Die Internationalisierung der Stadt Saloniki im Jahre 1912/13 im Lichte des Zerfallsprozess des Osmanischen Reichs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
31 Seiten, Note: bestanden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Osmanische Reich
2.1 Aufstieg des Osmanischen Reiches und Eroberung des Balkans
2.2 Niedergang des Osmanischen Reiches, Verlust der europ. Besitztümer
2.3 „Der kranke Mann am Bosporus“ und die „Orientalische Frage“
2.4 Nationalismus, Irredentismus und Staatenwerdung auf dem Balkan
2.5 Das Milletsystem
2.5.1 Grundlagen
2.5.2 Die Millets als treibende Kräfte der Veränderung?
2.5.2.1 Pro
2.5.2.2 Contra
2.5.2.3 Veränderungen durch die Tanzimat

3. Saloniki
3.1 Historische Entwicklung, Bevölkerung und Bedeutung
3.1.1 Jüdische Bevölkerung
3.1.2 Saloniki im Jahre 1912
3.1.3 Bedeutung der Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts
3.2 Die „mazedonische Frage“
3.3 Erster Balkankrieg
3.4 Abwägung der Optionen in Saloniki
3.5 Der Vorschlag der Internationalisierung
3.6 Haltungen der Großmächte
3.7 Zweiter Balkankrieg

4. Ergebnisse

5. Bibliographie

1. Einleitung

Diese Arbeit verfolgt im wesentlichen zwei Ziele: Zum einen soll es darum gehen, dass osmanische Milletsystem und dessen Auswirkungen vor allem auf die Nichtmuslime im Osmanischen Reich darzustellen. Dabei soll diskutiert werden, inwieweit dieses System zu Veränderungen im Osmanischen Reich beigetragen hat und welche Rolle es bei der Entstehung der Nationalstaaten auf dem Balkan gespielt hat.

Zum anderen soll es um die Stadt Saloniki gehen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine mehrheitlich jüdisch bewohnte Stadt war und dann durch sich überschneidende Gebietsinteressen seiner Nachbarn in die Balkankriege gestürzt wurde, die den Charakter der Stadt vollständig verändert haben. Hierbei soll auch und vor allem der Vorschlag der Juden Salonikas behandelte werden, die Stadt zu internationalisieren.

In der Arbeit wird zunächst kurz die Geschichte des Osmanischen Reiches mit besonderem Fokus auf der Eroberung und dem Verlust des Balkanraumes dargestellt. Die europäischen Interessen am Osmanischen Reich werden dargestellt, ebenso der wachsende Nationalismus und das Problem des Irredentismus auf dem Balkan. Im Folgenden geht es dann um die Darstellung und Diskussion des osmanischen Milletsystems. Abschließend wird die Stadt Salonika, deren jüdische Bevölkerung, sowie das Schicksal der Stadt zur Zeit der Balkankriege dargestellt.

2. Das Osmanische Reich

2.1 Aufstieg des Osmanischen Reiches und Eroberung des Balkans

Das osmanische Reich, das Ende des 13. Jahrhunderts als turkmenisches Kleinfürstentum in Anatolien entstand,[1] dehnte sich schon in seiner Frühphase auch in Richtung des Balkans aus. 1363 eroberten die Osmanen Philippopel/Plovdiv. 1371 brachte die Schlacht an der Maritza Mazedonien unter osmanische Herrschaft. 1382 wurde Saloniki erobert und die Schlacht auf dem Amselfeld/Kosovo Polje im Jahre 1389 machte Serbien zu einem osmanischen Vasallenstaat.[2] 1453 wurde Konstantinopel erobert, damit endete das Oströmische Reich. Seinen territorialen Höhepunkt erreichte das Osmanische Reich unter Sultan Süleyman, dem Großen (1522-66). Matuz beschreibt das Osmanische Reich im 16. Jahrhundert als „zweifellos die stärkste militärische und politische Macht der Erde.“[3] 1526 wurde halb Ungarn in der Schlacht von Mohács erobert und zweimal kam es zur (letztendlich knapp scheiternden) Belagerung Wiens, in den Jahren 1529 und 1683.[4]

2.2 Niedergang des Osmanischen Reiches, Verlust der europäischen Besitztümer

Theorien dazu, wie es zum Niedergang des Osmanischen Reiches kam, gibt es einige. Genannt seien hier vor allem volkswirtschaftliche Probleme, die zu einer hohen Inflation in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts führten, eine Verlagerung des Welthandels,[5] ein hohes Maß an Korruption in der Verwaltung, unter anderem durch Ämterkauf[6] und militärische Niederlagen im Mittelmeer gegen die wachsende Macht Venedig.[7] Durch eine Änderung der Erziehung der künftigen Sultane wurden diese entscheidend geschwächt: Statt das die Söhne des Sultans wie bisher eine Stadt im Osmanischen Reich als Statthalter bekamen und sich so Herrscherfähigkeiten aneigneten, wurden sie ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nur noch im Harem großgezogen. Sie gerieten dadurch in „völlige(…) Abhängigkeit vom Harem“ und die Positionen der Mutter des Sultans, der Valide Sultan, und vor allem des Großwesirs wurden so entscheidend gestärkt.[8] Das Prinzip der Knabenlese, ein Rekrutierungs- und Ausbildungsverfahren für die militärische Eliteeinheit der Janitscharen wurde abgeschafft und schwächte diese ebenfalls.[9] Alle wichtigen technischen Entwicklungen und Erneuerungen in Europa gingen fast spurlos am Osmanischen Reich vorüber und ließen es in einen „uneinholbaren Rückstand“ geraten.[10] Buchdruck war z.B. lange verboten, weil die arabische Schrift als heilig betrachtet wurde. Erst 1727 wurde der türkisch-osmanische Buchdruck eingeführt.[11] Nur die Nichtmuslime druckten schon früher. Ein Maufakturwesen entwickelte sich so gut wie nicht.[12] Zu bedenken beim Niedergang des Osmanischen Reiches ist auch eine kulturelle Hürde, eine verbreitete Überlegenheit gegenüber allen und allem Fremden.

Von Bedeutung war auch der sich ausbreitende westliche Einfluss. Die wichtigsten Ideen waren die des Nationalismus,[13] französische Ideale und die deutsche Romantik.[14] Parallel und zum Teil bedingt durch diese Probleme kam es zum physischen Zerfall des Osmanischen Reiches und zum Verlust weiter Provinzen, von denen hier nur einige stichwortartig genannt seien:[15] 1805 übernahm Mohammed Ali Pasha die Macht in Ägypten. Zwischen 1804 und 1806 erreichten serbische Aufstände eine Teilautonomie unter ihrem Anführer Milosch Obrenowitsch. 1815 bis 1817 und 1821-30 kam es zum Aufstand der Griechen, der vom europäischen Philhellenismus gefeiert wurde (unter anderem Lord Byron). Der Londoner Vertrag von 1829 führte zur Unabhängigkeit Griechenlands. Im Jahre 1830 annektierte Frankreich Algerien. 1839 eroberte Mohammed Ali (Ägypten) große Teile des historischen Syriens. 1839 erließ der Sultan das so genannte Gülhane-Dekret. Damit begann die Tanzimat-Zeit, die unter anderem Reformen in der Verwaltung, im Militär und im Staatssystem brachte. 1856 endet der Krimkrieg (seit 1853) mit dem Hatt i Hümayun und dem Friedensvertrag von Paris. Damit wurde das Osmanisches Reich Teil des Europäischen Mächtekonzertes, die „territoriale Integrität des türkischen Reiches [wurde] unter die Garantie der europäischen Großmächte gestellt.“[16] Ein Nebeneinander der Religionsgemeinschaften wurde erlassen. 1860 intervenierte Frankreich auf Seiten der christlichen Maroniten nach einem Bürgerkrieg im Libanongebirge und es kam zu einer Autonomie dieses Gebietes. 1869 wurde der Suez-Kanal eröffnet. Geldanleihen seit dem Krimkrieg führten im Jahre 1875 zum osmanischen Staatsbankrott und zur Übernahme der Schuldenverwaltung durch Europäer.

Die Endphase des Osmanischen Reiches stand von 1876 bis 1909 unter der Herrschaft des Sultans Abdülhamid II. 1876 kam es auch zur ersten osmanischen Verfassung, die aber gleich darauf vom neuen Sultan wieder suspendiert wurde. Die französische Niederlage gegen das Deutsche Reich 1870/71 beraubte dem Osmanischen Reich „den einzigen berechenbaren europäischen Verbündeten“ Frankreich.[17] Der Krieg zwischen dem Osmanischen Reich und Russland von 1877 bis 1878 endete 1878 mit dem Friede von San Stefanon und dem Berliner Kongress, der unter anderem zur Unabhängigkeit Serbiens, Montenegros und Rumäniens führte. Bulgarien wurde ein abhängiges Fürstentum. 1882 besetzte Großbritannien Ägypten, 1901 kam Kuwait unter britische Kontrolle. Zwischen 1896 und 1908 kam es zum Aufstieg der Jungtürkenbewegung mit Hauptsitz in Saloniki. Diese Bewegung erzwang auch 1908 die Wiedereinsetzung der osmanischen Verfassung und setzte 1909 den Sultan ab. Ein Teil dieser Bewegung übernahm als „Komitee für Einheit und Fortschritt“ die Macht im Osmanischen Reich. 1908 erreichte Bulgarien volle Unabhängigkeit. Im selben Jahr kam es auch zur so genannten Bosnischen Annexionskrise: Das Fürstentum Bosnien-Herzegowina erklärte seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich und wurde daraufhin von Österreich annektiert. Dies brüskierte Russland und es kam zu einem mehrere Monate dauernden, und letztendlich erfolgreichen osmanischen Boykott österreichischer Waren. 1911 ging der Jemen verloren und 1911-12 verlor das Osmanische Reich im Tripoliskrieg Libyen/Tripolitanien an Italien. 1913 ereigneten sich der Erste und Zweite Balkankrieg (siehe unten). Im Januar 1913 kam es zum Staatsstreich der Jungtürken, die 1912 ihre Macht verloren hatten. Eine Gruppe von germanophilen, zum Teil in Deutschland militärisch ausgebildeten Offizieren kam so an die Macht. 1914 trat das Osmanisches Reich auf Seiten der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg ein und verlor letztendlich all seine Landbesitze, bis auf die heutige Türkei.[18]

2.3 „Der kranke Mann am Bosporus“ und die „Orientalische Frage“

Als direkte geographische Nachbarn und in einer Zeit der weltweiten Kolonialherrschaft nahmen die Europäischen Großmächte Anteil am Zerfallsprozess des Osmanischen Reiches. Unter der so genannten „Orientalischen Frage“ (Englisch: Eastern Question) wird allgemein der Interessenskonflikt der europäischen Großmächte zur Zeit des Niedergangs des Osmanischen Reiches verstanden, das als „Kranker Mann am Bosporus“ bezeichnet wurde. Vor allem das Streben Russlands, daraus territorialen Gewinn zu ziehen, mobilisierte Frankreich und Großbritannien, wobei die Meerengenfragen (Bosporus) in den Vordergrund rückten. Als Anfang der Orientalischen Frage wird der Vertrag von Küçük Kaynarca, dem heutigen bulgarischen Dorf Kajnardscha bei Silistra an der Donau vom 21. Juli 1774 angesehen.[19] Der Vertrag wird „allgemein als Ursprung der ‚Orientalischen Frage’ im Sinne der Art und Weise, wie das Osmanische Reich aufzuteilen sei, verstanden.“[20] Stavrianos beschreibt die Orientalische Frage im Zusammenhang mit dem Krimkrieg zutreffend:

The roots of the Crimean War go back ultimately to the fact that although the Ottoman Empire had become the “Sick Man of Europe” it remained the owner of prized possessions coveted by others. Thus the essence of the Eastern Question, as Metternich aptly observed, was whether to turn the Sick Man over to the doctor or to his heirs. During the eighteenth century Russia favoured the latter procedure, but in 1829 she changed her mind. The likelihood of squabbles among their heirs led her to adopt the new policy of tolerating the invalid while at the same time being ever-ready, in case of sudden death, to claim a full share of his estate.[21]

2.4 Nationalismus, Irredentismus und Staatenwerdung auf dem Balkan

Spätestes seit Beginn des 19. Jahrhunderts drangen auf verschiedenen Wegen europäische Ideen ins Osmanische Reich und auf den Balkan vor, die bei einigen zum Wunsch nach einem Nationalstaat europäischen Vorbilds, unabhängig vom Osmanischen Reich, führten. Hösch weist hier richtigerweise auf die Problematik hin:

Das allmählich erwachende romantisch gefärbte Volksbewußtsein der Balkanvölker fand in der politischen Wirklichkeit zunächst keine Orientierungshilfen. Die ideellen Einwirkungen von außen (Französische Revolution, deutsche Romantik) hatten den Willen zum eigenen Nationalstaat in einen Raum verpflanzt, dessen eigenstaatliche Traditionen in eine mehr als 500 Jahre zurückliegende Epoche verwiesen.[22]

Auch auf die geographische Peripherie dieser Bewegungen Mitte des 19. Jahrhunderts weist Hösch hin:

Die Abfallsbewegung der christlichen Balkanvölker ließ sich auch durch die Gewährung der vollen Gleichberechtigung (Reformdekret Hatt-i Humayun vom Jahre 1856) nicht mehr auffangen. Die Desintegrationserscheinungen griffen auf alle Reichsteile über.[23]

In die Anfangsphase der Unabhängigkeitsbewegungen auf dem Balkan fiel der griechische Unabhängigkeitskampf, der lange vorbereitet war.[24] Mit europäischer Hilfe führte er zur Unabhängigkeit Griechenlands[25], die der osmanische Sultan 1832 formal anerkennt.[26]

Am Beispiel Griechenland wird aber auch ein Problem deutlich, dass das politische Schicksal des Balkanraumes lange prägen sollte, das des Irredentismus.[27] Im Falle Griechenlands war das Problem aus griechischer Sicht, dass ein großer Teil der als „griechisch“ angesehenen und von „Griechen“ bewohnten Gebiete außerhalb der Staatsgrenzen des neuen Griechenlands lagen. Vor allem die Intellektuellen strebten nach einem Groß-Griechenreich „unter Einschluß Konstantinopels, des Epirus, Mazedoniens, Thraziens, Ioniens und Zyperns“.[28] Kolioupoulos erläutert:

The international treaty of 1830, which excluded from the Greek national state more Greeks than it included, as well as the irredentist implications of the new state’s national ideology, which came to be known as the ‘Great Idea’ (Megali Idea) (…) Most significant for the growth of a Greek national ideology and the course of national policy was the promotion of the new Greek state as the protagonist of Greek fortunes.[29]

Ähnlich zutreffend heißt es bei Hösch:

Zur Enttäuschung der griechischen Patrioten hatten die Londoner Konferenz dem neuen Staatsgebilde nur eine sehr beschränkte territoriale Basis zugestanden. Ganz Nordgriechenland blieb außerhalb, das Traumziel Konstantinopel war in unerreichbarer Ferne.[30]

Wichtig scheint hier auch der Hinweis, dass es sich nicht um eine Idee aller Griechen handelte:

Following the War of Independence and the establishment of a Greek national state, the Greeks of that state, in addition to incorporating the major portion of the Greek irredenta into the national state, were able to develop and impose on the rest of the Greeks a linguistic and ideological unity emanating from Athens.[31]

Gemeinsam hatten die Balkanvölker, dass viele zum einen oder anderen Zeitpunkt die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich anstrebten. So kam es in den 1860ern zu einer Annäherung von Serbien und Griechenland hin zu einer Interessensgemeinschaft gegen die „eigennützige Balkanpolitik der europäischen Großmächte“[32]. Auch der Balkanbund (siehe unten) stellte eine solche Zweckgemeinschaft aus gemeinsamem Interesse heraus dar. Das Problem war jedoch, dass es unter mehreren Balkanvölkern Irredentismen gab, die Idee also, dass Menschen der eigenen „Nation“ jenseits der eigenen Grenzen lebten und an diesen angeschlossen werden müssten. Man sah seinen Staat als „ein[en] nationale[n] Torso, [der] innerhalb seiner Grenzen nur Teile seiner Volkszugehörigen“ umfasste.[33] Nach Hösch traten im Krisenfall die gemeinsamen Interessen der Balkanvölker hinter die irredentischen Bestrebung einzelner Völker zurück. Dies habe wesentlich zur politischen Instabilität auf dem Balkan beigetragen.[34] An anderer Stelle beschreibt er zusammenfassend die Schwierigkeit der Situation:

Je deutlicher sich nach 1878 der territoriale Zerfall des Osmanischen Reiches abzeichnete, desto unausweichlicher geriet die Außenpolitik der jungen Balkanstaaten in den Teufelskreis eines nationalistischen Irredentismus. Der Traum vom nationalen Großreich suchte seine Verwirklichung in einem hektischen Wettlauf um die Aufteilung der osmanischen Restgebiete auf europäischem Boden und führte zu einem kleinlichen Hader um Grenzkorrekturen und Landumverteilungen.[35]

Es herrschte also bei den Balkanvölkern ein Gefühl der Enttäuschung vor, das sich in Form eines „terroristischen Irredentismus“ äußerte.[36] Ein weiteres Problem bestand darin, dass sich für die Balkanvölker „die Ablösung der osmanischen Fremdherrschaft während des 19. Jahrhunderts immer nur über ein mehr oder minder offenes Protektoratsverhältnis zu den angrenzenden Großmächten Österreich-Ungarn und Rußland verwirklichen ließ“[37], die ihrerseits eigene Interessen verfolgten.

2.5 Das Milletsystem

2.5.1 Grundlagen

Das Osmanische Reich verstand sich selber als islamischer Staat, der Sultan sich als Stellvertreter (Kalif) Gottes bzw. Stellvertreter des Propheten Gottes (Mohammed) auf Erden. Die Gesetzgebung beruhte auf einer Mischung aus auf göttlichen Quellen beruhenden Vorschriften (shari’a) und „weltlichen“ Gesetzen (kanun). Der Islam war lange Zeit „Staatsreligion“ im Osmanischen Reich, wobei es sich hier um eine nachträgliche Rückübertragung eines modernen Begriffes und Konzeptes handelt. Nichtmuslime und andere Minderheiten lebten jedoch immer auch im Osmanischen Reich und genossen hier oft in der Geschichte ein größeres Maß an Toleranz als in Europa.

Im Zusammenhang mit Nichtmuslimen im Osmanischen Reich spielt der Begriff „Millet“ eine wichtige Rolle. Millet „indicates religion, religious community, and nation. These three basic meanings of the term were used in the Ottoman empire concurrently until the Tanzimat period and afterwards.”[38] Im Weiteren erläutert Ursinus die drei Bedeutungen des Begriffes:

Erstens weist er darauf hin, dass im Koran Millet ausschließlich “Religion” bedeutet, meistens benutzt für den Islam, selten auch für Christen- oder Judentum. Zweitens beschreibt er, dass ab etwa dem Ende des 18. Jahrhundert der Begriff Millet in der Verwaltung für nichtmuslimische Minderheiten im Osmanischen Reich mit „dhimmi“-Status verwendet wurde. „Dhimmi“ bezieht sich auf eine theologische Vorstellung des Islam, wonach der Islam sich selber als in einer Tradition der abrahamitischen Religionen Juden- und Christentum stehend sieht. Derselbe und einzige Gott habe seinen Propheten (unter anderem Abraham, Noah, Jesus) seine Botschaft geschickt. Diese sei dann aber vorsätzlich oder unabsichtlich von den Propheten oder Empfängergemeinschaften verfälscht worden. Deswegen war es notwendig, dass Gott eine exakte Kopie seiner Botschaft durch den Propheten Mohammed schickt, den Koran. Da Mohammed der letzte, das „Siegel der Propheten“ sei, könne es danach keine weitere Offenbarung geben. Aus dieser Vorstellung heraus bezeichnete man Juden und Christen als „ahl al-kitab“, als Besitzer einer göttlichen Offenbarungsschrift. Sobald diese eine so genannte Kopfsteuer zahlten, waren sie „Schutzbefohlene“ („dhimmi“) des Sultans und durften ihre Religion (relativ) frei praktizieren und waren auch in ihrer Gesetzgebung und internen Organisation (relativ) frei. Später bekamen auch noch die Zoroastrier und die Sabäer diesen Status.

[...]


[1] Vgl. Matuz, Josef, Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte, Darmstadt 31994, 27.

[2] Vgl. ebd. 37 u. Zeittafel, 289.

[3] Matuz, Das Osmanische Reich, 136-137.

[4] Vgl. ebd. Zeittafel, 291f.

[5] Vgl. ebd. 132-133.

[6] Vgl. ebd. 136.

[7] Vgl. ebd. 138.

[8] Vgl. u.a. ebd. 140-141.

[9] Vgl. ebd. 178.

[10] Ebd. 175.

[11] Vgl. ebd. 197.

[12] Vgl. ebd. 205.

[13] Nationalismus definiert Wehler als „das Ideensystem, die Doktrin, das Weltbild, das der Schaffung, Mobilisierung und Integration eines größeren Solidarverbandes (Nation genannt), vor allem aber der Legitimation neuzeitlicher politischer Herrschaft dient.“ (Wehler, Hans-Ulrich, Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 2001, 13.) Es handelt sich hierbei um eine Idee, die ausschließlich in Europa und Nordamerika entstanden ist und von dort aus mehr und weniger erfolgreich transferiert wurde (vgl. Wehler, Nationalismus, 15).

[14] „Romanticism“ beschreibt die Encyclopaedia Britannica als eine Haltung und intellektuelle Orientierung vom späten 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, die in gewisser Weise eine Gegenreaktion zur Aufklärung darstellte und „the individual, the subjective, the irrational, the imaginative, the personal, the spontaneous, the emotional, the visionary, and the transcendental“ betonte. (Encyclopaedia Britannica, DVD-edition, 2002, Art. “Romanticism”). Dazu gehörte auch „an obsessive interest in folk culture, national and ethnic cultural origins“. (Britannica, Art. „Romanticism“).

[15] Die folgenden Daten sind entnommen aus: Matuz, Das Osmanische Reich, Zeittafel, 303f.

[16] Hösch, Edgar, Geschichte der Balkanländer. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart, München 42002, 172.

[17] Kreiser, Klaus, Der Osmanische Staat 1300-1922, München 2001, 43.

[18] Für alle hier angegebenen Informationen vgl. Matuz, Das Osmanische Reich, 303f.

[19] Anderson, M. S., The Eastern Question 1774-1923. A Study in International Relations, New York 1966., XI.

[20] Kreiser, Klaus, Art. “Osmanisches Reich (1683 bis 1856): Vom Niedergang einer Großmacht“, in: Brockhaus Multimedial 2001 premium, CD-Rom-Version, Mannheim 2000.

[21] Stavrianos, Leften S., The Balkans since 1453, New York 1958, Neuausgabe London 2000, 321-322.

[22] Hösch, Geschichte der Balkanländer, 164.

[23] Ebd. 172.

[24] Vgl. ebd. 165.

[25] Vgl. ebd. 169.

[26] Vgl. Kreiser, Der Osmanische Staat, 37.

[27] Das Wort „Irredentismus“ bezieht sich eigentlich nur auf eine bestimmte Bewegung Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in Norditalien, die die „unerlösten“ Gebiete jenseits der Grenze „heim ins Reich“ holen wollten (vgl. Britannica, Art. „Irredentists“). Es handelt sich hier also wohl um eine nachträgliche Übertragung dieses Begriffes auf den Balkan. Einige Wörter- und Geschichtsbücher kennen den Begriff nicht. Im Duden wird der hier verwendete Begriff mit „Irredenta“ angegeben.

[28] Markov, Walter, Grundzüge der Balkandiplomatie. Ein Beitrag zur Geschichte der Abhängigkeitsverhältnisse, Leipzig 1999, 97.

[29] Koliopoulos, John S., Brigands with a Cause. Brigandage and Irredentism in Modern Greece 1821-1912, Oxford 1987, 7.

[30] Hösch, Geschichte der Balkanländer, 169.

[31] Koliopoulos, Brigands with a Cause, 7-8.

[32] Hösch, Geschichte der Balkanländer, 173.

[33] Markov, Grundzüge der Balkandiplomatie, 92.

[34] Vgl. ebd. 164.

[35] Markov, Grundzüge der Balkandiplomatie, 180.

[36] Ebd. 177.

[37] Ebd. 164.

[38] Ursinus, Michael, Artikel „Millet“, in: The Ecyclopaedia of Islam. New Edition. Vol. 1-. Leiden 1954-.

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Details

Titel
Die Internationalisierung der Stadt Saloniki im Jahre 1912/13 im Lichte des Zerfallsprozess des Osmanischen Reichs
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: "Jüdische Fragen" in der Diplomatiegeschichte
Note
bestanden
Autor
Jahr
2004
Seiten
31
Katalognummer
V27725
ISBN (eBook)
9783638296915
ISBN (Buch)
9783638649582
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internationalisierung, Stadt, Saloniki, Jahre, Lichte, Zerfallsprozess, Osmanischen, Reichs, Hauptseminar, Jüdische, Fragen, Diplomatiegeschichte
Arbeit zitieren
Andre Kahlmeyer (Autor), 2004, Die Internationalisierung der Stadt Saloniki im Jahre 1912/13 im Lichte des Zerfallsprozess des Osmanischen Reichs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27725

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