Worin besteht der Unterschied zwischen dem Verstehen und einem Interpretieren? Welche Aktionen und Hintergründe stehen hinter diesen beiden Handlungen? Was macht den Unterschied zwischen einem Verstehen einer Sache und dem zu diesem scheinbar nicht identischen Interpretieren?
Dieser Frage möchte ich hier nun nachgehen unter Bezugnahme auf die Bedeutung eines solchen Unterschieds innerhalb der soziologischen Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens. Dadurch, dass sich das Verstehen vom Interpretieren unterscheidet, verändert sich auch die Grundlage der wissenschaftlichen Arbeiten mittels dieser beiden Methoden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sprachlicher Unterschied
3. Hermeneutik
4. Verstehen und Interpretieren in der Hermeneutik
4.1. Interpretieren in der Hermeneutik
4.2. Verstehen in der Hermeneutik
5. Methode des Verstehens von Alltäglichem
5.1. Rationalität in der Soziologie
5.2. Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis
5.3. Indexikalität
6. Verstehen und Interpretieren als Erfahrungen
7. Der intendierte Ausdruckssinn
8. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den fundamentalen Unterschied zwischen "Verstehen" und "Interpretieren" innerhalb soziologischer Forschungsmethoden. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie beide Konzepte als methodische Zugänge fungieren und welche Bedeutung ihnen zukommt, um den Erkenntnisprozess wissenschaftlich fundiert zu gestalten und dabei der Gefahr des sogenannten "Zirkels des Erkenntnisprozesses" zu entgehen.
- Semantische und philosophische Abgrenzung der Begriffe Verstehen und Interpretieren
- Die Rolle der Hermeneutik in den Geistes- und Sozialwissenschaften
- Analyse alltäglicher Handlungen durch die dokumentarische Methode
- Bedeutung der Indexikalität in der natürlichen Sprache und Sozialforschung
- Methoden der rekonstruktiven Sozialforschung zur Vermeidung des Erkenntniszirkels
Auszug aus dem Buch
4.1 Interpretieren in der Hermeneutik
Die Sozialwissenschaften, anders als Naturwissenschaften, sind abhängig von der Fähigkeit des Interpretierens. Die Daten, mit welchen Sozialwissenschaftler arbeiten, sind vor-interpretierte Daten. Es handelt sich bei ihnen um „Konstruktionen von Konstruktionen“.5 Die Daten mit welchen die Sozialwissenschaft arbeitet sind nicht von vornherein als solche gegeben. Um in den Sozialwissenschaften an die Daten zu kommen bedarf es eines vorangestellten Schrittes der Methodik. Da die Sozialwissenschaft und somit auch die Soziologie sich mit dem Menschen und seinen Zwischenräumen untereinander beschäftigt, obliegt es den Wissenschaftlern zunächst einmal zu untersuchen, prüfen und zu definieren, womit gearbeitet werden soll, bevor es unter Nutzung der erarbeiteten Daten, an die Arbeit gehen kann.
Diese Daten werden im Rahmen interpretativer Vorgehensweisen gewonnen. Diese Vorgehensweisen richten sich nach alltäglichen Handhabungen. Die meisten Aktionen und Handlungen des Alltags erfolgen nicht im Rahmen einer exakten Planung und Prüfung, sondern sie sind eine Folge impliziten Wissens der Handelnden. Eine Gruppe an Individuen agiert aus Routine miteinander, ohne, dass es zu Komplikationen kommen muss, wegen fehlender Kenntnis des richtigen Umgangs miteinander. Innerhalb einer solchen Gruppe wirken unterschiedliche Rollenbilder aufeinander, welche ihre jeweilige Bedeutung untereinander haben. Um ein individuelles Handeln interpretieren zu können, muss auch erkannt werden, in welcher Rolle das Individuum agiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung formuliert die Forschungsfrage nach dem Unterschied zwischen Verstehen und Interpretieren und deren Relevanz für soziologische Methoden.
2. Sprachlicher Unterschied: Dieses Kapitel arbeitet die begrifflichen Differenzen zwischen einer punktuellen Definition beim Verstehen und einer mutmaßenden Sinngebung bei der Interpretation heraus.
3. Hermeneutik: Hier werden die hermeneutischen Grundlagen beleuchtet und die Problematik des Zirkels des Erkenntnisprozesses bei Gadamer kritisch diskutiert.
4. Verstehen und Interpretieren in der Hermeneutik: Dieses Kapitel differenziert die methodischen Zugänge der Hermeneutik und analysiert, wie soziale Daten konstruiert und interpretiert werden.
5. Methode des Verstehens von Alltäglichem: Es wird die Anwendung der dokumentarischen Methode zur Analyse alltäglicher Phänomene und der Rationalität in der Soziologie erläutert.
6. Verstehen und Interpretieren als Erfahrungen: Der Fokus liegt auf der Bedeutung unterschiedlicher Erfahrungsräume (konjunktiv vs. kommunikativ) für den Forschungsprozess.
7. Der intendierte Ausdruckssinn: Das Kapitel behandelt die Rekonstruktion von Sprecherintentionen und die Abgrenzung zum rein wörtlichen Sinn.
8. Schluss: Der Schluss fasst den Mehrwert der dokumentarischen und rekonstruktiven Sozialforschung zusammen, um Erkenntnisprozesse methodisch abzusichern.
Schlüsselwörter
Verstehen, Interpretieren, Hermeneutik, Sozialwissenschaften, dokumentarische Methode, Erkenntnisprozess, Indexikalität, Handlungsanalyse, Rekonstruktion, Habitus, Rationalität, Alltagssoziologie, Sinngebung, Sinnhorizont, Sozialforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der wissenschaftstheoretischen und methodischen Abgrenzung der Begriffe „Verstehen“ und „Interpretieren“ innerhalb der sozialwissenschaftlichen Forschung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Felder sind die Hermeneutik, die dokumentarische Methode, der Begriff der Indexikalität sowie die Rolle der Rationalität in der soziologischen Analyse.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu klären, wie durch eine präzise methodische Unterscheidung von Verstehen und Interpretieren ein Erkenntniszirkel vermieden und eine fundierte Interpretation sozialer Situationen erreicht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die Ansätze der rekonstruktiven Sozialforschung und der dokumentarischen Methode, wie sie unter anderem von Ralf Bohnsack und Karl Mannheim geprägt wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine philosophische Begriffsklärung, die methodologische Analyse des Verstehens von Alltagshandlungen und die Anwendung dieser Konzepte auf soziale Interaktionsstrukturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Verstehen, Interpretieren, Hermeneutik, dokumentarische Methode, Indexikalität und Rekonstruktion charakterisiert.
Was genau versteht man unter dem Zirkel des Erkenntnisprozesses in diesem Text?
Es ist ein methodischer Fehler, bei dem sich ein Forscher in seiner Argumentation auf Regeln beruft, die erst durch die Einhaltung ebendieser Regeln gefestigt werden – der Autor zeigt Wege auf, diesen durch kontrollierte Interpretation zu vermeiden.
Wie wird das Beispiel der „Columbidaephobie“ zur Verdeutlichung genutzt?
Das Beispiel illustriert, wie dieselbe soziale Situation (zwei Jungen und eine Taube) je nach Hintergrundwissen (Angststörung vs. normale Interaktion) zu völlig konträren Deutungen führt, was die Notwendigkeit einer rationalen Rekonstruktion unterstreicht.
- Arbeit zitieren
- Brandon Morrell (Autor:in), 2013, Verstehen und Interpretieren. Die Gefahr des Zirkels des Erkenntnisprozesses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275847