"Sie haben den Entschluß gefasst, unentschlossen zu sein; sie sind willens, keinen Willen zu haben; mit eiserner Energie lassen sie die Zügel schleifen, allmächtig in ihrer Ohnmacht.“
Dieses Zitat Winston Churchills setzt ohne Zweifel nur eine Seite unserer Eingangs gestellten Forschungsfrage in den Vordergrund, nämlich jene der unfähigen Politiker und stellt damit eine einseitige Betrachtung dar, welche in diesem einleitenden Rahmen natürlich gewünscht ist und das eine Extrem der verschiedenen Meinungen zu diesem Thema kontrastiert.
Unentschlossenheit, Willenlosigkeit und Ohnmacht sind die Grundfeste Churchills Kritik, welche von ihm noch vor dem Münchener Abkommen bzw. noch vor der Zerschlagung der “Rest-Tschechei“ gegen die vorrangig von Neville Chamberlain betriebene Appeasement-Politik Englands vorgebracht wurde. Ob diese Kritik gerechtfertigt ist oder vielmehr eine aus regierungsoppositionellen Gesichtspunkten geäußerte Behauptung darstellt, soll immanent mit dieser Arbeit ebenso beantwortet werden, wie die Frage, ob es Alternativen zur Befriedungspolitik Chamberlains gab und wie diese hätten aussehen können. © Ralph Paschwitz
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hintergründe der Befriedungspolitik
3. NS-Aussenpolitik = Revisionspolitik
4. Appeasement
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die britische Appeasement-Politik der 1930er Jahre und hinterfragt kritisch, ob diese als Ausdruck politischer Unfähigkeit oder als ein historisch begründetes, rationales Krisenmanagement unter gegebenen ökonomischen und verteidigungspolitischen Rahmenbedingungen zu bewerten ist.
- Analyse der moralischen und wirtschaftlichen Hintergründe der Befriedungspolitik nach dem Ersten Weltkrieg.
- Untersuchung der nationalsozialistischen Revisionspolitik als treibende Kraft der diplomatischen Spannungen.
- Bewertung der britischen Entscheidungsprozesse unter Berücksichtigung kolonialer Interessen und pazifistischer Strömungen.
- Falsifizierung der These, dass die Appeasement-Politik ausschließlich auf seniler Fehleinschätzung beruhte.
- Reflektion über die begrenzte Handlungsfreiheit der britischen Regierung angesichts der internationalen Sicherheitslage.
Auszug aus dem Buch
4. Appeasement
Die Politik Englands, in den schwierigen 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, mag oberflächlich betrachtet den Eindruck erwecken, sie wäre vor einer deutschen Aggression aufgrund von politisch untauglichen Verantwortlichen zurückgewichen. Dieser Impression soll in diesem Kapitel widersprochen werden.
Für eine hinreichende Erklärung ist es allerdings nicht ausreichend, nur dem deutschen “Problem“ Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Bilaterale Beziehungen zwischen Deutschland und GB sind bei weitem nicht erschöpfend, um den internationalen Herausforderungen gerecht zu werden, mit denen sich die britische Regierung konfrontiert sah. Es ist mir wichtig, diesen Punkt zu Anfang des Kapitels zu erwähnen, auch wenn er erst zu einem späteren Zeitpunkt näher erläutert werden soll.
Die britische Haltung zum Entgegenkommen gegenüber den Deutschen Forderungen speiste sich – wie im 2. Abschnitt schon ausführlich beschrieben: „[...] aus dem moralischen Schuldgefühl, 1919 den besiegten unfair behandelt zu haben.“ Die Revision des Versailler Vertrages und die Aufhebung bestimmter Restriktionen war für britische Staatsmänner schon früh eine legitime Forderung der deutschen Regierung und: „[...] the Polish Corridor was an issue ’for which no British government ever will or ever can risk the bones of a British grenadier’.“
Zu der allgemeinen britischen Meinung, der frühere Alliierte Frankreich würde den geschlagenen Feind tyrannisieren und wäre nicht bereit, zu vergeben, gesellte sich ein breiter Pazifismus und eine regelrechte „Völkerbundsmanie“. Mit dem Gedanken an „Kollektive Sicherheit“ kumulierte die Idee der Gleichheit und Unabhängigkeit, was eine auf Dauer angelegte Unterdrückung und Unmündigkeit der Deutschen, in Fragen des Militärs als auch der Selbstbestimmung gewisser deutscher Mehrheiten unter fremden Staatsautoritäten, moralisch immanent missbilligte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, kontrastiert die Kritik Winston Churchills mit der Motivation der britischen Regierung und umreißt die soziologische Perspektive der Arbeit.
2. Hintergründe der Befriedungspolitik: Dieses Kapitel beleuchtet die Folgen des Versailler Vertrages sowie die moralischen und wirtschaftlichen Motive der britischen Skepsis gegenüber einer zu harten Bestrafung Deutschlands.
3. NS-Aussenpolitik = Revisionspolitik: Hier wird die Verschärfung der politischen Lage durch die nationalsozialistische Führung, den Völkerbundsaustritt und die aggressive Remilitarisierung des Reiches dargelegt.
4. Appeasement: Das Kapitel analysiert die britische Krisenstrategie und begründet, warum pazifistische Tendenzen und globale Interessen die Handlungsoptionen Chamberlains maßgeblich einschränkten.
5. Schluss: Das Fazit resümiert die Analyseergebnisse und stellt fest, dass das Scheitern der Appeasement-Politik erst rückblickend die Demaskierung Hitlers ermöglichte.
Schlüsselwörter
Appeasement-Politik, Neville Chamberlain, Winston Churchill, Versailler Vertrag, Revisionspolitik, Drittes Reich, Zwischenkriegszeit, Völkerbund, Kollektive Sicherheit, Friedenssicherung, Britische Außenpolitik, Krisenmanagement, Nationalsozialismus, Außenpolitische Interdependenzen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die englische Appeasement-Politik in den 1930er Jahren und analysiert, inwiefern diese als angemessene Reaktion auf die internationale Lage oder als politisches Versagen einzustufen ist.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Auswirkungen des Versailler Vertrages, die aggressive Revisionspolitik des NS-Regimes sowie die innen- und außenpolitischen Zwänge Großbritanniens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die These der unfähigen Staatsmänner zu falsifizieren und stattdessen die komplexen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen der damaligen Zeit aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer breiten Auswertung zeitgenössischer Literatur und Quellen basiert, um die Beweggründe des Kabinetts Chamberlain historisch zu erklären.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erstreckt sich von den Hintergründen der Befriedungspolitik nach 1919 über die NS-Außenpolitik bis hin zur strategischen Einordnung des Appeasements in den Kontext des britischen Empires.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Appeasement, Revisionspolitik, Kollektive Sicherheit und die diplomatische Ambivalenz gegenüber dem aufstrebenden Deutschland charakterisiert.
Wie bewertet der Autor Chamberlains Rolle?
Der Autor zeichnet Chamberlain nicht als unfähigen Akteur, sondern als Premierminister, der versuchte, den Frieden durch verhandelte Revisionen zu sichern, wobei er durch Sachzwänge und öffentliche Stimmung begrenzt war.
Welchen Stellenwert nimmt die Sudetenkrise in der Analyse ein?
Sie wird als Wendepunkt der europäischen Politik markiert, da sie die Staaten an den Rand des Krieges brachte und die Unvereinbarkeit von Hitlers Zielen mit einer friedlichen Ordnung offenlegte.
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- Diplom Soziologe Ralph Paschwitz (Author), 2007, Die englische Appeasement-Politik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277416