, vertraten die Auffassung, man bräuchte eine neue Literatur, die sich den Herausforderungen, die die Massenmedien an sie stellte, nicht verschloss – eine Meinung, die viele ältere Autoren nicht teilten.[3] Während die alten Schriftsteller die Literatur von den visuellen Medien abgegrenzt wissen wollten, akzeptierten die jungen die Koexistenz beider Ausdrucksmittel und wollten „Film und Fernsehen als bewusstseins- und wahrnehmungsprägende Bestandteile des allgemein verfügbaren Kulturguts in die Literatur [einbeziehen]“, da „[d]er Leser […], wie auch der Schriftsteller selbst, in seiner Realitätswahrnehmung inzwischen vorrangig (multi-)medial geprägt [sei] […]“.[4] Wenn sich schon jene Autoren, deren Sozialisation sich im Wandel von einer schwach zu einer stark mediatisierten Welt vollzogen hat, mit dem Thema beschäftigen, so lässt sich erahnen, dass sich die Lage für die nächste Autorengeneration noch verschärft hat. Diese Autoren, Anfang/Mitte der 1970er Jahre geboren, wurden vollständig in einer stark mediatisierten Welt sozialisiert. Von Kindesbeinen an hat sie das Fernsehen etc. beeinflusst und geprägt.[5]

Die Bücher, die Autoren wie Aldo Nove, Niccolò Ammaniti u.a. in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts zu publizieren begannen, simulieren Filme oder Videoclips. Das Fernsehen ist nicht länger ein Fremdkörper, sondern findet Eingang in die Literatur und wird zum privilegierten intertextuellen Referenzpunkt, d.h. „[v]on der Fotografie, dem Film oder den ,Neuen Medien‘ wird nicht nur berichtet, vielmehr werden die ästhetischen Konzepte von Film, Fernsehen, Video und Internet in den literarischen Kontext evoziert.“[6]

Neben der bereits angesprochenen Intermedialität zeichnen sich die Werke der giovani scrittori v.a. durch die ausgiebige und schonungslose Darstellung extremer Gewalt aus. Menschen werden oftmals vergewaltigt, massakriert, getötet. Charakteristisch für die Texte jener Autoren ist also die Präsenz der Medien, denen der Körper der Protagonisten gegenübersteht.

Ich möchte im Folgenden die Bedeutung von Körper und Medien in den Werken der giovani scrittori d er 1990er Jahre erörtern. Jener Sachverhalt wird untersucht am Beispiel von Niccolò Ammanitis L’ultimo capodanno dell’umanità sowie anhand Aldo Noves Erzählung Il mondo dell’amore. Da beide Autoren zu den sog. giovani scrittori gezählt werden, bietet es sich an, zunächst diese Gruppe von Literaturschaffenden zu betrachten.

2. Das Phänomen der giovani scrittori

2.1 Die giovani scrittori der 1980er Jahre

Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts stand der italienischen Erzählliteratur ein Generationswechsel bevor, der in Zeitschriften mit dem Sammelbegriff giovani scrittori[7] belegt wurde. Unter dem Etikett wurden einerseits Schriftsteller zusammengefasst, die mit ihrem Werk in den 1980er Jahren debütierten – wie Aldo Busi (*1948), Andrea De Carlo (*1952), Daniele Del Giudice (*1949) und Pier Vittori Tondelli (*1955) –, andererseits zählten auch Autoren zu der Gruppe, die zwar schon in den 1970er Jahren publizierten, aber erst in den 80ern Erfolge verbuchen konnten. Dazu gehören z.B. Stefano Benni (*1948) und Antonio Tabucchi (*1943).[8]

Im Januar 1986 organisierten Redakteure des Espresso einen Runden Tisch, um mit Literaten verschiedener Generationen über die damalige italienische Literatur sowie die Bezeichnung giovani scrittori, die von den Betroffenen abgelehnt wurde, zu debattieren. Doch selbst wenn die Vertreter der giovani scrittori es missbilligten als Kollektiv betrachtet und bezeichnet zu werden, führte ihr Aufbegehren nicht dazu, dass von der Bezeichnung abgerückt wurde. Der Terminus etablierte sich, so dass die Werke der giovani scrittori entsprechend auch als Literatur des giovanilismo bezeichnet werden können.[9]

Die giovani scrittori betonten stets ihre Individualität. Da sich eine Gruppe aber durch gemeinsame Interessen und Ziele auszeichnet, stellt sich die Frage, inwiefern die Gruppenbezeichnung überhaupt berechtigt ist. Gibt es – trotz der Unterschiedlichkeit ihrer Werke – Gemeinsamkeiten, die das ihnen auferlegte Etikett einer Gruppe rechtfertigen? Wie sehr sich die giovani scrittori in ihren Intentionen voneinander auch unterscheiden mögen, in einem Punkt stimmen sie vollkommen überein: in der Absage an bestimmte Aspekte vergangener Literaturmodelle. Sie kehren sich ab von der gruppo 63, einer Gruppe von Neoavantgardisten der 1960er Jahre, dem Neorealismus mit seinem politischen und sozialen Engagement sowie dem Regionalismus.[10] Diese Abkehr geht einher mit der Verehrung Calvinos und Ecos, denen „eine Vorläufer- und Auslöserfunktion für das Phänomen der giovane narrativa zukommt“.[11] Wie in den Werken Calvinos und Ecos lässt sich auch bei den giovani scrittori eine Rückkehr zum Erzählen und zur Lesbarkeit erkennen. Man besinnt sich zurück auf die Gattung des Romans, was auf ein „post-avantgardistische[s] Interesse an etablierten Erzählformen“[12] zurückgeführt wird.

Auch bereits Existentes findet mittels Entlehnung und Montage Eingang in die Texte der giovanni scrittori und kommt damit ihrem oftmals episodenreichen, fragmentarischen Erzählen entgegen. Sie wechseln zwischen sprachlichen Registern und nehmen sowohl auf literarische als auch auf außerliterarische Modelle Bezug. Dementsprechend wurde Literatur im eigentlichen Sinne mit anderen medialen Erscheinungsformen wie Comics, Musik, Malerei, Film und Fernsehen etc. kombiniert.[13] Neben der eben angesprochenen Intermedialität zeichnen sich die Texte der giovani scrittori durch Autoreflexivität und -thematismus sowie Intertextualität und Zitierfreudigkeit aus.[14]

Betrachtet man die erwähnten Charakteristika, d.h. die Absage an vergangene literarische Modelle, die Hinwendung zu Texten Calvinos und Ecos und v.a. die neu erwachte Lust am Erzählen, so lassen sich doch einige Übereinstimmungen erkennen, die es erlauben, die giovani scrittori als „einigermaßen kompakte[s] Kollektivphänomen“[15] zu bezeichnen.

2.2 Die giovani scrittori der 1990er Jahre

In den 90er Jahren vollzieht sich ein erneuter Generationenwechsel in der italienischen Literatur. Bernadi spricht in diesem Zusammenhang von ”the rise of the young writers.“[16] Ähnlich wie in den 80er Jahren gab es eine Welle von Neuerscheinungen, die in kürzester Zeit mittels ausgefeilter Publicity an den Leser gebracht wurden. Die Unterstützung der großen Verlagshäuser kam dabei nicht von ungefähr. Da sie die Werke der jungen Autorengeneration als ”fashionable and marketable“[17] einstuften, erkannten sie in ihnen die Möglichkeit, neue Leserkreise zu erschließen. Erneut wählen Kritiker das Etikett giovani scrittori. Als Vertreter der Gruppe sind u.a. zu nennen: Niccolò Ammaniti (*1966), Silvia Ballestra (*1969), Enrico Brizzi (*1974), Giuseppe Culicchia (*1965), Aldo Nove (*1967), Isabella Santacroce (*1968), Tiziano Scarpa (*1963).[18]

Die Autoren waren sehr erfolgreich, was sich nicht nur anhand guter Verkaufszahlen unter der jungen Leserschaft zeigte, sondern auch an der Wertschätzung, die sie von älteren Intellektuellen erfuhren. Genau genommen handelte es sich hierbei um Mitglieder der ehemaligen gruppo 63, einem einflussreichen Bund von Avantgarde-Theoretikern und -Schriftstellern aus den 60er Jahren. Eben diese Gruppe sah in den Werken der giovani scrittori die Fortsetzung ihres eigenen literarischen Schaffens und bot ihnen kritische Unterstützung.[19] 1996 kam es anlässlich eines Kongresses, der seit 1993 jährlich unter dem Titel Ricercare. Laboratorio di Nuove Scritture in Reggio Emilia stattfand, zu einer breit angelegten öffentlichen Diskussion des Phänomens. Die giovani scrittori waren in aller Munde, füllten Zeitungen und Fernsehsendungen.[20] Trotz der hohen Auflagen, die die Werke erzielten, gab es Kritiker, die sie als Texte des ”respiro corto“[21] kritisierten. Schon allein durch die mit den Werken einhergehende Polemik wurden sie zu einem Medienereignis der späten 90er Jahre. Die Autoren traten in Talkshows auf, ihre Lesungen erinnerten mehr an Popevents als an literarische Vorträge.[22] „Mit den Arbeiten der giovani scrittori der 90er Jahre beginnt die Blüte einer Literatur, die sich mit den Lebensumständen von Jugendlichen auseinandersetzt.“[23] Dieser Trend, der sich schon in den 80er Jahren mit Texten von De Carlo und Tondelli abzeichnete, ist der Schlüssel zum Erfolg innerhalb der jungen Leserschaft. Da die Literatur jener Autoren um die Themen Liebe, Sexualität, Drogen, Musik, Einsamkeit, Generationskonflikte, Identitätsfindung sowie die Diskrepanz zwischen Anpassung und Rebellion kreist, weist sie einen hohen Aktualitätsbezug zur Lebenswirklichkeit ihrer Leser auf und weckt so ihr Interesse. Daneben werden zahlreiche Texte veröffentlicht, die seitens der Kritiker in Anlehnung an Tarantinos Film Pulp Fiction mit dem Schlagwort letteratura pulp belegt werden. Zu den Verfassern solcher Texte zählen u.a. Ammaniti und Nove, um deren Werke es im Folgenden gehen soll.

[...]


[1] So wurde z.B. das Farbfernsehen in Italien erst 1977 eingeführt – 10 Jahre später als in Deutschland.

Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Fernsehen#Fernsehen_in_Deutschland (Zugriff: 14.07.2013).

[2] Vgl. Kattenbusch, Dieter (1997): „Italien“, in: Goebl, Hans et al. (Hg.): Kontaktlinguistik. Halbband 2, Berlin, New York: de Gruyter, S. 1318-1329, hier: S. 1321.

[3] Vgl. Rajewsky, Irina O. (2003a): Intermediales Erzählen in der italienischen Literatur der Postmoder- ne: Von den giovani scrittori der 80er zum pulp der 90er Jahre, Tübingen: Narr, S. 5f.

[4] Ebd., S. 6.

[5] Vgl. ebd., S. 7.

[6] Schrader, Sabine (2006): „,La testa gli esplose‘ – Körper und Medien in den Texten der giovani scrittori

der 1990er Jahre“, in: Hülk, Walburga et al. (Hg.): (Post-)Gender. Choreographien/Schnitte, Bielefeld: transcript-Verl., S. 85-100, hier: S. 85.

[7] Man findet mitunter auch die Bezeichnungen giovani narratori/giovane narrativa und seit den 1990er Jahren ebenso nuovi narratori/nuova narrativa so z.B. in, wie bereits am Titel ersichtlich, La Porta, Filippo (1995): La nuova narrativa italiana. Travestimenti e stili di fine secolo, Torino: Bollati Boringhieri.

[8] Vgl. Rajewsky (2003a), S. 80.

[9] Vgl. ebd., S. 80f.

[10] Vgl. Schulze-Witzenrath, Elisabeth (32006[1998]): Literaturwissenschaft für Italianisten. Eine Einfüh- rung, Tübingen: Narr, S. 125.

[11] Rajewsky (2003a), S. 82.

[12] Föcking, Marc (1998): „Mimesis und Gewalt. Gewaltdarstellung nach dem Ende der Repräsentation (Sanguineti, Calvino, Tabucchi)“, in: Brockmeier, Peter/Fischer, Carolin (Hg.): Gewalt der Geschichte – Geschichten der Gewalt. Zur Kultur und Literatur Italiens von 1945 bis heute, Stuttgart: Metzler, S. 167-190, hier: S. 174.

[13] Vgl. Rajewsky (2003a), S. 84.

[14] Vgl. Kurtz, Gunde (1992): Die Literatur im Spiegel ihrer selbst… Italo Calvino, Antonio Tabucchi – zwei Beispiele, Frankfurt am Main [u.a.]: Lang, S. 28f.

[15] Kuon, Peter (1993): „Rezension von Stefano Tani (1990): Il romanzo di ritorno. Dal romanzo medio degli anni sessanta alla giovane narrativa degli anni ottanta“, Milano: Mursia, in: Italienisch 29 (1993), S. 115-119, hier: S. 115.

[16] Bernadi, Claudia (1997): ” Pulp and Other Fictions: Critical Debate on the New Italian Narrative“, in: Bulletin of the Society for Italian Studies 30 (1997), S. 3-8, hier: S. 3.

[17] Ebd.

[18] Vgl. Rajewsky (2003a), S. 200.

[19] Vgl. Bernadi (1997), S. 3.

[20] Vgl. Rajewsky (2003a), S. 200.

[21] Ferroni, Guido (1996): Dopo la fine: Sulla condizione postuma della letteratura, Torino: Einaudi, S. 152.

[22] Vgl. Schrader (2006), S. 86f.

[23] Rajewsky (2003a), S. 200.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Zur Bedeutung von Körper und Medien in Ammanitis "L'ultimo capodanno dell'umanità" und Noves "Il mondo dell'amore"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V275829
ISBN (eBook)
9783656687818
ISBN (Buch)
9783656687795
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
giovani scrittori, Aldo Nove, Aldo 9, Ammaniti, L'ultimo capodanno dell'umanità, Il mondo dell'amore, letteratura pulp., Gioventù cannibale, cannibali
Arbeit zitieren
Patrizia Scamarcio (Autor), 2013, Zur Bedeutung von Körper und Medien in Ammanitis "L'ultimo capodanno dell'umanità" und Noves "Il mondo dell'amore", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275829

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