Als Helmut Schelsky 1959 dem Schulsystem mit dessen Einstufung als „Zuteilungsapparatur von Lebenschancen“ einen defizitären und unsozialen Charakter attestierte, befand sich Deutschland inmitten einer intensiven pädagogischen Diskussion und einer Phase der Umwälzungen in der Schulentwicklung. Nicht nur die vertikale Gliederung des Schulsystems wurde in Frage gestellt, auch die Unterrichtsprinzipien und Methoden standen im Fokus der Reformbefürworter.
Eine Möglichkeit, um der Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit Rechnung zu tragen, schien die Einrichtung von Gesamtschulen - einer Schule für alle. Im Jahr 1968 wurden in Deutschland die ersten Gesamtschulen gegründet, und in den folgenden Jahren flächendeckende Schulversuche mit 40 Gesamtschulen in ganz Deutschland durchgeführt. Diese Schulkonzeption wurde im Modellversuch schwerpunktmäßig in den Jahren 1971-1976 deutschlandweit erprobt und ausgewertet. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden je nach parteipolitischer Ausrichtung der Regierung in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich interpretiert und als erfolgreich eingestuft oder umgekehrt als gescheitert erklärt. Die Tatsache, dass es schon immer „politischen Machtverhältnisse gewesen sind, die einer Schulstruktur eine Chance gaben oder nicht“ erklärt dieses dogmatisch geschiedene Meinungsbild: Ihre Befürworter glauben, sie fördere die Schwachen, wohingegen die Gegner der Gesamtschule ihre Gleichmacherei verteufeln. Entsprechend der regierenden Partei wurden die Gesamtschulprojekte weitergeführt, oder weitestgehend abgeschafft.
Die Diskussion ist jedoch weiterhin im Gange und bleibt aktuell: In den vergangenen Jahren wurde der Einschätzung, ¸¸dass unser dreigliederiges Schulsystem in hohem Maße ungerecht ist" , mit Studien, die belegen sollen, dass die Gesamtschuleinführung folgenlos war und Bildung je nach dem bildungsfernem bzw. –nahem Milieu entsprechend vererbt wird , eine weitere Facette hinzugefügt: Auch die Gesamtschule löst die Bildungsmisere scheinbar nicht. Je nach Lesart, lassen sich Meinungen finden, die der Gesamtschule Wirkungslosigkeit in einem ihrer Kernziele, der Chancengleichheit, attestieren oder die Schule der Zukunft identifiziert zu haben glauben.
Die vorliegende Arbeit versucht, das vorherrschende Meinungskonglomerat zu entwirren, Erfahrungen und Konzepte zu beschreiben und sofern möglich auch zu bewerten. Neben den Zielen der Gesamtschule sind die Möglichkeiten und Grenzen der Gesamtschule Untersuchungsgegen
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gesamtschule als Lösung?
2.1 Entwicklung der Gesamtschulkonzepte
2.1.1 Ältere Gesamtschulvorstellungen
2.1.2 Neuere Gesamtschulvorstellungen
2.1.2.1 Westdeutschland
2.1.2.2 Ostdeutschland
2.2 Die Gesamtschuldiskussion – Hintergründe
2.2.1 Ausgangslage
2.2.2 Probleme im gegliederten Schulwesen
2.2.3 Vision Gesamtschule – eine Schule für alle
2.3 Die Gesamtschulkonzeption
2.4 Die Gesamtschultypen
2.4.1 Integrierte Gesamtschule
2.4.2 Kooperative Gesamtschule
2.5 Schulversuche mit Gesamtschulen
2.6 Etappe einer Konfliktentwicklung: 1982
2.7 Gesamtschule in Bayern
2.8 Gesamtschule – was kann sie denn nun?
2.8.1 Möglichkeiten der Gesamtschule
2.8.1.1 Was ist machbar
2.8.1.2 Eine Musterschule: Die Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim
2.8.2 Grenzen der Gesamtschule
3. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der Gesamtschule als Antwort auf die soziale Ungleichheit im dreigliedrigen deutschen Schulsystem. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, ob die Gesamtschule die ihr zugeschriebenen Ziele der Chancengleichheit und Integration tatsächlich einlösen kann oder ob sie an systemischen Grenzen stößt.
- Historische Entwicklung der Gesamtschulkonzepte
- Pädagogische Vision einer "Schule für alle"
- Differenzierung zwischen integrierten und kooperativen Modellen
- Wirksamkeit und Leistungsgrenzen im Vergleich zum gegliederten System
- Fallbeispiel: Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim
Auszug aus dem Buch
2.8.1.1 Was ist machbar?
Die optimale Förderung der Entwicklung eines jeden Schülers als Zielsetzung der Gesamtschule kann durch eine spezielle Unterrichtsorganisation durch Verbindung von Kompetenz- und Neigungsdifferenzierung erreicht werden. Mit Hilfe der flexiblen Differenzierung sollen leistungsschwächeren Schülern möglichst lange die Lernumgebung einer heterogenen Gruppe erhalten, eine modifizierte bzw. ersetze Leistungsdifferenzierung erfolgt in Form von kurzzeitiger Ausgliederung von Untergruppen. Team-Kleingruppen-Modelle von 60-90 Schüler mit festem Lehrerteam stärken die Schüler-Lehrer Bindung, und festigen so auch die sozialen Verbindungen zwischen Schülern. Gerade die Persönlichkeitsentwicklung und ein tolerantes Zusammenleben und Kooperieren im Sinne der sozialen Gerechtigkeit wird im Bereich der sozialen Erfahrung gefördert. Meist kann ab der 7. Klasse die Wahl zwischen einer zweiten Fremdsprache oder verstärkt polytechnischem/naturwissenschaftlichem Unterricht getroffen werden. So wird ein gewisses Maß an Neigungsdifferenzierung umgesetzt. Durch eine Verbreiterung des individuellen Interessensspektrums wird im besten Fall die Förderung der Lernmotivation, Hebung der Lernfreude und Lernbereitschaft erreicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die bildungspolitische Diskussion seit Ende der 1950er Jahre und die Einführung von Gesamtschulversuchen als Antwort auf das als ungerecht empfundene gegliederte Schulsystem.
2. Gesamtschule als Lösung?: Dieses Kapitel bildet das Kernstück und analysiert die historische Entwicklung, die verschiedenen Typen der Gesamtschule, deren Vision der Chancengleichheit sowie die spezifische Situation in Bayern und die faktischen Grenzen des Modells.
3. Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass die Gesamtschule das gegliederte System nicht ersetzt hat, aber durch Impulse für innovative Unterrichtsformen nachhaltig zur Diskussion über eine zukunftsfähige Schule beigetragen hat.
Schlüsselwörter
Gesamtschule, Schulsystem, Chancengleichheit, soziale Selektivität, Integration, Differenzierung, Bildungsgerechtigkeit, Pädagogik der Vielfalt, Schulentwicklung, Leistungsdifferenzierung, gegliedertes Schulwesen, Schulerfolg, Robert-Bosch-Gesamtschule.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Gesamtschule als Bildungsmodell und bewertet, ob sie die sozialen Selektionsmechanismen des deutschen Schulsystems erfolgreich auflösen konnte.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf den historischen Gesamtschulkonzepten, den verschiedenen Schultypen, dem politischen Diskurs sowie den tatsächlichen Erfolgen und Grenzen dieses Schulmodells.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das "Meinungskonglomerat" um die Gesamtschule zu entwirren und die Möglichkeiten sowie Grenzen dieses Konzepts objektiv anhand vorliegender Studien zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse pädagogischer und bildungstheoretischer Quellen sowie der Auswertung aktueller Bildungsstudien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Entwicklung, die theoretische Konzeption, die Differenzierung der Schultypen, politische Widerstände – insbesondere am Beispiel Bayerns – und eine kritische Auseinandersetzung mit der Wirksamkeit durch externe Langzeitstudien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Chancengleichheit, soziale Herkunft, Heterogenität, Leistungsdifferenzierung und die "Schule für alle".
Welche Rolle spielt die Robert-Bosch-Gesamtschule in der Argumentation?
Sie dient als Musterschule und "Flaggschiff" für Befürworter, um zu belegen, dass das Konzept der Gesamtschule bei hoher Qualität der Umsetzung und Engagement erfolgreich funktionieren kann.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Arbeit bezüglich der Gerechtigkeit?
Die Arbeit kommt zu einem ernüchternden Fazit: Entgegen dem Ideal gelingt es auch Gesamtschulen oftmals nicht, die soziale Herkunft als maßgeblichen Faktor für den Bildungserfolg zu neutralisieren, da familiäre Ressourcen bei späteren Laufbahnentscheidungen dominieren.
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- Bernhard Weidner (Author), 2010, Gesamtschule als Lösung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277505