„So viel Orpheus war nie“ , lautet die Überschrift von Christine Mundt-Espins einleitenden Vorbemerkungen in der von ihr herausgegebenen Monografie „Blick auf Oprheus – 2500 Jahre europäischer Rezeptionsgeschichte eines antiken Mythos“: „Kaum eine Figur der griechisch-römischen Mythologie hat eine Rezeptionsgeschichte aufzuweisen, die hinsichtlich Dauer, Kontinuität, Menge, geographischer Streuung und Variantenreichtum derjenigen des Orpheus gleichkäme“ , so Mundt-Espin weiter. Ob nun im Bereich der mythischen Literatur, wo der Ursprung des Orpheus liegt, über die bildende Kunst, wo Albrecht Dürer den Tod des Orpheus 1494 bereits handzeichnerisch verarbeitete, über die Oper, welche im Jahre 1607, mit Monteverdis „Orfeo“ begründet wurde , hin zu zeitgenössischen Musikproduktionen, wie „Ballett- und Tanztheaterproduktionen, Instrumentalstücke (z. T. mit Gesang) unterschiedlichsten Charakters, Musicals und verschiedenste Ausformulierungen der Rock- und Popmusik“ ; der Mythos des Orpheus ist heutzutage prominenter denn je.
Doch während Mattusek einerseits erklärt, die Bezugnahme auf den Mythenstoff – bspw. in der Industrial-Metal-Produktion „Orpheus“ von Umbah, dem Game-Soundtrack „Descent of Oprheus“ von Above the Garage oder der Trance-Variante „Orpheus Symphony No.2“ von Neil Duddridge – vollziehe sich „im Modus einer von der Überlieferung unverstellten Reaktivierung der archaischen Potentiale“, postuliert er andererseits, dass es ein Beispiel der jüngeren, orphischen Rezeptionsgeschichte gibt, welches antithetisch operiert und den Mythos nicht unverstellt reaktiviert, sondern quasi umzukehren versucht, nämlich Nick Cave and the Bad Seeds „The Lyre of Orpheus“ .
Die vorliegende Arbeit setzt an diese These an, welche im Folgenden weitergehend untersucht werden soll. Dabei wird einleitend, als theoretische Unterfütterung, der Orpheus-Mythos selbst skizziert, mit einem anschließenden Blick auf seine musikalische bzw. musik- und kulturwissenschaftliche Bedeutung. Darauf aufbauend folgt schließlich eine deskriptiv-inhaltsanalytische Untersuchung von Nick Caves „The Lyre of Orpheus“, die sich sowohl an textlicher Ausgestaltung, als auch an der musikalischen Untermalung des Songs orientieren soll und dabei der These nachgeht, dass es sich in eben jener Adaption um eine antithetische Umformulierung des traditionellen Orpheus-Mythos handelt, der das konventionelle Verständnis von Harmonie und Ästhetik infrage zu stellen versucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Orpheus-Mythos
2.1. Orpheus und die Musik
3. Nick Cave and the Bad Seeds - „The Lyre of Oprheus“
3.1. Inhalt und Aufbau
3.2. Abgesang auf den Mythos und ideologische Nähe zu Neuer Musik
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Lied „The Lyre of Orpheus“ von Nick Cave and the Bad Seeds als eine antithetische Adaption des antiken Orpheus-Mythos. Dabei wird analysiert, wie das Werk konventionelle Vorstellungen von musikalischer Harmonie und Ästhetik gezielt unterwandert und als Abgesang auf das mythische Denken sowie die kommerzielle Popmusik verstanden werden kann.
- Analyse des antiken Orpheus-Mythos und seiner musiktheoretischen Relevanz
- Untersuchung der narrativen Umkehrung des Mythos durch Nick Cave
- Musikwissenschaftliche Betrachtung der dissonanten Ästhetik des Songs
- Bezugnahme zur „Dialektik der Aufklärung“ und zum Konzept des „Abgesangs“
- Kritik an der Kommerzialisierung und den harmonischen Idealen der Popmusik
Auszug aus dem Buch
3. Nick Cave and the Bad Seeds – The Lyre Of Orpheus
Look what I've made, cried Orpheus And he plucked a gentle note Eurydice's eyes popped from their sockets And her tongue burst through her throat O Mamma O Mamma O God, what have I done, he said As her blood pooled in the sheets But in his heart he felt a bliss With which nothing could compete O Mamma O Mamma Orpheus went leaping through the fields Strumming as hard as he did please Birdies detonated in the sky Bunnies dashed their brains out on the trees O Mamma O Mamma
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die ungebrochene Aktualität des Orpheus-Mythos in der Kulturgeschichte und führt in die zentrale These ein, dass Nick Caves Song diesen Mythos antithetisch umformuliert.
2. Der Orpheus-Mythos: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die klassische Sage von Orpheus und beleuchtet seine Rolle als Archetyp des Musikers sowie die Bedeutung seines Gesangs in der antiken Überlieferung.
2.1. Orpheus und die Musik: Hier wird die kulturwissenschaftliche Bedeutung des orphischen Klangs analysiert, insbesondere seine mythische Wirkung auf die Natur und seine Stellung als Symbol für den reinen, affektiven Ausdruck.
3. Nick Cave and the Bad Seeds - „The Lyre of Oprheus“: Dieses Kapitel stellt das Album und das spezifische Lied vor und analysiert die radikale, sardonische Abweichung von der mythologischen Vorlage.
3.1. Inhalt und Aufbau: Der inhaltliche Verlauf des Songs wird detailliert nachgezeichnet, wobei die musikalische Gestaltung durch Dissonanz und Sprechgesang hervorgehoben wird.
3.2. Abgesang auf den Mythos und ideologische Nähe zu Neuer Musik: Der Autor erörtert, wie das Lied durch die bewusste Zerstörung harmonischer Ästhetik als Kritik an der modernen Popmusik und als „Anti-Mythos“ fungiert.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Lied eine bewusste Abkehr von der mythologischen Idealisierung darstellt und die inhärente Polarität von Musik zwischen Schönheit und Schmerz bzw. Dissonanz aufzeigt.
Schlüsselwörter
Orpheus-Mythos, Nick Cave, The Lyre of Orpheus, Musikästhetik, Abgesang, Dissonanz, Neue Musik, Mythos, Aufklärung, Musiktheorie, Kulturwissenschaft, Rezeptionsgeschichte, Anti-Mythos, Populärmusik, Klangwirkung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Lied „The Lyre of Orpheus“ der Band Nick Cave and the Bad Seeds und setzt es in Bezug zur antiken Mythologie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Adaption mythologischer Stoffe in der zeitgenössischen Musik, die Ästhetik des Dissonanten sowie das Verhältnis von Musik und Mythos.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu belegen, dass das Lied eine antithetische Umformulierung des Orpheus-Mythos darstellt, die das konventionelle Schönheitsideal in der Musik infrage stellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine inhaltsanalytische Untersuchung, die textliche und musikalische Elemente des Songs unter Einbeziehung kulturwissenschaftlicher Theorien analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Neben der theoretischen Einbettung des Mythos erfolgt eine detaillierte Inhalts- und Wirkungsanalyse des besagten Musikstücks sowie eine ideengeschichtliche Einordnung in den Kontext der „Dialektik der Aufklärung“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Orpheus-Mythos, Musikästhetik, Dissonanz, Abgesang und die kritische Auseinandersetzung mit der Tradition des Wohlklangs.
Wie unterscheidet sich der „Cave’sche Orpheus“ von der mythologischen Vorlage?
Während der klassische Orpheus mit seinem Gesang Harmonie stiftet und die Natur besänftigt, löst der Orpheus bei Nick Cave durch seine Musik Zerstörung, Tod und Chaos aus.
Welche Rolle spielt die „Neue Musik“ im Kontext der Analyse?
Der Autor ordnet Nick Cave zwar nicht direkt als Komponisten der „Neuen Musik“ ein, sieht aber eine ideologische Nähe hinsichtlich der progressiven Absage an harmonische Normen.
- Citation du texte
- Lukas Lohmer (Auteur), 2014, The Lyre of Orpheus. Nick Caves Abgesang auf den Orpheus-Mythos, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276324