Verbale Entwicklungsdyspraxie. Diagnostik


Akademische Arbeit, 2005
40 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Problematik der Diagnose und Differentialdiagnose bei verbaler Entwicklungsdyspraxie

3. Klinische Untersuchungsmethoden

4. Anamnese

5. Prüfverfahren zur Erfassung einer verbalen Entwicklungsdyspraxie
5.1 Beurteilung der Spontansprache
5.2 „Screening zur Erfassung der artikulatorischen und sprechmotorischen Komponenten bei Verdacht auf verbale Entwicklungsdyspraxie“ zusammengestellt von DITTSCHEIDT
5.3 „Verbal Motor Production Assessment for Children“ nach HAYDEN und SQUARE

6. Prüfverfahren zur Erfassung anderer Störungsbilder, die mit VED einhergehen können
6.1 Beobachtungsbogen zur Feststellung von Praxie oder einer motorisch-apraktischen Schwäche
6.2 Standardisierte Verfahren zur Feststellung einer motorischen Entwicklungsdyspraxie
6.3 Feststellung einer oralen Apraxie
6.4 Feststellung einer Störung der temporellen Verarbeitung

7. Zusammenfassung

8. Quellenverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1. Einleitung

Aus dem Griechischen übersetzt bedeutet „Diagnose“ „unterscheidende Beurteilung, Erkenntnis“.[1]Es soll sowohl eine Erkenntnis über das vorliegende Störungsbild gewonnen werden, als auch eine Abgrenzung zu einem anderen Störungsbild stattfinden, die Differentialdiagnose, auf die ich später eingehen werde.

„Diagnostik“ ist die Fähigkeit, eine Diagnose zu stellen.

- Doch was beinhaltet die Diagnose?
- Was soll sie uns, als Therapeuten, an Erkenntnis bringen?
- Was sind also die Ziele der Diagnostik?

Zuerst soll sie, wie die Übersetzung des Wortes „Diagnose“ schon ausdrückt, uns eine Erkenntnis über das Vorliegen einer bestimmten Störung bringen und zugleich andere Störungen ausschließen können.

Wenn das Vorliegen einer Störung festgestellt wurde, ist es notwendig, etwas über den Schweregrad der Störung und den Störungsschwerpunkt zu erfahren.

Im Bereich der Sprech-, Sprach- und Stimmstörungen ist es außerdem wichtig, die kommunikativen Fähigkeiten zu beurteilen.

Wenn eine detaillierte Diagnostik stattgefunden hat, ermöglicht diese eine gezielte Therapieplanung in Bezug auf das Störungsbild, den Schweregrad und den Störungsschwerpunkt.

Diagnostik kann auch im weiteren Therapieverlauf als Qualitätssicherung genutzt werden. Erfolge im Therapieverlauf können veranschaulicht werden.

Wichtig ist die Auswahl der diagnostischen Verfahren.

Darauf werde ich im Verlauf dieser Arbeit eingehen.

Besonders möchte ich die vier Punkte hervorheben, über die Diagnostik Aufschluss gibt:

1. Diagnose einer Störung und Abgrenzung von anderen Störungsbildern
2. Bestimmung des Schweregrades
3. Bestimmung des Störungsschwerpunktes
4. Beurteilung der kommunikativen Fähigkeiten

Zunächst möchte ich mich mit dem ersten dieser Punkte befassen, nämlich der Problematik der Diagnose bzw. Differentialdiagnose bei VED.

2. Zur Problematik der Diagnose und Differentialdiagnose bei verbaler Entwicklungsdyspraxie

Die Diagnose „verbale Entwicklungsdyspraxie“ ist umstritten. Nach Meinung vieler Autoren sind die Erscheinungsbilder, die diese Sprachstörung charakterisieren sollen, zu diffus und vage.

DANNENBAUER verdeutlicht mit einem Beispiel, dass die Anwendung der Kriterien sehr unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten zulassen:

Sprachtherapeuten, die speziell zum Thema verbale Entwicklungsdyspraxie geschult wurden, meldeten der Universität von Texas in Austin 22 Kinder mit Verdacht auf VED, wovon aber nur 4 Fälle bestätigt werden konnten. Bei den anderen Kindern wurden auch Sprech- und Sprachauffälligkeiten verschiedener Ausprägung diagnostiziert, jedoch konnte eine VED ausgeschlossen werden. DANNENBAUER führt dieses nicht auf das Unvermögen der Sprachtherapeuten zurück, sondern auf die „geringe Trennschärfe“ der Merkmale.[2]

GUYETTE und DIEDRICH behaupten, dass der Begriff „verbale Entwicklungsdyspraxie“ „a label in search of a population“[3], zu deutsch ein „Etikett auf der Suche nach einer Population“[4], sei.

Es sei unmöglich, eine Abgrenzung von funktionellen Artikulationsstörungen oder der kindlichen Dysarthrie zu definieren.

Die Ursache einer Dysarthrie wird auf der Ebene der sensomotorischen Ausführung gesehen, während die Ursache der VED bereits im Bereich der sensomotorischen Planung vermutet wird.

Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal der kindlichen Dysarthrie ist, dass die Muskulatur des Sprechapparates beeinträchtigt ist. Hierfür können Lähmungserscheinungen oder ein pathologisch veränderter Muskeltonus ursächlich sein, während eine solche Symptomatik bei der Sprechapraxie nicht vorhanden ist.

ZIEGLER bezeichnet Dysarthrien als „Störungen der Kontrolle von Kraft und Bewegungstempo und Bewegungsumfang bei der Ausführung von Sprechbewegungen“, im Gegensatz zu Sprechapraxien, die als „Störung der Programmierung von Sprechbewegungen“ definiert wird.[5]

„Die Dysarthrien sind charakteristisch durch Veränderungen der Sprechatmung, der Stimme, der Artikulation sowie des ‚Sprechrhythmus’ und der ‚Sprachmelodie’ (Prosodie). Demgegenüber stehen bei der Sprechapraxie die Störungen der Artikulation und der Prosodie im Vordergrund, Stimm- und Sprechatmungsstörungen gehören dagegen nicht zu ihrem klinischen Bild.“[6]

Das gleichzeitige Auftreten von VED und kindlicher Dysarthrie wird von vielen Autoren betont.

Die Benennung pathognomonischer Merkmale, also von diagnostischen Markern, die die Störung in einer notwendigen und hinreichenden Weise definieren, ist schwierig. Die Merkmale scheinen sich mit denen allgemeiner kindlicher Artikulationsstörungen unbekannten Ursprungs oder dysarthrischer Art zu überlappen.[7]

In der folgenden Tabelle habe ich den Charakteristika von VED eine Wertigkeit anhand der Häufigkeit, in der sie bei HALL et al. genannt wurden, zugeordnet.[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: s. HALL et al., 1993, S. 28ff

Allerdings überschneiden sich diese Charakteristika häufig untereinander. Außerdem kann man den „Schweregrad der Störung“, der am häufigsten genannt wurde, nicht als eindeutiges Zeichen der VED festlegen, da dieses eine subjektive Einschätzung ist und auch andere Störungsbilder schwer gestörte Sprache aufweisen können.

Es wird deutlich, dass von vielen Autoren unterschiedliche Erscheinungsbilder als bezeichnend für VED gesehen werden.

McCABE untersuchte 1998 an der Universität Sydney 30 aus der Literatur ausgewählte, mehr oder weniger häufig genannte Merkmale der VED auf ihr Vorkommen und ihren Schweregrad in Bezug auf die Sprechfertigkeiten von 50 Kindern, die funktionelle phonologische oder Artikulationsstörungen, aber keine VED hatten.

24 der für VED als typisch beschriebenen Merkmale waren auch in der Gruppe mit funktionellen Aussprachestörungen zu finden:

- Bei 46 der 50 Kinder nahmen die Sprechschwierigkeiten mit steigender Äußerungskomplexität zu,
- bei jeweils 22 Kindern wurden inkonstante Sprechmuster bzw. Vokal- und Diphtongfehler festgestellt,
- jeweils 15 Kinder machten nur geringe Fortschritte trotz angemessener Therapie bzw. hatten familiäre Vorkommnisse von Sprach- und Sprechproblemen,
- jeweils 12 Kinder zeigten reduzierte diadochokinetische Raten bzw. neuropathologische „soft signs“,
- 10 Kindern ließen Symptome einer oralen Apraxie erkennen,
- bei 2 Kindern waren artikulatorische Suchbewegungen zu beobachten.

Die restlichen Merkmale schienen kaum geeignet, eine VED zu charakterisieren.[9]

Somit gibt es dieser Studie zufolge keine pathognomonischen Merkmale.

DANNENBAUER schlussfolgert daraus:

„NichtalleSymptome, die in der Literatur beschrieben werden, müssen vorhanden sein, und es gibtkeinSymptom, das einzigartig oderexklusivfür verbale Entwicklungsdyspraxie ist.“[10]

AMOROSA geht davon aus, dass dieses Ergebnis beweist, dass die Schwierigkeiten von Kindern mit funktionellen Artikulationsstörungen und phonologischen Störungen oft mit sprechmotorischen Problemen verbunden seien, welche durchaus auch dyspraktischer Natur sein könnten.[11]

Einige Autoren vertreten die Ansicht, dass die verbale Entwicklungsdyspraxie ein Syndrom sei, das durch ein Symptombündel charakterisiert wird.

OZANNE interpretiert die VED als ein „Multidefizit“-Syndrom, bei dem ein Kerndefizit auf der Ebene des phonetischen Programmierens besteht, dass aufgrund kumulativer Effekte von Defiziten der phonologischen Planung und der mundmotorischen Kontrolle begleitet wird und durch ein weiteres Spektrum von Sprechmerkmalen gekennzeichnet ist.[12]

Jedoch wäre es nach DANNENBAUER „voreilig und oberflächlich“, angesichts des vorliegenden, wenngleich noch unzureichenden Forschungsmaterials, die Existenz der VED bestreiten zu wollen. Dennoch muss man sich der unklaren Forschungslage bewusst sein und gegenüber „eventuellen Modetrends sprachtherapeutischer Berufsgruppen“[13]reserviert bleiben, da diese zu Leichtfertigkeit bei der Diagnose verleiten könnte.

DANNENBAUER weist darauf hin, dass die internationale Forschung, also auch die deutsche, erheblich intensiviert werden muss, um mehr Klarheit über diesen Störungskomplex zu schaffen.

„Angesichts solcher noch zu lösenden Probleme ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass verbale Entwicklungsdyspraxie als ‚Deckelbegriff’ verwendet werden könnte für Kinder mit anhaltenden und schwerwiegenden Sprechschwierigkeiten in Abwesenheit einer offensichtlichen Verursachung und ungeachtet der genauen Natur ihrer Unverständlichkeit.“[14]

Aus der Problematik, VED von anderen Störungsbildern abzugrenzen, entsteht jedoch automatisch ein weiteres Problem, nämlich VED zu diagnostizieren.

Vermutlich wird aufgrund dieser Tatsache der Punkt der Diagnostik in der vorliegenden Literatur meist ausgelassen.

Nachdem ich nun auf den kritischen Hintergrund der Diagnostik bei VED hingewiesen habe, möchte ich nun auf den Verlauf der Diagnostik eingehen.

- Welche Informationen werden benötigt?

Als erstes sollte man sich als Therapeut über Hinweise aus Vorbefunden (z.B. EEG) informieren, welche Therapieanstrengungen bereits stattgefunden haben und welche Diagnosen vielleicht schon gestellt wurden.

Man sollte sich von der Bezugsperson des Kindes die mögliche Störung und deren Entwicklung schildern lassen.

Dies alles geschieht in Form eines Anamnesebogens. Hier sollte eine Idee über die mögliche Störung vorliegen.

Neben systematischen Prüfverfahren sollte eine Beurteilung der Spontansprache stattfinden.

Durch ein Screening sollte der Verdacht auf VED erhärtet werden.

Dann kann mit einer spezifischen Diagnostik begonnen werden, um den Schweregrad und den Schwerpunkt der Störung festzustellen und um einen gezielten Therapieplan zu erstellen.

Im folgenden Kapitel werde ich kurz die klinischen Untersuchungsmethoden vorstellen, die im Bezug auf VED von Interesse sind.

3. Klinische Untersuchungsmethoden

Um Aufschluss zu bekommen, wo bei einem sprachentwicklungsgestörten Kind die Störung einer Funktion oder Struktur lokalisiert ist, werden von VON SUCHODOLETZ verschiedene Untersuchungsmethoden vorgeschlagen:

Untersuchungsmethoden zur Erfassung struktureller und funktioneller Hirnveränderungen bei sprachentwicklungsgestörten Kindern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: vgl. VON SUCHODOLETZ 2001, S. 37

Diese Untersuchungsmethoden sind nicht speziell für VED ausgewählt worden, sondern generell für Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen geeignet.

Allerdings ergibt sich die Schwierigkeit, dass es durch mangelnde Forschung in diesem Bereich nicht eindeutig ist, welche Ergebnisse bei den Untersuchungen bei einem Kind mit VED zu erwarten sind.

Von verschiedenen Autoren werden als neurophysiologische Auffälligkeiten „soft signs“ mit Hinweisen auf eine allgemeine motorische Unreife, eine gestörte Lateralisation und auffällige EEG-Befunde genannt.

Motorische Entwicklungsauffälligkeiten können mit motometrischen Verfahren überprüft werden.

Innerhalb von Untersuchungen zur Hemisphärendominanz kann die Dominanzentwicklung beurteilt werden.

Innerhalb der neurophysiologischen Verfahren lassen sich EEGs erstellen, die möglicherweise auf eine VED rückschließen lassen.

4. Anamnese

Bis zur Diagnosestellung einer VED müssen mehrere Faktoren berücksichtigt werden: Es müssen neurologische Hintergründe hinterfragt werden, Ausschlusskriterien überprüft und nach möglichen genetischen Dispositionen geforscht werden.

Dafür sollte man Berichte von neurologischen Untersuchungen, Ergebnisse von Elektroenzephalogrammen (EEGs), Intelligenz- und Hörtests und weitere ärztliche Untersuchungsberichte vorliegen haben. Diese Daten dienen unter anderem als Ausschlusskriterien und haben differential-diagnostische Relevanz.

Außerdem sollte eine Bezugsperson des Kindes zu weiteren in der Familie aufgetretenen Sprachstörungen und Auffälligkeiten in der frühen Entwicklung des Kindes befragt werden, um zurückverfolgen zu können, wann sich erste Probleme zeigten.

[...]


[1]s. Duden Fremdwörterbuch 1997

[2]vgl. DANNENBAUER 11/1999, S. 7

[3]s. GUYETTE und DIEDRICH in SCHULTE-MÄTER 1996, S. 37

[4]s. STACKHOUSE in DANNENBAUER, 1999, S. 136

[5]s. ZIEGLER in SCHULTE-MÄTER 1996, S. 29

[6]s. ZIEGLER in SCHULTE-MÄTER 1996, S. 30

[7]vgl. DANNENBAUER 1999, S. 144

[8]vgl. HALL et al., 1993, S. 28ff

[9]vgl. MCCABE in DANNENBAUER 1999, S. 144f

[10]s. DANNENBAUER 1999, S. 146

[11]vgl. DANNENBAUER, Internet

[12]vgl. OZANNE in DANNENBAUER 1999, S. 146

[13]s. DANNENBAUER 1999, S. 147

[14]s. DANNENBAUER 1999, S. 146

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Verbale Entwicklungsdyspraxie. Diagnostik
Hochschule
Universität Bremen
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
40
Katalognummer
V277528
ISBN (eBook)
9783656701590
ISBN (Buch)
9783656716143
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verbale, entwicklungsdyspraxie, diagnostik
Arbeit zitieren
Meike Brinkmann (Autor), 2005, Verbale Entwicklungsdyspraxie. Diagnostik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277528

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