Die englische Appeasement-Politik

Handlungen unfähiger Staatsmänner oder adäquates Krisenmanagement


Hausarbeit, 2007

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Hintergründe der Befriedungspolitik

3. NS-Aussenpolitik = Revisionspolitik

4. Appeasement

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Sie haben den Entschluß gefasst, unentschlossen zu sein; sie sind willens, keinen Willen zu haben; mit eiserner Energie lassen sie die Zügel schleifen, allmächtig in ihrer Ohnmacht.“[1]

Dieses Zitat Winston Churchills setzt ohne Zweifel nur eine Seite unserer Eingangs gestellten Forschungsfrage in den Vordergrund, nämlich jene der unfähigen Politiker und stellt damit eine einseitige Betrachtung dar, welche in diesem einleitenden Rahmen natürlich gewünscht ist und das eine Extrem der verschiedenen Meinungen zu diesem Thema kontrastiert.

Unentschlossenheit, Willenlosigkeit und Ohnmacht sind die Grundfeste Churchills Kritik, welche von ihm noch vor dem Münchener Abkommen bzw. noch vor der Zerschlagung der “Rest-Tschechei“ gegen die vorrangig von Neville Chamberlain betriebene Appeasement-Politik Englands vorgebracht wurde. Ob diese Kritik gerechtfertigt ist oder vielmehr eine aus regierungsoppositionellen Gesichtspunkten geäußerte Behauptung darstellt, soll immanent mit dieser Arbeit ebenso beantwortet werden, wie die Frage, ob es Alternativen zur Befriedungspolitik Chamberlains gab und wie diese hätten aussehen können.

Geschichte ist, zu jeder Zeit und in jeder Epoche, untrennbar mit aus ihr herausragenden und sie gestaltenden Persönlichkeiten verbunden, obgleich ich mit dieser Äußerung – gerade als angehender Soziologe – nicht die Dependenzen negieren möchte, die sich aus soziologischer Sicht bei jedem geschichtlichen Wandel ergeben bzw. diesen beeinflussen und gestalten. Neben den zwei schon erwähnten Personen (Chamberlain und Churchill), lassen sich in der thematischen Einfassung meiner Hausarbeit noch eine Vielzahl weiterer Personen nennen, welche die Entwicklungen in der Zeit der Appeasement-Politik Englands maßgeblich beeinflussten, so z.B. Halifax, Henderson, Eden, oder Ribbentrop, Mussolini, Roosevelt als auch Hitler, um nur einige aufzuzählen. Unter dem quantitativen Hintergrund dieser Arbeit ist es nicht möglich auf einzelne Persönlichkeiten genauer einzugehen, und auch auf eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Stationen englischer Befriedungspolitik muss, unter Berücksichtigung des gestellten Umfangs, verzichtet werden.

Stattdessen soll über eine Hinführung zur Appeasement-Politik geklärt werden, wie es zu einer englischen Aussenpolitik kommen konnte, die so bezeichnend war, dass ihr ein eigenständiger Name verliehen wurde und welche in der Geschichtsforschung auch heute noch breite Kontroversen hervorruft. Über eine kurze Darstellung der einzelnen Appaesement-Abschnitte soll eine ebenso kurzgehaltene Illustration möglicher Alternativen – sofern es solche gab – resümiert werden, um schlussendlich ein Fazit anschließen zu können, welches die Forschungsfrage ausreichend zu beantworten sucht.

Appeasement ist und war zu jeder Zeit der Geschichte ein Mittel, um mit schwierigen und gefährlichen internationalen Krisen umzugehen. Die Alternative stellte und stellt oft nur eine kriegerische Auseinandersetzung dar. Verschiedene Situationen sind hier zu nennen. Es ist mir wichtig, in diesem Zusammenhang an den Irakkrieg zu erinnern, der in aktueller Zeit wohl das Beispiel für den Gegenpol zu Appeasement darstellt. Auch der Konflikt um das iranische- und vor allem – als Präzedenzfall für die heutige Zeit – das nordkoreanische Atomprogramm lässt sich als Appeasement begreifen.

Ohne auf diese Beispiele näher eingehen zu können, war es mir wichtig, diese anzuführen, da sie Appeasement oder deren “Scheitern“[2] – wie im Falle des Irak – auch für die Gegenwart veranschaulichen, was der Arbeit mit und der Analyse von Appeasement im Rahmen meiner Verschriftlichung einen interessanten aktuellen Stellenwert zuteil werden lässt.

Vor allem das “Scheitern“ von Appeasement bekommt unter der Berücksichtigung des Irak eine neue Brisanz.

Nicht zuletzt unter der Beachtung dieser aktuellen Beispiele soll neben den bereits genannten Anliegen meiner Ausführungen gleichsam die These falsifiziert werden, dass Neville Chamberlain ein alter, seniler Mann mit einer schlechten Auffassungsgabe für Politik war und dass sein politisches “Programm“ ein kurzsichtiges, nur rein auf Reaktion ausgerichtetes und vor der Aggression kapitulierendes Verfahren offenbarte.

Vielmehr soll dargelegt werden, dass der 1937 ernannte Premierminister Großbritanniens eine Vielzahl von wirtschafts-, verteidigungs-, aussen- und innenpolitischen Interdependenzen zu berücksichtigen hatte, welche ihm die Wahl seiner Möglichkeiten einschränkte.

Es gibt verschiedene Auffassungen zu der Appeasement-Politik Chamberlains, die von Befürwortung bis Diskreditierung reicht, wie das Zitat Churchills veranschaulichen soll. Ich möchte versuchen, die von mir beurteilte Politik historisch zu erklären und dadurch die englische Befriedungspolitik als das darstellen, was sie nach breiter Recherche meiner Meinung nach war: Ein begründetes Festhalten an dem Versuch der Friedenssicherung in Europa, allerdings nicht zu jedem Preis! © Ralph Paschwitz

2. Hintergründe der Befriedungspolitik

Appeasement meint Beschwichtigung, die darauf abzielt, eine friedliche Beilegung eines Konfliktes, aufgrund gewisser Ansprüche, zu erreichen. Derartige Bedürfnisse sollen über internationale Verträge beigelegt und eine kriegerische Eskalation der Krise verhindert werden. Um welche Forderungen ging es und was waren die Bedrohungen, mit denen sich Politiker konfrontiert sahen und die gemeistert werden mussten?

Wir befinden uns zeitlich im Europa nach dem 1. Weltkrieg. Die Mittelmächte sind geschlagen, das Deutsche Reich hat bedingungslos kapituliert und die sich anschließende Frage nach der Neuordnung des europäischen Staatensystems suchte man auf der Versailler Friedenskonferenz zu beantworten: „The Treaty of Versailles, agreed after six months of discussion, was designed to solve the ’German problem’ once and for all.“[3] Der Fokus der Verhandlungen lag damit auf der Eindämmung einer möglichen deutschen Aggression für die Zukunft, wobei genau dieser Punkt im Umkehrschluss den Nährboden für eine spätere Appeasement-Politik bilden sollte.

Der Versailler Vertrag traf die deutsche Öffentlichkeit wie ein Schlag. Man fühlte sich beleidigt, verletzt und zu unrecht derart hart abgestraft. Hinzu kam der Umstand, dass zum Ende des Krieges die deutschen Armeen weit im Ausland standen und die Reichswehr an der Ostfront siegreich war[4].

Die enorme Härte dieser Konzession stieß nicht nur in Deutschland auf Ablehnung. Auch in England und Amerika war man empört über dessen Strenge: „The US Senate further strengthened the German case for revision by refusing to ratify the treaty because of its alleged harshness. […] In the immediate aftermath of the First World War, the British government became concerned that France, now the most dominant military power in Europe, might attempt to bully Germany.”[5]

Mit der Einrichtung des polnischen Korridors und dem Verlust der Stadt Danzig – was für die Deutschen am schwersten zu verkraften war – verlor Deutschland ca. 13% seines einstigen Territoriums, darunter Elsaß-Lothringen an Frankreich, das Saarland unter Kontrolle des Völkerbunds, Oberschlesien und Posen an Polen, sowie jeglichen kolonialen Besitz. Das Heer wurde auf eine 100.000 Mann Truppe und die Marine auf eine Küstenverteidigung von 36 Schiffen begrenzt (vor 1914 hatte das Deutsche Reich die größte Armee und die zweitstärkste Marine in Europa). Panzer, U-Boote, Schlachtschiffe sowie eine Luftwaffe waren gänzlich verboten. Dazu kam die Entmilitarisierung des Rheinlands und die gewaltige Summe von 6,6 Milliarden Pfund als Reparationszahlungen, welche in jährlichen Raten bis 1983 abgezahlt werden sollten. Der Zusammenschluss Österreichs und Deutschlands wurde untersagt, und unter dem Artikel 231 wurde Deutschland die alleinige Kriegsschuld am Ausbruch des 1. Weltkriegs zugesprochen. Damit sah sich die junge Republik enormen Schwierigkeiten und einer mangelnden Unterstützung in der Bevölkerung ausgesetzt. Die Startvoraussetzungen für die erste deutsche Demokratie waren unter diesen Bedingungen alles andere als günstig.

Neben der deutschen Ablehnung gegen den Vertrag von Versailles war es vor allem Großbritannien,[6] welches sich früh gegen diesen aussprach. Wirtschaftliche Gesichtspunkte[7] spielten dabei neben Moralischen[8] und Politischen[9] wohl die größte Rolle.

Dieses Kapitel abschließend lässt sich festhalten, dass es vor allem die Härte der Bestrafung war, welche den Weg in eine Politik der Befriedung ebnete. Die breite Mehrheit der britischen Öffentlichkeit empfand die Behandlung der Deutschen – ähnlich der Deutschen selbst – als unfair (was unmoralisch einschließt), ungerecht und überhart. Frühe Versuche der Revision seitens GB trafen auf erheblichen französischen Widerstand. Mit dem Dawes Plan[10] und den Locarno-Verträgen[11] konnte allerdings eine minimale Annäherung zwischen der Weimarer Republik und Frankreich erreicht werden.

[...]


[1] Einschätzung Winston Churchills im Jahre 1937, zu der Friedenspolitik des Kabinetts Chamberlain; Kalenderanekdote

[2] Ich setze das “Scheitern“ von Appeasement unter dem Hintergrund des Irakkrieges bewusst in Anführungszeichen, da es dazu mehrere Meinungen geben wird und eine Beurteilung und objektive Analyse dieses Szenarios wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt und mit einer größeren zeitlichen Distanz stattfinden kann. Zur Darstellung, zu welchem Chaos die Alternative zu Appeasement allerdings führen kann, eignet sich das Thema Irak und Saddam Hussein jedoch trotzdem.

[3] Frank McDonough: Hitler, Chamberlain and appeasement. Cambridge, 2002, S. 5

[4] Verwiesen sei an dieser Stelle auf die Entstehung der sog. “Dolchstoßlegende“, wonach die kaiserlichen Armeen nicht auf dem Schlachtfeld besiegt, sondern im eigenen Land von Juden, Kommunisten und Liberalen verraten wurden. Im Bezug auf die Akzeptanz bzw. die Ablehnung des Versailler Vertrags spielt auch dieser Aspekt eine große Rolle.

[5] McDonough S. 8

[6] Im weiteren Verlauf der Arbeit mit GB abgekürzt.

[7] Das Deutsche Reich war vor dem Krieg einer der wichtigsten Handelspartner Großbritanniens. Eine Genesung der durch den Krieg stark geschwächten Friedenswirtschaft war mit einem ökonomisch stabilen Deutschland stark verbunden: „A large number of leading economic experts in Britain, most notably John Maynard Keynes, the brilliant young Cambridge economist, argued that German economic revival was extremely important to the recovery of Britain’s export trade in Europe, as Germany had been the largest European market for British goods before the First World War.” (McDonough S. 4)

[8] For when the Imperial Cabinet (composed of members of the British Empire delegation plus members of the British Cabinet) met over the weekend of 30 May to 1 June 1919, everybody there was against the terms of Versailles as then put forward. […] The consensus against Versailles at this meeting has rightly been described as ‘remarkable’. (Peter Neville: Hitler and Appeasement. The British Attempt to Prevent the Second World War. London, 2006, S. 11) Peter Neville ist allerdings der Auffassung, dass diese ablehnende Haltung mehr auf strategischen Überlegungen als auf moralischen Ressentiments gegenüber dem Versailler Vertrag beruht. Dieser Meinung schließe ich mich in dieser Pauschalität nicht an. Strategische Erwägungen bezüglich der zukünftigen europäischen Sicherheitslage aufgrund eines (militärischen) Wiederaufbegehrens Deutschlands, hervorgerufen durch eine zu harte Bestrafung im Versailler Vertrag, werden in der Gedankenbildung der Politiker sicherlich eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben, doch als alleiniger Anstoß für eine so übereinstimmende Verurteilung der Vertragsklauseln sind sie nicht hinreichend. Die enormen Zugeständnisse der englischen Appeasement-Politik der 30er Jahre gegenüber dem “III. Reich“ lassen sich überhaupt erst unter dem Hintergrund der Annahme einer unfairen Behandlung im Friedensprozess nach dem 1. Weltkrieg nachvollziehbar erklären, doch dazu an gegebener Stelle mehr. Vgl. Peter Lundgreen: Die englische Appeasement-Politik bis zum Münchner Abkommen. Voraussetzungen, Konzeptionen, Durchführung. Berlin, 1969

[9] Nach dem ersten Weltkrieg setzte anders als bspw. in der Weimarer Republik eine Pazifizierung der englischen Gesellschaft ein. Anti-Kriegs-Literatur- und Musik fand erheblichen Zuspruch. Diese: „Friedenssehnsucht“ (Lundgreen S. 13) kumuliert mit einer regelrechten Manie für “Kollektive Sicherheit“ in Gestalt des Völkerbundes. Kollektives Streben nach Friedensstabilität beinhaltet die Komponente der Gleichheit. In Rüstungsfragen, als auch in Belangen sonstiger legitimer Ansprüche, stellte der Versailler Vertrag also einen Bruch dieser Prinzipien dar. Kollektives Sicherheitsbestreben musste eine einseitige Rüstung GB allerdings ausschließen, was uns zu einem späteren Zeitpunkt noch beschäftigen soll.

[10] Nach der französischen Okkupation des Rheinlandes (ohne Befürwortung Englands), infolge ausbleibender Reparationszahlungen durch die inflationäre Entwicklung in Deutschland, kam es zu einer US-amerikanischen Vermittlung zwischen Franzosen und Deutschen. Mit der Einführung der Rentenmark und der Bewilligung amerikanischer Kredite konnten die Zahlungen der Reparationen wieder aufgenommen werden. Praktisch war es nun so, dass sich Deutschland von einem früheren Feind Geld lieh, um seinen finanziellen Verpflichtungen bei anderen früheren Feinden nachkommen zu können.

[11] Im Folgenden näher erläutert.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die englische Appeasement-Politik
Untertitel
Handlungen unfähiger Staatsmänner oder adäquates Krisenmanagement
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Nationalsozialistische Außenpolitik
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V277416
ISBN (eBook)
9783656700869
ISBN (Buch)
9783656702085
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ralph Paschwitz, Nationalsozialismus, Nationalsozialistische Außenpolitik
Arbeit zitieren
Diplom Soziologe Ralph Paschwitz (Autor), 2007, Die englische Appeasement-Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277416

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