The Lyre of Orpheus. Nick Caves Abgesang auf den Orpheus-Mythos


Seminararbeit, 2014
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Orpheus-Mythos
2.1. Orpheus und die Musik

3. Nick Cave and the Bad Seeds - „The Lyre of Oprheus“
3.1. Inhalt und Aufbau
3.2. Abgesang auf den Mythos und ideologische Nähe zu Neuer Musik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis .

7. Anhang

1. Einleitung

„So viel Orpheus war nie“1, lautet die Überschrift von Christine Mundt-Espins einleitenden Vorbemerkungen in der von ihr herausgegebenen Monografie „Blick auf Oprheus - 2500 Jahre europäischer Rezeptionsgeschichte eines antiken Mythos“: „Kaum eine Figur der griechisch-römischen Mythologie hat eine Rezeptionsgeschichte aufzuweisen, die hinsichtlich Dauer, Kontinuität, Menge, geographischer Streuung und Variantenreichtum derjenigen des Orpheus gleichkäme“2, so Mundt-Espin weiter. Ob nun im Bereich der mythischen Literatur, wo der Ursprung des Orpheus liegt, über die bildende Kunst, wo Albrecht Dürer den Tod des Orpheus 1494 bereits handzeichnerisch verarbeitete, über die Oper, welche im Jahre 1607, mit Monteverdis „Orfeo“ begründet wurde3, hin zu zeitgenössischen Musikproduktionen, wie „Ballett- und Tanztheaterproduktionen, Instrumentalstücke (z. T. mit Gesang) unterschiedlichsten Charakters, Musicals und verschiedenste Ausformulierungen der Rock- und Popmusik“4; der Mythos des Orpheus ist heutzutage prominenter denn je.5

Doch während Mattusek einerseits erklärt, die Bezugnahme auf den Mythenstoff - bspw. in der Industrial-Metal-Produktion „Orpheus“ von Umbah, dem Game-Soundtrack „Descent of Oprheus“ von Above the Garage oder der Trance-Variante „Orpheus Symphony No.2“ von Neil Duddridge - vollziehe sich „im Modus einer von der Überlieferung unverstellten Reaktivierung der archaischen Potentiale“, postuliert er andererseits, dass es ein Beispiel der jüngeren, orphischen Rezeptionsgeschichte gibt, welches antithetisch operiert und den Mythos nicht unverstellt reaktiviert, sondern quasi umzukehren versucht, nämlich Nick Cave and the Bad Seeds „The Lyre of Orpheus“6.

Die vorliegende Arbeit setzt an diese These an, welche im Folgenden weitergehend untersucht werden soll. Dabei wird einleitend, als theoretische Unterfütterung, der Orpheus-Mythos selbst skizziert, mit einem anschließenden Blick auf seine musikalische bzw. musik- und kulturwissenschaftliche Bedeutung. Darauf aufbauend folgt schließlich eine deskriptiv- „The Lyre of Orpheus“ - Nick Caves Abgesang auf den Orpheus-Mythos inhaltsanalytische Untersuchung von Nick Caves „The Lyre of Orpheus“, die sich sowohl an textlicher Ausgestaltung, als auch an der musikalischen Untermalung des Songs orientieren soll und dabei der These nachgeht, dass es sich in eben jener Adaption um eine antithetische Umformulierung des traditionellen Orpheus-Mythos handelt, der das konventionelle Verständnis von Harmonie und Ästhetik infrage zu stellen versucht.

2. Der Orpheus-Mythos

Orpheus hat seine Spuren auf vielen verschiedenen Wegen hinterlassen. Seine Fußspuren zieren den Weg der bildenden Kunst, sind gleichsam philosophische, wie religiöse Pfade entlang gestapft und brachten, mit einem wohlwollenden Stoß, den Stein der Musik ins Rollen7. In dieser Arbeit soll sich vornehmlich auf den Orpheus-Mythos im Zusammenhang mit seinem musikalischen Modus konzentriert werden, da er für das vorliegende Thema am bedeutsamsten ist. Dennoch soll hier erst kurz die Sage von Orpheus nacherzählt werden, bevor sich konkret seinem Dasein als Musiker und seinem Einfluss auf die Musik gewidmet wird. Dabei sei angemerkt, dass es natürlich viele verschiedene Variationen des Mythos gibt, die sich mal in größeren Teilen, mal nur in Teilbereichen überschneiden. Diese alle aufzuführen kann nicht im Sinne dieser Arbeit sein, weswegen hier die wohl konventionellste Fassung des Mythos, in Großteilen der Erzählungen des 10. und 11. Buches von Ovids „Metamorphisen“ entsprechend8, widergegeben wird.

Orpheus kommt als Sohn des thrakischen Königs und Flussgotts Oiagros und Kalliope, Tochter des Zeus und Muse der epischen Dichtung, der Wissenschaft, der Philosophie, des Saitenspiels, sowie des Epos und der Elegie, zur Welt. Bei diesem künstlerisch hochwertigen Erbgut überrascht es nicht, dass Orpheus sich, nachdem er von Apollon, dem Gott der Musik, eine Lyra geschenkt bekam, den Weg eines Sängers einschlug - mitunter gilt er in Griechenland als Erfinder der Musik und des Tanzes. Und das auf eine Weise, die nie zuvor dagewesen war. Mit seinem Gesang betörte Orpheus nicht nur die ihm zuhörenden Menschen, sondern sämtliche Götter, Tiere und sogar Steine, die in den Genuss seiner Stimme kamen. Er rührte Felsen zu Tränen, die wildesten und gefährlichsten Tiere scharten sich friedfertig um ihn herum und die Bäume neigten sich ihm zu, ohne, dass der Wind sie in seine Richtung pusten musste. Von seinem Talent beeindruckt, wurde er von den Argonauten mit auf ihre

„The Lyre of Orpheus“ - Nick Caves Abgesang auf den Orpheus-Mythos Schiffsreisen genommen, mit dem positiven Effekt, dass er mit seiner Musik das Meer beruhigte, die Feinde bezwang und den Gesang der Sirenen übertönte, dem zuvor schon viele Seefahrer zum Opfer gefallen waren.

Durch einen Schlangenbiss verlor Orpheus allerdings seine Ehefrau Eurydike, deren Verlust er nicht verkraften konnte. So fasste er den Entschluss, sich auf den Weg in die Unterwelt zu begeben, um Hades zu bitten, Eurydike zurückzugeben. Durch seine eindrucksvoll vorgetragene Bitte und die Überzeugungskraft seiner Stimme gelang es ihm, bis zu Hades vorzudringen. Hades und Persephone, die Herrscher der Unterwelt, wurden von seinem Gesang so gerührt, dass sie ihm seinen Wunsch tatsächlich erfüllen wollten, allerdings unter einer Bedingung: Orpheus darf sich nicht nach Eurydike umschauen, bis sie wieder ans Tageslicht zurückgekehrt sind. So schreitet Orpheus voran, kann die Auflage des Hades aber nicht erfüllen, da er die Schritte der Eurydike hinter sich nicht hört, nach hinten schaut und sie so für immer verliert.

Entsetzt kehrte Orpheus in die Oberwelt zurück, verzichtete für sieben Tage auf jegliche Bewegung, Nahrung und Gesang. Anschließend fand er zu seiner Musik zurück und betört weiterhin seine Zuhörer. Allerdings mied er jeglichen Kontakt zu anderen Menschen und blieb ein Einzelgänger. Bis er schließlich eines Tages von mehreren berauschten Jüngerinnen des Dionysos, dem Gott des Weines, zerrissen wurde. Sein noch immer singender Kopf wurde in den Hebros geworfen und an der Insel Lesbos an Land gespült. Dort sang er weiter, bis Apollon ihm erlaubte zu schweigen.

2.1.Orpheus und die Musik

Wie bereits erwähnt wurde, hat Orpheus auf mehreren Gebieten seine Eindrücke hinterlassen, gilt mitunter sogar als Präfiguration Christis und erster Philosoph, der gleichzeitig auch als Dichter und Theologe aktiv gewesen ist9. Die markanteste Eigenschaft Orpheus scheint jedoch seine musische Begabung, sein Gesang, sein Lyraspiel zu sein:

„Es ist sicher kein Zufall, dass Orpheus an der Wiege der Oper stand und seit Beginn des 17. Jahrhunderts den Lebensweg des Musiktheaters durch die Opernhäuser begleitet. Der Sohn des Apollon, des Gottes der Künste und Wissenschaften, und der Kalliope, der ersten der neun Muse, di den Dichtern und Sängern Inspiration und Erinnerung vermitteln, ist eine ideale, hör- und schaubare Verkörperung der Musik, die aus den göttlichen Spähren in die Welt kommt […].“10

Nun hat Orpheus Musik natürlich keine konkreten Einflüsse auf die musikalische Arbeit der Komponisten nach ihm, da es keine direkten Zeugnisse oder Hinterlassenschaft Orpheus gibt, sodass wir nicht wissen, wie Orpheus Musik geklungen haben mag11. Dennoch lässt sich eine mythisch-konzeptuelle Aufforderung attestieren, die von Orpheus auf die Komponisten überzugehen scheint:

„Den Komponisten ist die dankbare Aufforderung gegeben, eine Musik zu erfinden, die Wohlklang und Macht in mythischen Dimensionen vereinigt, […] die unbelebte und belebte Natur durchdringen und selbst erkaltete Herzen wieder erreichen und berühren“12.

So wird Orpheus zum Idealbild eines Komponisten, an dem es sich zu orientieren gilt. Er steht für das einzigartig Schöne, für die Essenz der Kunst, für die perfekte Harmonik13, deren Einfluss sich nichts und niemand entziehen kann14. Der orphische Klang hat eine transzendentale Wirkung, der unmittelbar die Instinkte anspricht; mal begeistert die artistische Brillanz des Gesangs, mal ist lediglich der physiologische Klang wirkungsvoll15.

[...]


1 Mundt-Espin, Christine (2003): So viel Orpheus war nie. Vorbemerkungen. In: ders.: Blick auf Oprheus - 2500 Jahre europäischer Rezeptionsgeschichte eines antiken Mythos. Tübingen: Francke, S.7

2 Ebd.

3 Theodor dorno proklamierte sogar: „[͙΁ alle Oper sei Orpheus“ und pointiert so, dass in Orpheus der Archetyp der Oper liege. (Adorno, Theodor W. (1978): Bürgerliche Oper. In: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 16., Frankfurt am Main, S.30)

4 Mundt-Espin, Christine (2003): So viel Orpheus war nie. Vorbemerkungen. In: ders.: Blick auf Oprheus - 2500 Jahre europäischer Rezeptionsgeschichte eines antiken Mythos. Tübingen: Francke, S.10f.

5 Ebd. S.13

6 Vgl. Matussek, Peter (2007): Medienästhetische Migrationen. Eine Geschichte vom wandernden Klang. In: figurationen, Heft 8.2, S.21f.

7 Vgl. Littger, Klaus Walter (2002): Orpheus in der literarischen und musikalischen Tradition. In: ders.: Orpheus in den Künsten. Wiesbaden: Harrassowitz, S.37

8 Blänsdorf, Jürgen (2003): Vorstellung des Mythos: Orpheus und Eruydice in der Dichtung Vergils und Ovids. In Mundt-Espin, Christine: Blick auf Oprheus - 2500 Jahre europäischer Rezeptionsgeschichte eines antiken Mythos., S.24

9 Vgl. Littger, Klaus Walter (2002): Orpheus in der literarischen und musikalischen Tradition. In: ders.: Orpheus in den Künsten. Wiesbaden: Harrassowitz, S.39

10 Schlager, Karlheinz (2002): Orpheus an der Wiege der Oper. In: Littger, Klaus Walter: Orpheus in den Künsten. Wiesbaden: Harrassowitz, S.27

11 Vgl. Matussek, Peter (2003): Leerstellen als Erinnerungsanlässe - Interkulturelle, intermediale und interdisziplinäre Dimensionen eines literaturwissenschaftlichen Theorems. Frankfurt a.M.: Universität Bibliothek, S.91

12 Schlager, Karlheinz (2002): Orpheus an der Wiege der Oper. In: Littger, Klaus Walter: Orpheus in den Künsten. Wiesbaden: Harrassowitz, 2002, Orpheus in den Künsten, S.28

13 Vgl. Wiesauer, Wolfgang (2001): Der Orpheusmythos in der Malerei des 19. Jahrhunderts auf Basis seiner Rezeptions- und Wirkungsgeschichte: Recherche zu einem unsignierten Gemälde. Diplomarbeit: Universität Salzburg, S.17

14 Bereits im ersten Zeugnis von Orpheus, ausgestellt durch den griechischen Lyriker Simonides heißt es: „Ihm auch in endloser Zahl Schwebten Vögel überm Haupt, in die Höh Sich emporschnellend, sprangen Fische heraus Aus blauschwarzem Wasser bei dem schönen Gesange.“ (zit. nach: Matussek, Peter (2002): Déjă entendu. Zur historischen Anthropologie des erinnernden Hörens. In: Oesterle, Günter; Schneider, Lothar (Hrsg.): Déjà Vu. München, S.11)

15 Vgl. Matussek, Peter (2003): Leerstellen als Erinnerungsanlässe - Interkulturelle, intermediale und interdisziplinäre Dimensionen eines literaturwissenschaftlichen Theorems. Frankfurt a.M.: Universität Bibliothek, S.91

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
The Lyre of Orpheus. Nick Caves Abgesang auf den Orpheus-Mythos
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V276324
ISBN (eBook)
9783656694762
ISBN (Buch)
9783656696131
Dateigröße
1029 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lyre, orpheus, nick, caves, abgesang, orpheus-mythos
Arbeit zitieren
Lukas Lohmer (Autor), 2014, The Lyre of Orpheus. Nick Caves Abgesang auf den Orpheus-Mythos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276324

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