Fassbinders Frauenbilder in „Lola“ und „Die Ehe der Maria Braun“


Hausarbeit, 2014

11 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Lola“

3. Die Ehe der Maria Braun

4. Die Nachkriegsgesellschaft

5. Fazit / Fassbinders Frauenbilder und die gesellschaftliche Realität

1. Einleitung

„Ja, das möchte ich gern. Mein Problem ist nur, dass sie mich nicht richtig mitmachen lassen.“1 So äußert sich die Figur Lola in dem gleichnamigen Film von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1981 und scheint für den Zuschauer nicht nur auf die im Film gestellte Frage geantwortet zu haben, sondern vielmehr die Lage der Frauen im Nachkriegsdeutschland zugespitzt und mit einem satirischen und leicht verzweifelten Unterton zu beschreiben. Neben Lola gab es auch zwei Jahre zuvor in Fassbinders Film „Die Ehe der Maria Braun“ eine weibliche Protagonistin, welche stets ihren Weg ging, zur Erreichung ihrer Ziele alles tat und dabei nie die Marionette eines Mannes wurde. Zwei Filme, zwei Frauenbilder - welches entsprach am ehesten der Wirklichkeit der Nachkriegsjahre, in welchen beide Filme spielen?

Zum Ende des zweiten Weltkriegs wurden immer mehr deutsche Männer einberufen und hinterließen neben ihren Familien oftmals auch ihre Arbeitsplätze, welche gerade in der Rüstungsindustrie schnellstmöglich wieder besetzt werden mussten. So musste die nationalsozialistische Regierung von ihrem über Jahre propagiertem Bild der Frau als Hausfrau und Mutter zumindest teilweise abweichen und versuchen, die Frauen für die Erwerbstätigkeit zu gewinnen.2 Nach dem zweiten Weltkrieg waren viele der an die Front geschickten Männer tot oder in Kriegsgefangenschaft und die (Ehe-)Frauen mussten allein für ihren Lebensunterhalt sorgen und oftmals parallel ihre Kinder erziehen und versorgen.

Um die Eingangs formulierte Frage zu klären, werden die beiden Fassbinder-Filme im folgenden daraufhin untersucht, ob sich das jeweils dargestellte Frauenbild, sowohl im Hinblick auf die Protagonistin als auch im Blick auf die Frauen in den Nebenrollen im Vergleich mit zeitgenössischen Quellen aus den Nachkriegsjahren als realistisch beurteilen lässt. Die weiblichen Nebenrollen sind in beiden Filmen besonders zu beachten, da sie in ihrem Handeln im Regelfall stark von der Protagonistin abweichen und deren Handeln und Lebensweise somit auffällig kontrastieren. Hierdurch tritt die Intention des Regisseurs, die Situation, bzw. aus seiner Sicht die Missstände, der restaurativen Phase aufzuzeigen hervor. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass beide Filme durchaus satirische Elemente enthalten, welche allerdings dem Aufzeigen von Missständen in der damaligen Gesellschaft dienlich sind und somit für den Abgleich mit historischen Quellentexten nützlich sein können. Um diesen Abgleich übersichtlich zu gestalten soll zunächst einmal zu jedem Film das von Fassbinder kreierte Frauenbild analysiert werden, wobei schon im jeweiligen Film durchaus Differenzen zwischen den Frauen erkennbar werden.

2. „Lola“

Die gleichnamige Protagonistin des Films ist eine junge, hübsche und alleinerziehende Frau, welche in der „Villa Fink“ in der Stadt Coburg arbeitet. Ein Vergnügungsbetrieb, der eine Mischung aus Gesangsdarbietungen, Show, Alkohol und Prostitution darstellt. In den ersten Szenen über den abendlichen Betrieb befinden sich bereits viele Gäste im großen Saal und man sieht gelegentlich Männer und Frauen in die separaten Zimmer gehen. Im Rahmen dieser Darstellung treten einige Männer recht offensiv an die Frauen heran und nehmen diese sprichwörtlich mit.

Diese Tatsache soll jedoch für diese Arbeit zunächst von zweitrangiger Bedeutung sein, da die mögliche Geringschätzung und besonders die häufig auftretende Verdinglichung3 der Frauen in diesem Metier bis in die heutige Zeit zu finden ist. Lola unterscheidet sich von den anderen Prostituierten dadurch, dass sie in einer festen (Geschäfts-)Beziehung zum Bauunternehmer Schuckert steht, der sie „besitzt“, da er sowohl für ihre Liebesdienste als auch für sie und ihre kleine Tochter den Lebensunterhalt zahlt. In ihrem Auftreten gibt sich Lola sehr dominant und fügt sich nicht schlicht den Vorstellungen anderer, was bspw. in einer Szene deutlich wird, in der sie Schuckert und Esslin aus ihrem Zimmer im Bordell wirft und beiden das zuvor für sie gebotene Geld hinterher wirft. Betrachtet man jedoch das von Fassbinder gezeichnete Gesellschafts- und Sittenbild am Beispiel des Bordells losgelöst von Lola als Protagonistin, so wird deutlich, dass quasi jeder mächtige und verheiratete Mann der Stadt dort regelmäßig zu Gast ist. In einem Gespräch Schuckerts mit seiner Frau wird darüber hinaus erkennbar, dass sie (vermutlich stellvertretend für die anderen Ehefrauen) genau weiß, was in der Villa Fink vor sich geht, dies allerdings toleriert.

Eben hier übt Fassbinder Kritik an den Zuständen der Nachkriegsjahre, in welchen das angebliche Wirtschaftswunder vielerorts für Zufriedenheit in der Bevölkerung sorgt4 und mit dem Wachstum der Wirtschaft die Macht der die Unternehmen leitenden Männer gleichermaßen mitwächst. Wird Lola von Schuckert offensichtlich für ihre Dienste als Prostituierte und Mätresse zugleich bezahlt, so liegt auch bei den Ehefrauen der Schluss nahe, dass vor allem der materielle Besitz und das dadurch mögliche luxuriöse Leben die Beziehungen dominiert, da in den Konversationen der Paare erkennbar wird, dass Sympathie, Treue oder gar Liebe keineswegs vorhanden oder zumindest der materiellen Befriedigung gewichen sind. Der Wendepunkt des Films stellt zugleich die absolute Zuspitzung der Verdinglichung einer Frau dar, als Schuckert dem wegen der vorherrschenden Doppelmoral der örtlichen Bevölkerung gegen ihn wetternden von Bohm Lola quasi „schenkt“, um wieder Frieden in die korrupten Geschäfte der Stadt einkehren zu lassen. Hierbei wird der Fokus durchaus auf die Gefühle, welche Lola und von Bohm füreinander hegen, gerichtet. Dennoch werden diese auch hier vom alles dominierenden Materialismus (versinnbildlicht durch das „Verschenken“ von Lola) und der Treuelosigkeit (Lola trägt beim ersten Rendezvous mit Schuckert noch ihr Hochzeitskleid) in den Hintergrund gestellt.

Zusammenfassend zeichnet Fassbinder das Bild einer Gesellschaft, in der die (Ehe-)Frauen dazu dienen, den Mann bei geschäftlichen Abendessen zu begleiten, die Arbeit der Haushälterin zu überwachen und ansonsten jegliche Konversation auf Smalltalk zu begrenzen. Die Affären ihrer Männer bedürfen anscheinend keiner Hinterfragung oder gar Kritik, während Fassbinder offen lässt, ob den Frauen dasselbe „Recht“ etwa in Form einer Affäre zusteht. Einzig die selbstbewusste Lola, welche selbst Auto fährt, dazu einen eigenen Sportwagen besitzt und auch in ihrem Beruf als Prostituierte nie ihr Selbstachtung verliert, nimmt sich dieses Recht zum Ende des Films, indem sie Schuckert als ihren ehemaligen Freier nun als Liebhaber beibehält. Sie okkupiert hierdurch einen Prozess, der zuvor den Männern vorbehalten war und vertritt somit ihre emanzipierte Rolle innerhalb der Gesellschaft. Somit zeichnet Fassbinder eine starke Frauenfigur als Protagonistin und Kontrastfigur zum gesamtgesellschaftlich dominierenden Bild der Frauen und stellt um so kritischer die Abhängigkeit und Unmündigkeit der anderen Frauen zur Schau, deren Rolle im Film selbst von Frau Fink formuliert wurde: „Dass eine Frau sich anderen Männern hingeben muss, dass ist ja heutzutage praktisch sowieso unvermeidbar“.5

3. Die Ehe der Maria Braun

Der zwei Jahre vor „Lola“ erschienene Film „Die Ehe der Maria Braun“ begleitet die gleichnamige Protagonistin über viele Jahre hinweg und zeigt von ihrer Hochzeit kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs angefangen ihr Leben bis hin zum tragischen Tod bzw. Selbstmord durch eine offen gelassene Gasleitung des Küchenherds (Fassbinder lässt dies im Unklaren). Maria beweist sich schon relativ früh als überaus selbstbewusste und viel Eigeninitiative zeigende Frau, da sie nach der (für sie fälschlichen) Meldung über den Tod ihres Mannes Hermann beginnt, für sich selbst zu sorgen. Sie beginnt kurz nach dem Krieg eine Beziehung mit dem schwarzen G.I. Bill, welchem sie allerdings keineswegs als schweigend unterdrückte Partnerin oder gar als Mätresse wie Lola dient, sondern mit ihm eine Beziehung „auf Augenhöhe“ führt. Sie weist seinen Heiratsantrag zurück und erklärt ihm offen, dass sie Hermann weiterhin als ihren Mann ansieht und Bill niemals heiraten wird, welcher aber dennoch bei ihr bleibt. Im Falle des Unternehmers Oswald, mit welchem sie im weiteren Verlauf eine Beziehung beginnt erklärt sie diesem kurz nach der ersten Liebesnacht, dass sie ihn nicht heiraten wird - lässt jedoch offen warum und erzählt nicht mehr so frei von ihrem Ehemann, wie sie es bei Bill tat. Grundsätzlich wird die Figur der Maria als überaus selbstbewusst dargestellt, sodass Lola im Vergleich frei von jeglicher Dominanz in ihrem Wesen erscheint. Maria beweist besonders in den Szenen mit Oswald, angefangen bei ihrer ersten Begegnung im Zug bis hin zu den wichtigen geschäftlichen Entscheidungen in Oswald Firma, dass sie eine gute Menschenkenntnis besitzt und dank dieser andere Menschen stets dazu bringt, dass zu tun, was sie beabsichtigt. Die am häufigsten erscheinenden weiblichen Nebenfiguren sind Marias Mutter und ihre Schwester Betti Klenze. Marias Mutter ist eine vom Krieg zermürbte Persönlichkeit, welche im Gegensatz zu Maria keine konkreten Pläne verfolgt. Über Bettis Leben berichtet der Film wenig, jedoch zeigt sich in einigen Unterhaltungen, dass Betti sich den Gegebenheiten des Lebens lieber fügt als durch Eigeninitiative eine Verbesserung der eigenen Lebenssituation herbeizuführen. In einem Gespräch auf der Feier zum Geburtstag von Marias und Bettis Mutter klagt Betti über das Verhalten ihres Mannes und die Langeweile in ihrem Leben und antwortet auf Marias Ratschlag, dann doch etwas an der aktuellen Situation zu ändern: „Was soll ich denn tun, wenn ich nichts gelernt habe?“6

Diese Aussage, aber auch durch Marias unaufhaltsamen Erfolg in Oswalds Firma zeigt, dass ihre leistungsorientierte Herangehensweise keineswegs dem Durchschnitt entspricht. Hierbei ist besonders zu beachten, dass Maria wie viele Frauen zu diesem Zeitpunkt über keinerlei Ausbildung verfügt, jedoch beweist, dass der berufliche Aufstieg möglich ist. Fassbinder zeichnet somit erneut eine Frau als Protagonistin, welche durch ihr eigenes Handeln und den dadurch entstehenden Kontrast zu den anderen weiblichen Rollen aufzeigt, dass die Mehrheit nicht wie die Protagonistin war.

Fassbinder erschafft somit erneut eine Protagonistin, welche sich von allen Menschen in ihrem Umfeld abhebt, indem sie durch Selbstbewusstsein und aktives Handeln ihr eigenes Leben kontrolliert und sich keineswegs dem Willen anderer fügt. Mag Lola sich noch für Geld dem Sex mit dem Bauunternehmer Schuckert hingeben (auch wenn dies bei ihr beruflich „bedingt“ ist), so schläft Maria zwar auch mit den zwei Männern, welche ihr nach dem Krieg nützlich sind, jedoch wird sie durch diese sexuellen Beziehungen nie ihrer Handlungsfreiheit beraubt, sondern geht auch in diesen Situationen nur ihren eigenen Bedürfnissen nach. Besonders deutlich wird dies im Rahmen ihrer Beziehung mit Oswald, zu dem sie vor der ersten gemeinsamen Nacht sagt: „[.] ich möchte mit Ihnen schlafen. Wo ist das Bad?“7 In einem etwas späteren Gespräch in der Firma differenziert sie deutlich zwischen ihren privaten und beruflichen Zielen: „Gestern Nacht war ich Maria Braun, die mit Ihnen schlafen wollte. Heute bin ich Maria Braun, die für Sie arbeiten möchte“.8 Somit zeigt der Film, ähnlich aber deutlicher als „Lola“, dass die Protagonistin selbstständig ist und die zeitweise vorherrschende Irritation der ihr begegnenden Männer aufgrund ihres emanzipierten Verhaltens durchaus als Verweis auf die sonst übliche Unterordnung der Frauen gedeutet werden kann, was zudem in einigen Aussagen der Nebenfiguren deutlich wird. War dies im Film „Lola“ auch bereits zu erkennen, verdeutlicht Fassbinder in „Die Ehe der Maria Braun“ jedoch den Rückschritt im öffentlichen Frauenbild dadurch, dass zu Beginn des Films und somit kurz nach Kriegsende es die (Trümmer-)Frauen sind, die den Wiederaufbau organisieren und durchführen, aber dennoch wenige Jahre später scheinbar jegliche Bestrebungen der eigenen Unabhängigkeit ein Ende mit der Wiederkehr der Männer (aus dem Krieg und in die Wirtschaft) finden.

4. Die Nachkriegsgesellschaft

Um das oben analysierte Frauenbild mit Beschreibungen des von Fassbinder gezeigten zeitgeschichtlichen Kontextes zu vergleichen bieten sich besonders sozialgeschichtliche Werke an, welche sich mit aktuellen Tendenzen der damaligen Gesellschaft befassen. Aber auch journalistische Quellen wie bspw. Zeitungsartikel aus den Erscheinungsjahren der Filme Fassbinders sowie der Zeiträume in denen diese spielen, können für die Rekonstruktion des damals vorherrschenden Frauenbilds dienen.

[...]


1 Vgl. Die ZEIT 1981, Nr. 36

2 Vgl. Müller, R. D. 2012, S. 86

3 Vgl. Schönfeld, C. 1996, S. 81f.

4 Vgl. Der SPIEGEL 1981, S. 190ff.

5 Vgl. Lola, R.: R.W. Fassbinder. DE 1981. TC: 00:55:03-00:55:15

6 Vgl. Die Ehe der Maria Braun, R.: R.W. Fassbinder. DE 1979. TC: 01:23:28-01:23:35

7 Vgl. Die Ehe der Maria Braun, R.: R.W. Fassbinder. DE 1979. TC: 01:01:00-01:01:05

8 Vgl. ebd. TC: 01:03:04-01:03:10

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Fassbinders Frauenbilder in „Lola“ und „Die Ehe der Maria Braun“
Hochschule
Universität Kassel
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
11
Katalognummer
V276047
ISBN (eBook)
9783656688303
ISBN (Buch)
9783656688297
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fassbinders, frauenbilder, lola, maria, braun
Arbeit zitieren
Christopher Hauck (Autor), 2014, Fassbinders Frauenbilder in „Lola“ und „Die Ehe der Maria Braun“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276047

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