Demografischer Wandel. Über die Rolle älterer Erwerbspersonen auf dem zukünftigen Arbeitsmarkt und die Nachhaltigkeit ihres Arbeitspotentials


Diplomarbeit, 2011
146 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Theoretischer Teil – Demografie
I. Einleitung
II. Demografie
1. Begriffsbestimmungen
1.1 Überblick
1.2 Die deutsche Bevölkerungsstruktur
1.3 Fertilität
1.4 Mortalität
1.5 Migration
2. Problematischer Diskurs in Deutschland
3. Die deutsche demografische Entwicklung
3.1 Daten, Zahlen, Fakten
3.2 Regionale Disparitäten
4. Konsequenzen des demografischen Wandels
4.1 Vorschläge zum Arbeitskräfteangebot
4.1.1 Zuwanderung
4.1.2 Erhöhung des Renteneintrittsalters
4.1.3 Frauenerwerbsbeteiligung
4.1.4 Variablere und flexiblere Arbeitszeiten
4.2 Nachhaltige Bevölkerungspolitik
4.3 Ein stabilisierendes Geburtenniveau
4.3.1 Kindergeldzahlungen
4.3.2 Elterngeldzahlungen
4.3.3 Geburtenprämien
4.3.4 Private Kinderrente
4.3.5 Steuervergünstigungen
5. Ausblick
6. Zusammenfassung

2. Theoretischer Teil - Ältere Arbeitnehmer
III. Arbeitsmarkt und ältere Arbeitnehmer im demografischen Kontext
1. Vorbemerkungen
2. Erwerbsarbeit und ihre Bedeutung
3. „Das Alter“ und „die Älteren“
4. Der ältere Arbeitnehmer
4.1 Theorieansätze zu älteren Arbeitnehmern
4.1.1 Das Defizitmodell
4.1.2 Die Rückzugstheorie
4.1.3 Die Aktivitätstheorie
4.1.4 Das Kompetenzmodell
4.2 Theorieübergreifende Betrachtungen
5. Ältere auf dem Arbeitsmarkt
5.1 Gegenwartsimplikationen
5.2 Die zukünftige Situation
6. Zur Notwendigkeit veränderter Handlungs- und Einstellungsprämissen
6.1 Aufgaben der Politik
6.2 Aufgaben der Arbeitgeber
6.3 Aufgaben der Arbeitnehmer
6.4 Aus- und Weiterbildung als primäres Handlungsgebot
7. Die thematische Breite
8. Demografieberücksichtigende Arbeitsmarktpolitik
9. Zusammenfassung

3. Empirischer Teil
IV. Empirie
1. Zielsetzung
2. Fragestellung
3. Methode
4. Hypothesen
5. Definitionen
6. Operationalisierung
7. Fragebogenvorbereitung
7.1 Arbeitspotential
7.1.1 Kognitive Ebene (Wissensdimension)
7.1.2 Evaluative Ebene (Bewertungsdimension)
7.1.3 Intentionale Ebene (Handlungsbereitschaftsdimension)
7.2 Arbeitswunsch
7.2.1 Kognitive Ebene (Wissensdimension)
7.2.2 Evaluative Ebene (Bewertungsdimension)
7.2.3 Intentionale Ebene (Handlungsbereitschaftsdimension)
7.3 Befragteneigenschaften
7.4 Abschließende Bemerkungen
8. Fragebogen
9. Begleitblatt zum Fragebogen
10. Zusammenfassung
V. Schlussfazit
Literatur- und Quellenverzeichnis

Darstellungsverzeichnis:

Darstellung 1: Der Begriff „Demografie“ in Aufsatztiteln, 1969 bis 2008.

Darstellung 2: Bevölkerungswachstum 2008 in Prozent.

Darstellung 3: Bevölkerungsentwicklung Deutschlands 1950 bis 2006.

Darstellung 4: Bevölkerung Deutschlands bis 2050.

Darstellung 5: Die unterschiedlichen Fertilitätsraten.

Darstellung 6: Fernere Lebenserwartung im Alter von 60 Jahren. Stand 2003.

Darstellung 7: Arbeitslosigkeit 1994 bis 2010 im Ost-West-Vergleich.

Darstellung 8: Durchschnittliche Rentenbezugsdauer in Jahren. 1980 bis 2007.

Darstellung 9: Erwerbstätige nach Wirtschaftsbereichen.

Darstellung 10: Zunahme interindividueller Leistungsunterschiede mit steigendem Alter.

Darstellung 11: Durch das Alter determinierte Veränderungen der Kompetenzen. 68-

Darstellung 12: Anteil Erwerbstätiger im jeweiligen Alter (in Prozent).

Darstellung 13: Bevölkerung nach Altersgruppen 2008, 2020 und 2060.

Darstellung 14: Gründe für die Ablehnung von über 50-jährigen Bewerbern (in Prozent).

Darstellung 15: Weiterbildungsbeteiligung nach Altersgruppen im europäischen Vergleich (Prozentangaben).

Darstellung 16: Der demografische Wandel: Merkmale und Auswirkungen in Deutschland.

I. Einleitung

Wenn wir uns anschauen, wo wir in diesem Jahrzehnt hinwollen und wie wir uns ein Deutschland 2020 vorstellen, dann sehen wir, dass wir im Wesentlichen vor zwei großen Herausforderungen stehen. Das eine ist, dass der globale Wettbewerbsdruck zunehmen wird. Das heißt, wir werden in unserer Innovationskraft gefordert sein. Zum Zweiten stehen wir einem massiven demografischen Wandel gegenüber, der die Art der Zusammensetzung der Belegschaften verändern wird. Es werden weniger junge Leute ins Arbeitsleben eintreten. Das wird in erheblichem Maße unsere Gesellschaft prägen. […]

[…] Wenn wir uns anschauen, was die Ursachen der Krise waren, dann stellen wir fest: Wesentliche Ursache war, dass weltweit viele über ihre Verhältnisse gelebt haben und dass sich die Finanzmärkte entkoppeln konnten. Deshalb heißt die Lehre aus dieser Krise: Nachhaltiges Wachstum, kein auf Pump finanziertes Wachstum. Für uns als Land mit einem demografischen Wandel sind diese Dinge noch viel wichtiger als in Ländern, die keine solchen demografischen Umbrüche haben. […]

[…] Jetzt kommt meine Bitte: Wenn wir den demografischen Wandel gestalten wollen, dann wird es wichtig sein, dass auch die Wirtschaft darüber nachdenkt, wie man vermehrt auch über 50-Jährige wieder in Arbeit bringen kann. Ich weiß, das ist nicht einfach. Ich weiß, dass Sie alle viele, viele Fälle kennen, in denen es nicht geht. In manchen Fällen – ich habe darüber erst gestern ein Gespräch mit Mittelständlern geführt – geht es aber eben doch. Diejenigen, die älter sind, sind oft sehr daran interessiert, noch einmal eine Arbeitsphase zu erleben. Wir dürfen die 50-Jährigen in unserer Beschäftigung nicht aufgeben, sonst werden wir den demografischen Wandel nicht gestalten können.“ [1]

Diese Auszüge aus der Rede unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des BDI-Tages der Deutschen Industrie am 28.09.2010 machen unmissverständlich klar, dass der demografische Wandel von der Politik als eine Entwicklung erkannt wurde, die ein Gefährdungspotential für die bestehenden Zustände in unserem Land bereithält. Auf drei Punkte nimmt Frau Merkel dabei explizit Bezug:

1. Der demografische Wandel ist nicht nur eine kleine Umgestaltung unserer Bevölkerungsstruktur, sondern eine der zwei großen Herausforderungen, deren Umwälzungen uns noch in dieser Dekade treffen.
2. Parallel verlaufende Herausforderungen wie internationaler Wettbewerbsdruck und nachhaltiges Wachstum werden durch den demografischen Wandel noch verschärft.
3. Die „Art der Zusammensetzung der Belegschaften“ wird sich verändern. Frau Merkel nennt dabei ausdrücklich, dass weniger Junge ins Erwerbsleben eintreten werden und sich im Gegenzug der Anteil der über 50-Jährigen an den Erwerbspersonen erhöhen muss.

Allein die Tatsache, dass diese Entwicklung von der Politik als drängendes Problem erkannt wurde, zeitigt eine Brisanz, die sich nicht mehr bagatellisieren lässt.

Demografische Thematiken und Inhalte sich verändernder Bevölkerungsstrukturen sind schon lange Bestandteil von politischen, wirtschaftlichen und gewerkschaftlichen Reden. Die erkennbare Dramatik in den Formulierungen ist jedoch relativ neu. Ein kurzer Verweis auf anstehende demografische Umgestaltungen, um das ausgedrückte regierungsrelevante oder ökonomische Argument zu unterstreichen, war anfänglich eine von vorausschauendem und ganzheitlichem Wissen zeugende Ausnahme, später die Regel, und inzwischen folgt Ausarbeitung auf Ausarbeitung sowie Rede auf Rede – Kernproblematik: Der demografische Wandel. Allein schon die nicht repräsentative und lediglich alltagstaugliche Stichprobe in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) birgt einen Hinweis auf das sich verändernde Forschungs- und Publikationsinteresse: Über das Stichwort „demografischer Wandel“ mit beliebigem Erscheinungsdatum lassen sich insgesamt 96 Literaturverweise finden. Allein 50, also mehr als die Hälfte davon, entfielen auf die letzten zehn Jahre[2].

Ulrich Heilemann veranschaulicht es wissenschaftlicher:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 1: Der Begriff „Demografie“ in Aufsatztiteln, 1969 bis 2008.[3]

Aus Darstellung 1 lässt sich die Häufigkeit von Aufsätzen entnehmen, die den Begriff „Demografie“ im Titel tragen. Es wird deutlich, dass das Interesse in den letzten 7-8 Jahren einen erheblichen Sprung gemacht hat. Je drängender das Problem wird und je näher wir uns zeitlich an seine spürbaren Auswirkungen bewegen, umso größer ist die Korrespondenz[4], was als weiterer Indikator der Brisanz dieses Themas zu werten ist.

Diese Arbeit versteht sich unter genau jenem zeitlichen Tenor und möchte einen wichtigen Beitrag zum Umgang mit dem demografischen Wandel leisten. Sie versucht dabei, den Blickwinkel auf die entscheidenden Merkmale zu lenken, die sich, bei der Berücksichtigung von kurz- oder langfristigen Projektionen, signifikant unterscheiden.[5] Sowohl die Rekapitulation des als auch der Umgang mit dem temporären Handlungsrahmen(s), in den uns die Demografie drängt, wird entscheidend dafür sein, wie gerüstet wir aus dieser Dekade demografischer Umwälzungen in die nächste(n) gehen. Die Verschiedenheit des demografischen Wandels im Kontext der zeitlichen Berücksichtigung ist ein wichtiger Punkt, der im Folgenden noch deutlicher herausgearbeitet wird.

Der erste Teil der Ausarbeitung wird den demografischen Wandel und die aus ihm folgenden Herausforderungen thematisieren. Die Beschreibung der demografischen Situation wird nicht auf Deutschland verengt bleiben, denn “unser“ demografischer Wandel hat nichts mit den Veränderungen gemein, denen sich die Welt als Ganzes ausgesetzt sieht. Nach einem Überblick und einer Begriffsklärung der demografischen Determinanten werden die Probleme diskutiert, die dazu geführt haben, und immer noch führen, dass notwendige Entscheidungen gestern hätten getroffen werden müssen, doch heute noch immer nicht politisches Handeln und gesellschaftliche Realität sind.

Nach einem Abriss der wichtigsten Fakten die deutsche Bevölkerungsentwicklung der nächsten 20-40 Jahre betreffend, werden die bundesdeutschen regionalen Disparitäten thematisiert, die durch den demografischen Wandel einerseits verschärft und andererseits hervorgerufen werden. Denn gerade die regionalen Unterschiede machen den deutschen Bevölkerungswandel zu einem besonderen.

Einen Schwerpunkt bildet die Vorstellung möglicher Reaktionen, die sich am zeitlichen Auftreten der kommenden Umwälzungen orientieren müssen. Kurz- bis mittelfristige Anpassungen werden dabei ebenso diskutiert wie langfristige Lösungsansätze.

Der zweite Teil beschäftigt sich speziell mit dem älteren Arbeitnehmer. Er lenkt den Fokus nach der allgemeinen Diskussion des Alters, und der unterschiedlichen Sichtweisen darauf, schließlich auf eine ausführliche Erörterung des betrieblichen Leistungspotentials Älterer. Kurz wird der Stellenwert charakterisiert, den Erwerbsarbeit über Jahrtausende für den Menschen einnahm, um die negativen Wirkungen verständlicher zu machen, welche – nicht nur –ältere Menschen erleben, die von Erwerbslosigkeit betroffen sind. In diesem Rahmen wird eine Darstellung der gegenwärtigen Situation älterer Erwerbspersonen konsequent in die Ausführungen integriert, da die momentane Arbeitsmarktlage wenig mit der prognostizierten gemein hat. Dementsprechend dürfen Maßnahmen, die auf eine Erhöhung des Arbeitskräfteangebots hinauslaufen, auch erst wirksam werden, wenn sich die Lage am Arbeitsmarkt entscheidend geändert hat.

Bestandteil ist weiters eine theoretische Zusammenstellung für Maßnahmen, die, im Kontext des demografischen Wandels, aufseiten der Politik und sowohl der Arbeitgeber einerseits als auch der Arbeitnehmer andererseits Gehör und Anwendung finden sollten, um auf die sich verändernden bevölkerungsstrukturellen Anforderungen zu reagieren. Im Zuge dieser demografischen Umwälzungen wird sich der Arbeitsmarkt einem tiefgreifenden und fortwährenden Umdenken in seiner „jung vor alt“ -Strategie nicht verschließen können.

Es wird dargelegt werden, dass ältere Arbeitnehmer geistig und körperlich, entgegen der häufig vorherrschenden Alltagsmeinung, in der Lage sind, länger leistungsfähig und produktiv zu arbeiten – und das Alter der Jugend bezüglich der betrieblichen Produktivität nicht nachsteht. Die Aus- und Weiterbildung als wichtigstes Element zur Schaffung und Steuerung von verwendungsfähigem Humankapital wird besonders berücksichtigt werden und ein Appell für eine Politik, die demografische Entwicklungen enger in ihr politisches Agieren integriert, den zweiten Abschnitt beenden.

Der dritte Teil sollte eine empirische Abrundung zu den vorangegangenen Kapiteln schaffen, denn bis hierher wird dargelegt worden sein, dass ein erheblicher Teil der gesamtdeutschen Produktivität ab dem Ende dieser Dekade von älteren Arbeitnehmern abhängt. Der Arbeiter “50 plus“ wird damit, einerseits wegen seines Beitrags zur volkswirtschaftlichen Gesamtproduktivität und andererseits aufgrund seines erheblichen Erfahrungswissens, zum Träger und Garanten unseres gesellschaftlichen Wohlstandes und unseres wirtschaftlichen Wachstums. Im Einvernehmen mit den betreuenden Autoritäten dieser Diplomarbeit war der Verfasser aber sowohl aufgrund des zeitlichen Rahmens und des thematischen Umfangs als auch aufgrund mangelnder Mitarbeit durch die Agentur für Arbeit (näheres unter IV.) gezwungen, den empirischen Teil nach der Ausarbeitung eines Fragebogens zu beenden. Angedacht war, dass der letzte Abschnitt die theoretischen Darstellungen durch eine Befragung zur Nachhaltigkeit des Arbeitspotentials älterer Erwerbspersonen vervollständigt. Es sollte dabei supplementär der Frage nachgegangen werden, ob das ältere Erwerbspersonenpotenzial, welches theoretisch prinzipiell in der Lage ist, auch den Wunsch und die Bereitschaft aufweist, diese Aufgabe tatsächlich zu schultern. Bei den zu diesem Zweck zu untersuchenden und zu vergleichenden Zielgruppen sollte es sich um ältere Beschäftigte einerseits und um ältere Arbeitslose andererseits handeln.

Ein abschließendes Fazit wird im Schlussteil die Arbeit zusammenfassen und aus den gewonnenen Erkenntnissen ein Resümee erschließen. Diesem Anspruch inhärent ist sowohl die prägnante Darlegung der Rolle älterer Beschäftigter auf dem zukünftigen Arbeitsmarkt als auch die Beantwortung der Forschungsfrage nach Potential und Wunsch, dieser Rolle zu entsprechen.

In einigen Kapiteln werden sich Fakten wiederholen und sie werden, je nach Themenschwerpunkt, an anderer Stelle wieder auftauchen. Dies resultiert daraus, dass bestimmte Inhalte zwangsläufig mit mehr als nur einem anderen Punkt verbunden sind und bestimmten Problemen mehr als nur eine Ursache innewohnt. Das Thema Rente beispielsweise ist sowohl mit der Demografie als auch mit Arbeit und Arbeitslosigkeit[6] verbunden – besonders, wenn ältere Arbeitnehmer im Fokus stehen, und schon im Titel wird klar, dass die demografischen Veränderungen Rückwirkungen auf den Arbeitsmarkt haben.

II. Demografie

1. Begriffsbestimmungen

1.1 Überblick

Die Demografie, oder auch Bevölkerungswissenschaft, beschäftigt sich mit Struktur und Veränderung der Bevölkerung eines bestimmten Gebietes oder auch der globalen Entwicklung der Bevölkerung.

Veränderungen in Struktur, Anzahl und räumlicher Konzentration der menschlichen Weltbevölkerung sind dieser seit ihren Anfängen genuin. Fertilität, Mortalität und territoriale Migration beeinflussten von jeher unsere bevölkerungsstrukturelle Entwicklung und werden dies auch weiterhin in erheblichem Maße tun. In einer vergleichenden Perspektive sind diese drei die Demografie beeinflussenden Punkte, je nach lokalem Raum, allerdings höchst verschieden. Vor allem unter nationalstaatlichem Aspekt gewinnen sie an Signifikanz und Variabilität. Zunächst jedoch zur globalen Situation:

Niemals zuvor lebten mehr Menschen auf unserem Planeten als heute – und ihre Zahl steigt weiter drastisch an. Jede Sekunde leben 2,6 Menschen mehr auf diesem Planeten. Das macht einen täglichen Anstieg von 228.155 Menschen – und einen jährlichen um 83.276.563![7] Dieser enorme Bevölkerungszuwachs schafft global-ökologische und individuelle Probleme. Wassermangel, Umweltzerstörung und -verschmutzung, Hungersnöte, Epidemien, ordnungspolitische Schwierigkeiten und so weiter. Der demografische Trend der Weltbevölkerung ist wider dieser immensen Probleme allerdings ein klar steigender: „Trotz sinkender Kinderzahlen pro Frau wird die Weltbevölkerung nach aktuellen Hochrechnungen der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2050 um voraussichtlich 2,3 Milliarden Menschen wachsen. Nach den aktuellen Bevölkerungsprojektionen der UN-Bevölkerungsabteilung werden bis zur Mitte des Jahrhunderts 9,1 Milliarden Menschen auf der Erde leben – heute sind es knapp 6,8 Milliarden.“[8]

Dieser drastische Anstieg in den kommenden vier Jahrzehnten wird sich fast ausschließlich in den Entwicklungsländern abspielen. In der sogenannten “Ersten Welt“ – den Industrieländern – wird die Bevölkerung dagegen, Hochrechnungen der Vereinten Nationen zufolge, lediglich um 50 Millionen Menschen wachsen. Bis zum Jahr 2050 werden diesen Berechnungen nach ca. 1,28 Milliarden Menschen in der “Ersten“ und 7,9 Milliarden Menschen in der “Dritten Welt“ leben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 2: Bevölkerungswachstum 2008 in Prozent.[9]

In den verschiedenen Teilen unserer Erde werden also in demografischer Hinsicht unterschiedliche Probleme auftauchen. In der “westlichen Welt“ bleibt die Bevölkerung weitestgehend stabil, während sie im restlichen Teil der Erde scheinbar explosionsartig ansteigt. Darstellung 2 verdeutlicht dies anhand des prozentualen Bevölkerungswachstums für das Jahr 2008.

Die territorialen und vor allem regional-staatlichen Unterschiede in der Bevölkerungsentwicklung zeichnen allerdings ein noch weiter zu differenzierendes Bild für die Industrieländer. Unterschiedliche Entwicklungen sind auch innerhalb der Wohlstandsgesellschaften angezeigt. Den USA wird beispielsweise ein Bevölkerungsanstieg zwischen 110[10] und 135[11] Millionen Menschen bis zum Jahr 2050 vorausgesagt – überwiegend aufgrund hoher Einwanderung. Viele europäische Länder, darunter Deutschland als eines der am stärksten betroffenen Länder, werden stattdessen mit einem erheblichen Bevölkerungsrückgang konfrontiert sein.

Verschiedenen demografischen Veränderungen ruhen selbstredend nicht die gleichen Herausforderungen inne. Probleme werden sowohl durch starkes Bevölkerungswachstum als auch durch enormen Bevölkerungsrückgang verursacht. Ralf E. Ulrich, Direktor des Instituts für Bevölkerungs- und Gesundheitsforschung an der Universität Bielefeld, sieht daher einen Wettbewerbsvorteil für diejenigen Länder, die: „ […] in den nächsten Jahrzehnten weniger mit den Auswirkungen demografischer Ungleichgewichte konfrontiert [sind].“[12] Deutschland gehört nicht zu dieser Gruppe.

Auf die globalen Probleme einer ausufernden Weltbevölkerung, teilweise ohne Nahrung und (sauberes) Trinkwasser, mit mangelhafter gesundheitlicher Versorgung, geringer Bildung und teilweise ohne funktionierenden ordnungspolitischen Überbau, muss reagiert werden. Die Annahme, Einwanderungsströme aus den wachsenden Gesellschaften in Asien oder Afrika würden per se unsere Probleme lösen und diejenigen der Länder verringern, in denen die Bevölkerung drastisch steigt, verkürzt die Problematik und macht einen adäquaten Umgang lediglich komplizierter. Unsere eigene bundesdeutsche Demografiebewältigung gestaltet sich durch die globalen Vorgänge stattdessen sogar schwieriger, da die unterschiedlichen Probleme sich durchaus überlagern und begünstigen können.[13]

Dieser kurze, doch bei weitem nicht erschöpfende, Ausblick sei den folgenden Ausführungen vorangestellt, um ein ganzheitliches Panorama nicht vollends zu verlieren und den globalen Trend, wider der europäischen und speziell deutschen Alterung und Schrumpfung, und die daraus folgenden Aufgaben weiter im Hinterkopf zu behalten.

1.2 Die deutsche Bevölkerungsstruktur

Um sachlich korrekte Aussagen zur Bevölkerungsstruktur Deutschlands treffen zu können, sei vorweg erläutert, was generell unter einer „Bevölkerung“ zu verstehen ist, denn dass dieses Wort bei näherer Betrachtung doch einer genaueren Definition bedarf, wird vor allem innerhalb unseres Kontextes wichtig, und, wenn wir uns die zwei unterschiedlichen, aber doch oft synonym gebrauchten Worte „Volk“ und „Bevölkerung“ vergegenwärtigen: Von einem „Volk“ spricht man bei einer „durch gemeinsame Sprache und Kultur verbundene[n], größere[n] Gemeinschaft von Menschen.“[14] Anhand der Bevölkerungsdefinition von Professor Dr. Rainer Münz wird der Unterschied zur „Bevölkerung“ deutlich: „ ‚Bevölkerung’ meint in diesem Zusammenhang zweierlei: zum einen die Einwohner eines bestimmten Landes oder einer Region; zum anderen die Summe jener Prozesse, die Zahl, Struktur und Verteilung der Einwohner bestimmen.“[15] Anders als bei einem Volk spielen also ethnische Zugehörigkeiten, die Sprache oder Gebräuche keine Rolle, ob jemand einer bestimmten Bevölkerung angehört. Entscheidend ist das (gemeinsame) „Bevölkern“ einer bestimmten Region oder eines speziell betrachteten Raums – bspw. die Gemeinde, der Kreis, die Stadt, ein Staat, ein ganzer Kontinent oder auch die gesamte Weltbevölkerung.

Die Größe und Zusammensetzung einer Bevölkerung sind ein wichtiger Indikator für den demografischen Wandel und anhand der Bevölkerungsstruktur lassen sich unter Berücksichtigung der Geburtenrate, der Sterblichkeit und der menschlichen Wanderungsdynamik Aussagen über zukünftige Bevölkerungsbeschaffenheiten ableiten. Die Bevölkerung ist damit zu keiner Zeit eine feste Größe und unterliegt ständigen Veränderungen.

Der gegenwärtige Stand: „Ende 2006 lebten in Deutschland rund 82,3 Mill. Einwohner, davon waren 49% Männer und 51 % Frauen. Gegenüber 2005 hat die Bevölkerung um 123 000 Einwohner bzw. um 0,1% abgenommen. 65,7 Mill. (rund 80 %) lebten in den alten Bundesländern, 13,2 Mill. (rund 16 %) in den neuen Bundesländern und 3,4 Mill. (rund 4 %) in Berlin.“[16] Die Bevölkerung in Deutschland ist zwischen 1950 und 2006 um fast 13 Millionen Menschen gewachsen. Dieses Wachstum speist sich jedoch nahezu ausschließlich durch Migrationsgewinne. Schon an dieser Stelle muss auf die enormen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland hingewiesen werden: Darstellung 3 veranschaulicht die Bevölkerungsgewinne und -verluste zwischen 1950 und 2006 in den beiden deutschen Staaten. Trotz eines Geburtenüberschusses sowohl in der ehemaligen DDR als auch in der BRD bis zum Einsetzen des „Pillenknicks“[17] kam es, durch erhöhte Abwanderung, unterm Strich zu einem Bevölkerungsschwund in Ostdeutschland zugunsten des früheren Bundesgebietes, dessen Trend sich bis heute fortsetzt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 3: Bevölkerungsentwicklung Deutschlands 1950 bis 2006.[18]

Seit 2003 spricht man in Deutschland von einer stabilisierten Bevölkerungszahl mit einem leicht rückläufigen Trend. Wie in Darstellung 3 sichtbar, ist allerdings auch nach der Wiedervereinigung ein gegenläufiger Verlauf zwischen den alten und den neuen Bundesländern charakteristisch für die unterschiedlichen Entwicklungen, auch aufgrund innerdeutscher Binnenwanderung überwiegend von Ost nach West. Der demografische Wandel wird die neuen Bundesländer aus diesem Grund zeitiger und stärker treffen als die alten: „ […] – Ostdeutschland wird, nicht zuletzt aufgrund des Wanderungsverlustes von 1,5 Millionen, meist jungen, Menschen zwischen 1990 und 2009, jedenfalls deutlich stärker getroffen als Westdeutschland.“[19]

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2006 19,7 % der Bevölkerung jünger als 20 Jahre und 60,5 % im Alter zwischen 20 und 65. 15,2 % gehörten der Gruppe der 65-80-Jährigen an und 4,6 % der Bevölkerung waren 80 Jahre und älter. Diese Altersstruktur der deutschen Bevölkerung wird sich in den kommenden Jahren erheblich ändern. Die Menschen werden immer älter und im Gegenzug werden immer weniger Kinder geboren. Jede nachfolgende Generation ist kleiner als die vorhergehende, was zu einer Alterung bei gleichzeitiger Schrumpfung der Bevölkerung führt.

Darstellung 4 veranschaulicht diese Entwicklung von 1960 bis ins Jahr 2050 in absoluten Zahlen, wobei die Anteile der Altersgruppen in Prozent angegeben sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 4: Bevölkerung Deutschlands bis 2050.[20]

Auffallend ist die kontinuierliche Abnahme der Gruppe der unter 20-Jährigen schon seit den 70er Jahren. Bereits während dieser frühen Anfänge war der demografische Wandel anhand der geringen Reproduktionsrate absehbar. Spätestens seit den 90er Jahren kommt es zu einem stetigen Anstieg der Gruppe der über 60-Jährigen und zu einer beständigen Schrumpfung der Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahre.

1.3 Fertilität

Die (bundesdeutsche) Fertilitätsrate errechnet sich aus der durchschnittlichen Anzahl an Kindern, die eine Frau im Laufe ihrer fruchtbaren Lebensjahre hätte. Für Deutschland errechnet sich eine Geburtenziffer, die im Bereich zwischen 1,3 und 1,4 Kindern pro Frau liegt. Um eine stabile Bevölkerung dauerhaft aus der eigenen Gesellschaft heraus sicherzustellen, benötigt die deutsche Gesellschaft eine Reproduktionsrate von 2,1 Kinder je Frau. Deutschland ist damit eines der Länder mit der geringsten Fertilitätsrate (siehe Darstellung 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 5: Die unterschiedlichen Fertilitätsraten.[21]

Für diese Unterschiede in der Geburtenanzahl sind verschiedene Gründe maßgeblich: In den Entwicklungsländern werden Kinder noch immer primär mit einer Altersversorgung in Verbindung gebracht. Die Absenz staatlicher Ruhestandssicherungen veranlasst Familien, in Kindern einen Nutzen zur Alterssicherung zu sehen. Kinderarbeit, noch immer in vielen Ländern an der Tagesordnung, steigert das Familieneinkommen sogar direkt und vor dem Eintritt eines Familienangehörigen in ein Alter der Arbeitsunfähigkeit. In solchen Ländern wird Kindern überwiegend ein materieller Nutzen beigemessen. Kinder werden zur Arbeit geboren und als Ernährer der Familie. Dementsprechend gering fallen bspw. die elterlichen Bildungsinvestitionen in ihre Kinder aus.

In der westlichen Welt hingegen wird mit Kindern ein immaterieller Nutzen verbunden. Dementsprechend hoch sind die Investitionen in die Kinder (Zeit, Erziehung, Bildung). Oftmals sind die damit verbundenen hohen Kosten der Grund, sich nur für ein Kind oder generell gegen Kinder zu entscheiden. Auch fallen Kinder bei der persönlichen Altersplanung nicht mehr ins Gewicht[22] und es kam allgemein zu einem Wertewandel in Deutschland, durch den Elternschaft nur noch zu einem optionalen Wert unter vielen geworden ist.

Weitere mögliche Ursachen:

(1) Kinder werden allgemein eher als Belastung anstatt als Bereicherung des Lebens wahrgenommen.
(2) Lebensfreunde und -zufriedenheit werden durch Kinder gering beeinflusst.
(3) Das gesellschaftliche Ansehen von Familien ist gering.
(4) Beschäftigungschancen, persönliche Freiheiten und finanzieller Spielraum werden durch Kinder eingeschränkt.
(5) Sicherer Arbeitsplatz und stabile Beziehung gelten als Voraussetzung für eine Familiengründung.[23]

Nur wenn diese Punkte ausreichend Berücksichtigung finden und Lösungsansätze ursachenorientiert adressiert werden, lässt sich der demografische Wandel in Deutschland beeinflussen und der negative Trend sich mittel- bis langfristig stabilisieren.

Alles in allem wird der deutschen Gesellschaft aber mittelfristig eine Schrumpfung bevorstehen.

1.4 Mortalität

Im letzten Jahrhundert wurden in den verschiedensten Bereichen des alltäglichen Lebens enorme Fortschritte gemacht, die sich positiv auf die durchschnittliche Lebenserwartung auswirkten: die technische Entwicklung, eine bessere medizinischen Versorgung, allgemeines Hygiene- und Gesundheitsbewusstsein, geringere körperliche Belastungen in Beruf und Alltag, ausreichende und bessere Nahrungsmittelversorgung, finanzielle Alterssicherung im Ruhestand, das Ausbleiben von bzw. die Nicht-Teilnahme an Kriegen nach 1945 etc.

Als eine der wichtigsten Komponenten bei der Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung fungierte im letzten Jahrhundert die verringerte Säuglings- und Kindersterblichkeit, die letztlich eine Interdependenz der vorherig genannten Punkte zeichnet.

Die durchschnittliche bundesdeutsche Lebenserwartung lag 2006 bei 76,6 Jahren für Männer und bei 82,1 Jahren für Frauen. Zur Reichsgründung 1871 betrug die Lebenserwartung hingegen nur 35,6 Jahre für neugeborene Jungen und 38,4 Jahre für neugeborene Mädchen.[24] In den letzten 140 Jahren hat sich die durchschnittliche Lebensspanne also mehr als verdoppelt.

Darstellung 6 veranschaulicht zusätzlich die fernere Lebenserwartung im Alter von 60 Jahren im Vergleich mit dem letzten Jahrhundert. Auch hier werden beachtliche Fortschritte gezeitigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 6: Fernere Lebenserwartung im Alter von 60 Jahren. Stand 2003.[25]

Im Jahre 2050 wird ein zu diesem Zeitpunkt 60-jähriger Mann in Deutschland also voraussichtlich noch 23,7 Jahre und eine 60-jährige Frau noch 28,2 Jahre zu leben haben.

Deutschland gehört, was die durchschnittliche Lebenserwartung betrifft, aber keinesfalls zur Avantgarde. Nicht nur in Europa gibt es Länder, bei denen die statistische Lebensspanne über der deutschen liegt. Männer in Island und Liechtenstein erreichten schon 2008 im Durchschnitt die 80-Jahre-Marke, aber auch Japan, Australien, die Schweiz, Schweden, Italien und andere Länder lagen vereinzelt fast 24 Monate über den rechnerisch möglichen Lebensjahren für einen männlichen Durchschnittsdeutschen.[26]

Für Frauen fällt der Unterschied noch erheblicher aus: Der Ländervergleich zeigt, dass schon heute japanische Frauen mit durchschnittlich 86 Jahren mehr als drei Jahre über den statistischen 82,7 Jahren ihrer deutschen (und puerto-ricanischen) Geschlechtsgenossinnen liegen. Auch in anderen Ländern wie Liechtenstein, Frankreich, Italien, Singapur, Südkorea, Australien oder Kanada werden die Frauen im Durchschnitt älter.

Dieser kurze Ländervergleich soll deutlich machen, dass ein weiterer Anstieg der Lebenserwartung in Deutschland zu erwarten ist und sich dieser Trend wohl auch weiterhin fortsetzen wird. Im Zuge dieser Entwicklung wird ein (Werte-) Wandel im Umgang mit Alten und in der Sicht auf das Alter notwendig, um auf diese wichtige gesellschaftliche Veränderung adäquat reagieren zu können.

Die geringe Fertilität im Zusammenspiel mit der sinkenden Sterbewahrscheinlichkeit, d.h. die durchschnittliche Erhöhung der Lebenserwartung, führt allgemein zu den demografischen Veränderungen in unserer Bevölkerungsstruktur, welche die deutsche Gesellschaft vor die von Angela Merkel beschriebenen Herausforderungen stellt – der durchschnittliche Deutsche wird signifikant altern.

1.5 Migration

Bevölkerungswanderungen sind keine Erscheinung der Moderne und für den Menschen schon immer die entscheidende Größe gewesen, seine Lebensumstände zu verbessern. Tatsächlich ist die Wanderung des Menschen auf der Suche nach klimatisch und ökologisch besseren Bedingungen einer seiner ursprünglichsten Wesenszüge. Erst um ca. 10.000 v. Chr. änderte sich dieser Charakter mit dem Aufkommen des Sesshaftwerdens – obgleich dies nicht im Geringsten ein Ende menschlicher Wanderung zeitigte. Vielmehr bedeutete die Sesshaftigkeit einen neuen Charakter von Wanderung, eine neue Konzeptualisierung hin zum heutigen Begriffsverständnis, wonach Migration lateinisch für „(Aus-)Wanderung“ bzw. „Umzug“ steht. Dieser Inhalt setzt vorheriges Bewohnen eines bestimmten Ortes voraus und hebt sich inhaltlich vom steten Umherwandern ab.

Einschneidende Migrationsereignisse prägen schon lange auch die Geschichte der Völker Europas. Als solche müssen auch die verschiedenen Migrationsströme gesehen werden, die sich in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ereigneten.

Als kennzeichnend für deutsche Binnenmigration muss die Flucht und Vertreibung der Menschen aus den Ostgebieten des „Dritten Reiches“ und die Auswanderung von Bürgern der früheren DDR in die BRD bis zum Bau der Berliner Mauer und dem Schließen der deutsch-deutschen Grenze 1961 gesehen werden. Vor allem danach, aber seit 1955 auch schon währenddessen, setzte überwiegend in der BRD eine internationale (Ein-) Wanderung ein, die bis 1999 in einem Plus von 7,3 Millionen Menschen mit ausländischem Pass (8,9 % der Bevölkerung) resultierte: „Im Zeitraum von 1970 bis 1999 nahm die ausländische Bevölkerung im früheren Bundesgebiet somit um knapp 4,2 Mill. Personen zu.“[27] Rein rechnerisch lag der Saldo der ausländischen Ein- und Abwanderung zwischen 1961 und 2000 damit bei ca. 200.000 Menschen jährlich. Durch Wanderungen können also, entgegen der eher langfristigen Faktoren (Fertilität, Mortalität), kurzfristig enorme Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur stattfinden. Die Vergrößerung der Bevölkerung in den alten Bundesländern seit den 1960er Jahren, und zwischen 1990 und 2003 in der wiedervereinigten BRD, geht damit fast ausschließlich auf die Zuwanderung durch Ausländer zurück.

Die Richtungen der Bevölkerungsbewegungen werden von sogenannten Pull und Push-Faktoren beeinflusst. Diese bestimmen, ob ein Land Aus- oder Einwanderungsland ist. Neben wirtschaftlichen (Wohlstandsunterschiede, Arbeitsmarkt), politischen (verschiedene Regierungsformen, Sozialgesetzgebung) und klimatischen (extreme Temperatur- oder Vegetationsunterschiede) Verschiedenheiten können Staaten auch durch bestimmte Gesetze und Verordnungen direkt Einfluss darauf nehmen, ob Menschen ein- oder abwandern[28]. Naturkatastrophen oder kriegerische Auseinandersetzungen verursachen ihrerseits ebenfalls große Wanderungsströme, je nachdem wie schwer die Auswirkungen sind oder waren.

Ein alarmierender Fakt, vor allem vor dem Hintergrund des deutschen demografischen Wandels und dem Gewicht, das der Einwanderung gemeinhin von der Politik als Reaktion auf die beschriebenen Entwicklungen zugeschrieben wird, ist der geringe Wunsch von Ausländern, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. Von 4,7 Millionen Ausländern, welche die Voraussetzungen für eine Einbürgerung im Jahr 2006 erfüllt hatten, nahmen lediglich 125.000 die deutsche Staatsbürgerschaft an[29].

Wirtschaftliche Errungenschaften und sozialstaatliche Transferleistungen haben scheinbar für viele Zugewanderte eine größere Anziehungskraft als kulturelle, rechtliche und gesellschaftliche Eigenheiten oder der simple Punkt, gern Staatsbürger des Landes zu sein, in das man zugewandert ist.

Sofern die Bundesrepublik weiterhin auf den Zuzug ausländischer Personen setzen möchte – sei es arbeitsmarkt- oder demografiebedingt – ist ein Umdenken absolut notwendig, das die Interdependenz zwischen der Integrationsgesellschaft und dem zu Integrierenden fokussiert und nicht einfach teure, aber oft wirkungslose Integrationsprogramme vorschlägt. Der deutsche Staatsbürger müsste dazu erst einmal selbst gern Deutscher sein und sollte damit keine Probleme haben oder derartige transportieren,[30] sofern wir uns auf der anderen Seite eine Integrationsleistung von zugewanderten Menschen wünschen, die über den Arbeitsmarkt und die bloße Akzeptanz unserer Rechtsordnung hinausgeht. Höhere – nicht zwangsläufig materielle – Integrationsbemühungen müssen beidseitig erfolgen, nicht zuletzt, um sozialen Frieden und kulturelle Besonderheiten im Aufnahmeland zu erhalten. Denn gerade diese sollten es doch ebenfalls sein, weswegen sich Zuwanderer für die deutsche (oder eine andere Wahl-) Gesellschaft entscheiden.

Die Ausführungen machen deutlich, dass die demografischen Entwicklungen einen tiefgreifenden Prozess zeitigen, dessen Wirkungen sich auf jeden Lebensbereich niederschlagen.

2. Problematischer Diskurs in Deutschland

Der demografische Wandel ist der am Fach interessierten und allgemein gesellschaftspolitisch wissbegierigen Öffentlichkeit schon seit einigen Dekaden bekannt. Fleißig, ambitioniert und interdisziplinär werden Publikationen mit einem wiederkehrenden Kern veröffentlicht, an den sich weiterführende Gedanken aus dem jeweiligen Fach anschließen. Allen zentral ist die demografische Entwicklung, sowohl regional als auch global. Soziologen, Psychologen, Betriebs- und Volkswirte, Politik- und Erziehungswissenschaftler, die Medizin, die Ökologie und viele weitere Fachbereiche beschäftigen sich schon lange mit der Veränderung unserer Bevölkerungsstruktur und der „Vergreisung“[31] und Schrumpfung unserer Gesellschaft.

Dieser intensiven Arbeit zum Trotz scheint es, dass der Gegenstand nicht von einer breiten, sondern eher von einer sehr schmalen Öffentlichkeit rezipiert und die aus ihm folgenden Konsequenzen nur von einem noch kleineren Bevölkerungsanteil verinnerlicht worden sind. Wider dem Umstand, dass sowohl seriös als auch polemisch formulierende Zeitungen und Zeitschriften die Angelegenheit Demografie immer wieder als Bestandteil ihres Informationsanspruches entdecken[32], bleibt der Sachverhalt der breiten Masse scheinbar verborgen oder in seiner Brisanz marginalisiert. Nicht anders ist es zu erklären, dass große Teile der etablierten Parteien und Gewerkschaften sich einem Umdenken versagen und die Weichen noch immer in die falsche Richtung stellen: „VW beschließt Rente ab 58“[33], „Die Arbeitgeber haben den Plan von Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) kritisiert, die geförderte Altersteilzeit zu verlängern […]“[34], „FDP für Rente ab 60“[35], „SPD will Verlängerung der Altersteilzeit“[36], „Rente ab 67 vollständig zurücknehmen“[37]. Dies sind nur einige der Meldungen, die noch immer Tag für Tag durch die deutsche Presse gehen, obgleich Wirtschaft und Politik Informationen vorliegen, die zumindest mittelfristig in eine andere Richtung weisen und welche – richtig interpretiert – auf Anstöße für entgegengesetzte Schritte drängen[38].

Kurzfristiger Gewinn wiegt bei individuellen Entscheidungen leider oft schwerer als langfristige Planung und, aus dieser folgend, gesamtgesellschaftlicher Nutzen. Auf Ältere so zu verzichten, wie weite Teile der Wirtschaft es momentan noch immer praktizieren, wird nicht mehr lange tragbar sein.

Die Schwierigkeit in Deutschland liegt hierbei vor allem darin, dass auf die schon vor mehreren Dekaden sichtbaren und erkannten Probleme nicht reagiert wurde. Gunter Steinmann meint zu diesem Aspekt: „Schon vor Jahrzehnten hätte ein Gegensteuern durch aktive Bevölkerungspolitik erfolgen sollen.“[39] Dass derartige politische Aktivitäten voraussetzen, den Menschen nicht mehr nur als Arbeitsperson zu begreifen, muss von vielen Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft noch verinnerlicht werden. Kurzsichtig arbeitsmarktbezogenes Reagieren, um es Unternehmen einfacher zu machen, den Angestellten ab einem gewissen Alter wie eine nicht mehr zufriedenstellend funktionierende Maschine auszutauschen, bedeutet einerseits menschlich eine Abwertung Älterer und andererseits wirtschaftlich einen Aderlass von essentiellem Humankapital.

Einen allzu verengten Blick auf die Demografie beklagt auch Prof. Dr. Adolf Wagner, Gründer und erster Direktor des Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Leipzig. Er bemängelt, dass orthodoxe Bevölkerungsökonomik den Blick zu sehr auf eine einzelne „wirtschaftsrelevante ‚Funktion’ eines Menschen [(3)]“[40] reduziert und viele weitere vernachlässigt. Im Folgenden werde ich diese “Funktionen“ ohne nähere Erläuterungen aufzählen, um so die Vielfältigkeit des Humanvermögens wenigstens kurz zu benennen. Wie weitläufig diese Sicht sein sollte und wie kurz oftmals die Betrachtung ausfällt, wird durch die folgenden Punkte auch ohne Erörterung deutlich:

„(1) Der Mensch ist potentieller Verbraucher und Nachfrager.
(2) Der Mensch ist je nach Altersstufe Nutzer staatlicher Einrichtungen (Kindergärten, Schulen, Heime, Wehr- und Zivildienst, auch Klinika).
(3) Der Mensch ist je nach Ausbildung potentielle Arbeitskraft.
(4) Der Mensch ist Wissensträger – für alle möglichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufgaben. Insbesondere verkörpert er in den Unternehmungen aufgrund langer Berufserfahrung ‚ tacit knowledge ’ (know-how which cannot be articulated by those who possess it), ein Wissen, das nicht in der üblichen Weise gelehrt und gelernt werden kann.
(5) Der Mensch ist potentieller Erfinder (‚Inventor’ für neue Produkte und Prozesse technologischer und nicht-technologischer Art) – teils dank jugendlicher Kreativität, teils dank Erfahrungswissens (zum Teil ‚tacit knowledge’) in fortgeschrittenem Alter.
(6) Der Mensch ist potentieller Unternehmer (die Neigung zur unternehmerischen oder generell selbständigen Tätigkeit kann man als eine besondere Begabung ansehen) und als solcher ‚ Innovator ’ (mit unternehmerischer Erstanwendung von wissens- und erfahrungsbasierten neuen Produkten und/oder neuen Produktionsverfahren technologischer und nicht-technologischer Art, die das Unternehmensergebnis verbessern sollen).
(7) Der Mensch ist Kulturträger (siehe ‚Kulturökonomik’).
(8) Der Mensch ist potentieller Elternteil.
(9) Der Mensch ist Staatsbürger sowie Träger in allen Institutionen [Kursivschreibung des gesamten Zitats jeweils im Original hervorgehoben].“[41]

Diese Ausführungen sollten deutlich gemacht haben, wie wichtig ein positives oder zumindest stabiles Bevölkerungswachstum und eine ausgeglichene Bevölkerungsstruktur – auch und vor allem im Hinblick auf die Teilnahme am Arbeitsprozess – ist.

3. Die deutsche demografische Entwicklung

3.1 Daten, Zahlen, Fakten

Je nach Forschermeinung, deren Annahmen und Umgang mit dem Thema, kommen Wissenschaftler zu unterschiedlichen Standpunkten den demografischen Wandel betreffend. Diese Standpunkte sind von den verschiedenen Prognosen und deren Zeiträumen abhängig, da Vorausberechnungen zunehmend ungenauer werden, umso weiter wir uns in die Zukunft bewegen. Bei den folgenden Darlegungen sind interessenorientierte Extremszenarien daher immer mit sorgfältiger Vorsicht und objektiver Skepsis zu behandeln.

Die sich abzeichnende demografische Strukturveränderung für Personen im Erwerbsalter (15 bis 64 – in absehbarer Zeit aber sicher 66 oder 69) ist jedoch für die nächsten 15-20 Jahre unabänderlich festgeschrieben[42] und damit zusammenhängend das Ausscheiden der Baby-Boomer[43] aus dem Arbeitsmarkt zwischen 2015 und 2030. Durch die geringen Zahlen nachrückender junger Menschen in Arbeit wird das gesamte Erwerbspersonenpotential schrumpfen und altern, wobei gleichsam ein Anstieg des Anteils am älteren Erwerbspersonenpotential die Folge ist.

Selbst bei unterschiedlichen Annahmen zu einem positiven Einwanderungssaldo von 100.000 oder 200.000 Menschen jährlich kommt es 2030 zu einer deutlichen Verminderung des Erwerbspersonenpotentials, wobei davon auszugehen ist, dass sich die Fertilitäts- und Mortalitätsrate nicht sprunghaft verändern wird. Je nach Migrationsannahme würde die Zahl der Erwerbspersonen im Jahr 2030 dann 36,4 bzw. 38 Millionen betragen[44], gegenüber den 43,46 Millionen im Jahr 2009[45].

Im Klartext bedeutet dies, dass die Zahl der Erwerbspersonen, also der Menschen im arbeitsfähigen Alter, in den nächsten 20 Jahren um ca. fünf bis sechs Millionen sinken wird. Erste Anzeichen dieser Entwicklung werden allerdings erst ab 2015 spürbar werden. Diese Jahre bieten Politik und Wirtschaft noch Zeit, sich eingehender mit dem Thema zu befassen und Lösungsstrategien zu erarbeiten.

Möglicherweise ist diese sich erst mittelfristig auswirkende Veränderung auch eine Erklärung dafür, warum verschiedene Parteien, Gewerkschaften und einzelne Unternehmen noch immer auf staatlich geförderte Frühverrentung[46] oder freiwilliges Ausscheiden aus dem Beruf[47] bauen. Da bisweilen selbst Arbeitsmediziner staatliche Frühverrentungsförderungen angesichts des demografischen Wandels und des drohenden Fachkräftemangels kritisieren[48], muss allerdings auch auf kurzfristigen Gewinn bzw. auf bessere Umfrage- und Wahlergebnisse ausgelegte Interessenpolitik unterstellt werden.

Gibt es für den Aspekt der Schrumpfung der deutschen (Arbeits-) Bevölkerung noch eine kleine Phase zur Vorbereitung, so ist die Situation, was den Teil des demografischen Wandels angeht, der die Alterung betrifft, brisanter. Der vor allem in kurzfristiger Perspektive weit schwerer wiegende Aspekt ist die Verschiebung innerhalb der Altersstruktur der arbeitsfähigen Bevölkerung: „Resümiert man die in Folge der demografischen Veränderung vorhersehbaren Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, so kann – bei allen Unsicherheiten der Prognosen – zumindest für die nächsten zwei Jahrzehnte festgestellt werden, dass die eigentliche demografische Herausforderung am Arbeitsmarkt nicht in der Schrumpfung des Erwerbspersonenpotentials liegt. Vielmehr ist sie in dessen zunehmender Alterung zu sehen. Durch die Tatsache, dass die große Zahl an Babyboomern in den nächsten 20 Jahren in das höhere Erwerbsalter kommt, steigt das Angebot an älteren Arbeitskräften dramatisch an. Gleichzeitig wird der jüngere Nachwuchs reduziert – allerdings nicht so stark, wie oft dargestellt.“[49]

Kurzfristig wird sich also in erster Linie die Alterung der deutschen (Arbeits-) Gesellschaft abzeichnen und erst mittelfristig auch deren Schrumpfung. Die Hauptaufgabe der nächsten Jahre muss es also sein, sich auf die kommenden Umwälzungen in der Altersstruktur der Erwerbspersonen vorzubereiten. Ein Umdenken in der generellen Sicht auf ältere Arbeitnehmer, und allgemein des Alters, ist dabei nur ein Aspekt, der sich evtl. erst nach den oder durch die notwendigen Umgestaltungen bei der Personalplanung und -auswahl, am Arbeitsplatz, bei der Gesundheitsprävention und in der Art und Weise, wie wir grundsätzlich mit Arbeit und unserer Arbeitskraft umgehen, verändern wird.

3.2 Regionale Disparitäten

Bei der Betrachtung und Analyse des demografischen Wandels in Deutschland muss – gerade im Hinblick auf die Zäsuren der jüngeren deutschen Geschichte – bevölkerungsstrukturell auch den bezeichnenden Unterschieden Rechnung getragen werden, die sich vor allem in unterschiedlichen kommunalen Entwicklungen ausdrücken.

Demografische Umgestaltung bedeutet daher vornehmlich die signifikante und beschleunigte Veränderung von und in Peripheriegebieten – wobei „Peripherie“ dabei definitorisch immer von den verglichenen Räumen abhängig ist.

Bezüglich der Bundesrepublik muss, bei ehrlicher und konsequenter Betrachtung, der überwiegende Teil Ostdeutschlands als großes Peripheriegebiet angesehen werden, das vereinzelt mit Inseln durchzogen ist, die, mal erfolgreicher, mal mit weniger Erfolg, der demografischen Entwicklung zu trotzen versuchen. Dieser Kampf wird aber nicht nur in ostdeutschen Gemeinden – wenngleich dort überproportioniert – auf vermeintlich verlorenem Posten geführt. Auch Kommunen in den alten Bundesländern sehen sich einer Alterung und Schrumpfung ihrer Bevölkerung gegenüber, die den gesamtdeutschen, aber auch den auf die ostdeutsche bzw. westdeutsche Entwicklung bereinigten, Durchschnitt in Schrumpfung und Alterung teilweise weit übersteigt.

Das Geburtendefizit allein beschreibt die Gründe dafür nicht ausreichend, obgleich für Ostdeutschland bemerkt werden muss, dass der erhebliche Geburteneinbruch infolge der resultierenden Umwälzungen aus dem Mauerfall hier spürbare Auswirkungen hinterlassen hat. Vielmehr ist die Wanderung in größere und prosperierende Städte, welche mehr Perspektiven, Freizeitmöglichkeiten und Jobangebote bereithalten, ein allgemeiner Trend. Vor allem jüngere und gut Qualifizierte verlassen ihre Heimat, Frauen noch häufiger als Männer. Dieses spezielle Paradigma der neuen Bundesländer führt zu einer schneller, radikaler und nachhaltiger ablaufenden Veränderung der Bevölkerungsstruktur Ostdeutschlands.

Die sich nachteilig auswirkende Abwanderung vorwiegend gut qualifizierter und junger Menschen aus dem Osten Deutschlands ist dabei gleichzeitig ein wichtiger und ausgleichender Faktor für den im Westen langsamer stattfindenden Wandel. Doch auch dort verändert der Auszug aus dörflichen und ländlichen Gemeinden das gesellschaftliche Erscheinungsbild bestimmter Kleinstädte tiefgreifend und fortwährend. Schlussfolgernd stellt also: „ […] nicht der Wandel an sich, sondern die bestehenden regionalen Disparitäten […] die größte Herausforderung für eine Strukturpolitik dar, die sich am sozialen Ausgleich orientiert.“[50]

Regionale Disparitäten (bspw. in Form von wirtschaftlichen Strukturunterschieden, aber auch in Form von Abweichungen Lebenschancen und -qualitäten betreffend) sind dabei meistens der Ursprung für die Abwanderung, weniger das Resultat. Ergänzend muss konstatiert werden, dass sich beide Entwicklungen interdependent verhalten: Junge gut ausgebildete und gebildete Menschen verlassen Regionen, in denen sich ihre Freizeit-, Job- und ganz allgemein ihre Lebensperspektiven als gering darstellen. Genau in derartige Regionen wird auf der anderen Seite aber auch nicht primär investiert, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Unter solchen Vorzeichen setzt sich dann gewissermaßen eine Abwärtsspirale in Gang[51].

Die negativen Auswirkungen dieser Abwanderung werden sich gerade in den Mittelstädten, Kleinstädten, Gemeinden und Dörfern bemerkbar machen, aus denen die jungen qualifizierten Personen fortziehen. Betroffene Kommunen sehen sich schon gegenwärtig durch ausbleibende Steuereinnahmen und erhöhte Transferausgaben finanziell in Schwierigkeiten gebracht. Die Sanierung bereits vorhandener Infrastruktureinrichtungen, der öffentliche Personennahverkehr, die medizinische Versorgung, Wasserver- und Abwasserentsorgungssysteme mit geringeren Fließgeschwindigkeiten bedingt durch immer weniger Nutzer, der Bau neuer Infrastrukturprojekte, kaum Polizeipräsenz usw. bezeichnen nur einige der aufkommenden oder bereits vorhandenen Probleme. In einigen Gebieten Deutschlands lassen sich bereits heute Krankenhäuser nicht binnen 25 Minuten mit dem Auto erreichen. Besonders für alte und einkommensschwache Bevölkerungsgruppen, die überproportional häufig in solchen Gebieten wohnen, bedeutet das einen sich weiter verschlechternden Zugang zur Gesundheitsversorgung. „Insofern kann es keine sinnvolle Strategie zur Bewältigung des demographischen Wandels geben, die diese regionalen und kommunalen Unterschiede unberücksichtigt lässt.“[52]

Gerade auf regionaler Ebene werden die unterschiedlichen Entwicklungen dramatisch sein. Dort müssen sich Lösungen bzw. Anpassungen konkret an Erfolg oder Misserfolg messen lassen, um wirksame Strategien zu entwickeln. Georg Milbradt beschreibt die Stellung, die den neuen Bundesländern im Kontext des demografischen Wandels zufällt, daher treffend, wenn er bemerkt: „Wir sind also Vorreiter/Pioniere in einem unbekannten Gelände oder gar Versuchskaninchen, aus deren Fehler andere lernen können.“[53]

Unterschiedliche Ansätze, auf den drastischer ablaufenden demografischen Wandel in Osteutschland zu reagieren, kennzeichnen schon gegenwärtig die Diskussion, denn für die neuen Bundesländer geht es um viel: Das Bruttoinlandsprodukt: „ […] hat heute – zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer – pro Einwohner erst 71% des westdeutschen Niveaus erreicht.“[54] Auch verlor das Wachstum des ostdeutschen BIP seit Mitte der 1990er Jahre immer weiter an Fahrt[55]. Der radikale demografische Wandel in Ostdeutschland führt indes zu Schrumpfungsprozessen, die sich in diesem Ausmaß in Deutschland nur bei Naturkatastrophen oder Kriegen beobachten ließen und bedrohen den weiteren Ausbau des ostdeutschen Aufholprozesses. Für Hans Dietrich von Löffelholz stellt diese Entwicklung sogar ein Risiko dar: „ […] dass der Aufholprozess nicht nur zum Stillstand kommt, sondern dass auch noch die ohnehin geringen Gewinne der vergangenen zehn Jahre verloren gehen.“[56]

Die Einwohnerzahlen werden schon bis 2020 in Ostdeutschland um mehr als 7,5 % fallen (bei lediglich 1,4 % west). Bis 2050 wird der Rückgang in den neuen Bundesländern ganze 27 % betragen (4,6 Millionen Menschen), gegenüber 13 % in den alten.[57] Der Rückgang der Bevölkerung an sich markiert dabei allerdings noch die weniger schlechte Aussicht. Einschneidender wird der Verlust der Erwerbsbevölkerung. In den ostdeutschen Bundesländern einschließlich Berlin schrumpft: „ […] die Zahl der 15 – 64- jährigen deutschen Bevölkerung von heute etwa 10 Mio. bis zum Jahr 2050 auf ungefähr 4,5 Mio. und damit auf unter 50 % des Ausgangsbestandes […].“[58]

Für einzelne – meist ländliche – Regionen und Dörfer, die besonders stark von Abwanderung betroffen sind, wird es letztlich um deren existenziellen Fortbestand gehen. Selbst Mittelstädte bleiben davon nicht verschont. Einen der negativsten Ausreißer beherbergt Sachsen – nicht weit von Dresden gelegen: Als eine der ehemals jüngsten und geburtenreichsten Städte der DDR ist die Bevölkerungsentwicklung von Hoyerswerda ein extremes Beispiel für beschleunigte Wachstums- und Schrumpfungsprozesse. Lag die Bevölkerungszahl von Hoyerswerda zum Ende des 2. Weltkriegs noch bei ungefähr 7000 Bürgern, schoss sie nach dem Krieg und infolge der industriellen Planung der DDR bis über 71.000 in die Höhe (Höchststand 1981), um dann, in einem beispielhaften Fall, auf vorerst ca. 37.000 zu sinken.[59] Hoyerswerda ist damit gerade im Kontext des demografischen Wandels eines der radikalsten Beispiele für Bevölkerungswachstum und -schrumpfung. Beides, auch das rasante Wachstum, hat sich binnen einer einzigen Generation vollzogen.

Die Geschichte Hoyerswerdas verdeutlicht, wie stark der demografische Wandel mit strukturell-ökonomischen Voraussetzungen verwoben ist. “Unnatürlich“ schnell ablaufende demografische Veränderungen sind dabei Resultat, nicht Ursache, wirtschaftlicher Strukturen, welche rasanten Umbrüchen ausgesetzt sind. Interdependenzen entwickeln sich erst infolge etwaiger wirtschaftliche Vorzeichen verändernder Einschnitte (Kriegsniederlage und folgend sozialistische Planwirtschaft, Mauerfall und folgend soziale bzw. freie Marktwirtschaft).

Das Beispiel Hoyerswerdas offenbart, dass Vorschläge, die auf eine vermehrte und gelenkte Migration in die neuen Bundesländer abzielen, die beschriebenen Entwicklungen fehlinterpretieren. So schlägt Hans Dietrich von Loeffelholz vor, gut und hoch qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland verstärkt in den Osten Deutschlands zu leiten[60]. Ohne einen Verweiß darauf, dass dies bei Berücksichtigung der hohen Quoten von Erwerbslosen und prekär Beschäftigten erst ab der nächsten Dekade stattfinden sollte, ist, bei der derzeitigen Arbeitsmarktlage, eine Erhöhung des Arbeitskräfteangebots aber kontraproduktiv:

Die neuen Bundesländer leiden, wie keine sonst, unter der Abwanderung gut ausgebildeter einheimischer Fachkräfte. Vor allem die innerdeutschen Wanderungsbewegungen lassen die ostdeutschen demografischen Veränderungen so radikal werden. Eine “Anwerbung“ ausländischer Fachkräfte, verstärkt in den Osten, ist daher aus zwei Punkten heraus falscher Aktionismus: Erstens ändert dieser in keiner Weise die Jobchancen einheimischer Arbeitssuchender. Vielmehr werden die ohnehin seltenen Stellen unter noch größere Konkurrenz gestellt. Insbesondere und speziell für den Arbeitsmarktbereich der gering bis gar nicht Qualifizierten ist dies eine volkswirtschaftliche Konsequenz.

Gelenkte Migration in den Osten schafft unter der momentanen Jobsituation lediglich neue Spielräume für Lohnsenkungen und geringere Einstiegsgehälter – auch für ausgebildete Facharbeiter im mittleren Bildungssegment. Staatliche Ausgaben in Form von Transferleistungen lassen sich dadurch ebenfalls nicht verringern. Ein Fortschritt und Wohlstandsgewinn ließe sich nur dann erreichen, wenn mehr Menschen in reguläre, sozialversicherungspflichtige Arbeit gebracht werden. Nur so lässt sich gleichsam auch eine Verbesserung der persönlichen Lebenssituation des Individuums erreichen.

Der Weg dorthin muss über Bildung (für das zukünftige Erwerbspersonenpotential) und über Aus- und Weiterbildung oder Umschulungen (für das bereits vorhandene Erwerbspersonenpotential) gegangen werden.

Zweitens – und entscheidend – ignorieren derartige Argumentationen die Ursache für die Abwanderung der ostdeutschen Fachkräfte – nämlich die fehlenden Stellenangebote aufgrund einer unzureichenden strukturellen Wirtschaftssituation gegenüber derjenigen in den alten Bundesländern. Wenn also einheimische Fachkräfte aufgrund der schlechten Wirtschaftssituation (bspw. ist die Arbeitslosenquote in den neuen Ländern seit der Wiedervereinigung nahezu permanent stets doppelt so hoch wie die in den alten Ländern – siehe Darstellung 7) Ostdeutschland verlassen, warum dann ausländische Fachkräfte “anwerben“? Welche Stellen sollten diese Personen besetzen – sofern sie überhaupt kommen würden?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 7: Arbeitslosigkeit 1994 bis 2010 im Ost-West-Vergleich.[61]

Die Abwanderung in die alten Bundesländer offenbart strukturelle Defizite, welche mit ausländischen Fachkräften nicht gelöst werden können. Marktversagen, falsche Wirtschaftspolitik, egoistischer “Erzkapitalismus“ und fehlerhafte Wirtschaftsförderung können durch gesteuerte Migration (Einwanderung) nicht ausgeglichen werden, wenn Migration (Abwanderung) sich als Folge und verschärfendes Element defizitärer Wirtschaftsstrukturen herauskristallisiert.

Georg Milbradt mahnt daher vor dem Hintergrund der zukünftigen demografischen Entwicklungen treffend: „Die Hoffnung, die Politik könne diese Trends wesentlich beeinflussen, ist meist falsch. Für Ostdeutschland geht es im Wesentlichen leider nur noch um Anpassungsstrategien.“[62] „Auf Dauer müssen wir die natürliche Bevölkerungsentwicklung ausgleichen. Fehlende eigene Kinder zu ‚importieren’ ist auf Dauer und in großem Maßstab keine Alternative.“[63]

Allein die Schaffung fortschrittlicher und wirtschaftsfreundlicher (Infra-) Strukturen und die Ansiedlung wirklich wertschöpfender Wirtschaftsbereiche (also finanzielle Investitionen in die Erbauung ostdeutscher Produktionsstandorte) könnte die hohe Abwanderung mildern und damit den demografischen Wandel verlangsamen. Eine zentrale Rolle dabei spielt die Bildungspolitik.

Bei differenzierter regionaler Betrachtung sehen einige Autoren die gemachten Fortschritte in den neuen Bundesländern in Gefahr. Wie ernst diese Situation ist, wird auch anhand der Frage von Prof. Dr. Bernhard Müller[64] danach deutlich, was Priorität hat: der regionale Ausgleich oder die Generationengerechtigkeit.[65]

4. Konsequenzen des demografischen Wandels

Wie eingangs erwähnt, müssen sich etwaige Reaktionen auf die beschriebenen Entwicklungen an den zeitlichen Notwendigkeiten ihres Auftretens orientieren.

Die erste spürbare demografische Veränderung wird die Alterung der deutschen (Arbeits-) Gesellschaft sein. Primär und kurzfristig müssen daher die Weichen für eine gesündere – bezüglich der Notwendigkeit, nachhaltig Arbeitspotential zu erhalten – und altersgerechtere Arbeitsumgebung gestellt werden, was nicht zuletzt ein Umdenken in Bezug auf das Alter und eine neue Sicht im alltäglichen Umgang mit Alten voraussetzt[66]. Damit einhergehend ist es absolut essentiell, den Arbeitsmarkt für ältere Arbeitnehmer zu öffnen und ältere Erwerbspersonen nicht per se mit negativen Verhaltensmustern zu stigmatisieren.

Dem thematischen Schwerpunkt geschuldet, werden konkrete Vorschläge für das Management der älteren Arbeitnehmer in den zweiten Teil dieser Arbeit eingebettet, da die Veränderungen, welche die Alterung der deutschen (Arbeits-) Gesellschaft nach sich ziehen, vorwiegend den Arbeitsmarkt beeinflussen werden. An dieser Stelle werden zunächst Möglichkeiten vorgestellt, wie wir mit einem schrumpfenden Arbeitskräfteangebot umgehen sollten und wie sich unsere Gesellschaft langfristig auf ein sich selbst erhaltendes Geburtenniveau einpendeln kann.

[...]


[1] Merkel, Angela: Rede vom 28.09.2010 in Berlin unter: http://www.bundeskanzlerin.de/Content/DE/Rede/2010/09/2010-09-28-merkel-bdi.html, aufgerufen am 20.01.2011.

[2] Onlinesuche nach Werken mit dem Stichwort „demografischer Wandel“ in der SLUB bei beliebigem Erscheinungsjahr und mit der zeitlichen Einschränkung „in den letzten zehn Jahren“ am 19.01.2011.

[3] Heilemann, Ulrich (Hrsg.): Demografischer Wandel in Deutschland. Befunde und Reaktionen. Duncker & Humblot, Berlin 2010, S. 28.

[4] Die Frage nach dem wissenschaftlichen Gehalt, den formulierten Lösungen und deren Umsetzbarkeit sowie deren Widerhall bei Politik, am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft bleibt hierdurch allerdings unbeantwortet.

[5] Gemeint sind die beiden unterschiedlichen Merkmale des demografischen Wandels: einerseits die Alterung und andererseits die Schrumpfung der deutschen Gesellschaft, sowohl in Bezug auf die Gesamtbevölkerung als auch in Bezug auf das Angebot an Arbeitskräften.

[6] In der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe Erwerbslosigkeit und Arbeitslosigkeit synonym verwendet, obgleich beide je nach Definition und Formen der Messung Unterschiedliches beinhalten können. Erwerbslose können bspw. ehrenamtlich arbeiten und werden im Rahmen dieser Ausarbeitung dennoch als arbeitslos im Sinne von erwerbslos bezeichnet.

[7] Vgl. Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. unter: http://www.weltbevoelkerung.de/info-service/weltbevoelkerungsuhr.php?navid=3, aufgerufen am 01.02.2011.

[8] Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. unter: http://www.menschliche-entwicklung-staerken.de/bevlkerungsentwicklung.html, aufgerufen am 01.02.2011.

[9] Deutsche Stiftung Weltbevölkerung unter: http://www.weltbevoelkerung.de/img/karten/bevoelkerungswachstum2008.png, aufgerufen am 14.02.2011.

[10] Vgl. Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (Hrsg.): Datenreport 2010. Soziale und demografische Daten zur Weltbevölkerung. Washington, D.C., Hannover 2010, S. 10.

[11] Vgl. ‚Spiegel-online’ vom 15.08.2008 unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,572294,00.html, aufgerufen am 20.02.2011.

[12] Ulrich, Ralf E.: Explosive Mischung. In: Politische ökologie, Nr. 104 (Hrsg.): Demografischer Wandel. Neue Spielräume für die Umweltpolitik. oekom, München 2007, S. 26.

[13] Denkbar ist, dass sich im Zuge der Alterung der westlichen, schrumpfenden Gesellschaften das Verständnis für die Probleme von wachsenden Gesellschaften mit einer jüngeren Bevölkerung verliert und damit auch die nötige Hilfe, welche solche Staaten bei der Bewältigung ihrer damit verbundenen Herausforderungen auch zukünftig noch benötigen werden. Sollten die Industriestaaten durch einen Bevölkerungsrückgang auch die oft beschworenen finanziellen Probleme bezüglich sozialer Sicherung, Gesundheitssystem etc. bekommen, ist auch eine rückläufige fiskalische Zuwendung in die Entwicklungsländer durchaus absehbar. Diese Länder haben aber schon mit einer erheblichen Abwanderung gut ausgebildeter und qualifizierter Menschen zu kämpfen, was einem Aderlass ihres Humankapitals gleichkommt und wiederum die Entwicklung in traditionellen Abwanderungsstaaten negativ beeinflusst.

[14] WAHRIG, Deutsches Wörterbuch. Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, Gütersloh 1996, S. 1697.

[15] Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung unter: http://www.berlin-institut.org/online-handbuchdemografie/bevoelkerungsdynamik.html, aufgerufen am 14.02.2011.

[16] Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport 2008. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2008, S. 11.

[17] Bezeichnet nach dem starken Absinken der Geburtenziffer infolge der Einführung der Pille ab 1961 in der BRD und ab 1965 in der DDR.

[18] Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport 2008, a. a. O., S.12.

[19] Heilemann, Ulrich (Hrsg.): Demografischer Wandel in Deutschland, a. a. O., S. 30.

[20] Statistisches Bundesamt: Bundeszentrale für politische Bildung unter: http://www.bpb.de/wissen/1KNBKW,0,0,Bev%F6lkerungsentwicklung_und_Altersstruktur.html, aufgerufen am 15.02.2011.

[21] Deutsches Institut für Altersvorsorge unter: http://www.dia-vorsorge.de/files/df010209.pdf, aufgerufen am 25.02.2011.

[22] So glaubt der überwiegende Teil der Befragten im „Generations and Gender Survey 2005“, dass sich die Sicherheit und Fürsorge im Alter mit einem (weiteren) Kind weder verbessern noch verschlechtern würde. Vgl. Höhn, Charlotte; Ette, Andreas; Ruckdeschel, Kerstin: Kinderwünsche in Deutschland. Konsequenzen für eine nachhaltige Familienpolitik. Robert Bosch Stiftung, Stuttgart 2006, S. 28.

[23] Vgl. Höhn, Charlotte; Ette, Andreas; Ruckdeschel, Kerstin: Kinderwünsche in Deutschland, a. a. O., S.40.

[24] Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport 2008, a. a. O., S.21.

[25] Statistisches Bundesamt: Bundeszentrale für politische Bildung unter: http://www.bpb.de/wissen/YDGMRC,0,0,Entwicklung_der_Lebenserwartung.html, aufgerufen am 15.03.2011.

[26] Vgl. Statistisches Bundesamt. Basisdaten Lebenserwartung von Männern bei Geburt, unter: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Internationales/InternationaleStatistik/Thema/Tabellen/Basistabelle__Lebenserwartungm,templateId=renderPrint.psml, aufgerufen am 16.03.2011.

[27] Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport 2008, a. a. O., S. 19.

[28] Die institutionalisierte Verfolgung von Hugenotten in Frankreich (gesetzlich mit dem Edikt von Fontainebleau eingeleitet) führte zu einer erheblichen Auswanderung in protestantische Länder wie England, die Niederlande oder Preußen. In Letzterem führte Friedrich Wilhelm mit dem Edikt von Potsdam noch einen gesetzlichen Pull-Faktor dem französischen Push-Faktor hinzu. Das westdeutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg und die politischen Anwerbemaßnahmen im Zuge des Arbeitskräftemangels gehören ebenfalls in diese Kategorie.

[29] Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport, a. a. O., S. 19.

[30] Es wird vermieden, an dieser Stelle in eine derartige Erörterung einzutauchen, doch seien zum besseren Verständnis der Darlegungen zwei Sätze dazu gesagt: Die Anmerkungen beziehen sich bspw. auf die Nationalstolzdebatte im Frühjahr 2001 (und vergleichbare aktuellere oder ältere), gestartet durch die Äußerung des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. Er meinte in einem TV-Interview, dass man nicht stolz darauf sein könne, Deutscher zu sein. (Man könne nur auf Dinge stolz sein, die man selbst erreicht hat.) (Vgl. ‚Spiegel online’ vom 19.03.2001 unter: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,123421,00.html, aufgerufen am 18.03.2011.) Ohne in die Diskussion einsteigen zu wollen, ob Eltern demnach stolz auf ihre Kinder (oder umgekehrt) oder Fans stolz auf ihren Verein sein können, sei dies lediglich als ein Beispiel zu verstehen, dass einige Menschen – selbst wenn und trotzdem sie Deutschland als führende Politiker vertreten und repräsentieren – ein Problem mit diesem Thema haben. Das Resultat derartiger Debatten kann durchaus auch ein geringerer Wunsch sein, die Staatsbürgerschaft eines Landes anzunehmen, das mit seiner eigenen (historischen) Identität im Unreinen ist. Aus eigener 1-jähriger Erfahrung in den USA kann ich an dieser Stelle anführen, dass weltoffener, aber dennoch selbstkritischer Patriotismus eine bedeutsame integrierende und anziehende Wirkung haben kann.

[31] ‚FAZ.net’: „Frankreich altert, Deutschland vergreist“ vom 08.02.2010 unter: http://www.faz.net/s/Rub99C3EECA60D84C08AD6B3E60C4EA807F/Doc~E062B3C8934614D6A95D0E332DAA6688B~ATpl~Ecommon~Scontent.html, aufgerufen am 24.03.2011.

[32] Der Fülle wegen nenne ich nur zwei aktuelle Beispiele, wie die Serie der ‚WirtschaftsWoche’: „Chefsache Demografie“ über vier Ausgaben (der Heftnummern 33-36, Jahrgang 2010) und die Serie des ‚FOCUS’: „2030. So leben wir morgen.“ mit sogar sieben Teilen (Heftnummern 15-21, Jahrgang 2010).

[33] ‚Der Tagesspiegel’ vom 03.02.2006 unter: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/vw-beschliesst-rente-ab-58/681222.html, aufgerufen am 25.03.2011.

[34] ‚stern.de’: „Altersteilzeit und Schonvermögen“ vom 27.07.2009 unter: http://www.stern.de/wirtschaft/job/altersteilzeit-und-schonvermoegen-arbeitgeber-lehnen-scholz-vorstoss-ab-707280.html, aufgerufen am 23.03.2011.

[35] ‚online focus’ vom 04.11.2009 unter: http://www.focus.de/politik/deutschland/altersteilzeit-fdp-fuer-rente-ab-60_aid_451129.html, aufgerufen am 26.03.2011.

[36] ‚Handelsblatt’ vom 20.04.2009 unter: http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/spd-will-verlaengerung-der-altersteilzeit;2244830, aufgerufen am 28.03.2011.

[37] Antrag an den deutschen Bundestag vom 14.09.2010 der Abgeordneten Klaus Ernst, Matthias W. Birkwald, Heidrun Dittrich, Diana Golze, Katja Kipping, Jutta Krellmann, Cornelia Möhring, Jörn Wunderlich, Sabine Zimmermann und der Fraktion DIE LINKE unter: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/029/1702935.pdf, aufgerufen am 29.03.2011.

[38] Auf die allgemeine Rentenalter-(Anhebungs-)Debatte wird im Folgenden noch näher eingegangen. An dieser Stelle sei aber vorweggenommen, dass die Anhebung des Renteneintrittsalters bei der derzeitigen Arbeitsmarktlage verschoben oder nur für bestimmte Berufsgruppen (bspw. im öffentlichen Dienst) eingeführt werden sollte. Der Weg in die Rente führt für die meisten Menschen immer noch durch die Vorstufen Arbeitslosigkeit oder vorzeitiger Ruhestand (Altersteilzeit) in den arbeitsfreien Lebensabend. Ein Anheben des Renteneintrittsalters zum jetzigen Zeitpunkt würde den Menschen also als Resultat nur eine Verringerung ihrer Rentenansprüche bescheren, denn der große Bruch auf dem Arbeitsmarkt folgt, entgegen der gesetzlichen Rentenaltersgrenze, schon weit vor dem 65. Lebensjahr. Schon in der Altersgruppe der 55-59-Jährigen kommt es zu einem 10%igen Einbruch der Erwerbsquote gegenüber den 50-54-Jährigen. In der darauffolgenden Altersgruppe, der 60-64-Jährigen, befindet man sich bereits einen Schritt hinter dem Abgrund: 2006 fiel die gesamtdeutsche Erwerbsquote in diesen beiden aufeinanderfolgenden Gruppen von 75,8 auf 31,9 Prozent. Mehr als zwei von drei Bürgern im Alter von 60-64 Jahren gehen also keiner Erwerbstätigkeit mehr nach, obgleich das Renteneintrittsalter schon heute bei 65 Jahren liegt (Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport, a. a. O., S. 113.); Vgl. auch Koller, Barbara; Bach, Hans-Uwe; Brixy, Udo: Ältere ab 55 Jahren – Erwerbstätigkeit, Arbeitslosigkeit und Leistungen der Bundesanstalt für Arbeit. IBA (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) Werkstattbericht, Bundesanstalt für Arbeit 2003.

[39] Steinmann, Gunter: Vorschläge für eine nachhaltige und effektive Bevölkerungspolitik. In: Heilemann, Ulrich (Hrsg.): Demografischer Wandel in Deutschland, a. a. O., S. 77.

[40] Wagner, Adolf: Orthodoxe und heterodoxe Bevölkerungsökonomik. In: Heilemann, Ulrich (Hrsg.): Demografischer Wandel in Deutschland, a. a. O., S. 46.

[41] Wagner, Adolf: Orthodoxe und heterodoxe Bevölkerungsökonomik, a. a. O., S. 46/47.

[42] Selbstverständlich vorausgesetzt, dass keine verheerenden und unvorhersehbaren Kriege, Umweltkatastrophen oder sonstige Ereignisse eintreten, die sich in eine solche Aufzählung einreihen lassen.

[43] Die Menschen, die im Alterssegment zwischen ca. 1950 und 1965 geboren wurden.

[44] Vgl. Kistler, Ernst: Was ist dran am demografischen Popanz? In: Bogedan, Claudia; Müller-Schoell, Till; Ziegler, Astrid (Hrsg.): Demografischer Wandel als Chance. Erneuerung gesellschaftlicher Solidaritätsbeziehungen? VSA, Hamburg 2008, S. 31.

[45] Vgl. Statistisches Bundesamt unter: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Arbeitsmarkt/content75/Eckwertetabelle,templateId=renderPrint.psml, aufgerufen am 01.04.2011.

[46] Ab dem 60. Lebensjahr möglich. Bei Aussicht auf Kündigung im fortgeschrittenen Alter ist dies ein guter Weg, der Arbeitslosigkeit und damit häufig dem Arbeitslosengeld II (Hartz IV) zu entgehen.

[47] Private Arbeitgeber bezahlen ihren älteren Mitarbeitern häufig eine große Summe, um sie vor deren regulärem Ruhestand betriebsbedingt auszumustern. Da betriebsbedingte Kündigungen in vielen vor allem älteren Arbeitsverträgen noch ausgeschlossen sind, versuchen Firmen, ältere Arbeitnehmer so zu einem freiwilligen Ausscheiden zu bewegen.

[48] Vgl. ‚Financial Times Deutschland’: „Arbeitsmediziner kritisieren Altersteilzeit“ vom 20.06.2008 unter: http://altersvorsorge-rente.t-online.de/arbeitsmediziner-kritisieren-altersteilzeit/id_15383152/index, aufgerufen am 02.04.2011.

[49] Kistler, Ernst: Was ist dran am demografischen Popanz, a. a. O., S. 32.

[50] Beetz, Stephan: Wie Regionalpolitik den demografischen Wandel meistern kann. In: Bogedan, Claudia; Müller-Schoell, Till; Ziegler, Astrid (Hrsg.): Demografischer Wandel als Chance, a. a. O., S. 43.

[51] Vgl. Beetz, Stephan: Wie Regionalpolitik den demografischen Wandel meistern kann, a. a. O., S. 45 ff.

[52] Klein, Thomas; Lehr, Ursula; Wilbers, Joachim: Demographische Entwicklung und gesellschaftliches Altern. In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Alter neu denken. Gesellschaftliches Altern als Chance begreifen. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2008, S.38.

[53] Georg Milbradt: Demografische Entwicklung in Sachsen als politische Herausforderung. In: Heilemann, Ulrich (Hrsg.): Demografischer Wandel in Deutschland, a. a. O., S. 129.

[54] Hans Dietrich von Loeffelholz: Demografischer Wandel und Migration. In: Heilemann, Ulrich (Hrsg.): Demografischer Wandel in Deutschland, a. a. O., S. 95.

[55] So steigerte sich das Wachstum von 43 % des Niveaus der alten Bundesländer in den Jahren 1991 bis 1995 schon auf 67,1 %. Seitdem ist die Entwicklung nur noch auf die genannten 71 % angewachsen. (Vgl. ebenda, S. 95).

[56] Hans Dietrich von Loeffelholz: Demografischer Wandel und Migration, a. a. O., S. 95.

[57] Angaben für Ostdeutschland inklusive Berlin. (Vgl. ebenda, S. 95).

[58] Hans Dietrich von Loeffelholz: Demografischer Wandel und Migration, a. a. O., S.101.

[59] Vgl. Angaben aus der Stadtchronik der offiziellen Internetseite der Stadt Hoyerswerda unter: http://www.hoyerswerda.de/index.php?language=de&m=1&n=5#content, aufgerufen am 18.04.2011.

[60] Vgl. Hans Dietrich von Loeffelholz: Demografischer Wandel und Migration, a. a. O.

[61] ‚Spiegel Online’ unter: http://www.spiegel.de/flash/flash-12125.html, aufgerufen am 19.04.2011.

[62] Georg Milbradt: Demografische Entwicklung in Sachsen als politische Herausforderung, a. a. O., S. 143.

[63] Georg Milbradt: Demografische Entwicklung in Sachsen als politische Herausforderung, a. a. O., S. 136.

[64] Direktor des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden und Professor für Raumentwicklung an der Technischen Universität Dresden.

[65] Müller, Bernhard: „Gleiche Lebensbedingungen“ waren gestern … Werden wir mehr Ungleichheit tolerieren müssen? Rede vom 07.03.2010 im Schauspielhaus Dresden, unter: http://www.altern-in-deutschland.de/pdf/mueller_rede_dresden_2010.pdf, S. 3, aufgerufen am 18.04.2011. In dieser Rede beschreibt er, wie er in Anbetracht der kommenden demografischen Veränderungen dafür plädiert, in der Bevölkerung mehr Akzeptanz für die „Gleichwertigkeit“ anstatt der „Gleichheit“ der Lebensverhältnisse zu erlangen. „Gleiche“ Lebensverhältnisse werden sich im Zuge der demografischen Entwicklung und der damit verbundenen Konsequenzen für bestimmte Räume nicht mehr aufrechterhalten lassen – oder nur durch Kosten, die einer Generationengerechtigkeit entgegenstehen.

[66] Vgl. Voelpel, Sven; Leibold, Marius; Früchtenicht, Jan-Dirk: Herausforderung 50 plus. Konzepte zum Management der Aging Workforce: Die Antwort auf das demographische Dilemma. Publicis Corporate Publishing und Wiley-VCH-Verlag GmbH & Co KGaA, Erlangen 2007, S. 47 ff.

Ende der Leseprobe aus 146 Seiten

Details

Titel
Demografischer Wandel. Über die Rolle älterer Erwerbspersonen auf dem zukünftigen Arbeitsmarkt und die Nachhaltigkeit ihres Arbeitspotentials
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Note
2,5
Autor
Jahr
2011
Seiten
146
Katalognummer
V276785
ISBN (eBook)
9783656699293
ISBN (Buch)
9783656700333
Dateigröße
2642 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ralph Paschwitz, Demografischer Wandel, Arbeitsmarkt, Erwerbspersonen
Arbeit zitieren
Diplom Soziologe Ralph Paschwitz (Autor), 2011, Demografischer Wandel. Über die Rolle älterer Erwerbspersonen auf dem zukünftigen Arbeitsmarkt und die Nachhaltigkeit ihres Arbeitspotentials, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276785

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