Psychologisierender Vergleich der tragischen Figuren Hamlet und Phèdre im Diskurs ihrer Epoche


Hausarbeit, 2013

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Große Werke in der Geschichte der Tragödie

2. Psychologisierender Vergleich der tragischen Figuren Hamlet und Phèdre im Diskurs ihrer Epoche
2.1. Einordnung der Figuren
2.1.1. Hamlet und die Elisabethanische Renaissance
2.1.2. Phèdre und die Franz ö sische Klassik
2.2. Psychologisierung und Vergleich der Figuren
2.2.1. Die Zerrissenheit der Persönlichkeit
2.2.1.1. Die innerliche Zerrissenheit Hamlets
2.2.1.2. Die innerliche Zerrissenheit Phèdres
2.2.1.3. Unterschiede und Gemeinsamkeiten
2.2.2. Die Schuldfähigkeit der Figuren
2.2.2.1. Die Schuldfähigkeit Hamlets
2.2.2.2. Die Schuldfähigkeit Phèdres
2.3. Fazit

3. Hamlet und Phèdre als Beispiel für moderne Menschen

4. Bibliographie

1. Große Werke in der Geschichte der Tragödie

Vom Beginn des Theaters im antiken Griechenland in den Festspielen zu Ehren Dionysos an bis zum heutigen Tage hat sich das Drama als große literarische Kunstform etabliert und dabei an den großen Meilensteinen der Menschheitsgeschichte zeitlose Meisterwerke hinterlassen. Im Mittelalter weitgehend außer Acht gelassen, erlebte das Drama mit dem aufkommenden Humanismus in der Renaissance seine Wiedergeburt und diente seit jeher zur Darstellung großer Helden. Diese Helden waren entweder als von einem Souverän als schicklich befundene oder vom Publikum und den Rezipienten als gelungen angesehene Personifikationen vom Idealtyp eines "Großen1, oder dessen Antonym. Ob als Beispiel oder als Ideal, an diesen Figuren lässt sich der zeitgenössische Diskurs vom Menschsein ablesen, wenn die porträtierte Psyche der tragischen Figur im Kontext der Entstehungszeit des Werkes betrachtet wird. Im Folgenden wird ein psychologisierender Vergleich zweier tragischer Figuren aus der englischen Renaissance und der französischen Klassik, Hamlet und Phèdre in Bezug auf ihre innerliche Zerrissenheit und Schuldfähigkeit angestellt.

Die beiden dramatischen Figuren Hamlet und Phèdre sind jeweils die Hauptfiguren der Werke, in welchen sie auftreten und handeln, welches bereits dadurch deutlich wird, dass diese Figuren jeweils namensgebend für ihr Werk sind, welches jeweils als eines der bedeutendsten und beispielhaftesten2 seiner jeweiligen Epoche gilt und somit in den genannten Figuren den jeweiligen ästhetisch-philosophischen Diskurs zum Ausdruck bringt, welcher in der nachstehenden Arbeit ebenfalls in den Vergleich miteinbezogen wird.

2. Psychologisierender Vergleich der tragischen Figuren Hamlet und Phèdre im Diskurs ihrer Epoche

2.1. Einordnung der Figuren

2.1.1. Hamlet und die Elisabethanische Renaissance

Hamlet ist die Hauptfigur des gleichnamigen Werks von William Shakespeare, welches um die Jahrhundertwende 1600 uraufgeführt wurde und seit dem als eines der berühmtesten3 Shakespeares' Shakespeares Werke, die "ein einzigartiges Maß an Originalität"4 auszeichnen, fallen in die englische Renaissance, welche in der Linguistik auch als "frühneuenglische Epoche" bezeichnet und üblicherweise auch nach den jeweiligen Herrschern unterteilt wird. So fällt die Entstehungszeit "Hamlets" in die Elisabethanischen Renaissance.5

In dieser Zeit, als der englische Adel mit kriegerischen Auseinandersetzungen beschäftigt war und so als Mäzen für Künstler unpässlich war6, waren die Richtlinien des Stückeschreibens alleine ökonomischen Verhältnissen unterworfen, denn in einer von autoritären Vorgaben freien Unterhaltungswirtschaft zählte als wichtigstes Qualitätsmerkmal Erfolg7. So war es zum Beispiel verbreitet und wirtschaftlich sinnvoll, alte, erfolgreiche Stücke umzuschreiben oder beliebte Sagen- und Märchenstoffe zu verwenden, so wie es vermutlich Shakespeare im Fall Hamlets gemacht hat. Die Geschichte Hamlets ist nämlich ursprünglich ein nordischer Sagenstoff, der "erstmals in den Gesta Danorum des Saxo Grammaticus überliefert [wurde], einem Ende des 12. Jahrhunderts verfassten Geschichtswerk," das historische Begebenheiten und altnordische Heldensagen Seite an Seite stellt8, wenngleich Shakespeare selbst es wohl nur aus einer Bearbeitung in Francois de Belleforts "Histoires Tragiques" kannte9. Ein einziges mögliches Zugeständnis an die Krone könnte Shakespeare insofern in "Hamlet" eingebaut haben, als dass der Plot als Anspielung auf die politischen Ereignisse um Maria Stuart verstanden werden kann. Und in der Art und Weise, wie Gertrude dargestellt und mit dem Königsmord umgegangen wird, war das Werk wohl Königin Elisabeth wohlgefällig, und somit politisch korrekt.10

2.1.2. Phèdre und die Franz ö sische Klassik

Das "siècle classique" oder die Französische Klassik wird nach Grimm11 ab 1598 mit dem Edikt von Nantes angesetzt, also zu Beginn einer Periode der inneren Stabilität in Frankreich, manche Forscher zählen auch erst ab Beginn der Herrschaft Ludwig XIV im Jahre 166112. Worin sich die Forschung größtenteils einig ist, ist die Tatsache, dass die Epoche mit dem Tod Ludwig XIV im Jahre 1715 endete. In den 30er und 40er Jahren des 17. Jahrhunderts wurde eine Poetik in der Querelle du Cid entwickelt und begründet, das von den Autoren, die zur französischen Klassik gerechnet werden, als verbindlich betrachtet wurde: die "Doctrine classique".13 In dieser Querelles ging es um Pierre Corneilles sehr erfolgreiches Werk "Le Cid" von 1637, dessen "Regelverstöße als Negativfolie"14 für die Académie française verwendet wurden. Diese von Kardinal Richelieu gegründete Institution wachte offiziell über die Kultur und entwickelte gemeinsam mit, jedoch auch gegen einige Schriftsteller öffentlich ein anerkanntes Regelwerk, welches Nicolas Boileau 1669- 1974 in vier Gesängen in seiner „art poétique“ festhielt, die er nicht nur dem Namen nach Horaz' „De arte poetica“ nachempfunden hat. Maßgebliche, Vorbild gebende Instanzen der Französischen Klassik waren Aristoteles, Horaz und die italienischen Aristoteles-Kommentare der Renaissance.15 Von diesen abgeleitet etablierten sich folgende Prinzipien: Die „bienséance“, die besagt, dass sich alle Sprechakte und Handlungen der Charaktere im Rahmen des guten Geschmacks und der sittlichen Normen bewegen sollen16 und alles „physisch und moralisch Hässliche“17 ausgespart bleibensoll. Des Weiteren forderte man die „vraisemblence“, welches die Wahrscheinlichkeit der dargestellten Handlung verlangt - diese ist sogar wichtiger als die Wahrheit der Handlung - und die Lehre von den drei Einheiten von Raum, Zeit und Handlung.18 Die Funktion des Dramas waren nach Horaz, dass es " entweder nützen [prodesse] oder erfreuen [delectare] [solle ...] oder zugleich, was erfreut und was nützlich fürs Leben ist, sagen."19 Deshalb nutzen Racines Werke auch eine "affektbezogene" Theaterästhetik: "Sie möchten 'plaire' und 'toucher'", sie richten sich daher nicht so sehr an den Verstand des Rezipienten als vielmehr an dessen Emotionen. "Nur oberflächlich verhüllen Mythos und Geschichte das zeitgenössische Modell der höfischen Gesellschaft."20 Racine bleibt als vom König geförderter Schriftsteller streng im Rahmen der poetologischen Vorgaben, seine Werke sind regelmäßige fünfaktige Tragödien in paarweise gereimten Alexandrinern21, und gewinnt gerade dadurch unerwartete Freiheiten22. Sein 1677 uraufgeführtes Stück "Phèdre" wird als Meisterwerk der Französischen Klassik betrachtet, da es die Forderungen der doctrine classique ebenso "streng wie doch selbstverständlich" erfüllt, sie jedoch gleichzeitig transzendiert, da er auch "grundlegende Forderungen des klassischen Zeitalters an dramatische Mimesis aufbricht".23

2.2. Psychologisierung und Vergleich der Figuren

Im Nachfolgenden werden die beiden Figuren Hamlet und Phèdre unter Berücksichtigung der innerlichen Zerrissenheit und ihrer Schuldfähigkeit im Kontext ihres ästhetisch-philosophischen Diskurses analysiert und verglichen.

2.2.1. Die Zerrissenheit der Persönlichkeit

Die beiden Figuren zeigen große geistige Unausgeglichenheit in den Stücken, welche Kernpunkt der jeweiligen Dramenhandlung ist. Wie sich dies in ihrem Handeln und Denken manifestiert und welches die besonderen Aspekte dieses psychischen Ungleichgewichts ist, wird nun dargestellt.

2.2.1.1. Die innerliche Zerrissenheit Hamlets

Hamlet, Prinz von Dänemark ist einer der beliebtesten und am meisten zitierten Charaktere Shakespeares, welches vor allem seinen komplexen und modernen Charakter geschuldet ist. Hamlet war die Figur, mit der "das neuzeitliche Ich auf die Bühne" trat.24 Dieses neuzeitliche Ich ist das Ich, das versucht, sein Denken und sein Fühlen in Einklang zu bringen, das hin- und hergerissen ist zwischen Affekt und Räson. In Hamlet kommen die neuen "Konstituten des Subjekt" zum Vorschein: "Reflexivität, Innerlichkeit und Schauspielertum", welcher Hamlet in einer Atmosphäre der Melancholie zum Ausdruck bringt.25 Hamlet ist ein Melancholiker, da er einerseits tiefe Trauer über den Tod seines Vaters empfindet (1. Aufzug 2. Szene)26

[...]


1 Greiner, Bernhard: Die Tragödie. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 2012.178.

2 Vgl. Greiner: Tragödie. S. 251.

3 Vgl. Middeke, Martin; Müller, Timo; Wald, Christina: English and American Studies. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler, 2012. S. 346.

4 Bloom, Harold: Shakespeare. Die Erfindung des Menschlichen. Aus dem Engl. v. Peter Knecht, Berlin: Berlin Verlag, 2000. S. 590f.

5 Vgl. Klarer, Mario: Einführung in die anlistisch-amerikanistische Literaturwissenschaft. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2004. S. 84.

6 Vgl. Greiner: Tragödie. S. 167.

7 Vgl. Schabert, Ina: Shakespeare Handbuch. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 2009. S. 13.

8 Greiner: Tragödie. S. 173.

9 Ebd. S. 174.

10 Vgl. Ebd. 177.

11 Vgl. Grimm, Jürgen: Französische Klassik. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag, 2005. S. 136.

12 Vgl. Kleinecke, Sophie: Antikerezeption in Corneilles "Médéé". Bamberg: University of Bamberg Press, 2013. S. 37.

13 Greiner: Tragödie. S. 246.

14 Ebd. S. 247.

15 Vgl. Ebd. S. 247.

16 Nies, Fritz; Stierle, Karlheinz (Hrsg.): Französische Klassik. Theorie. Literatur. Malerei, München: Fink, 1985. S. 4.

17 Greiner: Tragödie. 248.

18 Vgl. Ebd. S. 247.

19 Quintus Horatius Flaccus. Ars Poetica: Die Dichtkunst, Lateinisch / Deutsch, übers. u. mit einem Nachwort versehen von Eckart Schäfer. Stuttgart: Klett, 1984. S. 25.

20 Greiner: Tragödie. S. 238.

21 Vgl. Ebd. S. 247.

22 Vgl. Ebd. S. 250.

23 Greiner: Tragödie. S. 251.

24 Ebd. S. 180.

25 Ebd. S. 168.

26 Vgl. Shakespeare, William. Hamlet. Übersetzt von August Wilhelm Schlegel. Stuttgart: Reclam, 2001. S.13.

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Details

Titel
Psychologisierender Vergleich der tragischen Figuren Hamlet und Phèdre im Diskurs ihrer Epoche
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Tragödie
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V277383
ISBN (eBook)
9783656701842
ISBN (Buch)
9783656703877
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
psychologisierender, vergleich, figuren, hamlet, phèdre, diskurs, epoche
Arbeit zitieren
Thomas Laschyk (Autor), 2013, Psychologisierender Vergleich der tragischen Figuren Hamlet und Phèdre im Diskurs ihrer Epoche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277383

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