"Moralische Wochenschriften" als typische Periodika des 18. Jahrhundert


Hausarbeit, 2013
15 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Kapitel

1) Einleitung

2) Entstehung, Inhalt, Charakteristika, Verbreitung und Rezipienten der
Moralischen Wochenschriften
2.1) Entstehung, Inhalt und Charakteristika der Moralischen
Wochenschriften
2.2) Die Verbreitung und Rezipienten der Moralischen

Wochenschriften in Deutschland

3) Der "Patriot" als die bedeutsamste Moralische Wochenschrift Deutschlands

4) Fazit – Der Erfolg der Moralischen Wochenschriften und ihr Beitrag

zum Zeitschriftenwesen

5) Literaturverzeichnis

1) Einleitung:

"Die Moralischen Journale verbreiteten eine Weltanschauung, die sich nicht primär aufs Jenseits bezog, sondern die Möglichkeit propagierte, den Lebenssinn durch handelnde Bewährung in der Gesellschaft selbst, das heißt also: weltimmanent zu verwirklichen."[1]

Mit dieser Aussage betont Jürgen Jacobs die multidimensionalen Auswirkungen der Moralischen Wochenschriften als führende Zeitschriftengattung des 18. Jahrhunderts und bringt dadurch zum Ausdruck, dass ihnen viel mehr Bedeutung beigemessen werden muss, als einem gewöhnlichen Wochenblatt. Denn die Moralischen Wochenschriften markierten nicht nur einen Umbruch in der deutschen Pressegeschichte im Kontext der Aufklärung, sondern beeinflussten die Gesellschaft der damaligen Zeit maßgeblich.

Im Jahre 1761 erschien die erste Liste mit einer Übersicht der deutschen Moralischen Wochenschriften, welche bis dahin erschienen sind, unter Beck, welche 1931 von J. Kirchner unter dem Titel "Gesamtbibliographie des deutschen Zeitschriftenwesens bis 1790" ergänzt und vervollständigt wurde[2]. In den folgenden Jahren wurden dann stetig seperate Bereiche untersucht, wie z.B. die Eigenheiten der Sprache Moralischer Wochenschriften oder die Darstellung des Frauen- und Familienbildes in ihnen[3]. Die erste gründliche Erforschung der Moralischen Wochenschriften in ihrer Gesamtheit sieht Jacobs in der 1968 erschienen Arbeit von Wolfgang Martens, welcher sich unter anderem auch mit der Verbreitung, den Themen und der Funktion deutscher Moralischer Wochenschriften beschäftigte[4].

Die vorliegende Arbeit soll dem Leser einen Gesamteindruck und eine Vorstellung von den Moralischen Wochenschriften als Genre geben. Dazu wird in Kapitel 2 zunächst die Entstehung der Periodika thematisiert, sowie ihre Themen vorgestellt und die typischen Gattungsmerkmale mit Bezug auf die Herausgeber und deren Ziele analysiert. Des Weiteren wird auf die Verbreitung der Schriften in Deutschland eingegangen und das Publikum, sowie ihr Interesse an den Schriften erläutert. In Kapitel 3 wird der "Patriot" als bedeutsamste Moralische Wochenschrift Deutschlands vorgestellt und als exemplarisches Beispiel aufgeführt. Zuletzt wird in Kapitel 4 die zentrale Leitfrage nach den Erfolgsgeheimnissen der Periodika, sowie deren Beitrag zur Prägung der Gesellschaft und Pressegeschichte Deutschlands beantwortet.

Die vorliegende Arbeit soll dem Leser einen facettenreichen Einblick in die Wirkungsweise der Zeitschriften auf eine Gesellschaft geben, welche sich im Umbruch zur Aufklärung befand und

unter anderem durch die neue Zeitschriftengattung zu Kritikfähigkeit und Meinungsbildung fand.

2) Entstehung, Inhalt, Charakteristika, Verbreitung und Rezipienten der Moralischen Wochenschriften:

2.1) Entstehung, Inhalt und Charakteristika der Moralischen Wochenschriften:

Die Moralischen Wochenschriften waren zwischen Anfang und Mitte des 18. Jahrhunderts die vorherrschende Form der Unterhaltungspresse[5] und basierten auf den Aufklärungsgedanken, welche vermehrt kurz nach dem Ende des 30-jährigen Krieges aufkamen[6]. Ihre Blütezeit hatten besagte Periodika nach Auffassung Jacobs zwischen 1720 und 1770[7].

Die ersten Moralischen Wochenschriften erschienen im England des frühen 18. Jahrhunderts mit "The Tatler" (1709-1711), "The Spectator" (1711-1712 und 1714) und "The Guardian" (1713), allesamt herausgegeben von Richard Steele, wohingegen die Artikel nahezu vollständig vom Dichter und Gelehrten Josef Addison verfasst wurden[8]. Grund für das Aufkommen einer vollkommen neuen Art von Periodika war hauptsächlich der Sittenverfall in England um 1700, welchem Publizisten wie Steele durch moralisierende Artikel entgegenwirken wollten[9].

Der "Tatler" war ein "literarisch-journalistisches Experiment" und ausschließlich an die lokalen Leser, somit die Londoner Bürger, gerichtet[10]. Richard Steele orientierte sich unter anderem an den Reaktionen der Leser auf die Inhalte seiner Zeitschrift und richtete diese dementsprechend aus[11]. So kann man die Vermutung anstellen, dass der Herausgeber des "Tatlers" einen solch großen Erfolg verbuchen konnte, weil er stets ein weitreichendes Repertoire an Themenfeldern bedienen konnte und sich nicht auf eine bestimmte thematische Richtung versteifte und des Weiteren keine statische Haltung vertrat. So formulierte Steele die Themenfindung des "Tatlers" wie folgt: "[...] I shall, from time to time, report and consider all matters of what kind soever that shall occur to me and publish such my advices and reflections [...]"[12].

Die Moralischen Wochenschriften hatten es sich zum Ziel gesetzt, die Leser zu "Moral, Sittlichkeit

und ethischer Lebensführung" zu erziehen. Sie sollten die Leser "bilden und formen" und ihre Haltung und ihr Handeln beeinflussen[13]. Die Themenwahl richtete sich also darauf aus, an die Vernunft der Leser zu appelieren, wobei die Frage nach der Aktualität der Themen meist vollständig außen vor blieb[14]. Somit sahen sich die Publizisten der Aufgabe gegenüber, Information und Belehrung miteinander zu verknüpfen und ihre Artikel thematisch und sprachlich dementsprechend zu gestalten. Der Ton dieser Periodika musste also, der Intention gemäß, ein belehrender, moralisierender sein. Häufig gewählte Themen waren beispielsweise die Armenversorgung, sowie Erziehung und Bildung, wobei Frauenbildung von den Moralischen Wochenschriften als ganz neues Thema diskutiert wurde[15]. So erschienen "Die vernünftigen Tadlerinnen", eine Kopie des "Tatlers", 1725 als früheste deutsche Wochenschrift explizit für die Frau mit einer fingierten weiblichen Redaktion[16]. Generell kamen die Themen jedoch aus den verschiedensten Bereichen des Alltags und befassten sich unter anderem auch mit "Tabakrauchen, Kartenspiel, Todesfurcht, Aberglaube, Ehe und Mode"[17], sie befassten sich also mit Dingen des häuslichen und bürgerlichen Lebens, Dinge, die jeden Leser persönlich ansprachen[18]. Die Aufbereitung der Themen orientierte sich maßgeblich an Tugenden wie Ordnung, Fleiß, Solidarität, Sparsamkeit, Umsichtigkeit, Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit, wobei die Publizisten die Auffassung vertraten, dass nicht die Tugenden im Einzelnen, sondern im Ganzen von den Bürgern erfüllt werden sollten[19]. Menschliche Attribute, die gesellschaftlich diskreditiert wurden, wie z.B. Geiz, Eitelkeit, Arroganz oder Unehrlichkeit, wurden hingegen in den Moralischen Wochenschriften kritisiert[20]. Politische Themen wurden nahezu vollständig vermieden, denn eine Urteilsbildung über politische Verhältnisse wurde gesellschaftlich nicht akzeptiert[21].

Zudem gibt es zahlreiche Charakteristika bezüglich Aufbau und Gestaltung der Moralischen Wochenschriften. So ist eines der auffälligsten Merkmale der personalisierte Titel, wie z.B. bei den deutschen Moralischen Wochenschriften "Der Trotzkopf", "Der Greis", "Der Mann", oder "Die Frau", welche allesamt eine Stimme suggerieren[22]. Dies erzeugte somit den Effekt, dass der Leser in

der Zeitschrift ein Individuum sah[23]. Das wird dadurch belegt, dass noch heute Leserbriefe an besagte Zeitschriften erhalten sind, die personalisierte Anreden verwendeten, wie z.B. "An den Herrn Patrioten"[24]. Unmittelbar zu den personalisierten Titeln gehörte auch eine fiktive Verfasserfigur, welche es dem Herausgeber ermöglichte, eine direkte Verbindung mit dem Leser zu knüpfen durch die Verwendung der Ich-Form und der daraus resultierenden Intimität[25], so wählte Steele beispielsweise das Pseudonym "Isaac Bickerstaff" für seinen "Tatler"[26]. Zudem konnte durch diese Anonymität Kritik am gesellschaftlichen System jener Zeit geübt werden, ohne direkt Gefahr zu laufen, sich der Bedrohungen oder gar Bestrafung aussetzen zu müssen[27]. Doch die fiktive Verfasserfigur bot den Herausgebern beziehungsweise Autoren noch zahlreiche weitere Vorteile. Häufig beschrieben die Figuren zu Beginn der Zeitschrift ihren eigenen Charakter, zeigten einen kurzen, ebenfalls fingierten Lebenslauf auf und sprachen von zahlreichen Reisen in ferne Länder und ihren einflussreichen Freunden der Oberschicht[28]. Wilhelm Graeber fasst diese Merkmale wie folgt zusammen: "Auf diese Gestalt werden Attribute projiziert, die für die menschenkundliche Tätigkeit in besonderer Weise qualifizieren: Überdurchschnittliche Lebenserfahrung und Menschenkenntnis, ein fortgeschrittenes Alter [...], eine Außenposition unter den Menschen [...] und eine ausgesprochene Philanthropie"[29]. Sie stellten somit ein "positives Leitbild" dar[30]. Daraus kann man schließen, dass die fiktive Verfasserfigur nach Auffassung Graebers eine gewisse Authentizität schaffen sollte. Dieser "Charakter" der Zeitschrift bildete ihr Herzstück und definierte gleichsam den Schreibstil, sowie die Haltung zu gewissen Themen[31]. Außerdem wurde die Vorstellung des Charakters häufig dafür genutzt, eine Erklärung zur Absicht der jeweiligen Zeitschrift herauszugeben[32], wie z.B. in "Merckmaale der Tugend": "Die Besserung des Nächsten soll der durchgängige Endzweck unserer Blätter seyn"[33].

[...]


[1] Jacobs, J., Prosa der Aufklärung. Kommentar zu einer Epoche, München 1976, S. 48.

[2] Vgl. Martens, W., Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften, Stuttgart 1968, S. 7.

[3] Vgl. ebd., S. 6ff.

[4] Vgl. Jacobs, J., Prosa der Aufklärung. Kommentar zu einer Epoche, München 1976, S. 46.

[5] Vgl. Stöber, R., Deutsche Pressegeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Konstanz 2005, S. 88.

[6] Vgl. Böning, H., Welteroberung durch ein neues Publikum. Die deutsche Presse und der Weg zur Aufklärung. Hamburg und Altona als Beispiel, Bremen 2002, S. 220.

[7] Vgl. Jacobs, J., Prosa der Aufklärung. Kommentar zu einer Epoche, München 1976, S. 46.

[8] Vgl. Stöber, R., Deutsche Pressegeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Konstanz 2005, S. 89.

[9] Vgl. Graeber, W., Moralistik und Zeitschriftenliteratur im frühen 18. Jahrhundert. Van Effens und Marivaux' Beitrag zur Entwicklung des frühaufklärerischen Menschenbildes, Frankfurt a. Main/Bern/New York 1986, S. 13.

[10] Vgl. ebd. 16.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. ebd., S. 17.

[13] Vgl. Martens, W., Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften, Stuttgart 1968, S. 19.

[14] Vgl. Stöber, R., Deutsche Pressegeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Konstanz 2005, S. 88.

[15] Vgl. Böning, H., Welteroberung durch ein neues Publikum. Die deutsche Presse und der Weg zur Aufklärung. Hamburg und Altona als Beispiel, Bremen 2002, S. 242.

[16] Vgl. Stöber, R., Deutsche Pressegeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Konstanz 2005, S. 89.

[17] Martens, W., Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften, Stuttgart 1968, S. 15.

[18] Vgl. ebd., S. 19.

[19] Vgl. Böning, H., Welteroberung durch ein neues Publikum. Die deutsche Presse und der Weg zur Aufklärung. Hamburg und Altona als Beispiel, Bremen 2002, S. 241.

[20] Vgl. Martens, W., Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften, Stuttgart 1968, S. 15.

[21] Vgl. Jacobs, J., Prosa der Aufklärung. Kommentar zu einer Epoche, München 1976, S. 51f.

[22] Vgl. Stöber, R., Deutsche Pressegeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Konstanz 2005, S. 88 f.

[23] Vgl. ebd., S. 89.

[24] Vgl. ebd.

[25] Vgl. Böning, H., Welteroberung durch ein neues Publikum. Die deutsche Presse und der Weg zur Aufklärung. Hamburg und Altona als Beispiel, Bremen 2002, S. 237.

[26] Vgl. Graeber, W., Moralistik und Zeitschriftenliteratur im frühen 18. Jahrhundert. Van Effens und Marivaux' Beitrag zur Entwicklung des frühaufklärerischen Menschenbildes, Frankfurt a. Main/Bern/New York 1986, S. 16.

[27] Vgl. Böning, H., Welteroberung durch ein neues Publikum. Die deutsche Presse und der Weg zur Aufklärung. Hamburg und Altona als Beispiel, Bremen 2002, S. 237.

[28] Vgl. Martens, W., Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften, Stuttgart 1968, S. 30.

[29] Vgl. Graeber, W., Moralistik und Zeitschriftenliteratur im frühen 18. Jahrhundert. Van Effens und Marivaux' Beitrag zur Entwicklung des frühaufklärerischen Menschenbildes, Frankfurt a. Main/Bern/New York 1986, S. 63.

[30] Schneider, U., Der moralische Charakter. Ein Mittel aufklärerischer Menschendarstellung in den frühen deutschen Wochenschriften, in: Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, hrsg. v. Müller, U./Hundsnurscher, F./Sommer, C., Bd. 19, Stuttgart 1976, S. 78.

[31] Vgl. Martens, W., Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften, Stuttgart 1968, S. 30.

[32] Vgl. Jacobs, J., Prosa der Aufklärung. Kommentar zu einer Epoche, München 1976, S. 46.

[33] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
"Moralische Wochenschriften" als typische Periodika des 18. Jahrhundert
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V275860
ISBN (eBook)
9783656688068
ISBN (Buch)
9783656688051
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moralische, wochenschriften, periodika, jahrhundert
Arbeit zitieren
Deborah Heinen (Autor), 2013, "Moralische Wochenschriften" als typische Periodika des 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275860

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