Das Schreiben einer Dissertation. Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens und seine Geschichte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

18 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Geschichte des Dissertationswesens in Deutschland

2 Dissertation als Forschungsarbeit nach Umberto Eco

3 Kriterien der Wissenschaftlichkeit

4 Inhaltliche Struktur der Dissertation als wissenschaftlichen Arbeit

5 Zum Originalitätsbegriff in der wissenschaftlichen Leistung

6 Schluss

Literatur

0 Einleitung

„Wissen um Vorgänger erhöht die Bescheidenheit. Wer Bescheid weiß, ist bescheiden und sieht sich nicht mit einer Handvoll alter Ideen am Beginn aller Entwicklung.“ (Erben 42000, 9)

Der Ratschlag Erbens betrifft das Leben allgemein und die Wissenschaft im Besonderen, die eine Fachtätigkeit ist und verschiedenartig je nach Bereich, Gegenstand, Methode, Ziel u.a. getrieben wird. Die Verschiedenheit im Forschungstreiben führt auch zu verschiedenen Textsorten als konkreten schriftlichen Ergebnissen der wissenschaftlichen Tätigkeit. Die Frage danach, was Text ist, beantworteten Ducrot/Todorov (1972, 375) in den 70er Jahren kurz wie folgt: „Un texte peut coïncider avec une phrase comme avec un livre entier“. Ihre Bestimmung trifft noch heute zu (vgl. dazu Courtés 1995; Janich 2008; Fandrych 2011). Nicht jeder schreibt einen Text adäquat und gerade eben, weil jede Textsorte bestimmte Ansprüche stellt. Was uns in diesem Beitrag interessiert, ist der Text als Buch. Um welches Buch es geht und wie es formal und inhaltlich sein muss, um als angemessene Textsorte zu sein, ist die Grundfrage. Der Fokus an dieser Stelle ist der Fachtext Dissertation.

Textsorten oder Textarten sind bestimmte Gruppen von Texten, die nach bestimmten Kriterien eingeordnet werden[1]. Die ausgewählten Kriterien führen je nach Kontext zu bestimmten Textklassifikationen. Es muss aber schon betont werden, dass wegen der Vielzahl von Kriterien, deren Verwendung als Unterscheidungsmerkmale eine bunte Vielfalt von Typisierungsmöglichkeiten zur Folge hat, die Einteilung von Texten bisher eine Frage des Standpunkts ist genauso wie die der Beschreibung von der Sprachwirklichkeit als Bündel von Varietäten mit fließenden Übergängen (Löffler 42010,79ff).

Das Kriterium Akademie[2] ermöglicht eine Hervorhebung von akademischen Textsorten aus der Unmenge der Texttypologien der Textlinguistik und des Alltags. Im diesem Rahmen befasse ich mich mit dem Fachtext Dissertation, die von DoktorandInnen zum Erwerb der Doktorgrades geschrieben werden. Der Beitrag an sich ist eine mit eigenen Kommentaren ergänzte kompilatorische Arbeit[3], die Grundzüge der Dissertation als Text herausstellt und als Ratgeber-Literatur fungiert. Der Zusatzpunkt zur dieser Synthese ist die Erläuterung des Originalitätsbegriffs in der wissenschaftlichen Leistung.

Der Aufsatz hat eine Relevanz für die Forschung und das Studium, denn, wie Georg Brand[4] es zu Recht betont, das Doktor-Werden ist eine Konfirmation des Geistes, aber keine heilige Kommunion. Es reicht nicht, eifrig mitzuteilen, „ich bin an der Diss.“, wie zahlreiche PromovendInnen es zu sagen pflegen, sondern das angemessene, von der Forschungsgemeinschaft erwartete Produkt an den Tag zu legen. Ebenso ist es ungerecht, den Kandidaten skrupellos den Tadel zu erteilen, eine schlechte Dissertation verfasst zu haben, wenn der Arme grundsätzlich nicht weiß, an welchem Faden er hängen muss, um zu einer nach der Prüfungskommission als direkte Vertreterin der Forschungsgemeinschaft hervorragenden Leistung zu gelangen[5].

Mein Interesse an der akademischen Textsorte Dissertation hat mich zur Erarbeitung einer breiten Problematik geführt. Die Fragen nach der Geschichte des Dissertationswesens , den Kriterien der Wissenschaftlichkeit , dem Unterschied zwischen Dissertation und anderen Textsorten, der inhaltlichen und formalen Struktur von Dissertationen sowie der Originalität in der wissenschaftlichen Leistung habe ich mir gestellt und anhand der aktuellen vorliegenden Literatur zu den Themen Wissenschaft und Dissertation beantwortet. Da irgendwelche menschliche Tätigkeit oder jedes Naturphänomen eine Genese hat, fangen wir mit der Geschichte an.

1 Geschichte des Dissertationswesens in Deutschland

Eine pointierte Information über die Entwicklung des Dissertationswesens in Deutschland im Besonderen und des Bildungssystems in Europa von dem Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit (12.Jh. – 17.Jh.)[6] im Allgemeinen gibt uns Wollgast (2000, 5ff) in seinem Artikel „Zur Geschichte des Dissertationswesens in Deutschland im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit“. Besonders interessant ist die Auskunft über die Einteilung der Fakultäten, die Studiengänge, die erworbenen Zeugnisse, die Hauptbedingungen zur Promotionszulassung, die Rollen der Betreuer und Dissertationen sowie die Organisationsrituale zur Doktorwürde-Verleihung.

Wir haben eine alte Geschichte des Dissertationswesens in Deutschland dank einer Bemerkung:

„Seit dem 13. Jh. wurde es gebräuchlich, dass Höherstrebende[7] nach Frankreich und Italien an die Universitäten zogen. Im 14. Jh. wurden die Wissenschaften in ähnlichen Organisationen auf deutschem Boden angesiedelt.“(Wollgast 2000, 6)

Die Fakultäten waren vier an der Zahl und hierarchisch geordnet . An der Spitze stand die theologische Fakultät. An der zweiten Stelle war die Jurisprudenz und an der dritten die Medizin. Diese drei Fachbereiche wurden „die oberen Fakultäten“ genannt. Die untere Fakultät, welche die 4. Stelle in der Hierarchie besaß, war die Fakultät der „Artes liberales“, auch Artistenfakultät genannt. Es bleibt aber unklar, was man damals wirklich unter „Freie Künste“[8] (Arte liberales) verstand. Sicherlich bedeutete es aus der Perspektive des Mittelalters und der Frühen Neuzeit die restlichen Forschungsgebiete, die nichts mit Theologie, Jura und Medizin zu tun hatten.

Voraussetzung für die Zulassung zur Promotion war der erfolgreiche Abschluss von bestimmten Studiengängen. Das erste Zeugnis nach mindestens zweijährigem erfolgreichem Studium an der Universität war das „Baccalaureat“ oder der „Grad des Baccaleuren“ , und der Besitzer hieß der „Baccaleureus“. Das zweite Zeugnis war die Lizenz oder der Grad des Lizentiaten. Um dazu zu gelangen, hatte der Student vor sich nach dem Baccalaureat noch ein Studium von vielen Jahren – die Zahl der Jahre war je nach Fakultät bestimmt – zu absolvieren. In diesem Zeitraum sollte er an bestimmten Vorlesungen teilnehmen und bestimmte Übungen machen. Diese Phase wurde „Complere pro gradu“ genannt. Nach der erfolgreichen Teilnahme an Vorlesungen und dem Lösen der Übungen legt der Student endlich „ein förmliches Examen“ ab, eine Disputation, deren Erfolg schließlich zum Erteilen des Grades des Lizenziaten führt. Diese Phase war auch nicht leicht zu durchlaufen. Diesbezüglich gibt Wollgast (2000, 6) zu: „Übrigens verlassen sehr viele Studierende die Universität als Baccalaurii oder ohne Grad“

Der Grad des Lizentiaten war die Eintrittskarte zum Promotionsstudiengang. Wichtig zu erwähnen ist, dass Magister und Doktor im Mittelalter gleichrangige Titel[9] sind (vgl. Wollgast 2000, 6). Mit dem Dissertationsschreiben und dessen erfolgreicher Verteidigung wurde der Kandidat Doktor oder Magister. Theologen und Artisten bevorzugten den Titel Magister, während Juristen und Ärzte lieber den Titel Doktor trugen.

Der Betreuer der Doktorarbeit oder „Magisterarbeit“ heißt der „Präses“. Seine Hauptrolle ist die Verfassung der Dissertation von dem Kandidaten und die Verteidigung dieser Arbeit durch den Kandidaten. Denn er schreibt die Arbeit und der Kandidat stellt sie vor und verteidigt sich diesbezüglich bei der Disputation. Der Betreuer muss aber in die Diskussion scharf eingreifen, um den Kandidaten zu unterstützen. Es ist aber auch den Kandidaten erlaubt, „sine praeside“ (ohne Betreuer) die Doktorarbeit zu verteidigen, wenn sie keinen (Präses/Doktorvater) gefunden und allein gearbeitet haben.

Die Doktorarbeiten im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit sind keine umfangreichen Schriften wie heute: „Die Mehrzahl dieser Dissertationen hat ein Quartformat und einen Umfang von meist weniger als 30 Seiten“ (Wollgast 2000, 21)

Zu den Organisationsritualen der Doktorwürde-Verleihung gehörten die Disputation, die Verteilung von Geschenken und der Doktorschmaus, auch „Prandium Aristotelis“ genannt[10]. Dazu sagt Wollgast (2000, 16) Folgendes:

„Zu den eigentlichen Gebühren kamen noch allerlei Ehrenausgaben, besonders in den oberen Fakultäten. Einmal bestand die Verpflichtung, an die bei der Promotion anwesenden Magister und Doktoren Geschenke zu verteilen. Zu den Ehrenausgaben gehörte ferner die Lieferung von Wein und Konfekt bei den Prüfungen für die Examinatoren und den Kanzler sowie die Veranstaltung des Doktorschmauses, dem hier und da ein Ball folgte. In Leipzig rechnete man Anfang des 16. Jhs., dass ein Doktor der Rechte bei seiner Promotion 250 Dukaten[11] für Gelage, Umzüge, Musik und Geschenke aufwenden müsse" (Wollgast 2000, 16)

Der Doktorschmaus verschwand im Laufe der Zeit, da die Universitäten ihn durch ein beträchtliches Teilnahmegeld an die Prüfer ersetzte, was Studenten echt erleichtert hat[12]. Endbewertungen der Prüfungskommission nach der Disputation waren „Summa cum laude“ (besonders herausragende Leistung/Ausgezeichnet), „Magna cum laude“ (Sehr gut), „Cum laude“ (Gut), „Rite“ (Befriedigend) oder „Non sufficit“ (Ungenügend)[13]. Diese Bewertungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit sind noch heute in manchen Universitäten Mode.[14]

Die Promotion im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit ist keine Wegbereiterin, keine Eintrittskarte zum Forschungstreiben wie heute, sondern lediglich eine Anerkennung der Lehrbefähigung an Universitäten. Auch „Baccalaurii“ und Lizentiaten waren im Mittelalter als Hochschullehrer tätig. Den Job verloren sie aber im Laufe der Zeit mit der Verbreitung der Universitäten und steigenden Anzahl der Magister und Doktoren.

Nach dem Wissen über die Genese und Entwicklung des Dissertationswesens erweist sich als notwendig die Frage nach der Typizität der Dissertation als akademische Textsorte.

[...]


[1] Vgl. Linke et al. 52004, 248ff.

[2] Kempcke (2000, 20) definiert Akademie als „ zentrale Einrichtung für Forschung und Bildung“. Näheres zu akademischen Textsorten:Sommer 2006,44ff; Kürschner 1994,12ff.

[3] Kompilatorische Arbeit als wissenschaftliche Arbeitsform und Leistung bringt grundsätzlich Überblickwissen über einen bestimmten Gegenstand hervor (Jele 1999, 12ff, Eco 122007, 8ff)

[4] Zit. n. Messing/Huber 2004, 151.

[5] Viele mögen sagen, dass das von mir hervorgehobene Problem von dem Betreuer/der Betreuerin der Arbeit gelöst wird. Man soll sich jedoch keiner Täuschung hingeben. Betreuende der Doktorarbeiten sind nur Beratende. Ein Promovend, der nicht genau weiß, welche Anforderungen mit dem Begriff Dissertation verbunden sind, kommt nicht voran.

[6] Die Abgrenzung ist von Wollgast (2000).Was Deutschland besonders anbelangt, markiert das 14. Jahrhundert den richtigen Zeitpunkt einer Anpassung des deutschen Hochschulwesens zum schon seit dem 12. und 13. Jahrhundert in Frankreich, Italien und Spanien geltenden harmonischen Bildungssystem.

[7] Diejenigen, die promovieren, die höchste Qualifikationen in Forschung und Lehre haben wollten.

[8] Die Übersetzung ist von Wollgast (2000,7)

[9] Beispielsweise trägt noch der Akademiker Christian Wilhelm Kindleben im 18. Jahrhundert (1781) beide Titel: Er ist Doktor der Weltweisheit und Magister der freien Künste (vgl. Neuland 2003, 10).

[10] Der Kandidat sollte echt feiern, Essen und Trank mit dem Volk verteilen, denn Doktortitel besagte viel: Gelehrsamkeit, Adel, Respekt und Privilegien.

[11] Währungseinheit

[12] Eigentlich waren Studenten nicht in der Lage, alle verlangten Gebühren zu bezahlen. Ebendeswegen sollten begabte Lizentiaten, die einem Magister/Doktor anstrebten , vor der Zulassung dazu einen Eid (Magistereid/Doktoreid) schwören, dass sie nach der Erlangung des Grades (Magister/Doktor) zwei Jahre lang umsonst an der Universität als Ersatz für „besoldete Lektüren“ (besoldete Kurse) lehren sollten. Diese Pflicht war „Biennum complere“ genannt.

[13] Latein ist die Schriftsprache/Unterrichtsprache dieser Zeit. Die erste Dissertation in deutscher Sprache wäre erst 1739 in Greifswald erschienen mit dem Titel „Oeconomisch-Juristische Anmerckungen über des Herrn C. Herm. Schweders Tractat von Anschlagung der Güther in Pommern“.

[14] Ein Beispiel ist die juristische Fakultät der Heinrich-Heine- Universität Düsseldorf (vgl. Promotionsordnung/§10/Anm.4 vom September 2005)(www.jura.uni-duesseldorf.de). In anderen Universitäten steht heute zwischen „Cum laude“ (GUT) und „Rite“ (BEFRIEDIGEND) die Bewertung „Satis bene“.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Schreiben einer Dissertation. Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens und seine Geschichte
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Fachbereich A : Geistes- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
WISSENSCHAFTLICHES SCHREIBEN
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V277802
ISBN (eBook)
9783656711889
ISBN (Buch)
9783656713098
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bearbeitete Fassung - Stand Juli 2014
Schlagworte
schreiben, dissertation, grundsätze, arbeitens, geschichte
Arbeit zitieren
Eugeune Colinet Tatchouala (Autor), 2009, Das Schreiben einer Dissertation. Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens und seine Geschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277802

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