Literarische Selbstreflexion in Ludwig Tiecks "Der Runenberg"

Die Reise Christians als Allegorie für den Prozess des literarischen Schaffens


Hausarbeit, 2012

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Landschaft

3. Die poetische Reise
3.1 Erste Station: Christians Heimat
3.2 Zweite Station: Der Weg durch das Gebirge
3.3 Dritte Station: Der Runenberg
3.4 Vierte Station: Das Leben in der Ebene
3.5 Fünfte Station: Rückkehr in das Gebirge
3.6 Letzte Station: Christians Schätze

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ludwig Tiecks Kunstmärchen „Der Runenberg“ lässt viel Raum für mögliche Interpretationen.

Meine These zu Tiecks Text ist, dass die Reise des Protagonisten Christian auch als Allegorie für den Prozess literarischen Schaffens gelesen werden kann.

Anlass für diese Theorie waren die selbstreflexiven Momente, die in dem Text sehr oft zu finden sind und die ambivalente Aufteilung der Landschaft, die das Gegeneinander von Imagination und Realität illustriert. Es wäre zudem nicht ungewöhnlich, sondern eher typisch für diesen frühromantischen Text, wenn er davon handeln würde, wie Texte entstehen. Schließlich ist die romantische Literatur eine autonome, die „das vorgegebene Sprachsystem in poetische Schrift verwandelt und diesen Vorgang literarischer Metamorphose immer auch in seinen formalen Bedingungen reflektiert und mitthematisiert.“ 1 So wäre es nicht abwegig, Christians Reise als eine Reise zu interpretieren, deren Ziel die Herstellung eines poetischen Textes ist.

Um meine These zu prüfen, untersuche ich zunächst die Landschaft, in der sich der Protagonist bewegt, um dann seine verschiedenen Stationen näher zu betrachten. Dabei ist nicht nur seine geographische Position wichtig, sondern auch seine Einstellung zur Umgebung und zu seinen Mitmenschen.

2. Die Landschaft

Die Landschaft, in der sich Christian bewegt, ist keinesfalls ein Zufallsprodukt, schließlich wird in romantischen Kunstmärchen die Natur als Kunstraum entworfen und nicht nachahmend dargestellt. 2

Als Konsequenz ist jede Ausprägung der Landschaft bedeutungsvoll. Statt die Natur in großem Detailreichtum zu schildern, um einen Realitätseffekt zu erzielen, tendiert das Kunstmärchen weniger dazu, die Umgebung zu beschreiben, welche dadurch umso mehr Bedeutung bekommt.

Im Falle des Runenberges fällt die Landschaftsgestaltung spärlich aus. Die Topographie beschränkt sich auf das Gegensatzpaar von Ebene und Gebirge. Detlef Kremer zufolge haben diese Orte im Märchen „eine allegorische Funktion, die sich aus dem Zusammenspiel von Räumen ergibt.“ Somit avanciert die Landschaft von der Kulisse zu einem „Spielfeld“, das sich „im zyklischen Wechsel von ‚Ebene’ und ‚Gebirge’ aufspannt.“ 3 Je nachdem, welchen Teil dieses „Spielfeldes“ die Figuren betreten, werden diese in ihren Handlungen beeinflusst.

Schließlich spürt nicht nur Christian die Konsequenzen seiner Reise ins Gebirge, auch seinem Vater wird „Weh ums Herz von dem grässlichen Geklüft, von den schluchzenden Wasserbächen“ und er würde lieber „das gute, fromme, ebene Land besuchen“. 4

In dieser Äußerung des Vaters werden weitere entscheidende Eigenschaften von Ebene und Gebirge illustriert.

In diesem Märchen gilt die Ebene als ein friedlicher, frommer und guter Ort. In ihr findet das dörfliche Leben und mit ihm die alltägliche Gewohnheit statt. Dort werden christliche Werte hochgehalten. Es gibt dort außerdem viele kultivierte Flächen wie Gärten und Felder. Pflanzen dominieren das Landschaftsbild der Ebene. Christians Vater kann als Gärtner, der die Sprache der Blumen versteht, 5 als Stellvertreter der Werte und der Bewohner der Ebene gesehen werden.

Dagegen steht das Gebirge als Ort, der von Wildheit und Sünde beherrscht wird. Dort herrschen magische Kräfte und Traum und Realität gehen ineinander über. Felsen und Gestein bestimmen die Bergwelt, in der Edelsteine gefördert werden, die für die Bewohner der Ebene keinen Wert haben. 6

Für diese Analyse besonders wichtig ist das Motiv der Ambivalenz von Alltäglichem und Phantastischem, das mit dem Gegensatz von Ebene und Gebirge illustriert wird. Die Ebene als Ort der Alltagsrealität steht dem Gebirge als Ort des Phantastischen entgegen. Christian muss sich im Märchen entscheiden, wo er sein Leben verbringen möchte. Nachdem er sich am Ende des Textes dem Gebirge zuwendet, kann er nicht mehr zu dem alltäglichen Familienleben zurückkehren: „Der Unglückliche ward aber seitdem nicht wieder gesehen.“ 7

3. Die poetische Reise

Christians Weg durch die Welt des Runenberges habe ich in sechs Stationen eingeteilt: Zunächst betrachte ich Christians Geburtsort, der den Ausgangspunkt seiner Reise beschreibt. Von dort aus macht er sich auf den Weg in das Gebirge, um seine Sehnsucht zu befriedigen. Dies ist seine zweite Station. Die dritte ist der Runenberg. Sein darauf folgendes Leben im Dorf soll Station vier sein. Die Rückkehr in die Bergwelt und das kurzzeitige Wiedersehen mit seiner Frau nach einer langen Zeit sind die Stationen fünf und sechs.

3.1 Erste Station: Christians Heimat

Tieck beginnt sein Märchen nicht mit dem Aufbruch Christians aus seiner Heimat. Erst später erszählt Christian von den Ereignissen, die ihn ins Gebirge geführt haben. Der chronologischen Ordnung zuliebe werde ich diesen Teil zuerst analysieren.

Christian spricht gleich am Anfang seiner Erzählung von einer inneren Unruhe, die ihn geradezu aus der Ebene trieb, welche bis dahin seine Heimat war: „wie ein Vogel, der in einem Netz gefangen ist und sich vergeblich sträubt, so verstrickt war meine Seele in seltsamen Vorstellungen und Wünschen“. 8 Die Ursache dieser Unruhe ist ein Phantasieüberschuss, der auch ein Kennzeichen anderer Protagonisten aus Tiecks Märchen ist. Das alltägliche Leben kann den phantasierenden Christian nicht erfüllen. 9 Er fühlte sich durch die Ebene eingeengt und beschloss deshalb, eine andere Berufung zu suchen, um nicht wie sein Vater Gärtner werden zu müssen.

Diese meinte er auch gefunden zu haben, als er seinen Vater „von Gebürgen erzählen“ hörte. Die Vorstellung vom Jägerleben in der Felsenlandschaft erweckte in ihn einen „Trieb“, 10 der ihn zunächst noch unzufriedener mit seiner Situation werden ließ. Christians Phantasie beschäftigte sich bald nur noch mit dem Gebirge. Gleichzeitig litt er darunter, dass seine Mitmenschen nicht von diesem Fernweh befallen waren. Er fühlte sich um eine Erfahrung reicher als die anderen, die „in der bejammernswürdigsten Unwissenheit lebten“. 11

Den Weg in die phantastische Bergwelt findet Christian durch ein Buch. Es führte ihn in eine Traumlandschaft, die großen Einfluss auf ihn ausüben wird.

3.2 Zweite Station: Der Weg durch das Gebirge

Zu Beginn des Märchentextes sitzt Christian nun in der Gebirgswelt „nachdenkend bei einem Vogelherde“. 12 Wolfgang Rath interpretiert das Gebirge, in dem der junge Jäger sitzt, als „romantische Seelenlandschaft“, die Christians Gedanken und Gefühle nach außen spiegelt. Der Leser bekäme keine Beschreibung des Äußeren Schauspiels, sondern könne in die Gedankenwelt der Hauptfigur hineinsehen. 13 Christians Reise in das Gebirge kann also als Reise in sich hinein verstanden werden. Durch das Wandern in der inneren Landschaft möchte er sich von dem alltäglichen Einerlei befreien.

Doch noch ist Christian offensichtlich nicht vertraut mit der Umgebung. Er hört einen Bach sprechen, kann dessen Worte jedoch nicht verstehen, weshalb er sich „innig betrüben“ 14 muss. Das Nichtverstehen kann nicht nur eine Folge von fehlender Selbsterkenntnis sein. 15 Es kann auch schlicht daran liegen, dass Christian der Sprache dieser Gegend nicht mächtig ist. Leser Tieckscher Märchentexte müssen die in Schrift chiffrierte Vision des Autors durch eigene Phantasieleistung entziffern. 16 So mag es sich auch mit dieser phantastischen Landschaft verhalten, die sich um den Runenberg herum erstreckt.

Christian ist unzufrieden, denn er hat noch nicht das gefunden, was er sucht. Sein langer Aufenthalt bei dem Vogelherd erinnert an den bereits erwähnten Vergleich seiner Seele mit einem gefangenen Vogel. Mit seinen Gedanken ist er immer noch in seinem Heimatdorf, weshalb es ihm nicht möglich ist, seine Wünsche und Sehnsüchte zu erfüllen.

[...]


3 Detlef Kremer: „Die Schrift des ‚Runenbergs’. Literarische Selbstreflexion in Tiecks Märchen“, in: Jahrbuch der Jean-Paul-Gesellschaft 24 (1989), S. 117-145, S. 125

4 Ludwig Tieck: „Der Runenberg“, in: ders., Phantasus, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1985, S. 184-208. [Schriften in zwölf Bänden, Bd. 6], S. 198

5 Vgl. Tieck 1985, S. 187: „Ja, er ging soweit, daß er behauptete, er könne fast mit ihnen sprechen.“

6 Vgl. Tieck 1985, S. 207: „Er öffnete hierauf seinen Sack […] dieser war voller Kiesel, unter denen große Stücke Quarz, nebst den anderen Steinen lagen.

7 Tieck 1985, S. 208

8 Tieck 1985, S. 187

9 Vgl. Walter Hinderer: „ ‚Die Träume sind vielleicht unsere höchste Philosophie’: Bemerkungen zum Traumdiskurs Ludwig Tiecks“, in: Peter-André Alt, Christiane Leiteritz (Hg.), Traum-Diskurse der Romantik, Berlin, New York 2005, S. 283-312, S. 305: „Außerdem zeichnet sie ein Phantasieüberschuß aus, den weder die traditionelle Familie noch die tradierten Lebensformen befriedigen können.“

10 Tieck 1985, S. 187

11 Tieck 1985, S. 188

12 Tieck 1985, S. 184

13 Wolfgang Rath: Ludwig Tieck: Das vergessene Genie. Studien zu seinem Erzählwerk, Paderborn 1996, S. 273

14 Tieck 1985, S. 184

15 Vgl. Rath 1996, S. 274: „da denkt einer über sich nach, lauscht dem Strom seiner inneren Wahrnehmungen und versteht nichts. […] der junge Jäger denkt über sich ohne alle Selbsterkenntnis nach.

16 Vgl. Kremer 1989, S. 123: „Tieck entfaltet seine erzählenden Märchentexte zwischen zwei Akten der Phantasie. Die chiffrierte Transformation einer inneren Vision des schreibenden Autor-Ichs in die fest gefügte Ordnung der Schrift bedarf ständig der Rückübersetzung in einer Phantasieleistung des Leser-Ichs.“

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Literarische Selbstreflexion in Ludwig Tiecks "Der Runenberg"
Untertitel
Die Reise Christians als Allegorie für den Prozess des literarischen Schaffens
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Veranstaltung
Ästhetik und Poetik der Frühromantik
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V276821
ISBN (eBook)
9783656702160
ISBN (Buch)
9783656702566
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
literarische, selbstreflexion, ludwig, tiecks, runenberg, reise, christians, allegorie, prozess, schaffens
Arbeit zitieren
Christin Bartz (Autor:in), 2012, Literarische Selbstreflexion in Ludwig Tiecks "Der Runenberg", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276821

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