Höflichkeit und Unhöflichkeit. Die Politeness-Forschung von Levinson&Brown bis Culpeper


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

20 Seiten, Note: 5.0


Leseprobe

Inhalt

1. Erving Goffmann`s Theorie des `Image`

2. Die funktionale Bestimmung der Höflichkeit bei Levinson&Brown

3. Die frühe Theorie der Unhöflichkeit von Culpeper

4. Postmoderne Höflichkeitstheorien

5. Culpepers Definition von Impoliteness 2013

6. Die Bedeutung des Contextes: Neutralisation, Normalisation und Legitimation
6.1 Neutralisation am Beispiel von mock impoliteness
6.2. Normalisation
6.3. Legitimation

7. Analyse der Krömer Late Night Show

8. Literaturverzeichnis

1. Erving Goffmann`s Theorie des `Image`

Goffman entwirft in seinem Buch `Interaktionsrituale` den Gedanken des Image als „ein in Termini sozial anerkannter Eigenschaften umschriebenes Selbstbild“.[1] Diese sozial vermittelte Bewusstseinskonstruktion ist ein Mittel sozialer Repräsentation und bestimmt weitgehend Denken und Verhalten der Mitglieder einer Gesellschaft. Das Image repräsentiert den `Wert` einer Persönlichkeit, sowohl in ihren wie in den Augen der Anderen. Der Einzelne verbindet sich emotional mit seinem Bild und investiert in sozialen Interaktionen dieses Image zu erhalten und zu bewahren und ist im wohlverstandenen Eigeninteresse daran interessiert, anderen den gleichen Dienst zu erweisen. Damit werden im Prozess der Identifikationsbildung Werte und Strategien angelegt, die ohne ein bewusster Akt sein zu müssen, das Verhalten der Menschen bestimmen. Sie zielen auf eine berechenbare Strukturierung gesellschaftlicher Prozesse, da der Einzelne, will er nicht unglaubwürdig erscheinen, an sein Selbstbild gebunden und gezwungen ist, dieses in die Zukunft zu tragen. Um den drohenden Gesichtsverlust zu vermeiden, neigen diese Strategien zu Formen sozialen Ausgleiches im Spannungsfeld von Selbstbehauptung und freiwilliger Rücksichtnahme. Schon Goffmann sieht in den Variationen angewandter Höflichkeit Kommunikationsstrategien am Werke, die als Techniken der Imagepflege anzusehen sind und den zivilisatorischen Charakter einer Gesellschaft ausmachen können.[2] Kommt es in Interaktionen zu face-Verletzungen, so haben diese für jeden Teilnehmer Konsequenzen. Da das vorgegebene Gleichgewicht durcheinandergeraten ist, braucht es Korrekturprozesse über mehrere Sequenzen unter Beteiligung aller, um eine neue Ausgeglichenheit wiederherzustellen, die den aufgetretenen Konflikt aufarbeitet.

2. Die funktionale Bestimmung der Höflichkeit bei Levinson&Brown

Brown-Levinson erheben den Anspruch in ihrer Theorie universalistische Gesetzmässigkeiten kommunikativen Verhaltens erkennen zu wollen.[3] Dabei gehen sie in ihrem konstruktivistischen Ansatz davon aus, dass sprachliches Handeln zweckrational gesteuert wird. Die von ihnen konzipierte Model Person verfügt über die Fähigkeit auf der Grundlage der gefühlten Bedürfnisse, sogenannter basic wants, ihre Ziele zu entwerfen und die nötigen Mittel bereitzustellen, die ihr die Erreichung dieser Vorgaben erlaubt.[4] Indem Brown-Levinson das face als Ausdruck grundlegender Bedürfnisse interpretieren, wird dieses quasi zum festen, im Inneren der Person verankerten Bestandteil und ist nicht mehr wie bei Goffmann als eine nur flüchtige, vor allem in konkreten Interaktionen existierende Grösse anzusehen.[5]

Levinson-Brown differenzieren den Ansatz von Goffmann weiter in dem Sinne, dass sie das Image aufteilen in die Komponente des positive und negative face. Der einzelne Mensch ist durchsetzt von gegensätzlichen Bestrebungen, Wünschen und Vorstellungen, die dahin gipfeln auf der einen Seite von der Gesellschaft Anerkennung, Bestätigung und Rückhalt erfahren zu wollen und andererseits in Formen der Autonomie seine Selbstverwirklichung zu erlangen. Der Mensch wird hier nicht als ein harmonisches Wesen gesetzt, sondern wird erfahren als ein zwischen Autonomie und Gemeinschaft zerrissenes Wesen, welches ständig zwischen den eigenen widersprüchlichen Interessen und denen der anderen vermitteln muss. Diese Interaktionen sind störungsanfällig, und da das Image des Einzelnen veränderbar ist und in jeder Interaktion seine Bestätigung oder Abwandlung erfährt, stellen Brown-Levinson die Frage nach den Regulationsprinzipien des sozialen Austauschs. Die Hauptsorge des Einzelnen besteht wie bei Goffmann im Verlust des eigenen Ansehens. Seine Konkretisierung erfährt dieses Modell in genau ausgewiesenen face threating acts, die Interessenkonflikte zur Grundlage haben und als unumgänglich gelten können, da die Bedürfnisse der Gesprächsteilnehmer selten harmonieren. Unter FTAs, die das Verlangen nach Autonomie beschneiden sollen, fallen Befehle, Bitten, Ratschläge, Angebote; im Prinzip jede Form von Interaktion, die dem Empfänger eine bestimmte Reaktion abverlangt. Wird an dem Empfänger Kritik geübt, werden Bedenken oder Anschuldigungen hervorgebracht oder Beleidigungen ausgesprochen, so wird damit das Bedürfnis nach Akzeptanz und Integration beschnitten. Da jede Interaktion reziproken Charakter trägt, geht auch der Sprecher das Risiko ein, face-Verletzungen zu erleiden, wenn er z.B. Fehler begeht und sich entschuldigen muss. Brown-Levinson entwerfen ein Modell abgestufter FTAs, welche jedem Interaktionsteilnehmer bekannt sind und aus deren fünf Optionen er wählen kann:

1) Die FTA nicht ausführen. (Don’t do the FTA.)

2) Die FTA implizit ausführen. (off record)

3) Die FTA explizit ausführen (on record) und

a. Unverblümt (without redressive action, baldly)

b. Verblümt (with redressive action) und

i. Mit positiver Höflichkeit (positive politeness)

ii. Mit negativer Höflichkeit (negative politeness)[6]

In welcher Form realisiert sich bei diesen verschiedenen Interaktionen höfliches Verhalten? Gibt es eine Rangfolge? Negativer und positiver Höflichkeit ist gemeinsam, dass jeweils vonseiten des Agierenden eine Investition getätigt wird, die dahin geht auf die face-Bedürfnisse des Empfängers einzugehen, in dem man z. B. Wünsche so formuliert, dass die freie Entscheidung des Hörers in besonderer Weise betont wird oder die Gemeinsamkeit oder Zugehörigkeit herausgestrichen wird. Durch diesen Schritt auf den Empfänger zu wird diesem die Angst vor face-Verletzungen genommen und eine Basis geschaffen, die durch das geschaffene Vertrauen die Bereitschaft zu weiteren inhaltlichen Lösungen erhöht. Dem Vorwurf, es handele sich bei der Ausübung dieser Höflichkeitsformen um eine subtile Form der Manipulation, kann entgegnet werden, dass wohl eher ein gemeinsamer Kommunikationsraum entsteht, der einvernehmliche Lösungen erleichtert.

Wird die Interaktion unverblümt durchgeführt, so wird auf die Bedürfnisse des face keinerlei Rücksicht genommen. Hier gelten allein die inhaltlichen Interessengegensätze, die mit unverminderter Härte aufeinanderprallen. Wird ein solcher Konflikt ausdiskutiert, muss es sich aber um kein unhöfliches Verhalten handeln, da die Konversationsregeln eingehalten werden. Bei einer impliziten Ausführung einer FTA begnügt sich der Sender mit Anspielungen und Andeutungen, die soviel offenlassen, dass er die Entscheidung, ob der Konflikt als solcher erkannt und aufgenommen wird, dem Empfänger überlässt. Diese Andeutungen können in sehr höflicher und taktvoller Weise vollzogen werden, doch übernimmt der Agierende keine Verantwortung für das Austragen seines Konfliktes. Hier zeigt sich, dass Höflichkeit kein Garant für eine gezieltere Konfliktlösung ist. Sie kann diese auch verwässern und in einer freischwebenden Unbestimmtheit lassen. Wird eine FTA nicht ausgeführt, so bleibt die Belastung in Bezug auf den unausgedrückten Konflikt bei dem Sprecher und er muss mit den Konsequenzen einer ungelösten Problemsituation leben.

Ordnet man diese verschiedenen Formen von face-threatening acts, so ist die nicht offenkundige Strategie als die höflichste Form anzusehen, weil sie das negative Gesicht des Empfängers am stärksten wahrt, auf der anderen Seite Missverständnisse geradezu herausfordert. Auf den nächsten Plätzen folgen negative und positive Höflichkeit, die in ihrem konkreten Eingehen auf das Gegenüber Möglichkeiten von Verständigung schaffen und guter Letzt die offenkundige FTA, die auf sachliche Aufarbeitung statt Berücksichtigung der Bedürfnisse des Anderen setzt.

In dem Modell von BL wird Höflichkeit nicht um ihrer selbst vollzogen, sie ist keine spielerische Variante, die ihren Zweck in sich selber findet. Sie besitzt eine klar definierte Funktion innerhalb des Systems der FTAs. In verschiedenen Variationen verfolgt sie doch das gleiche Ziel: Sie erweist sich in jedermanns Interesse als ein Schutzmechanismus, der durch Abschwächung von Aussagen, Eingehen auf die Bedürfnisse des Gesprächspartners oder der Beachtung seiner Autonomie dessen Integrität, Raum und Würde wahren soll.

Mit der Entdeckung dieser face-saving practices legen Levinson-Brown den inneren Sinn von Höflichkeit offen. Sie sind wie Goffmann der Überzeugung, dass es nur eine begrenzte Anzahl solcher Ordnungen gibt, sodass man beanspruchen kann, dass diese Verfahrensregeln eine universalistische Struktur verkörpern und belegen, warum Höflichkeit in allen Kulturen eine so grosse Rolle spielt.

Die Komplexität der empirischen Kommunikationssituationen legt nahe, das es weitere beeinflussende Faktoren geben muss, die das konkrete Höflichkeitsverhalten der Personen bestimmen: als solche sind zu nennen:

- die "social distance" von S und H,
- die relative "power" von S und H
- die Einschätzung der Intensität eines FTAs je nach Kultur.[7]

Ein höherer Status eröffnet einem Sprecher eine grössere Anzahl von Verhaltensmöglichkeiten. Er kann in Bezug auf den hierarchisch nieder gestellten Partner die Formen einer distanzierten Höflichkeit wählen oder Akzeptanz signalisieren, in dem er auf die Äusserungsformen der positiven Höflichkeit setzt. Unter Gleichgestellten mit geringem Distanzgefälle herrschen oft positive Höflichkeitsstrategien vor, während man allgemein davon ausgehen kann, dass auf eine grössere Distanz mit mehr Höflichkeit reagiert wird. Es sind vor allem Distanz und Macht, die die Rahmenbedingungen für Interaktionen festlegen, aber es gibt eine ganze Reihe weiterer Faktoren wie Alter, Geschlecht, Reichtum, Bildung,

Stärke und Schönheit, die bestimmenden Einfluss auf die Rolle der Höflichkeit haben können. Es ist deutlich, dass Höflichkeit nur als multikausal motiviertes Verhalten verstanden werden kann, wobei es immer der konkrete empirische Kontext ist, der entscheidet, welche Faktoren sich jeweils als die massgebenden herausstellen und wie der Sinn der Gesamtsituation zu verstehen ist.

3. Die frühe Theorie der Unhöflichkeit von Culpeper

Der Ansatz von Levinson & Brown erwies sich als so bahnbrechend, dass sich auch die Impolitenessforschung an diesem theoretischen Modell orientierte. Kann Höflichkeit in dieser Theorie funktional begriffen werden als konsequente Vermeidungsstrategie von face-threatening acts, so entwickelt der wichtigste Impolitenessforscher Jonathan Culpeper 1996 eine Umkehrtheorie, in der ebenso funktional Impoliteness als bewusster Angriff auf das face des Gegenübers bestimmt wird:

Impoliteness comes about when:

(1) the speaker communicates face-attack intentionally, or
(2) the hearer perceives and/or constructs behavior as intentionally face attacking, or a combination of (1) and (2).[8]

Unhöfliche Akte zielen nicht auf die Herstellung von Harmonie und der Wertschätzung der Gesprächspartner, sondern sind Ausdruck von Konflikten, die den Sprecher veranlassen, den Gegenpart in die Defensive zu drängen, ihn zur Aufgabe zu bewegen oder zum Gegenschlag zu provozieren. Impoliteness hat immer zu tun mit Attacke, Disharmonie, Aggression und Erwartung von Gegenschlägen.

In dieser frühen Definition von Unhöflichkeit liegt der zweite Definitionsschwerpunkt auf dem Aspekt der Intentionalität. Als unhöflich kann ein Verhalten nur bezeichnet werden, wenn es mit Absicht ausgeführt wurde. Der dritte wichtige Aspekt ist die Beachtung der Perspektive des Hörers. Unhöflichkeit resultiert nicht allein aus Handlungen des Sprechers. Genauso massgebend kann die Art und Weise sein, wie der Hörer die Handlungen des Sprechers auffasst. Ein Verhalten als unhöflich klassifizieren zu können, setzt voraus, dass Menschen über das gesellschaftlich-geschichtliche Wissen ihrer Kultur verfügen und dieses in konkreten Interaktionen anwenden können. Culpeper`s theoretischer Ansatz bezieht die kognitiven Voraussetzungen zum Verständnis sozialer Handlungen mit ein und hinterfragt sie auf die zugrunde liegenden Strukturen. In der vorliegenden Definition betont er über diesen theoretischen Aspekt hinaus den subjektiven Faktor: Es liegt immer auch im persönlichen Auffassungsbereich, welche Handlungen als unhöflich gewertet werden.

Die Strategien der Unhöflichkeit werden von Culpeper entwickelt am Leitfaden der face-saving-strategies von Levinson & Brown. Er legt folgende Ordnung fest:

1) Unverblümte Unhöflichkeit
2) Positive Unhöflichkeit
3) Negative Unhöflichkeit
4) Sarkasmus oder Scheinhöflichkeit
5) Zurückgehaltene Höflichkeit[9]

Die Formen direkter Unhöflichkeit zielen auf Handlungen, die das face des Anderen intentional bedrohen und verletzen sollen. Sie sind zu unterscheiden von den Strategien der unverblümten Höflichkeit im System von Levinson & Brown. Deren Intentionen liegen nicht darin, das face des Anderen verletzen zu wollen, in dem auf den ausgleichenden Aspekt der Höflichkeit verzichtet wird. Dies kann vorliegen, wenn z. B. der eintretende Gesichtsverlust sehr klein ist oder es im Interesse effizienter Zusammenarbeit liegt, auf Höflichkeitsformen zu verzichten.

Am deutlichsten wird die Umkehrfunktion bei den Formen positiver und negativer Unhöflichkeit. Verhält man sich dem Adressaten gegenüber so, dass dieser ignoriert, brüskiert und von den Kommunikationsprozessen ausgeschlossen wird, so versagt man diesem die Erfüllung von dessen grundlegendem Bedürfnis nach Aufgehobenheit und Integration in eine Gemeinschaft. Ebenso konfrontativ verläuft die Beschneidung des Handlungsspielraumes des Adressaten durch Verhöhnung, Herabminderung seines Wertes, Angsterzeugung und unseriöse Verhaltensweisen.

Die implizite Ausführung einer FTA, die als eine der höflichsten Kommunikationsformen gekennzeichnet wurde, insofern sie dem Gegenüber den grösstmöglichen Freiheitspielraum eröffnet, findet ihr Gegenstück in Ausdrucksformen von Sarkasmus und Ironie. Sarkastische Verhaltensweisen treiben ihren Spott auf Kosten anderer und erweisen sich als eine Form der Scheinhöflichkeit, die unter dieser Oberfläche gezielt verletzend wirken will. Ironie dagegen gleicht in ihrer äusseren Form, indem sie das Gegenteil des tatsächlich Gemeinten ausdrückt, den andeutenden Gesten der impliziten Ausführung einer FTA, hat aber alles andere als soziale Harmonie im Sinn.

Unhöflichkeit kann auch durch Unterlassung in Erscheinung treten. Dies setzt voraus, dass an dieser Stelle der Interaktion höfliches Verhalten erwartet wurde. Die Einschätzung eines Fehlverhaltens wird bestimmt durch die Hintergrundprozesse, die gesellschaftliche Standards repräsentieren und Verhalten erwartbar machen. Withhold politeness ist definierbar als Erwartungsenttäuschung erwartbarer Höflichkeit.

Es wird augenscheinlich, dass diese impoliteness-Strategien in Bezug auf ihre Stellung zu den Bedürfnissen des face den politeness-Strategien von Levinson & Brown entgegengesetzt sind und auf Konfrontation, Störung der Kommunikation und Verletzung des face angelegt sind.

4. Postmoderne Höflichkeitstheorien

Das klassische Modell von Levinson & Brown, welches auch die Impoliteness-Forschung her von ihrem Ansatz her wesentlich bestimmte, geriet zunehmend in die Kritik. Culpeper selbst trug zur Distanzierung von dem Modell bei, indem er nachwies, dass impoliteness mehrere Sprechakte umfassen kann und vor allem, weil er die Unterscheidung von negative und positive face zugunsten der Bedeutung des situativen Kontextes fallen liess.[10] Locher & Watts kritisieren den Ansatz von Levinson & Brown aus der Perspektive der Diskurstheorie. Sie sehen das klassische Modell als zu spezifiziert in seiner Zielsetzung, insofern es die Formen von Höflichkeit auf den einen Aspekt der Reduzierung von Gesichtsverletzungen einengt.[11] Es kann damit nicht das ganze Spektrum höflichen Verhaltens abdecken, da Formen von diplomatischem oder angemessenem Verhalten diesen Vorgaben nicht entsprechen und nicht alle höflichen Verhaltensformen um die Milderung von face-Verletzungen kreisen. In ihrem konstruktivistischem Ansatz übersehen Levinson & Brown die Vielfalt der empirischen Erscheinungen und legen von der Theorie her fest, was als polite zu gelten hat und was nicht. Die Diskursanalyse will aber gerade das Verständnis des Laien zur Sprache bringen und in den Mittelpunkt der Untersuchungen stellen. Ihr zentraler Begriff des `relational work` verzichtet auf theoretische Vorannahmen und orientiert sich an der empirischen Basis. In ihm wird daher von vornherein keine Unterscheidung zwischen unhöflichem und unhöflichem Verhalten vollzogen und beide Formen zum Forschungsgegenstand erklärt:

Looked at in this way, relational work comprises the entire continuum of verbal behavior from direct, impolite, rude or aggressive interaction through to polite interaction, encompassing both appropriate and inappropriate forms of social behavior.“ [12]

Entsprechend der veränderten Zielsetzung setzt dieses diskursive Modell nicht mehr auf interpersonelle Harmonie und sozialen Ausgleich, sondern in den Blick genommen werden alle Schattierungen von Verhaltensweisen, die die Interaktionen von Menschen bestimmen können.

Das Rapport Management von Spencer-Oatey stellt das wohl nuancierteste Modell einer postmodernen sozio-linguistischen Theorie dar, welche ihren Differenzierungsgrad auch der Integration sozialpsychologischer Ansätze verdankt. Dieser hörerzentrierte Ansatz untersucht, dem Ansatz von Locher&Watts folgend, die Art und Weise, wie Urteile über soziales Verhalten entstehen und welche gesellschaftlichen und kulturellen Faktoren sie in ihrer dynamischen Entwicklung bedingen.[13] Spencer-Oatey überzeugte vor allem durch ihre Weiterentwicklung des face-Begriffes. Sie zeigt verschiedene Facetten des face auf und differenziert dieses in das Quality face, das Social Identity face und das Relational self.[14] Jeder Mensch hat das fundamentale Bedürfnis für seine ganz persönlichen Qualitäten und Eigenschaften von Anderen Wertschätzung zu erfahren. Die Wahl, welche Befähigungen und Vorzüge im inneren Kreis des Personal-self anzutreffen sind, mit denen sich das Selbst auf besonders intensive Weise verbindet und die den inneren Kern der Persönlichkeit ausmachen, ist sehr individuell. Aber face beinhaltet nicht nur die persönlichen Identifikationen, sondern umfasst alles, womit sich das Selbst definiert. Diese soziale Identität legt Wert auf die Bestätigung im öffentlichen Bereich in der Ausübung der verschiedenen sozialen Rollen in Gruppen und Organisationen. Diese Rollenidentitäten sind immer relational und definieren sich ständig neu in der wechselseitigen sozialen und dynamischen Kommunikation. Spencer-Oatey bestimmt in der Definition des Relational face die Qualitäten, welche eine Beziehung in ihrer Ferne oder Nähe, ihrer Förderung oder Behinderung bestimmen und vergisst darüber nicht zu betonen, dass diese Facette des face auch alle anonymeren Identitätsformen umfasst wie zum Beispiel Nationszugehörigkeiten. Dieser weit gefasste Ansatz liefert die Basis für eine zulässige Diskussion des Universalitätsproblems, da sowohl der westliche individualistische als auch der kollektive Aspekt der östlichen Gesellschaften Berücksichtigung findet und gewichtet werden kann. Culpeper dient das Rapport Management als Vermittlungsstelle zwischen Theorie und Praxis, da dieser theoretische Ansatz jede Situation daraufhin untersuchen kann, welche Form einer impoliten Handlung vorliegt.[15] Ferner ist es Spencer-Oatey zu verdanken, dass sie auch auf empirischer Ebene nachweisen konnte, dass Impoliteness nicht immer mit face-Verletzungen verbunden sein muss, sondern dass ebenso gut Verletzungen sozialer Normen vorliegen können.

[...]


[1] Goffman, Erving, Interaktionsrituale S. 10

[2] Ebenda S. 21ff.

[3] Brown, P. & Levinson S. C., Politeness. Some Universals in Language Usage. Cambridge UP 1987

[4] Ebenda S. 62

[5] Goffman, Erving, On Face-Work: An Analysis of Ritual Elements in Social Interaction. S. 7

[6] Brown, P. & Levinson S. C., Politeness. Some Universals inLanguage Usage. Cambridge UP 1987 S. 68 ff.

[7] Brown, P. & Levinson S. C., Politeness. Some Universals in Language Usage. Cambridge UP 1987 S. 74ff.

[8] Culpeper, Jonathan, Impoliteness. Cambridge University Press 2011 S.19

[9] Culpeper, Jonathan, Towards an Anatomy of impoliteness. Journal of Pragmatics. 25 S. 355 ff.

[10] Culpeper, Jonathan, Impoliteness. Cambridge University Press 2011. S. 6 ff.

[11] Locher, M. / Watts, R., Politeness theory and relational work. S. 9

[12] Ebenda S. 11

[13] Spencer-Oatey (Im)Politeness, Face and Rapport S. 97

[14] Culpeper, Impoliteness S. 26 ff

[15] Culpeper, Impoliteness S. 9

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Höflichkeit und Unhöflichkeit. Die Politeness-Forschung von Levinson&Brown bis Culpeper
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Höflichkeit
Note
5.0
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V277460
ISBN (eBook)
9783656711551
ISBN (Buch)
9783656721635
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
höflichkeit, unhöflichkeit, politeness-forschung, levinson&brown, culpeper
Arbeit zitieren
Peter Tausch (Autor), 2014, Höflichkeit und Unhöflichkeit. Die Politeness-Forschung von Levinson&Brown bis Culpeper, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277460

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