Gleichberechtigung – Ein Wort, welches aktuell überall zu hören ist,
jedoch auch grade aus diesem Grund schon fast an Aussagekraft verloren
hat. Es geht sogar so weit, dass Stimmen laut werden, welche sich über
die sogenannte „positive Diskriminierung“ beschweren. Besonders bei
der Gleichberechtigung der Geschlechter werden diese Stimmen laut, da
diese mittlerweile oftmals als Selbstverständlichkeit gilt. Hierbei wird
kaum noch daran zurückgedacht, was für ein langer Weg in der
Geschichte zurückgelegt werden musste, um die heutige Situation im
deutschen Recht zu ermöglichen. Als besonders langwierig gestaltete
sich die vollständige Umsetzung von Gleichberechtigung im Eherecht.
Noch in den 1950er Jahren besaßen Ehemänner ein einseitiges
Entscheidungsrecht in allen ehelichen Angelegenheiten. Vergewaltigung
in der Ehe stellte vor nicht einmal 15 Jahren im deutschen Strafrecht
keinen Straftatbestand dar. Oft wird mit Geschlechterdiskriminierung,
insbesondere im Familienrecht, der Islam verbunden. Medien berichten
kritisch über Menschenrechtsverletzungen unter der Scharia. Es werden
Bilder von komplett verhüllten Frauen in den Nachrichten gezeigt. Doch
wie kam es dazu, dass in Deutschland im letzten Jahrhundert plötzlich
die Gleichstellung der Geschlechter derart vorangebracht werden konnte?
Wie gestaltete sich diese Entwicklung? Was sind die Gründe dafür, dass
ein jahrtausendealtes Patriarchat in der Ehe in einem Land umgeworfen
wird, während es in einem anderen bestehen bleibt?
Um dies zu erörtern, sollen die Entwicklungen im deutschen
Rechtssystem mit denen in der Scharia einander gegenüber gestellt
werden. Hierbei ist es sinnvoll, beide Entwickelungen zunächst einzeln
zu erläutern, um dann später die Ergebnisse zu vergleichen. Als
Ausgangspunkt für den Vergleich wurden die Entwicklungen der
ehelichen Pflichten in den jeweiligen Rechtssystemen gewählt, da diese
die gleiche oder ungleiche Rollenverteilung in der Ehe anschaulich
darstellen.
Die Arbeit beginnt mit einem allgemeinen Überblick über die Ehe und
wie sich hieraus die ehelichen Pflichten ableiten. Anschließend wird betrachtet, wie sich das Eherecht seit der Antike entwickelt hat, um ein
Verständnis dafür zu entwickeln, worauf das Eherecht in Europa
ursprünglich aufbaute, bevor zum eigentlichen Vergleich der
Entwicklungen der beiden Rechtssysteme übergegangen wird.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Die Ehe
I. Definition
II. Zweck
III. Anerkennung
IV. Mit der Ehe verbundene Rechte und Pflichten
C. Die Entwicklung der Ehe und deren Rechte und Pflichten in Europa
I. In der europäischen Antike
II. Das Kanonische Recht
III. Die Trennung von Kirche und Staat
D. Die rechtliche Entwicklung der Frauenrechte in der Ehe und deren Einfluss auf die ehelichen Pflichten im deutschen Recht und der Scharia
I. Deutschland
1. Die einheitliche zivile Anerkennung der Ehe
2. Die rechtliche Situation in Deutschland vor 1900
a) Rechtszersplitterung
b) Das Römische Recht (Gemeines Recht)
3. Die erste bürgerliche Frauenbewegung
4. Das Inkrafttreten des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB)
a)Die Gleichberechtigung der Frau auf Ebene der Geschäftsfähigkeit
5. Die weitere Entwicklung des Bürgerlichen Gesetzbuches hinsichtlich der Rechtsstellung der Frau in der Ehe
6. Die Ära des Nationalsozialismus und die rechtliche Abspaltung des Ehegesetzes
7. Inkrafttreten des deutschen Grundgesetzes sowie die Auswirkungen von Artikel 3 GG auf das deutsche Familienrecht
a) BVerfGE 3, 225 und der darauf folgende “gesetzlose Zustand”
b) Das deutsche Gleichberechtigungsgesetz 1957
aa) Umwandlung des Güterrechts
bb) Aufhebung des Entscheidungsrechts des Ehemannes in ehelichen Fragen
cc) Der engagierte eheliche Beischlaf als Voraussetzung zum Erhalt der Ehe
dd) Weitere eheliche Pflichten
8. Das Eherechtsreformgesetz 1977
9. Der Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe
10. Die aktuelle Situation im deutschen Familienrecht
a) Die Generalklausel des § 1353 Abs. 1 S. 2 BGB
b) Beispiele für Pflichten im Rahmen der ehelichen Lebensgemeinschaft
c) Der verfassungsrechtliche Status von Ehe und Familie
d) Differenzierung der theoretischen und praktischen Gleichstellung in Deutschland
11. Zusammenfassung
II. Die Scharia
1. Einführung in die Scharia
a) Entstehung
b) Vielfältigkeit der Auslegungen und Anwendungen
c) Die rechtliche Arbeitsweise der Scharia
d) Abgrenzung zu europäischen Rechtsordnungen
2. Das Familienrecht / Eherecht der Scharia im Allgemeinen
a) Die Ehe in der Scharia
b) Der soziale Status von Frauen insbesondere der Ehefrau
c) Geschlechterrollen: ungleich doch gleich vor Allah?
aa) Pflichten der Ehepartner
bb) Wirtschaftliche Rechte
cc) Scheidungsrecht
(1) Talaq
(2) Khul
(3) Gerichtliche Scheidung
d) Traditionelle Gesellschaft in Perspektive
3. Menschenrechte und die Scharia
4. Refah Partisi vs Turkey
5. Islamischer Feminismus
6. Zusammenfassung
E. Vergleich der Entwicklungsprozesse in beiden Systemen
I. Gegenüberstellung der beiden Entwicklungen
II.Analyse anhand der “Mastery” und “Equality” Theorien
F. Schlussfolgerung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die rechtshistorische Entwicklung der Rechtsstellung der Ehefrau sowie der ehelichen Pflichten im deutschen Recht im Vergleich zum islamischen Recht (Scharia). Ziel ist es, die Gründe für die Divergenz der Entwicklungsprozesse – hin zur Gleichberechtigung in Deutschland versus ein Beharren auf traditionellen Rollenbildern in der Scharia – anhand von Rechtsquellen und historischer Entwicklung zu analysieren.
- Rechtsvergleich zwischen dem deutschen Familienrecht und der Scharia
- Einfluss der Säkularisierung und Trennung von Kirche und Staat in Europa
- Die Rolle der Frauenbewegungen in der deutschen Rechtsgeschichte
- Strukturelle Analyse der Scharia und deren Auslegungsspielräume
- Anwendung von "Mastery" und "Equality" Theorien auf das Eherecht
Auszug aus dem Buch
D. Die rechtliche Entwicklung der Frauenrechte in der Ehe und deren Einfluss auf die ehelichen Pflichten im deutschen Recht und der Scharia
Die Trennung von Kirche und Staat war in der geschichtlichen Entwicklung der Ehe der ausschlaggebende Wendepunkt, welcher die Gleichberechtigung der Ehefrau innerhalb der Ehe erst möglich machte. Aus diesem Grund wird an dieser Stelle hierauf näher eingegangen.
„Der summus episcopus in der evangelischen Kirche muss einmal verschwinden.“ Dies sagte Otto von Bismarck bereits 1865 während er die Aufhebung des landesherrlichen Kirchenregiments erwog um die bisherigen Aufgaben an das Kultusministerium und dem Justizministerium zu übergeben. Der Zeitrahmen, welcher für gewöhnlich als die Periode des eigentlichen Kulturkampfes bezeichnet wird, wird reduktionistisch jedoch in der Zeit zwischen 1871 und 1878 gesehen. Hierbei bezieht man sich auf den Machtkampf zwischen Bismarck und Papst Pius IX und genauer auf die Intentionen und Handlungen Bismarcks.
Obwohl Bismarcks Kirchenpolitik zum Großteil durch seine eigene Religiosität beeinflusst war, ist davon auszugehen, dass er dennoch zwischen Politik und Privatinteressen zu unterscheiden wusste. Zwar glaubte er mit seiner recht engen Haltung zum Pietismus, dass das Christentum die Grundlage der Zivilisation und der Sitte bilde, realpolitisch standen dennoch die Bemühungen zur Einheit des Reiches im Vordergrund. Es gibt eine große Vielfalt von Meinungen zu den Gründen des Kulturkampfes. Die Meinung von Virchow zeigt, wie wichtig die Gesellschaft und dessen Wandel für Veränderungen letztendlich im Recht sind. Er ist der Ansicht, dass der Kulturkampf ein geistiger Kampf zwischen der alten, kirchlichen und der neuen, materiellen Weltanschauung, ein Kampf zwischen Glaube und Unglaube sei. Aus diesem Grund bewirkte die Koalition mit den Liberalen für Bismarck und seine Politik eine Nähe zu den Forderungen zur Trennung von Kirche und Staat.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Einleitung umreißt den historischen Wandel der Gleichberechtigung von Mann und Frau im deutschen Eherecht und führt in den Vergleich mit der Scharia ein.
B. Die Ehe: Dieses Kapitel definiert die Ehe als Rechtsinstitut und Vertrag und beleuchtet deren soziologischen und rechtlichen Zweck.
C. Die Entwicklung der Ehe und deren Rechte und Pflichten in Europa: Hier wird die historische Basis des europäischen Eherechts, von der Antike über das kanonische Recht bis zur Säkularisierung, dargestellt.
D. Die rechtliche Entwicklung der Frauenrechte in der Ehe und deren Einfluss auf die ehelichen Pflichten im deutschen Recht und der Scharia: Der Hauptteil analysiert detailliert die gesetzliche Entwicklung in Deutschland, das BGB, die Frauenbewegungen und das Grundgesetz sowie die Struktur und das Familienrecht der Scharia.
E. Vergleich der Entwicklungsprozesse in beiden Systemen: Dieses Kapitel setzt die beiden Rechtssysteme zueinander in Beziehung und analysiert sie anhand der Mastery- und Equality-Theorien.
F. Schlussfolgerung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die zukünftigen Herausforderungen für beide Rechtssysteme im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung.
Schlüsselwörter
Eherecht, Gleichberechtigung, Scharia, Familienrecht, Bürgerliches Gesetzbuch, Frauenbewegung, Rechtsgeschichte, Säkularisierung, Kanonisches Recht, Ehepflichten, Patriarchat, Menschenrechte, Ehefrau, Rechtsvergleich, Zivilehe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die rechtshistorische Entwicklung der Rechtsstellung der Ehefrau und der ehelichen Pflichten, wobei sie das deutsche Rechtssystem und die Scharia als religionsbasiertes Rechtssystem miteinander vergleicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung des Eherechts von patriarchalen Strukturen hin zur Gleichberechtigung, die Bedeutung der Trennung von Kirche und Staat sowie die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf das Familienrecht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu erörtern, warum sich das deutsche Rechtssystem in Richtung Gleichberechtigung entwickelte, während die Scharia an traditionellen Rollenbildern festhält, und welche Faktoren diese Prozesse beeinflusst haben.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer rechtshistorischen und rechtsvergleichenden Analyse, ergänzt durch die Anwendung soziologischer Modelle wie den „Mastery“ und „Equality“ Theorien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die deutsche Rechtsgeschichte (von der Antike bis zum Grundgesetz) und eine detaillierte Analyse der Scharia (Entstehung, Auslegung, Eherecht, Scheidung, Menschenrechtskonflikte).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Eherecht, Gleichberechtigung, Scharia, Familienrecht, Säkularisierung, Frauenbewegung und Ehepflichten.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Frauenbewegung in Deutschland?
Sie wird als ein entscheidender Faktor für die schrittweise Veränderung des Familienrechts und die Durchsetzung der Gleichberechtigung gewürdigt, auch wenn ihr Einfluss bei der Kodifizierung des BGB zunächst begrenzt war.
Wie unterscheidet sich das Scheidungsrecht in der Scharia vom deutschen Recht?
Während das deutsche Recht auf dem Zerrüttungsprinzip basiert, kennt die Scharia primär ein männliches Verstoßungsrecht (Talaq) und den Loskauf der Frau (Khul), was die Abhängigkeit der Frau vom Mann verdeutlicht.
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- Alicia Danielsson (Autor:in), 2011, „Die Ehefrau“. Die rechtshistorische Reise vom Besitz zur gleichberechtigten Partnerin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277729