Marquise de Pompadour

Die erste bürgerliche Mätresse von Louis XV.


Fachbuch, 2014

76 Seiten


Leseprobe

V277623

Ernst Probst Marquise de Pompadour

Die erste bürgerliche Mätresse von Louis XV.

Eine der einflussreichsten Mätressen des französischen Königs Louis XV. (1710–1774) war die Marquise de Pompadour (1721–1764), geborene Jeanne Antoinette Poisson. Fünf Jahre lang blieb sie die Geliebte des Herrschers und danach seine Freundin. Anders als ihre um 22 Jahre jüngere Nachfolgerin Gräfin Dubarry (1743–1793) interessierte sich Madame de Pompadour für politische Fragen. Sie ernannte und stürzte Minister und verschaffte ihren Verwandten die besten Posten bei Hofe.

Jeanne Antoinette Poisson kam am 29. Dezember 1721 in der Rue de Cléry in Paris zur Welt. Ihr angeblicher Vater François Poisson (1684–1754) arbeitete für die Heereslieferanten Brüder Pâris als Lagerverwalter, Handlungsgehilfe und Getreidehändler. Seine erste Ehefrau war Anne Geneviève Le Carlier gewesen. Als diese 1718 starb, heiratete er noch im selben Jahr die Metzgertochter Louise Madeleine de La Motte (um 1700–1745). Letztere war also die Mutter des kleinen Mädchens, das den Rufnamen Jeanne erhielt.

Louise Madeleine de La Motte war eine sehr schöne Frau mit schwarzem Haar, aufregender Figur und heller Haut. Angeblich hatte sie den Teufel im Leib und bereits bevor sie François Poisson begegnete etwa ein Dutzend Liebhaber, unter denen sich einflussreiche Männer befanden. Auch während der Auslandsreisen ihres Ehemannes für die Brüder Pâris gönnte sie sich weiterhin etliche Liebhaber.

Zu der Zeit, in der Jeanne geboren wurde, war ihr vermeintlicher Vater François Poisson geschäftlich oft unterwegs. Weil ihre Mutter weiterhin fremd ging, ist die Vaterschaft von Monsieur Poisson nicht eindeutig. François Poisson, dem ein raues, aber heiteres Gemüt bescheinigt wird, zweifelte allerdings seine Vaterschaft nicht an, liebte die hübsche Jeanne sehr, bezeichnet sie als „kleine Königin“ (Reinette) und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Das passt nicht recht zu der Behauptung, François Poisson sei brutal, zynisch, ein Trunkenbold und ein halber Verbrecher gewesen.

1724 gebar Louise Madeleine de La Motte eine Tochter namens Françoise-Louise Poisson. Diese jüngere Schwester von Jeanne Poisson soll sehr jung gestorben sein. Ihr genaues Todesdatum ist nicht bekannt. 1725 folgte ein jüngerer Bruder namens Abel-François Poisson.

Mitte der 1720-er Jahre stellte man die Brüder Pâris zusammen mit anderen Lebensmittelfabrikanten, die sich auf unredliche Weise bereichert hatten, vor Gericht. Doch weil die Brüder Pâris sehr einflussreich waren und prominente Gönner hatten, konnte man sie nicht persönlich bestrafen. Aus diesem Grund hielt man sich an Poisson, der wie seine Arbeitgeber etliches auf dem Gewissen hatte. Man klagte ihn an, Getreide im Wert von 232.430 Livres veruntreut zu haben, was allerdings nicht zutraf, und sprach ihn am 23. April 1727 schuldig. Man verurteilte ihn zum Tode durch den Strang, doch seine hohen Helfershelfer verhalfen ihm im Mai 1727 zur Flucht nach Deutschland, wo er in Hamburg ungestört und in Frieden weiterlebte.

Vor seiner Flucht hatte Monsieur Poisson dafür gesorgt, dass Jeanne Antoinette in die katholische Klosterschule der Ursulinerinnen von Poissy aufgenommen wurde. Diese Nonnen galten seit Jahrhunderten als hervorragende Erzieherinnen für Mädchen, die später ein großes Haus führen sollten. Eigentlich durften dort erst Mädchen ab sechs Jahren eintreten, aber wegen der besonderen Umstände, unter denen Monsieur Poisson um die Einschulung seiner Tochter bat, machte man eine Ausnahme und nahm die Fünfjährige auf.

Nach dem Verschwinden von Monsieur Poisson beschlagnahmte man dessen gesamtes Vermögen. Dies hatte zur Folge, dass Madame Poisson mit 232.430 Livres Schulden auf der Straße saß. Am 12. August 1727 reichte sie die Scheidung ein, was ihr ermöglichte, ihr persönliches Vermögen zurückzubekommen. Weil ihr Vermögen sehr bescheiden war, nahm der reiche Bankier Charles François Paul Le Normant de Tournehem (1684–1751), einer ihrer Liebhaber, die attraktive Louise-Madeleine de La Motte sowie deren Sohn Abel-François zeitweise bei sich auf. Der Bankier könnte der eigentliche Vater von Jeanne Antoinette gewesen sein und betrachtete diese offenbar auch als seine Tochter. Er bekannte sich zwar nicht öffentlich zur Vaterschaft, wurde aber der Vormund von Jeanne, ließ ihr eine sorgfältige Erziehung angedeihen und sie im größten Luxus aufwachsen. Auch Abel-François Poisson war vielleicht der Sohn von Tournehem, da er diesem im fortgeschrittenen Alter recht ähnlich sah und offenbar auch dessen Körperfülle geerbt hatte.

Trotz der liebevollen Zuwendung von Tournehem vermisste die kleine Jeanne ihren vermeintlichen Vater François Poisson. Das auffallend kluge Mädchen war im Kloster eine gute Schülerin, litt aber oft unter Krankheiten wie Masern, Keuchhusten oder Fieber. Mitschülerinnen und Erzieherinnen mochten Jeanne sehr. Eine Klosterschwester schrieb an Monsieur Poisson, der sich laufend brieflich über Jeanne erkundigte: „Sie ist immer liebenswürdig und besitzt eine Anmut, die alle, die sie bisher sahen, in ihren Bann geschlagen hat.“ Ihre Mutter soll sich angeblich wenig um Jeanne gekümmert haben, was mit ihrer libertinen Ader zu tun haben könnte.

An Ostern 1729 musste Jeanne das Kloster in Poissy kurzzeitig verlassen, weil ihre Mutter sie in Paris einkleiden lassen wollte. Deswegen soll die Siebenjährige bitterlich geweint haben. Im August 1729 trat Jeanne, die eine hervorragende Singstimme besaß, erfolgreich als Solistin des traditionellen, auch von Höflingen besuchten Konzertes zu Mariä Verkündigung auf.

Anfang des Jahres 1730 folgte Jeanne ihrer attraktiven Mutter gerne nach Paris, wo es viel zu sehen gab. Es heißt, Jeanne sei von ihrer Mutter unter dem Vorwand, die Gesundheit ihrer Tochter sei beeinträchtigt, aus dem Kloster geholt worden. Vielleicht hegte sie den Hintergedanken, dadurch Jeanne dem Einfluss ihres ehemaligen Ehegatten zu entziehen. Fortan kümmerte sich ihr Liebhaber Tournehem um die Erziehung von Jeanne und schickte ihr die besten Lehrer.

Louise Madeleine de La Motte und Jeanne besuchten die Witwe Madame de Saissac, eine Freundin der Mutter, sowie die Paten von Jeanne, Monsieur Jean Pâris und Madame Pâris de Montmartel. Letztere war eine Tochter des Armeelieferanten Antoine Pâris und hatte mit Einfluss und Geld einen päpstlichen Dispens erhalten, um die zweite Ehefrau ihres Onkels werden zu können. Mit Ausnahme von Müttern weniger reizvoller Töchter wurde die hübsche, verständige und begabte kleine Jeanne überall bewundert.

Eine Wahrsagerin prophezeite der bezaubernden Jeanne Poisson bereits im Alter von neun Jahren, sie werde später „ein Bissen für den König“ („un morceau de roi“). Der Gedanke an eine Zukunft als königliche Mätresse ließ sie in der Folgezeit nicht mehr los. Ihre abergläubische Mutter hielt viel vom Kartenlegen, Handlesen und dergleichen und bezeichnete sie wie ihr vermeintlicher Vater als „kleine Königin“.

Dank der Fürsprache von einflussreichen Gönnern durfte François Poisson 1736 wieder nach Frankreich zurückkehren. In einem Revisionsprozess wurde er vollständig rehabilitiert. Noch im selben Jahr zogen er und seine Frau sowie die beiden Kinder in ein Haus, das Madame Poisson selbst gekauft hatte, da sie dank mehrerer Erbschaften zu einem kleinen Vermögen gekommen war. Bereits am 8. Januar 1738 zog die Familie wieder um in das Haus Nr. 50 an der Rue de Richelieu, dessen Grundstück an den königlichen Park grenzte. Nach kurzer Zeit riss man dieses Haus ab und baute es prunkvoller als zuvor wieder auf.

Die Eltern von Jeanne konnten es sich leisten, die besten Privatlehrer zu engagieren, um die musischen Begabungen ihrer Tochter und deren Intellekt zu fördern. Die junge Mademoiselle Poission erhielt Unterricht im Gesang und Tanz, in Haltung und Vortragskunst. Alle Lehrer waren von ihrer Begabung und Lernfähigkeit begeistert. In Pariser Salons, die man ironisch als „Büros des Geistes“ („Bureaux d’Esprit“) bezeichnete, lernte Jeanne die geschliffene Konversation. Bald verstand sie es ausgezeichnet, sich ins beste Licht zu setzen. Getrübt wurde dies nur durch die Tatsache, dass es um ihre Gesundheit von Geburt an schlecht bestellt war. Bereits in ihrer Jugend spie sie Blut und machte Milchkuren.

Einer der glühendsten Verehrer der heranwachsenden Jeanne Poisson war der vier Jahre ältere Charles-Guillaume Le Normant, Seigneur d’Étiolles (1717–1799). Seigneur (deutsch: Herr) hieß einst in Frankreich jemand, der ein Lehen der Krone mit allen damit verbundenen Rechten über Person und Eigentum besaß. Vater von Charles-Guillaume war der Kassenführer Hervé-Guillaume Le Normant d’Étiolles. Sein Onkel, der bereits erwähnte reiche Bankier Charles François Paul Le Normant de Tournehem, hatte keine Kinder und wollte seinen Neffen zum Erben und Nachfolger einsetzen. Der Onkel stellte allerdings die Bedingung, sein Neffe solle seine „Ziehtochter“ Jeanne-Antoinette Poisson heiraten. Gegen diese Verbindung wehrte sich zunächst der Vater des Bräutigams, weil der angebliche Vater der Braut, François Poisson, nur knapp dem Galgen entkommen war. Wegen der Aussicht auf das reiche Erbe für seinen Sohn gab er später aber doch nach.

Die Hochzeit von Charles-Guillaume Le Normant d’Étiolles und Jeanne Antoinette Poisson wurde am 9. März 1741 in der katholischen Kirche St. Eustache in Paris. geschlossen. Der Ehemann war dem Vernehmen nach klein und schlecht gewachsen und sein Gesicht eher hässlich als schön. Aber er stellte eine glänzende Partie für die 19-jährige Jeanne dar. Denn sein reicher Onkel gab ihm als Mitgift die Hälfte seines Vermögens und ein Schloss im Dorf Étiolles als Wohnsitz. Zudem besaß das junge Paar ein Stadthaus in Paris. Der Onkel führte seinen Neffen allmählich in seine Geschäfte ein.

Durch die Heirat wurde aus Jeanne Poisson die achtbare Madame Le Normant d’Étiolles. Offenbar besaß sie einen kalten und egoistischen Charakter. Vergnügen, Luxus und Reichtum bedeuteten ihr mehr als seelisches Glück. Ihr Ehegatte Charles-Guillaume war ein herzensguter Mensch und Ehrenmann, liebte sie zärtlich und vergötterte sie. Doch sie selbst empfand weder Leidenschaft noch Liebe. Aus der Ehe gingen am 26. Dezember 1741 ein Sohn, der bereits ein halbes Jahr nach der Geburt starb, und am 10. August 1744 die Tochter Alexandrine-Jeanne, hervor. Die Tochter galt zwar als gesund, aber allgemein als recht empfindlich. Sie wurde von ihrer Mutter vergöttert.

Madame d’Étiolles träumte bereits seit ihrer Kindheit davon, die Geliebte von König Louis XV. zu werden. Dieser Wunsch war – wie erwähnt – durch eine Wahrsagerin geweckt worden. Ihre Mutter rief mehr als einmal im Beisein von Gästen entzückt aus: „Jeanne ist ein Bissen für den König“. So war es kein Wunder, dass die Heranwachsende von dem Glück träumte, einmal die Geliebte des galanten Königs zu werden, in Versailles eine wichtige Rolle zu spielen und allerlei Auszeichnungen zu erhalten.

Eine günstige Gelegenheit, die Aufmerksamkeit von Louis XV. zu erregen, bot sich für Madame d’Étiolles jeweils, wenn der König mit einer größeren Gesellschaft im Wald von Sénart nahe ihres Schlosses Étiolles jagte. Dabei konnte sie den Weg des Herrschers „ganz zufällig“ kreuzen. Mal erschien sie im eleganten Jagdkostüm hoch zu Pferd. Mal fuhr sie wie ein Phantom in himmelblauer Kleidung im rosafarbenen Wagen oder in rosafarbener Garderobe im himmelblauen Wagen vorüber. Bei diesen gewollten flüchtigen Begegnungen erhob sie jeweils ihre Blicke bewundernd zum König und grüßte ihn ehrerbietig und bescheiden. Angeblich soll sie einmal sogar in einem ganz aus Bergkristall gebauten Wagen, der die Form einer Muschel hatte und von zwei Pferden gezogen wurde, gesessen haben. Bei dieser Gelegenheit soll sie ein duftiges rosa Seidengazekleid getragen haben, das ihre zarten Glieder umhüllte und die Brüste in „antiker Nacktheit“ zeigte. Der König und sein Gefolge sollen noch lange von jener zarten Erscheinung im Wald von Sénart gesprochen haben, die diesmal lieblicher und schöner denn je gewesen sein soll. Fortan bezeichnete man sie kurzweg als Waldnymphe.

Doch all die Raffinesse von Madame d’Étiolles brachte keinen greifbaren Erfolg, weil ihr die damalige Mätresse Marie-Anne de Mailly-Nesle, Marquise de La Tournelle, Herzogin von Châteauroux (1717–1744), verbot, weiterhin bei Jagden des Königs zu erscheinen.

Der Weg in das Bett des Herrschers von Frankreich und Navarra wurde erst frei, nachdem am 8. Dezember 1744 die Herzogin von Châteauroux an Bauchfellentzündung starb. Diese war seit 1742 offizielle Mätresse des genusssüchtigen Königs von Frankreich und Navarra gewesen. Vor dieser Geliebten hatten ihre Schwestern Louise-Julie (1710–1751) – Mätresse von 1737 bis 1739 – und Pauline-Félicité (1712–1741) – Mätresse von 1739 bis 1741 – den König verwöhnt. Einmal hatte der König sogar eine Nacht mit Diane-Adélaïde de Mailly-Nesle (1713–1760) und einer ihrer älteren Schwestern verbracht, was einen Skandal zur Folge hatte.

Anfang Februar 1745 kannte der König die Madame d’Étiolles bereits persönlich. Wie es dazu kam, weiß man nicht. Am 18. Februar 1745 erhielt Jeanne eine offizielle Einladung zu einem Ball anlässlich der Hochzeit des Kronprinzen Louis Ferdinand (1729–1765) mit der Infantin Maria-Theresia von Spanien (1726–1746), Tochter von König Philipp V. von Spanien (1683–1746), am 24. Februar 1745 im Spiegelsaal. Diese Einladung enthielt den Hinweis, alle Damen, die tanzen, würden ihr Haar in großen Locken tragen.

Bei einem großen Maskenfest im Pariser Rathaus am 28. Februar 1745 anlässlich der erwähnten Hochzeit des Kronprinzen Louis Ferdinand bot sich Madame d’Étiolles erneut eine Chance, in die Nähe von König Louis XV. zu kommen. Denn an diesem Maskenfest durften außer dem Hof und der Hofgesellschaft auch Repräsentanten der Finanzwelt und vornehme Bürger teilnehmen. Besonderer Clou war: Eine Maske durfte sich dem König ohne Zeremonie nähern und ihn wie jeden anderen necken.

Madame d’Étiolles erschien zu diesem Maskenfest als Jagdgöttin Diana mit Pfeilköcher über der Schulter und silbernem Bogen in der Hand. In dieser Aufmachung nahm sie auf der für Damen der hohen Bürgerschaft reservierten Estrade Platz. Alle Blicke, auch die des 35 Jahre alten Königs, richten sich auf die bildschöne 23-jährige Jägerin. Unter ihrer kleinen Gesichtsmaske, die nur ihren wohlgeformten Mund freiließ, funkelten ihre Blicke nur für Louis XV., der von ihrer bezaubernden Art, ihrem graziösen Tanz und ihrer biegsamen Figur ganz ergriffen wurde. Der König bat die unbekannte Schönheit, für einen kurzen Augenblick ihre Maske zu heben, damit er ihr Gesicht sehen könne. Sie gewährte ihm ihre Gunst und Louis XV. erkannte überrascht die „Nymphe des Waldes“ von Sénart vor sich. Bevor der König etwas sagen konnte, entfloh die Jagdgöttin mit einem schelmischen Lächeln, ließ aber wie zufällig ihr Taschentuch fallen. Galant hob Louis XV. das

Taschentuch auf und warf es der Schönen nach. Nach dieser Szene ging ein Murmeln durch die lachende und fröhliche Menge. Es hieß: „Das Taschentuch des Sultans ist geworfen“. Eingeweihte wussten, was dies bedeutete.

Im April 1745 saß Madame d’Étiolles während einer italienischen Oper märchenhaft schön herausgeputzt in einer Loge, die von der vergitterten Loge des Königs aus gut zu beobachten war. Louis XV. wandte kein Auge von dieser Schönheit. Am nächsten Tag speiste der König in seinem Zimmer geheim mit Madame d’Étiolles ohne andere Gäste. Nach dem Essen erschien der Herrscher nicht zum üblichen Abendempfang bei Hofe, sondern begab sich sofort in seine Privaträume. Madame d’Étiolles verließ Versailles tief verschleiert erst in der Nacht zu sehr vorgerückter Stunde. Ihr langjähriger Wunschtraum, die Geliebte des Königs zu werden, hatte sich erfüllt.

Madame d’Étiolles kehrte mit allerlei Träumen und Plänen für ihre Zukunft aus Versailles in ihr Schloss zurück. Doch der König ließ nach dem ersten intimen Zusammensein lange nichts von sich hören. Vielleicht hegte er ein leises Misstrauen gegen die Frau, die ihn so lange und so hartnäckig umworben hatte.

Aber die attraktive Madame d’Étiolles und das, was er mit ihr bereits erlebt hatte, ging dem König nicht ganz aus dem Sinn. Er empfing sie nach einiger Zeit erneut, diesmal allerdings – vielleicht um sie zu testen – in Gegenwart einiger Höflinge. An jenem Abend amüsierte sich die kleine Gesellschaft sehr gut. Der Herzog von Richelieu sprühte von geistreicher Arroganz. Madame d’Étiolles glänzte durch Schlagfertigkeit. Auch der König wirkte sehr aufgeräumt und schien sogar ein wenig verliebt zu sein. Erst in der Morgendämmerung verließ Madame d’Étiolles das Schloss Versailles und wurde von einem Wagen des Königs nach Hause gebracht.

Anfangs bemühte sich Louis XV., sein Verhältnis mit Madame d’Étiolles geheim zu halten. Angeblich fürchtete er vor allem die Jesuiten, welche ihm diese intime Beziehung sehr übel genommen hätten. Außerdem galt die Erhebung einer Bürgerlichen zur Geliebten des Königs als Skandal. Dagegen hatte man damals gegen eine Mätresse des Herrschers aus dem hohen Adel nichts einzuwenden. So war es im Fall der vier Schwestern aus der Adelsfamilie Mailly-Nesle gewesen.

Noch im April 1745 bezog Jeanne die ehemaligen Räume der königlichen Mätresse Marie-Anne de Mailly-Nesle, Herzogin von Châteauroux, auf der zweiten Etage im Schloss Versailles. Damals erschien es geradezu unerhört, dass eine Frau Étiolles, eine geborene Poisson, die Nachfolgerin der Herzogin von Châteauroux als offizielle Mätresse des Königs werden sollte. Genau dies hatte Louis XV. nach der Rückkehr aus dem Feldzug in Flandern vor. Schnell bildete sich eine Liga, die alles versuchte, um die neue Geliebte zu stürzen.

Am 6. Mai 1745 verabschiedete sich Louis XV. zärtlich von Madame d’Étiolles, die ihm anders als ihre Vorgängerin nicht ins Feld folgte. Als kluge Frau wusste sie, dass die erste Trennung zu Beginn einer neuen Affäre sehr schmerzlich für den König sein und ihn nur noch fester mit ihr verbinden würde. Während der Abwesenheit von Louis XV. blieb sie nicht in Versailles, sondern zog sich auf ihr Schloss Étiolles zurück, wo sie in nahezu klösterlicher Abgeschiedenheit lebte.

Der Ehemann von Madame d’Étiolles erfuhr nach der Rückkehr von einer langwierigen Geschäftsreise aus Südfrankreich durch seinen Onkel die überraschende und betrübliche Nachricht vom Aufstieg seiner Gattin zur Mätresse des Königs. Er fiel in Ohnmacht, als er hörte, dass seine wunderschöne Frau die Geliebte von Louis XV. geworden war. Anfangs wollte er sie nicht verlieren und versuchte, sich dagegen zu wehren. Doch sein Onkel überzeugte ihn, es sei das Beste für ihn, sich damit abzufinden und einen in Aussicht gestellten lukrativen Posten in der Provinz anzunehmen. Am 7. Mai 1745 wurden Urkunden über die Gütertrennung der Eheleute Étiolles unterzeichnet. Noch im Mai 1745 bestätigte das Parlament (Gericht) die Trennung der Eheleute d’Étiolles von Tisch und Bett. Der geschiedene Ehemann zog danach zu seinem Onkel und genoss mit seinem Schwager Abel-François Poisson die Freuden von Paris. In der Folgezeit hatte er viele Geliebte, vor allem Schauspielerinnen und Tänzerinnen, mit denen er etliche uneheliche Kinder zeugte.

Der König schickte Madame d’Étiolles während des Feldzuges in Flandern einen Brief nach dem anderen. Offenbar konnte er das Wiedersehen mit seiner neuen Geliebten kaum erwarten. Innerhalb weniger Monate schrieb Louis XV. rund 80 Briefe. Einer davon, den Jeanne im Juni 1745 erhielt, war an die „Marquise von Pompadour“ adressiert und enthielt die Urkunde, die sie zum Tragen dieses Titels berechtigte. Jeanne konnte zwar die hierfür erforderlichen 400 Jahre Ahnennachweis nicht erbringen, aber der König hatte einen erloschenen Titel an sie neu vergeben.

Im September 1745 bereitete man die ehemaligen Gemächer der Herzogin von Châteauroux in Versailles für den Empfang neuen königlichen Mätresse Marquise de Pompadour vor. Sie war nun die offizielle Mätresse („Maítresse en titre“) des Königs und die erste Bürgerliche am französischen Hof mit diesem Status.

Am 9. September 1745, zwei Tage nach der Rückkehr von Louis XV. aus dem Feldzug in Flandern, veranstaltete die Stadt Paris ein offizielles Galadiner zu Ehren des Königs im „Hôtel de Ville“. Im Obergeschoss feierte Madame de Pompadour mit anderen Damen inkognito mit. Zwar traf sie dort den König nicht, aber dieser schickte mehrfach einen seiner Herren mit Grüßen zu ihr. Zu diesem Zeitpunkt war die neue Marquise noch nicht bei Hofe vorgestellt.

Ein großer Tag für Paris war der 15. September 1475: Nun wurde Madame de Pompadour dem König, der Königin Maria Leszczynska, dem Kronprinzen sowie den Prinzen und Prinzessinnen des Königshauses vorgestellt. Als Patin, welche die Bürgschaft für ihre Hoffähigkeit übernahm und welche die Pompadour persönlich vorstellte, fungierte Prinzessin Louise Élisabeth de Condé

(1693–1775), eine Enkelin von König Louis XIV. Die Prinzessin wurde für diese Gefälligkeit gut von König Louis XV. bezahlt und konnte damit ihre Spielschulden tilgen.

Zum Erstaunen umstehender Höflinge ging die Königin Maria Leszczynska auf die Marquise de Pompadour zu und fragte sie liebenswürdig: „Wie geht es Madame de Saissac? Es war mir angenehm, sie bisweilen in Paris gesehen zu haben.“ Man hatte nicht vermutet, dass die Königin und die neue Marquise gemeinsame Bekannte hatten. Niemand ahnte, dass Madame de Pompadour längst in der Umgebung der Königin ihre Netze ausgeworfen und die Stimmung zu ihren Gunsten beeinflusst hatte. Trotzdem war die Marquise de Pompadour wegen der Liebenswürdigkeit der Königin sehr verlegen und verwirrt. Sie hatte nicht erwartet, dass Maria Leszczynska die Mätresse ihres Ehemannes mit so viel Takt und Natürlichkeit empfangen würde. Stammelnd antwortete sie: „Madame, es ist mein leidenschaftlicher Wunsch, Ihnen zu gefallen.“ Ihr Hofknicks klappte aber tadellos und graziös.

Im Oktober 1745 zog Madame de Pompadour in die Gemächer des Schlosses Versailles, die zuvor die Herzogin von Châteauroux bewohnte hatte. In der Folgezeit erschien sie nur sehr selten öffentlich bei Hofe, sondern empfing den König in ihrer kleinen Gesellschaft.

Nach ihrer Ernennung zur offiziellen Mätresse des Königs lud Madame de Pompadour ihren jüngeren Bruder Abel-François Poisson an den Hof nach Versailles ein. Der junge Mann erlangte sofort die Gunst von Louis XV. Der Herrscher beauftragte seinen ersten Hofmaler Charles Antoine Coypel (1694–1752) mit der Ausbildung und Erziehung des 20-Jährigen. Gemeinsam mit seinem Ausbilder wählte Abel-François unter anderem Gemälde der königlichen Sammlung für die Ausstellung im „Palais du Luxembourg“ aus und schuf damit das erste Museum in Frankreich.

Am Hof in Versailles gab es viele Menschen, bei denen Madame de Pompadour ihre ganze Klugheit aufbieten musste, um sie, wenn schon nicht zu Freunden, so doch wenigstens nicht zu Feinden zu machen. Feindlich gesinnt waren ihr beispielsweise der Herzog von Richelieu und der Kronprinz (Dauphin), der Skandalgeschichten über sie verbreitete. Es gab aber auch viele Schmeichler und Schöntuer, welche die neue Mätresse des Königs wie eine Göttin der Tugend und Keuschheit besangen. Bald kamen viele Höflinge zu der Erkenntnis, dass es für sie besser war, wenn sie der verhassten Mätresse schmeichelten.

Das Vorzimmer von Madame de Pompadour war oft mit Bittstellern gefüllt, die eine Gunst, eine Stellung oder eine Verbesserung ihrer Lage erhofften. Zu ihr kamen Militärs, Beamte, Finanzmänner, Diplomaten, Gelehrte, Dichter, Schriftsteller und Künstler. Manche jungen oder alten Frauen und Männer wollten ihr nur einfach mal die Hand geben oder den Saum ihres Kleides küssen. Es kursierte das Gerücht, sie lasse sich alle Vergünstigungen, die sie gewährte oder erreichte, teuer bezahlen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Marquise de Pompadour
Untertitel
Die erste bürgerliche Mätresse von Louis XV.
Autor
Jahr
2014
Seiten
76
Katalognummer
V277623
ISBN (eBook)
9783656704461
ISBN (Buch)
9783656707028
Dateigröße
5910 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marquise de Pompadour, Louis XV., Ludwig XV., Frankreich, Mätressen
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor:in), 2014, Marquise de Pompadour, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277623

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