Im heutigen alltäglichen Verständnis von Lyrik sind die wesentlichen Merkmale von Gedichten, dass sie sich reimen und eine Strophenform besitzen. Des Weiteren drehen sich Gedichte um Gefühle und Emotionsverarbeitung, oftmals Liebe. Und die verwendete Sprache differenziert von der Alltagssprache, da sie "verdichtet" ist. Diese in der Öffentlichkeit bekannten Auffassungen sind zwar weder falsch, noch vornehmlich Ausnahmen, jedoch ist die Gattung der Lyrik selbstverständlich nicht auf ihre bekanntesten und wohl häufigsten Ausprägungen zu reduzieren. Reimlose Prosagedichte oder erzählende Gedichtformen wie die Ballade sind untypische Formen er Lyrik, werden jedoch gemeinhin mit guten Gründen hinzugerechnet. Doch wenn sich diese Auffassungen von Dichtung in der Bevölkerung verankert haben, heißt das nur, wie großen Einfluss diese Formen der Literatur haben. Doch wie kam es dazu? Wie entstand diese Gattung und speziell diese so dominante Ausprägung?
Verfolgt man die Spuren der Lyrik zurück zu ihren Ursprüngen, findet man sich im antiken Griechenland wieder. Die Dithyrambendichtung war eine Textform mit musikalischer Begleitung, meist der der Lyra, von welcher der Name der Lyrik herrührt, oder der Kithara.1 Diese Textgattung war also eng an die Entwicklung des Liedes geknüpft und richtete sich nach diesem aus: In Länge, der Emotionalität des Inhaltes und der Versform, welche zu den rekurrierenden Melodieabläufen passt. Um den Anforderungen des Liedes zu genügen, musste nicht nur die Länge der Sätze und Worte passen, auch inhaltlich war es erforderlich, so kurz, prägnant und kreativ wie möglich das Gesagte auszudrücken. Daraus folgte die hohe Informationsdichte der Gattung und einer hohen Zahl an rhetorischer Figuren wie Metaphern, Symbolen, Analogien oder Chiffren. Lange Zeit noch war die Lyrik an das Lied geknüpft, so auch noch im Mittelalter. Für die Entwicklung und die Wahrnehmung der Lyrik von entscheidender Bedeutung war die Troubadourlyrik aus dem 12. Jahrhundert. Die Troubadoursänger und ihre Nachahmer aus anderen Sprachen festigten eine so einflussreiche Tradition und Techniken, dass ihre Errungenschaften bis heute Bedeutung tragen. Der Reim, die Strophe und das Sonett sind ohne sie heute nicht denkbar.2 Unmittelbar nach ihrer Blütezeit noch viel rezipiert, nahm das Interesse an der provenzalischen Dichtung ab, bis die Forschung und die öffentliche Wahrnehmung zu Beginn des 19. Jahrhunderts, mit Einsetzen der Romantik, die Lieder wiederentdeckten und ihn
Inhaltsverzeichnis
I. Der Ursprung der Lyrik
II. Das Motiv der Liebe in der Troubadour-Lyrik im Vergleich mit der deutschen und der französischen Romantik
1. Troubadour-Lyrik
1.1. Sozio-historische und sprachliche Einordnung
1.2. Stilistische Merkmale anhand dreier Beispieltexte
1.3. Das Motiv der Liebe
2. Romantik
2.1. Sozio-historische Verortung der Romantik
2.1.1 Die Deutsche Romantik anhand von Hölderlins "Diotima"
2.1.2. Die Französische Romantik anhand von Lamartines "Le lac"
2.1.3. Unterschiede und Gemeinsamkeiten
3. Die romantischen Rückbezüge auf das Mittelalter allgemein und die Troubadourlyrik im Besonderen
3.1. Rückbezüge der Romantik auf Stoffe und Personen der Troubadourlyrik anhand von Ludwig Uhlands "Bertran de Born"
3.2. Das provenzalische Liebesmotiv in der Romantik
4. Die historische Bedeutung für den Nationalismus
III. Der Einfluss der Troubadourlyrik und ihre Zeitlosigkeit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert das Liebesmotiv der Troubadour-Lyrik und untersucht dessen fortwirkenden Einfluss auf die deutsche und französische Romantik des 19. Jahrhunderts unter Berücksichtigung sozio-historischer Kontexte.
- Strukturelle Analyse der Troubadour-Lyrik und ihrer Gattungen.
- Vergleichende Untersuchung der Liebesmotivik bei Hölderlin und Lamartine.
- Analyse der romantischen Mittelalter-Rezeption anhand von Ludwig Uhland.
- Historische Einordnung der Troubadour-Tradition im Kontext des aufkommenden Nationalismus.
- Reflexion über die universelle Zeitlosigkeit des "unerreichbaren Ideals" in der Dichtung.
Auszug aus dem Buch
1.3. Das Motiv der Liebe
Die Frau, die bis auf die Pastorelle und das Tageslied stets Objekt der Liebe bleibt und nie selbst Liebende ist, wird durch ihre stetige Abwesenheit oder andersartige Unerreichbarkeit charakterisiert. Gleichzeitig wird diese Vakanz dazu genutzt, die Frau in "metaphoric translations" so sehr wie möglich zu überhöhen. Ihre Abwesenheit lässt es zu, ihre positiven Eigenschaften hyperbelartig heraus zu arbeiten und die Verfikation dieser Eigenschaften unmöglich zu machen.
Auf diese Weise definierten die Troubadours die besondere, stilgebende Beziehung zwischen dem männlichen, poetischen Selbst und dem weiblichen Objekt. Durch die Überhöhung des Abwesenden gewinnt die Frau eine mystische Komponente und rückt in die konnotatische Nähe der Sagen und des Übernatürlichen. Gesellschaftlich führte diese meist enterotisierte Liebe zu einer massiven Aufwertung der Stellung der (zunächst nur adligen) Frau, welches sich bis heute in gewissen Benimmregeln gegenüber Frauen und dem Kavaliersphänomen erhalten hat. Die völlige Abwesenheit von körperlichen Elementen in den meisten Kanzonen und das gleichzeitige, quasi verbotene Verlangen nach der Frau führt zu einer "Erstarrung in gesellschaftlicher Konvention."
Die "sublime Form der Frauenverehrung" verlöre jedoch ihre ideale Abstraktheit, sobald sich das Liebesobjekt im Text manifestierte oder für den Troubadour erreichbar würde. Das Empfinden von absoluter Sehnsucht und Leid ist es erst, welcher der Troubadour-Lyrik ihre Besonderheit und vor allem ihren Kunstwert verleiht, sodass die Unerreichbarkeit der Frau als konstitutives Merkmal dieser Kunstform agiert.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Der Ursprung der Lyrik: Dieses Kapitel verortet die Anfänge der Lyrik in der griechischen Antike und betont die fundamentale Bedeutung der Troubadour-Lyrik für die Entwicklung europäischer Dichtformen wie Reim, Strophe und Sonett.
II. Das Motiv der Liebe in der Troubadour-Lyrik im Vergleich mit der deutschen und der französischen Romantik: Hier werden die Kerngattungen der Troubadours (Kanzone, Sirventes) analysiert und die Romantik-Vertreter Hölderlin und Lamartine hinsichtlich ihrer Naturbilder und ihres Liebesverständnisses kontrastiert.
III. Der Einfluss der Troubadourlyrik und ihre Zeitlosigkeit: Das abschließende Kapitel würdigt die Rolle der Troubadour-Lyrik als Vorläufer der vergleichenden Literaturwissenschaft und bestätigt die universelle Resonanz des unerreichbaren Ideals in der menschlichen Kultur.
Schlüsselwörter
Troubadour-Lyrik, Romantik, Liebesmotiv, Mittelalter-Rezeption, Kanzone, Unerreichbarkeit, Friedrich Hölderlin, Alphonse de Lamartine, Ludwig Uhland, Nation, Okzitanisch, Fin Amors, Literaturgeschichte, Poetologie, Zeitlosigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die inhaltlichen und stilistischen Parallelen zwischen der mittelalterlichen Troubadour-Lyrik und den Werken der deutschen sowie französischen Romantik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum steht das Motiv der unerreichbaren Liebe, die Rolle der Natur als Projektionsfläche sowie die ideologische Verklärung des Mittelalters in der Romantik.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den historischen Bogen der Troubadour-Tradition bis in die Romantik zu spannen und zu zeigen, wie das Konzept der "Unerreichbarkeit" als konstitutives Element der Lyrik fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primäre Quellentexte (Gedichte) interpretiert und diese in ihren sozio-historischen Kontext einbettet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Troubadour-Lyrik, die Untersuchung romantischer Gedichte (Hölderlin, Lamartine) sowie die Analyse der Mittelalter-Rezeption bei Ludwig Uhland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem Troubadour-Lyrik, Romantik, Liebesmotiv, Mittelalter-Rezeption und die Vergleichende Literaturwissenschaft.
Warum spielt die Unerreichbarkeit der Frau eine so zentrale Rolle?
Laut der Arbeit ist die Unerreichbarkeit poetologisch notwendig, um das emotionale Leid und die Sehnsucht zu dramatisieren, was den Kunstwert der Gedichte erst begründet.
Welche politische Bedeutung wird dem Liebesmotiv zugeschrieben?
Das Motiv dient als Metapher für die Sehnsucht nach einem vergangenen, idealen Zustand, der oft eine unbewusste politische Forderung nach nationaler Einheit und Identität widerspiegelt.
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- Thomas Laschyk (Author), 2013, Das Motiv der Liebe in der Troubadour-Lyrik im Vergleich mit der deutschen und der französischen Romantik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277397