Für eine autonome Moral. Abaelards "Nosce te ipsum"

Der Universalienstreit in der Frühscholastik


Hausarbeit (Hauptseminar), 1994

22 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Der philosophiegeschichtliche Ort: Am Ende der Frühscholastik

II. Zur Person Abaelards

III. Zur Philosophie Abaelards
a. Überblick
b. Die Ethik

IV. Zur Wertung Abaelards

Bibliographie:

I. Der philosophiegeschichtliche Ort: Am Ende der Frühscholastik

Die Epoche der Frühscholastik wird im Allgemeinen zwischen 800 und 1200 angesetzt. Die vorausgegangene Epoche wird als Patristik bezeichnet. Diese wird im Allgemeinen als die Epoche gedeutet, in der die Grundlagen der christlichen Philosophie und Theologie durch die sogenannten Kirchenväter geschaffen wurden, Namen wie Clemens, Origenes, Gregor von Nyssa und vor allem Augustinus. Mit der Scholastik war jene Grundlagenfindung abgeschlossen. Das scholastische Dogma betrachtete die philosophische Entwicklung im Grunde als beendet. Die Kirchenväter hatten die Aufgabe gehabt, aus der Heiligen Schrift ein System von Dogmen zu gewinnen. Dieses Gebäude stand den Philosophen der Scholastik abgeschlossen gegenüber. Sie hatten nurmehr die Aufgabe, die Lehren der Kirchenväter zu sortieren und auszulegen und die unumstößlichen Wahrheiten des Glaubens vernunftmäßig zu begründen und verstehbar zu machen. Dazu mussten sie Einwände gegen diese, die sich aus der Vernunft ergeben könnten, mit philosophischen Mitteln zu widerlegen suchen. Spezielle Strömungen, wie die Dialektik, deren großartigster Kopf wohl Abaelard war, und die Mystik, sollten sich in der Frühscholastik entwickeln. Die Texte der heidnischen griechischen und römischen Schriftsteller stellten in der Frühscholastik zunächst mehr Mittel zum Zweck dar. Sie wurden gesammelt, weil sie als Übungstexte zum Erlernen der griechischen und lateinischen Sprache dienten. Erst als sich mit wachsender Anzahl das Bedürfnis nach Systematisierung einstellte, begann mehr und mehr ihre inhaltliche Rezeption.

Ein zentraler Streitpunkt in der Frühscholastik war der Universalienstreit. Gemeint ist damit die Frage nach der den Allgemeinbegriffen, also den Universalien, zukommenden Wirklichkeit. Die Realisten vertraten dabei die Auffassung, den Allgemeinbegriffen komme eine höhere Wirklichkeit zu als den Einzeldingen, weshalb sie unabhängig von diesen existierten. Einer der bedeutenden frühen Vertreter dieser Position war Eriugena, dessen Lehren jedoch später verworfen wurden, weil er der Vernunft einen hohen Stellenwert beimaß und sich zum Teil sehr stark an den Neuplatonismus anlehnte. Er wird deswegen des Öfteren als der letzte antike Denker bezeichnet. Bedeutend gerade auch für Abaelard war aber Anselm von Canterbury. Er lebte 1033-1109 und war damit ein Zeitgenosse Abaelards. Letzterer war nämlich Schüler Wilhelms von Champeaux, der wiederum bei Anselm gelernt hatte. Wilhelm vertrat die Auffassung, daß nur den allgemeinen Gattungsbegriffen eine reale Substanz entspräche und daß diese sogar dann existierten, wenn ihnen gar kein Einzelding zuzuordnen wäre. Hauptvertreter des Nominalismus war Johannes Roscellinus (1050-1120). Jener war der Ansicht, die Wirklichkeit bestehe ausschließlich aus lauter Einzeldingen. Den Universalien komme keine eigene Existenz zu, sondern sie seien lediglich von Menschen erdachte Namen zur Zusammenfassung ähnlicher Gegenstände. Allerdings bezog Roscellinus seinen Nominalismus auch auf die Dreieinigkeit. Diese sei ebenfalls nur die im Menschengeiste vorgenommene Zusammenfassung von drei Einzelpersonen; es gäbe demnach drei Götter - Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dieser Bruch mit einem Glaubensdogma war für die Kirche untragbar; Roscellinus wurde der Ketzerei bezichtigt und zum Widerruf gezwungen. Es war danach lange Zeit unmöglich, einen konsequenten Nominalismus zu vertreten. Abaelard sollte eine eigene Lösung des Universalienstreites entwickeln, die zwischen beiden Positionen lag.

Zu Beginn der Frühscholastik stand jede Vorstellung einer frei erkennenden Vernunft im Verdachte des Ketzerischen. Denn für die Kirche standen der Glaube an die kirchliche Autorität und die Tradition der Kirchenväter im Vordergrund, weshalb ein Vertrauen in den Wert der menschlichen Vernunft als eine Bedrohung angesehen werden mußte. Ethik bedeutete darum in dieser Zeit im Wesentlichen die Zusammenstellung christlicher und augustinischer Tugendvorstellungen, welche durchgesetzt werden sollten. Deshalb wurden auch die Lehren Eriugenas, der die Vernunft als das zeitlich Frühere über die kirchliche Autorität stellte, verworfen. Ein auf der Autonomie des Einzelwesens gegründetes ethisches Bewußtsein war damit ausgeschlossen. Das Christentum stellte sich denn auch als eine Gesetzesreligion dar, die die mittels der christlichen Tradition entstandenen ethischen Normen mit Hilfe der kirchlichen Autorität durchzusetzen suchte. Dadurch entband sie jedoch die Individuen von jeder Selbstkontrolle und jeder eigenverantwortlichen Reflexion ihres Tuns. Die Hinwendung auf das Eigen- und Innenleben des Menschen nach der Entdeckung der metaphysischen und psychologischen Schriften des Aristoteles wurde von der Kirche folglich als Gefahr empfunden.

Es zeichneten sich in der Frühscholastik zwei alternative Varianten einer ethischen Bestimmung ab, die notwendig mit der Kirche in Konflikt geraten mußten. Die Dialektik, die von einer ethischen Autonomie ausging und jede supranaturale Gnadenwirkung ablehnte, reduzierte den Wert des kirchlichen Dogmas als moralische Instanz. Die Mystik, die den unmittelbaren kontemplativen Verkehr mit Gott im Vordergrunde sah, schaltete die Kirche als vermittelnde Instanz zwischen Gott und Menschen aus. Diese in zwei Jahrhunderten herausgebildeten Gegensätze kamen im elften Jahrhundert zum Austrag. Abaelard, der bedeutende Dialektiker, dessen Ethik später erläutert werden wird, hatte gegen die Mystiker, in dieser Auseinandersetzung repräsentiert durch Bernhard von Clairvaux, keine Chance, weil es der Mystik gelungen war, sich mit den Ideen kirchlicher Autorität zu vereinen. Bernhards Mystik stand nicht im Widerspruch zum kirchlichen Hierarchiegedanken und konnte damit auf die Unterstützung der Kirche zählen. Zudem zeichnete sich gerade Bernhards Mystik durch eine große Vernunftfeindlichkeit aus.

In der Zeit Abaelards standen die Kreuzzüge noch im Mittelpunkt der Geschichte kirchlicher Unheilstaten. Auch hier spielte der einflußreiche Widersacher Abaelards, Bernhard von Clairvaux, eine bedeutende Rolle. Hätte Abaelard seine Lehren zwei Jahrhunderte später vertreten, so wäre er wohl auf den Scheiterhaufen der Inquisition verbrannt worden. So waren ihm zeitlebens nur Schikanen und Verfolgungen beschieden. Abaelard hatte aber mit seiner Genialität und seiner Anziehungskraft für den gelehrten Nachwuchs den persönlichen Neid und Haß vieler bedeutender Kirchenlehrer auf sich gezogen. Zudem konnte man bei jenem System von Spionen, mit dem Bernhard das Land überzog fast von einer Art Geheimdienst sprechen. Die Feindschaft dieser Männer war letztlich wesentlicher für die Leiden Abaelards als die Vorbehalte der kirchlichen Hierarchie. Es war für Bernhard ein leichtes, die zum Teil kaum enthaltsamen, aber trinkfreudigen Bischöfe auf seine Seite zu bringen. So trugen denn auch die kirchlichen Synoden, welche die Verurteilung Abaelards beschlossen, mehr den Charakter einer Farce, als daß sie inhaltlicher Auseinandersetzung mit seinen Lehren gedient hätten.

II. Zur Person Abaelards

Abaelard wurde wohl im Jahre 1079 in der Bretagne geboren. Sein Vater war Burgherr von le Pallet. Jedoch entschloß sich der Sohn, auf sein Erbe zu verzichten, um sich ganz der Wissenschaft zu widmen. Er fühlte sich mehr zur Philosophie denn zur Theologie hingezogen, wobei auf deren enge Verquickung schon im vorherigen Abschnitt verwiesen wurde. Sein erster Lehrer war Roscellinus, der seiner Zeit bedeutendste Vertreter des Nominalismus. Etwa um 1100 lernte er dann in der Kathedralschule Wilhelms von Champeaux zu Paris. Hier machte er sich zum ersten Male der Kirche mißliebig, weil er mittels seines stets äußerst scharfen und wachen Verstandes nachwies, daß die Lehren jenes bedeutenden Kirchenlehrers im Widerspruch zum kirchlichen Dogma stünden, was Wilhelm zwang, sie umzuändern. Damit hatte er sich auch am von der Kirche favorisierten Realismus vergangen, dem Abaelard später eine eigene, zwischen beiden Positionen liegende Deutung entgegensetzen sollte. Da sein Scharfsinn schnell erhebliche eigene Lehrerfolge zeitigte, entschloß sich Abaelard zur Gründung einer eigenen Schule, erst in Melun, später in Corbeil unweit von Paris. Er feierte große Erfolge, mußte seine Lehrtätigkeit aber schließlich wegen einer Krankheit unterbrechen. Aber sein Ruhm war bereits enorm, alle Welt lobte die Brillanz seiner Reden, und die von ihm geschaffene dialektische Methode hielt überall Einzug in den Lehrbetrieb. Nach einiger Zeit nahm er den Lehrbetrieb wieder auf, doch hatte er sich mittlerweile durch seine Triumphe auch bereits eine erkleckliche Anzahl Feinde geschaffen. Nach einigem Verweilen in der Bretagne kehrte er 1114 wieder nach Paris zurück. Hier studierte er die Theologie; möglicherweise weil ihn die Angewohnheit der Theologen störte, den Philosophen stets ihre angebliche höhere Erkenntnis entgegenzusetzen. Doch auch jetzt übertrumpfte er binnen kurzem seine Lehrer und hielt eigene Vorlesungen, zu denen die Schüler in Massen strömen. Der gewaltige Anklang, den er erhielt, führte jedoch dazu, daß er sich selbst den größten Denker Europas glaubte. Seine Schule nannte er die der Logiker.

Der private Lebenswandel Abaelards war stets recht locker und lebensfreudig gewesen. Schließlich wurde er Hauslehrer der bei ihrem Onkel lebenden reichen, schönen und gebildeten Heloisa. "Ich kann es jetzt wohl kurz machen: der Hausgemeinschaft folgte die Herzensgemeinschaft! Während der Unterrichtsstunden hatten wir vollauf Zeit für unsere Liebe; und wenn Liebende sich wohl nach einem stillen Fleck sehnen, wir brauchten uns dafür nur zur Versenkung in die Wissenschaften zurückziehen. Die Bücher lagen offen da, Frage und Antwort drängten sich, wenn Liebe das bevorzugte Thema war, und der Küsse waren mehr als der Sprüche."0F[1], schrieb Abaelard in der Leidensgeschichte, seiner selbstverfaßten Biographie. Als der Onkel von der heimlichen Beziehung erfuhr, trennte er die Liebenden, doch stellte sich heraus, daß Heloisa bereits schwanger war. Als Abaelard dessen gewahrte, entführte er Heloisa. Schließlich bot er an, sie zu heiraten, um die Schmach zu mindern. Wohl willigte der Onkel ein, doch sann er heimlich auf Rache. Er ließ Abaelard von seinen Schergen überfallen und entmannen. "Gottes gerechtes Gericht - ich konnte das nicht verkennen - hatte mich an dem Teil gestraft, mit dem ich gesündigt hatte; der Verrat an mir war nur eine gerechte Folge meines eigenen Verrats an Gott. Und meine Gegner- sich vorzustellen, wie sie triumphierend hierin das ausgleichende Walten Gottes feststellten"1F[2], beschrieb Abaelard in seiner Autobiographie die Gedanken, die ihn quälten.

Auf diese Weise vom Schicksal geschlagen und zwischen Scham, Wut und Selbstanklagen hin- und hergerissen, zog sich Abaelard in das Kloster St. Denis zurück. Hier nahm er in kleinem Rahmen den Lehrbetrieb wieder auf und verfaßte eine Schrift: über die göttliche Einheit und Freiheit. Doch erweckte er hiermit erneut den Argwohn seiner kirchlichen Feinde. Auf der Synode von Soissons wurden sein Buch über die Dreieinigkeit“ und insbesondere die in diesem enthaltene Trinitätslehre verdammt und das Buch wurde vernichtet. Man warf ihm vor, eine Lehre von drei verschiedenen Göttern zu vertreten. Wiewohl man ihm anhand der Inhalte des Buches, wie Abaelard selber in seiner Leidensgeschichte mitteilt, nichts Konkretes vorwerfen konnte, was gegen die Kirchenlehre verstieße, verurteilte man ihn außerdem zur Haft im Kloster St. MÚdard, einer Haftanstalt für Verbrecher und Irre. Durch den päpstlichen Legaten wurde er jedoch von dieser Strafe begnadigt und durfte in seinKloster St. Denis zurückkehren. Doch auch im Kloster überwarf er sich recht bald mit der dortigen Geistlichkeit, weil er nachwies, daß es sich bei jenem Dionysius, auf den sich das Kloster als seinen Gründer berief, nicht um Dionysius Areopagita handele.

Er mußte das Kloster verlassen und ließ sich in der Einsamkeit bei Nogent nieder. Doch noch immer war sein Ruf nicht verklungen. Schon bald strömten die Studenten in Scharen. Sie ließen sich bei ihm nieder und erbauten eine kleine Ansiedlung, um bei ihm leben und seine Lehren empfangen zu können. Jenes gab Abaelard Kraft, und er fand noch einmal zu alter Größe und Stärke des Geistes zurück. Schon verbreitete sich sein Ruhm wieder über das Land. "Meine Schüler strömten von überall her um mich zusammen, sobald sie erfuhren, wo ich zu finden war. Sie verließen ihre Städte und ihre Burgen, um mit mir in der Einöde zu wohnen; hatten sie vorher weitläufige Häuser gehabt, jetzt bauten sie sich armselige Hütten; sie aßen jetzt Rüben und trockenes Brot, während sie vorher nicht genug Ansprüche machen konnten."2F[3] Sein neuerlicher Triumph blieb auch seinen Widersachern nicht verborgen und mußte sie aufs äußerste verärgern, hatten sie doch alles versucht, um Abaelard zu diskreditieren und mundtot zu machen. Erneut zog sich das Netz aus Haß und Neid immer enger um ihn und drohte, ihn zu verschlingen. Allen voran der mächtige Bernhard von Clairvaux betrieb die Hetze gegen ihn, und schließlich wurde die Situation derartig bedrohlich, daß Abaelard ernstlich erwog, ins spanische Kalifat abzuwandern und sich unter den Schutz der „Heiden“ zu begeben.

[...]


[1] Abaelard, Die Leidensgeschichte und der Briefwechsael mit Heloisa, 4. revidierte Auflage, Heidelberg 1979

[2] ibidem, S.32

[3] ibidem, S.43

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Für eine autonome Moral. Abaelards "Nosce te ipsum"
Untertitel
Der Universalienstreit in der Frühscholastik
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Modelle befreiender Theorie in der europäischen Geschichte
Note
2
Autor
Jahr
1994
Seiten
22
Katalognummer
V277852
ISBN (eBook)
9783668282209
ISBN (Buch)
9783668282216
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Alte Rechtschreibung
Schlagworte
moral, abaelards, nosce, universalienstreit, frühscholastik
Arbeit zitieren
Dieter Stubbemann (Autor), 1994, Für eine autonome Moral. Abaelards "Nosce te ipsum", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277852

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