Geistige Behinderung und ihre Förderungsmöglichkeiten


Akademische Arbeit, 2006
26 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Menschen mit einer geistigen Behinderung
1.1 Was bedeutet geistige Behinderung?
1.1.1 Das Erscheinungsbild einer geistigen Behinderung
1.1.2 Ursachen
1.1.2.1 Chromosomenanomalien
1.1.2.2 Metabolisch- genetische Ursachen
1.1.2.3 Ätiologisch unklare Ursachen
1.1.2.4 Exogene Formen
1.1.3 Auswirkungen
1.1.3.1 Der geistig behinderte Mensch in der Gesellschaft
1.1.3.2 Kommunikation und Interaktion
1.1.3.3 Entwicklung und Lernverhalten
1.2 Lebensqualität und geistige Behinderung
1.3 Die Rechtslage eines geistig behinderten Menschen
1.4 Zusammenfassung

2 Förderungsmöglichkeiten

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Quellenangaben

Abbildungsnachweise

Abkürzungsverzeichnis

1. Menschen mit einer geistigen Behinderung

Es gibt nur eine Art und Weise, eine andere Kultur zu verstehen. Sie zu leben. In sie einzuziehen, darum zu bitten, als Gast geduldet zu werden, die Sprache zu lernen. Irgendwann kommt dann vielleicht das Verständnis. Es wird dann immer wortlos sein. In dem Moment, indem man das Fremde begreift, verliert man den Drang, es zu erklären. Ein Phänomen erklären heißt, sich davon zu entfernen.

Wenn ich anfange, mit mir selber oder den anderen von Qaanaaq zu reden, habe ich fast wieder verloren, was nie richtig mein gewesen ist.

Wie jetzt auf seinem Sofa, wo ich Lust habe, ihm zu erzählen, weshalb ich an die Eskimos gebunden bin. Dass es mit ihrer Fähigkeit zu tun hat, ohne jeden Zweifel zu leben in dem Wissen, dass das Dasein sinnvoll ist. Dass es mit der Art und Weise zu tun hat, wie sie in ihrem Bewusstsein mit unvereinbaren Gegensätzen leben, ohne an deren Widersprüchen zugrunde zu gehen oder nach einer vereinfachenden Lösung zu suchen. Dass es mit ihrem kurzen, kurzen Weg zur Ekstase zu tun hat. Weil sie einem Mitmenschen begegnen und ihn so sehen können, wie er ist, ohne ihn zu bewerten und ohne ihren klaren Blick durch Vorurteile trüben zu lassen.“ (Hoeg 1994, S. 199 f aus Wehrmann 2001, S.1.)

In diesem Zitat wird über die Inuit, einer Randgruppe der dänischen Gesellschaft, geschrieben. Es gibt eine auffallende Parallele zu den Menschen mit geistiger Behinderung; denn auch sie gelten als eine der Randgruppen in unserer Gesellschaft. Sie gelten als teuer, aufwändig und defizitär. In ihnen wir das Fremde, Unbekannte und auch etwas Beängstigendes gesehen. Man beschreibt Menschen mit geistiger Behinderung teilweise als unberechenbar und sieht sie als etwas an, was man selber niemals sein will.

In dem oben zitierten Text wird davon berichtet das die Inuit eine besondere Lebenseinstellung haben, nämlich die „ ohne jeden Zweifel zu leben, in dem Wissen, dass das Dasein sinnvoll ist “.

Und doch ist gerade ihr auffälliges Verhalten und die oftmals psychischen Erkrankungen, die Menschen mit einer geistigen Behinderung häufig als Zweiterkrankung haben, Beweis dafür, dass sie um die Sinnhaftigkeit ihrer Existenz kämpfen müssen, dass sie auf sich selbst aufmerksam machen müssen und oft ihren Lebenssinn in sich selbst suchen, entdecken und stiften. Und eben dies stößt bei vielen Nicht-Behinderten auf Unverständnis und Ärger. (vgl. Krebs 1983, Heft 30, S.1653 ff; Wehrmann 2001, S. 2 f)

1.1 Was bedeutet geistige Behinderung?

Wenn man den Begriff der geistigen Behinderung genauer definieren will, muss man sich in erster Linie fragen, was überhaupt eine „Behinderung“ ist. Laut Dr. Med. Gerhard Neuhäuser versteht man unter Behinderung alle angeborenen oder früh erworbenen Störungen, welche die Entfaltung der körperlichen, geistigen und sozialen Fähigkeiten eines Menschen in irgendeiner Weise beeinträchtigen.

(vgl. Neuhäuser 1982, S. 3)

Otto Speck versteht unter Behinderung einen komplexen Begriff, der sich aus verschiedenen Teilbegriffen zusammenfügt:

- aus organischen Schädigung (Zentralnervensystem),
- aus individuellen Persönlichkeitsfaktoren und
- aus sozialen Bedingungen und Einwirkungen.

( vgl. Speck 1999, S. 39)

Die Definition der - geistigen Behinderung - wird von medizinischen, psychologischen, soziologischen und pädagogischen Kriterien bestimmt und ist eher unterschiedlich. In der Vergangenheit wurde der Begriff „Blödsinn“, „Idiotie“ und „Schwachsinn“ bzw. „Geistesschwäche“ für Menschen mit einer geistigen Behinderung verwendet und das nicht mit negativer Absicht. Erst mit der Zeit wurden diese Worte missbraucht und zu einer Abwertung benutzt.

Laut Heinz Bach wird unter geistiger Behinderung in der Gegenwart -verschiedenes - verstanden und so ist es schwer, diesen Begriff genau zu definieren bzw. festzulegen.

Das Wort „geistige Behinderung“ hat sich daher durchgesetzt, da es nicht nur durch „Nichtbetroffene“, sondern in erster Linie durch Angehörige von Betroffenen (also Mitbetroffene) und Betroffenen selber geprägt wurde. Betrachtet man den Menschen ganzheitlich, muss man den Begriff „geistige Behinderung“ aus verschiedenen Sichtweisen definieren. (vgl. Bach 2001, S.5 f)

Medizinisch und psychologisch orientierte Definitionen sprechen von einer Minderung oder Herabsetzung der maximal erreichbaren Intelligenz. Die WHO unterscheidet zwischen leichter, mittlerer und schwerer geistiger Behinderung und durch die International Classification of Diseases (ICD-10) wird dieses Phänomen als „ eine sich in der Entwicklung manifestierende, stehen gebliebene oder unvollständige Entwicklung der geistigen Fähigkeiten mit besonderer Beeinträchtigung von Fertigkeiten, die zum Intelligenzniveau beitragen, wie z.B. Kognition, Sprache, motorische und soziale Fähigkeiten“ bezeichnet (ICD 10, S. 238)

(vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Geistige_Behinderung, Stand 04/2006)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

((Grafik 1) Nach der 10. Revision der ICD, WHO, 1992 aus http://www.bkjpp.de/forum/for398/forum398.htm, Stand 04/2006)

Weiterhin ist aus medizinischer Sichtweise die Schädigung des Gehirns von zentraler Bedeutung, welche verschiedene Körperfunktionen in Mitleidenschaft ziehen kann.

Dem soziologischen Ansatz zufolge ist eine Behinderung eine Folge der sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen. Cloerkes definiert es folgendermaßen als: „ (…)dauerhafte und sichtbare Abweichung im körperlichen, geistigen oder seelischen Bereich, der allgemein ein entschieden negativer Wert zugeschrieben wird.“ (Cloerkes 2003, S.42 aus Cloerkes 2001, S.7). Eine Behinderung kann demnach immer auch ein Gesellschaftsprodukt sein.

Nach dem pädagogischen Ansatz, liegt laut Haeberlin „ …nur dann eine Behinderung vor, wenn der Erziehungsprozess behindert wird" (Haeberlin 1992, S. 30). Der deutsche Bildungsrat (1997) bezeichnet als „behindert“ im erziehungswissenschaftlichen Sinne, (…) alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsnen, die in ihrem Lernen, im sozialen Verhalten, in der sprachlichen Kommunikation oder in den psychomotorischen Fähigkeiten soweit beeinträchtigt sind, dass ihre Teilhabe am Leben der Gesellschaft wesentlich erschwert ist (…). (http://www.hrf.uni-koeln.de/sitenew/content/arbeitreha/files/AmtlicheDefinitionenvonBehinderung.pdf)

Nach Aussage der American Association on Mental Deficiency handelt es sich um – significantly subaverage general intellectual functioning existing concurrently with deficits in adaptive behavior and manifasted during the developmental period-.

(Neuhäuser 1982, S. 77)

Auch demnach ist die geistige Behinderung nicht nur auf intellektuelle Leistungen zu beziehen, sondern auch auf Anpassungsfähigkeiten und soziale Funktionen.

Dies ist nur eine Aufreihung von Definitionen nach verschiedenen Ansätzen - eine einheitliche Definition gibt es nicht. Was wir zu wissen scheinen ist, dass ein geistig behinderter Mensch meistens einen IQ unter 70 hat, sein Lernverhalten eingeschränkt ist und seine Entwicklung anders verläuft und deutlich langsamer als die eines Menschen ohne eine geistige Behinderung. Geistige Behinderung ist also keine einheitliche Störung – keine Krankheit.

( vgl. Krebs 1983, S.1653)

Wichtig ist auch zu erwähnen, dass ein geistig behinderter Mensch zwar intellektuell eingeschränkt ist, dadurch jedoch keine eingeschränkten Wesenzüge hat. Er hat genauso die Fähigkeit Freude zu empfinden oder sich wohl zu fühlen wie ein nicht geistig behinderter Mensch. Er kann auf seine Art – wie jeder von uns – seine Zufriedenheiten und Kümmernisse, seine Fröhlichkeiten, seine Trauer und seine Vorlieben zeigen und leben.

Mit einer speziellen Förderung können die meisten geistig behinderten Menschen lernen, ein Leben zu führen, welches ihren Bedürfnissen gerecht wird.

Es ist noch zu erwähnen, dass bei dem Versuch „geistige Behinderung“ zu beschreiben, man sich immer bewusst sein sollte, dass man dabei dem Wesen eines Menschen niemals gerecht werden kann. ( vgl. Kaune 1993, S. 17)

1.1.1 Das Erscheinungsbild einer geistigen Behinderung

Da „geistige Behinderung“ keine Krankheit ist, ist es genauso schwierig ein genaues Erscheinungsbild, bzw. Symptome zu erläutern, wie den Begriff an sich zu definieren. Als Merkmale einer geistigen Behinderung kann man u.a. physische Abweichungen beschreiben, wie:

- Kleinwüchsigkeit
- Unterdurchschnittliche Kopflänge
- Kleinköpfigkeit oder extreme Großköpfigkeit
- Weiter Augenabstand
- Extrem niedrige Stirn
- Gesichtsentstellungen
- Zahnstellungsanomalien usw.

Diese Angaben kann man jedoch nicht als eindeutige Symptome bzw. als eindeutiges Erscheinungsbild für einen geistig behinderten Menschen nehmen, da sie nicht immer auftreten, vor allem nicht immer alle auf einmal und andererseits auch bei Menschen ohne geistige Behinderung auftreten können. Es sind lediglich physische Erscheinungsformen, die häufig bei der betroffenen Gruppe zu beschreiben sind. (vgl. Bach 2001, S.12)

Weiterhin kann man sagen, dass der geistig Behinderte durch sein Lernverhalten und durch seine Entwicklung geprägt ist, welches deutlich hinter der am Lebensalter orientierten Erwartung liegt und sich an der Anschauung seiner Wahrnehmung orientiert. Seine Konzentration und das Verarbeiten und Speichern von Lerninhalten ist begrenzt. Abstraktionsfähigkeit, Symbolisierung – vor allem sprachlich – kritisch distanziertes Erwägen, Urteilen und Planen unterliegen erheblichen Beeinträchtigungen.

( vgl. Krebs 1983, S. 1653)

Auch das Anpassungsvermögen und die soziale und emotionale Reife sind beeinträchtigt. Dieses beeinflusst nicht die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden wie z. B. Freude, Wut oder Leid, jedoch zum Teil die Fähigkeit, mit diesen Gefühlen umzugehen und sie (lautsprachlich) zu kommunizieren.

Aber auch diese Beschreibung ist nicht bei jedem geistig behinderten Menschen zutreffend und vor allem unterschiedlich abzuwägen.

1.1.2 Ursachen

Nur bei ca. 50% der Betroffenen kann eine genaue Ursache für die geistige Behinderung festgestellt werden, bei den anderen 50% können keine genetischen oder organischen Ursachen nachgewiesen werden. Wen man von medizinischer Sicht ausgeht, ist laut Harbauer (aus Bach 2001, S.10) …eine Einteilung nach äthiologischen Gesichtspunkten optimal. Er unterscheidet zwischen chromosomal verursachten (ca. 15- 20%), metabolisch- genetisch verursachten (ca. 7- 10%), ätiologisch unklaren (ca. 50%) und exogenen Formen (ca. 20%) geistiger Behinderung.

(vgl. http://www.sonderpaed-online.de/staats/erste/kap1.htm, Stand 04/2006; Bach 2001, S.10)

1.1.2.1 Chromosomenanomalien

Die bekanntesten angeborenen Behinderungsformen sind die Chromosomanomalien.

Die Anzahl und Struktur der Chromosomen sind verändert à Chromosomenabberationen.

Bedingt durch die Vermehrung der genetischen Substanz infolge Vorkommens überzähliger Chromosomen bzw. Chromosomenbruchstücken entstehen z.B Trisomie- Syndrome (die bekannteste ist die Trisomie 21, auch bekannt unter „Mongolismus“)

(vgl. http://www.sonderpaed-online.de/staats/erste/kap1.htm, Stand 04/2006; Neuhäuser 1982, S. 85 ff)

1.1.2.2 Metabolisch- genetische Ursachen

Metabolisch- genetische Ursachen beziehen sich in erster Linie auf den „vererbten“ Stoffwechsel.

Dabei können folgenden Stoffwechselerkrankungen gemeint sein:

- Störungen des Aminosäurestoffwechsels
- Störungen des Kohlenhydratstoffwechsels
- Störungen des Fettstoffwechsels

(vgl. http://www.sonderpaed-online.de/staats/erste/kap1.htm, Stand 04/2006; Neuhäuser 1982, S. 85 ff)

1.1.2.3 Ätiologisch unklare Ursachen

Bei ca. 50% aller geistigen Behinderung ist die Ursache ätiologisch unklar, d.h. die Ursache kann nicht nachgewiesen werden und somit kann weder eine erkennbare somatische Anomalie noch eine Stoffwechselerkrankung gefunden werden. Genauso fehlt häufig die Angabe eines schädigenden Umwelteinflusses.

Geistige Behinderungen die keine klare Ursache haben, sind z.B. die Wilsonsche Krankheit, Tuberöse Sklerose, Neurofibromatose, Rett-Syndrom.

(vgl. http://www.sonderpaed-online.de/staats/erste/kap1.htm, Stand 04/2006; Neuhäuser 1982, S. 85 ff)

1.1.2.4 Exogene Formen

Bei ca. 20% aller Fälle sind Einflüsse von außen für eine geistige Behinderung verantwortlich, welche während oder nach der Geburt passiert sein können. Das können z.B.

Pränatale Schädigungen, wie

- Infektionen (z.B. Virusinfektionen, Syphilis, Rötelnembryopathie)
- Chemische Einflüsse wie z.B. Medikamente (z.B. Contergan-Schädigung) und Alkohol (Alkoholembryofetopathie),
- Strahlen,
- misslungene mechanische Schwangerschaftsunterbrechung,
- Störungen der Schwangerschaft (z.B. Dysfunktion der Gebärmutter, mütterliche Erkrankungen, Mangelernährung),
- Frühgeburtlichkeit,
- Blutgruppenunverträglichkeit (Rhesus-Faktor-Unverträglichkeit beim Zweitgeborenen)

oder Perinatale Schädigungen, wie

- Geburtstrauma (z.B. Hirnblutung)
- Sauerstoffmangel (z.B. Hypoxisch-ischämische Encephalopathie)
- Frühgeburt
- Blutgruppenunverträglichkeit (s.o.)

oder Postnatale Schädigungen, wie

- entzündliche Erkrankungen des ZNS (z.B. Meningitis, Encephalitis, Meningocephalitis)
- chemische und physikalische Einwirkungen (z.B. Sauerstoffmangel, Störungen des Salz-Wasser-Haushaltes, schwere Verbrennungen, Unterkühlung)
- Schädel-Hirn-Trauma
- Hirntumore

Sein. (vgl. http://www.sonderpaed-online.de/staats/erste/kap1.htm, Stand 04/2006; Neuhäuser 1982, S. 85 ff)

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es noch eine weitere erhebliche Zahl von Ursachen gibt, die eine geistige Behinderung auslösen oder beeinflussen können und dass es überhaupt immer zweifelhafter wird, ob man von einer bestimmten Ursache für die ver­schiedenen Erscheinungsweisen der geistigen Behinderung sprechen kann oder ob nicht in jedem Falle verschiedene Faktoren für die Behinderung verantwortlich sind.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Geistige Behinderung und ihre Förderungsmöglichkeiten
Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V277686
ISBN (eBook)
9783656703143
ISBN (Buch)
9783656906155
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geistige, behinderung, förderungsmöglichkeiten
Arbeit zitieren
Diana Kirstein (Autor), 2006, Geistige Behinderung und ihre Förderungsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277686

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