Die Theorie der Nation bei Otto Bauer. Begriffsdefinitionen und Geschichte des Nationalstaats


Hausarbeit, 1995

33 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Zeitgeschichtliche Einordnung des Austromarxismus

II. Die Theorie der Nation
Der Nationalcharakter
Natur- und Kulturgemeinschaft
Sippschaftskommunismus der Germanen
Grundherrschaft
Frühkapitalistisches Zeitalter
Moderner Kapitalismus
Die Entstehung der europäischen Nationalstaaten
Nähere Bestimmung des Wesens der Charaktergemeinschaft Nation
Die volle nationale Kulturgemeinschaft
Andere Theorien über die Nation
Nationalbewußtsein und nationalGefühl

III. Nationalstaat und Nationalitätenstaat
Geschichtslose Nationen
Das Erwachen der geschichtslosen Nationen
Der Nationalitätenstaat
Die Rolle der Arbeiterklasse im nationalen Kampf
Nationale Autonomie
Die Zukunft Österreich-Ungarns
Kapitalistisches Nationalitätsprinzip
Sozialistisches Nationalitätsprinzip
Das Nationalitätenprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei

IV. Kritische Anmerkungen zu Otto Bauer

Bibliographie

Einleitung

Der Begriff der Nation gehört zu den schwierigsten Problemfeldern in linken Diskurszusammenhängen. Von Positionen, die die Nation als bürgerliches Konstrukt ablehnen bis zu Ansichten, wonach nationale Kämpfe als emanzipatorische Kämpfe per se unterstützenswert seien, reicht die Diskussion. Nachdem Otto Bauers Theorien in der eurokommunistischen Debatte der siebziger und achtziger Jahre dieses Jahrhunderts vermehrt an Bedeutung gewonnen hatten, schien er mit dem Abnehmen dieser Strömung wieder in Vergessenheit zu geraten. In der gegenwärtigen Auseinandersetzung der Linken und angesichts der zahlreichen nationalen Konflikte weltweit meinen wir, daß man auf die Beschäftigung mit seinem theoretischen Ansatz nicht verzichten sollte.

Deshalb stellen wir Otto Bauers Theorie anhand seines 1907 erschienen Werkes »Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie« dar und versuchen. ihn in seinen historischen Kontext einzuordnen. Abschließend versuchen wir ihn kritisch zu bewerten.

I. Zeitgeschichtliche Einordnung des Austromarxismus

Österreich-Ungarn zählte in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg zu den europäischen Großmächten. Spätestens seit der Gründung des Deutschen Reiches 1871, die die Abtrennung Österreichs vom deutschen Nationalstaat besiegelte, muß die k.u.k.-Mon­archie unter den europäischen Staatengebilden als ein Anachronismus gesehen werden. Die europäischen Großmächte waren Nationalstaaten mindestens in dem Sinne, daß die staatsprägende Nationalität innerhalb des Landes ein deutliches zahlenmäßiges Überge­wicht innehatte. Nicht so Österreich-Ungarn: hier lebten Tschechen, Deutsche, Ungarn, Serben und viele andere Nationalitäten unter einer Krone. Die einzige auf die Na­tionalität bezogene Gliederung des Staates bestand in der Unterteilung in zwei Reichs­hälften, Österreich und Ungarn. Durch diese 1867 vollzogene Teilung verblieben nur das Heerwesen, die Außen- und Finanzpolitik unter gemeinsamer Verwaltung.

Der zweite Anachronismus bestand in der politisch-gesellschaftlichen Struktur. Das Reich war seit 1859 eine konstitutionelle Monarchie; allerdings war jener Konstitu­tionalismus weit davon entfernt, etwas mit einer bürgerlichen Demokratie zu tun zu haben. Vielmehr herrschte ein extremes Kurienwahlrecht, welches nur Adel und ge­hobenem Bürgertum Einflußmöglichkeiten bot. Erst 1907 wurde das allgemeine Män­nerwahlrecht eingeführt. Das Bürgertum war politisch äußerst schwach, dem Adel blieb die Macht im Lande vorbehalten, und jener vermochte seine herausragende Position als Stand bis zum Ersten Weltkrieg zu behaupten. "Die österreichische Arbeiterbewegung wurde vor dem Ersten Weltkrieg durch zwei Faktoren geprägt: die politische Schwäche des Bürgertums und die Instabilität des durch die nationale Frage und die überkomme­nen Strukturen zerrütteten Staates." (Kulemann 1979, S. 39). In ökonomischer Hinsicht war Österreich-Ungarn relativ rückständig und rangierte in der industriellen Produktion weit hinter dem Deutschen Reich. So waren 1900 in der österreichischen Reichshälfte 23,3%, in der ungarischen gar nur 13,4% der arbeitenden Bevölkerung in der Industrie beschäftigt, in Deutschland hingegen bereits 37,5% (ibidem, S. 40). Auch in der öster­reichischen Hälfte selbst war der Grad der Industrialisierung regional sehr unterschied­lich, am stärksten in den deutschen und tschechischen Gebieten. Schwerindustrie und Großfabriken konzentrierten sich auf Böhmen und Mähren, während in Deutsch­Österreich fast nur Kleinbetriebe existierten.

Wenn man die Frage stellt, wie der Adel seine dominierende Stellung bis 1918 bewah­ren konnte, so scheinen vor allem zwei Dinge beachtenswert. Zum einen war der Adel von Anfang an erheblich an der Industrialisierung beteiligt, und die politische Integra­tion des Großbürgertums gelang ihm so quasi symbiotisch. Nebenbei diente die in­tegrative Funktion der Dynastie der Bourgeoisie mutmaßlich als einzige Legitimation für den ob der großen ökonomischen Verflechtung in ihrem Sinne wünschenswerten Zusammenhalt des auseinanderstrebenden Staatsgebildes, da die Legitimationsschiene "Nationalstaat" keine Rolle spielen konnte. Zweitens war die Monarchie ein direkter Nutznießer der nationalen Zersplitterung, da sie es stets zu ihrer Politik machte, sich neben dem (deutschösterreichischen) Bürgertum vor allem auf die herrschenden Kräfte anderer Nationalitäten zu stützen (ibidem, S. 47ff), vornehmlich auf polnische und ungarische Großgrundbesitzer. Im ganzen muß die Politik der Krone als konzeptionslos bezeichnet werden, weil hauptsächlich darauf abzielend, durch Zugeständnisse, mal zur einen, mal zur anderen Seite, die verschiedenen nationalen und sozialen Gruppen gegeneinander auszuspielen, ohne die Träger ihrer Herrschaft - deutsches Bürgertum und feudale Gruppen anderer Nationalitäten - zu verprellen.

Dennoch machte das Nationalitätenproblem Österreich-Ungarn mit sicherer Notwendig­keit zu einem Staat auf Zeit. Denn zwischen den nationalen Gruppen bestand keine Gleichberechtigung. "Während die Deutschen nur 35,6 Prozent der zisleithanischen[1] Bevölkerung ausmachten, stellten sie Anfang 1914 76 Prozent des aus rund 6300 Ange­hörigen bestehenden zentralen Beamtentums. In den Ämtern der Zentralregierung und den zentralen Gerichtshöfen wurde nur deutsch gesprochen, die deutsche Sprache war auch in den Gerichten und Ämtern anderer Gebiete (vor allem in Böhmen) bevorzugt. Die Deutschen waren innerhalb des Reichsverbandes die bevorzugte nationale Gruppie­rung, die anderen Nationen wurden in unterschiedlichem Ausmaß durch die habs­burgische Politik unterdrückt." (ibidem, S. 59). Auch die unterschiedliche ökonomische Stärke schlug sich also nicht in der Behandlung der nationalen Gruppen nieder; so wurden die Tschechen - als in den ökonomisch stärksten Gebieten lebendes Volk - dennoch von der deutschen Vormacht erheblich diskriminiert. Auch das Lohnniveau war bei annähernd gleichen Preisen in den einzelnen Gebieten sehr unterschiedlich. So lag es in Prag um ein Viertel, in Lemberg sogar um die Hälfte niedriger als in Wien. Dies führte zudem zu erheblichen Wanderungsbewegungen, welche die nationale Problematik noch verschärften.

In den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kam es in Österreich, in erster Linie in Wien, zur Gründung erster Arbeitervereine; sie zählten 1872 ca. 80000 Mit­glieder, wovon 35000 allein in Wien lebten. Zwei Jahre später wurde die Sozialdemokra­tische Arbeiterpartei ins Leben gerufen, deren Gründung aber, durch die Wirtschafts­krise verursacht, in eine Zeit des Abflauens der Arbeiterbewegung fiel. Bereits 1879 spaltete sich die Partei wieder in zwei Gruppen: die »Gemäßigten« und die »Radikalen«. Das Trauma dieser Spaltung, die erst auf dem Einigungsparteitag 1888/89 in Hainfeld überwunden wurde, sollte die Politik der SDAP auf Dauer stark mitbestimmen. Es dürfte der entscheidende Grund sein, warum es später zu keiner Spaltung, wie sie die reichsdeutsche Sozialdemokratie erleben sollte, kam, sondern in einer Art "Dritten Weg", gekennzeichnet durch den Begriff »Austromarxismus«, mündete. Wichtig ist dabei zu erwähnen, daß die österreichische Sozialdemokratie zu jener Zeit in weit stärkerem Maße als die deutsche gezwungen war, sich auf die außerparlamentarische, bewegungs­orientierte Arbeit zu konzentrieren, da es bis 1896 überhaupt kein Wahlrecht für Arbeiter gab.

Der Begriff »Austromarxismus« steht nicht nur für die theoretischen Schriften, die führende Vertreter der SDAP seit Beginn des Jahrhunderts zu Papier brachten; er umfaßt auch die praktische Politik der österreichischen Sozialdemokratie. Hierbei scheint strittig, wann von einem spezifischen eigenen Weg der österreichischen Marxi­sten zu sprechen ist: "Der Austromarxismus ist grundlegend als eine politische Strömung am linken Flügel der internationalen Sozialdemokratie bis zum Vorabend des Zweiten Weltkrieges zu verstehen. Seine Anfänge werden traditionellerweise mit dem Beginn der selbständigen Arbeit der jüngeren Generation österreichischer sozialdemokratischer Theoretiker in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts angegeben, unter deren Leitung ab 1907 die theoretische Zeitschrift Der Kampf herausgegeben wurde ." (Löw 1986, S. 10). Da der Austromarxismus aber auch die spezifische Entwicklung der politischen Praxis der österreichischen Sozialdemokratie umfaßt, kann in diesem Sinne der Begriff erst deutlich später verwandt werden: "Bis 1917 gab es keine derartigen Unterschiede in der Politik und Ideologie der österreichischen Sozialdemokratie zu jener anderer Bruderparteien der Zweiten Internationale, daß es möglich gewesen wäre, von einer in irgendeiner Hinsicht selbständigen politischen Strömung zu sprechen." (ibidem, S. 10). Seit 1917 stand der Begriff für den Versuch der SDAP, einen dritten Weg zwischen Reformismus und Bolschewismus zu gehen, erst ab einem Zeitpunkt also, der weit nach dem Erscheinen von Otto Bauers entscheidendem Buch zur Nationalitätenfrage liegt.

Doch zurück zur Entwicklung der SDAP: Wenn die Partei auch zu Beginn des Jahr­hunderts bei weitem noch nicht an die beeindruckenden Mitgliederzahlen späterer Jahre herankam - in den zwanziger Jahren war zeitweilig nahezu ein Drittel der Bevölkerung in der SDAP organisiert -, so erfreute sie sich doch eines stetigen, starken Anwachsens ihrer Mitglieder. Um 1907 herum zählte die deutschösterreichische Sozialdemokratie rund 100000 Mitglieder. Programmatisch zeigte sich die Partei zwischen dem Parteitag 1898 und dem Zeitpunkt der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechtes 1907 als eine typische Vertreterin der Zweiten Internationale. Dem theoretischen Teil, der die kapitalistische Gesellschaftsordnung als Grund für das Elend der Massen und den bürgerlichen Staat als Herrschaftsinstrument der Bourgeoisie geißelte und die geschicht­liche Notwendigkeit des Überganges zum Sozialismus postulierte, stand ein konkreter Teil gegenüber, der für die praktische Arbeit nicht über reformerische Forderungen - Arbeiterschutz, allgemeines Wahlrecht usw. - hinausging. Wie gesagt, war die praktische Arbeit aufgrund des fehlenden gleichen Wahlrechts wesentlich mehr kampagnenorien­tiert als bei der reichsdeutschen Sozialdemokratie: Organisierung von Demonstrationen und Streiks, Bildungsarbeit. Des weiteren war der Einheitsgedanke der Partei ein Grunddogma der österreichischen Sozialdemokratie. Dies erzwang eine große Kompro­missbereitschaft auf den oberen Ebenen der Parteihierarchie, die auch später ein Haupt­merkmal der SDAP darstellen sollte (ibidem, S. 12ff). Nach der Einführung des all­gemeinen Männerwahlrechts wurde die Parlamentsarbeit zwar bedeutsamer, verdrängte die außerparlamentarische jedoch nicht. Die liberalen Parteien als Vertreter der alten Ordnung mußten ohne den Schutz des Kurienwahlrechts bedeutungslos werden; als echte Massenparteien wurden Sozialdemokraten und als deren politischer Hauptgegner die Christlich-Soziale Partei mit ihrer stark antisemitischen Ausprägung zu den dominie­renden parlamentarischen Gruppierungen.

Seit dem letzten Jahrfünft des vorigen Jahrhunderts war der Nationalitätenkonflikt, die wirtschaftliche Entwicklung behindernd und die Arbeit des Reichsrates blockierend, zum entscheidenden Faktor der Innenpolitik geworden. Hierbei trat die Sozialdemokratie offen staatserhaltend auf mit einem alle Vorrechte der Nationen ablehnenden Interna­tionalismus, der die Forderung nach nationaler Autonomie als anachronistisch deutete: "Otto Bauer hat die Grundhaltung der österreichischen Arbeiterbewegung in ihrer Frühphase als "naiven Kosmopolitismus" bezeichnet: Nationalismus und nationale Kämpfe wurden als Ablenkungsmanöver der Bourgeoisie abgelehnt, statt dessen propa­gierte man ein humanistisch gefärbtes Weltbürgertum und die Verbrüderung aller Proletarier." (ibidem, S. 14). Diese Ablehnung nationaler Fragen wurde auch von der deutschen Arbeiterschaft geteilt, weil jene nicht mit Diskriminierungen zu kämpfen hatte, während es in der tschechischen Arbeiterbewegung erheblichen nationalistischen Einfluß gab. Dennoch wurde dieser Internationalismus vorläufig von der multinationalen Gesamtpartei übernommen. Tatsächlich gab es unter den deutschen Mitgliedern der Sozialdemokratie sogar eine starke Tendenz, die "deutsche Kultur" als überlegen an­zusehen und eine Interessenahme für die slawischen Völker als eine Bedrohung für die deutsche Kultur zu empfinden. Als 1897 der Nationalismus allerorten übermächtig wurde, kam es in der sozialdemokratischen Nationalitätenpolitik zu einer Kehrtwen­dung. Von nun an hieß es, die SDAP trete jeder nationalen Unterdrückung entschieden entgegen und erkenne die nationale Individualität als Faktum an. Jeder internationalisti­sche Sozialdemokrat könne widerspruchsfrei zugleich auch ein nationalbewußter Patriot seines Volkes sein. Jedoch blieb das Eintreten für die nationale Kultur - insbesondere die Möglichkeit, die jeweilige Sprache in Schule und Ämtern verwenden zu können - voll und ganz den nationalen Parteiorganisationen überlassen, während die Gesamt­partei ihre Aktivität auf ökonomische und demokratische Kämpfe beschränkte. Der Staat Österreich sollte in einen demokratischen Nationalitätenstaat mit autonomen Selbstverwaltungsgebieten gewandelt werden. Jede Abtrennung unterdrückter Nationen vom Gesamtstaat lehnte die SDAP ab; Österreich-Ungarn sollte um jeden Preis erhalten bleiben - die Partei blieb damit auf der Seite der staatserhaltenden Kräfte und be­schränkte die nationale Autonomie auf sprachliche und kulturelle Fragen. "Diese Position war Ausdruck eines doppelten Opportunismus sowohl gegenüber dem habs­burgischen Staat als auch gegenüber nationalistischen Tendenzen." (ibidem, S. 15).

Daß die Sozialdemokratie für sanfte politische und soziale Reformen eintrat und die Vorherrschaft der Deutschen im Reiche stützte, brachte sie in eine gewisse Nähe zum Herrscherhaus. Faktisch war die Partei nunmehr in mehrere, nur noch lose verbundene nationale Parteien gespalten, die jeweils das nationale Interesse ihres Volkes verteidig­ten und unter der die Dominanz der deutschen Bevölkerung stützenden Vorherrschaft der deutschösterreichischen Parteiorganisation immer mehr auseinanderdrifteten. "Ab 1905 war die Gesamtpartei durch den deutsch-tschechischen Gegensatz faktisch gelähmt, und im gleichen Jahr kandidierten erstmals tschechoslowakische und deutschösterreichi­sche Sozialdemokraten bei Gemeinderatswahlen in Mähren gegeneinander. Im Reichs­rat lieferten sich deutschösterreichische und tschechoslowakische Abgeordnete Kampf­abstimmungen. Seit 1911 gab es auch formal keinen internationalen Sozialdemokrati­schen Abgeordnetenverband mehr, und der deutschösterreichische Parteitag 1912 mußte feststellen, daß es nicht mehr möglich war, von der Existenz einer Gesamtpartei zu sprechen." (ibidem, S. 17f).

Damit fällt Otto Bauers 1907 geschriebenes Hauptwerk zur Nationalitätenfrage Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie in eine Zeit, in der das Nationalitäten­problem nicht nur die Monarchie, sondern auch die Sozialdemokratische Partei in eine scheinbar ausweglose Krise geführt hatte, die wahrscheinlich nicht einem fehlerhaft agierenden Internationalismus, sondern eher dem Faktum geschuldet war, daß sich die an einem deutschen Nationalismus orientierte Unterdrückung der anderen Gruppen in der Politik der Partei fortsetzte. Der 1882 geborene und 1938 verstorbene Otto Bauer gehörte vor dem Ersten Weltkrieg zur jungen Garde theoretischer Köpfe der öster­reichischen Sozialdemokratie und avancierte mehr und mehr zu einem ihrer wichtigsten Denker. Als in Österreich 1907 zum ersten Mal eine demokratische Parlamentswahl durchgeführt wurde, aus der die Sozialdemokratische Partei als stärkste Partei des Reichstags hervorging, vertraute man ihm die Einrichtung und Führung eines Fraktions­sekretariats an. Nach dem Ersten Weltkrieg war er erster Außenminister der Öster­reichischen Republik, und seitdem war er neben Karl Renner die dominierende Persön­lichkeit der österreichischen Sozialdemokratie.

Seine marxistische Weltanschauung basierte nicht nur auf seiner wissenschaftlichen Ausrichtung, die eng an die ökonomische Theo­rie von Karl Marx angelehnt war, son­dern auch auf seinem morali­schen Pflichtgefühl. Angesichts des "Leidens der Arbeiter­klasse" (Braunthal 1975, S.7) sah er den Kampf für den Sozialismus als eine sitt­liche Forderung an. Sein Buch Die Natio­nali­tätenfrage und die Sozialdemokratie, das ­­ im Mit­telpunkt unserer Arbeit stehen wird, beinhaltet im Kern eine Definition der mo­dernen Nation auf der Grundlage materialistischer Geschichts­auffassung. Mittels der Darstel­lung geschichtlicher Entwick­lungsprozesse erklärt er die Herausbildung von Nationen als Kultur- und Schicksalsgemeinschaften (ibidem, S.10), die einen spezifischen Na­tionalcharakter besitzen.

Bezüglich der Betonung der zunehmenden Differenzierung der Nationen im Sozialis­mus unterscheidet er sich grundsätzlich von der Marx­schen Auffassung, daß "die na­tionalen Absonderungen und Gegen­sätze der Völker mehr und mehr verschwinden, schon mit der Ent­wicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Welt­markt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebens­verhältnisse." (Marx/ Engels 1982, S. 74f). Dementsprechend traf Bauer mit seiner Auffassung der nationalen Differenzierung auch auf Widerstand zahlreicher marxisti­scher Theoretiker.

Otto Bauer begreift die nationale Frage als ein soziales Pro­blem, das eine große Be­deutung für die Arbeiterklasse hat, denn "das Band der Zugehörigkeit bestimmt den Willen der Arbeiter­klasse" (Bauer 1975, S.49). Desweiteren erforderten die aufkom­menden Autonomiebestrebungen einiger Nationen, das "Er­wachen der geschichtslosen Nationen" (ibidem, S.52), die theore­ti­sche Aus­ein­andersetzung mit dieser Erscheinung der Moderne.

II. Die Theorie der Nation

Im folgenden soll Otto Bauers Definition des Wesens einer Nation, die er im ersten Abschnitt Die Nation seines Buches Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie ausführlich darlegt, in ihren wesentlichen Aspekten zusammengefaßt werden. Die Rei­henfolge seiner Ausführungen wird dabei größtenteils beibehalten werden.

Zuerst erfolgt eine theoretische Bestimmung der Begriffe Nationalcharakter, Naturge­meinschaft und Kulturgemeinschaft, die die Grundlage seiner Theorie der Nation dar­stellen. Anschließend wird die Entstehung einer nationalen Kulturgemeinschaft, am Beispiel der deutschen Nation, anhand der Kriterien der materialistischen Geschichts­auffassung verfolgt, die wir in unserem Text ausführlich behandeln werden. Hinzuge­fügt wird an dieser Stelle ein Abschnitt über die Entstehung der europäischen Natio­nalstaaten, der in Bauers Buch erst an späterer Stelle erfolgt.

Daraufhin folgt eine theoretische Definition der Chararktergemeinschaft Nation, an die sich eine kurze Gegenüberstellung mit anderen Theorien über die Nation an­schließt. Abschließend wird noch auf Bauers Erklärung für die Entwicklung des Na­tionalgefühls und seine Auffassung vom Gegensatz der nationalen Wertung der herr­schenden Klasse und der rationalistischen Wertung der Arbeiterklasse kurz eingegan­gen.

Der Nationalcharakter

Die Existenz nationaler Eigenarten, beispielsweise in Form von spezifischen Lebens­gewohnheiten, Sitten, Wissenschaften, Künsten, Rechts­for­men und der Sprache, sind unbestreitbar. Otto Bauer bezeichnet aber nicht diese äußeren Merkmale als die ent­scheidenden Kennzeichen, die die Nationen vonein­ander unterscheiden. Das alleinige Merkmal, worin sich die spe­zifische Gemeinschaft einer Nation ausdrücke, sei ihr Na­tio­nal­charakter. Dieser umschreibe mittels einer Verall­gemeine­rung einige Charakter­züge, die für die Menschen einer Na­tion typisch seien, da sie als häufig be­obachtbar gelten. Der Nationalcharakter stelle aber nur ein Merkmal neben vielen anderen Cha­rakterzügen, die einen Menschen auszeichnen, dar. Die nationale Eigen­art sei daher nie die Ursache für ein individuelles Verhal­ten, denn eine Handlung sei zudem noch durch etliche andere Fakto­ren bestimmt. Der Nationalcharakter könne niemals als Erklärungsansatz für das Verhalten der Menschen herangezogen werden. Folglich stel­le eine Nation keine absolute, sondern eine relati­ve Charaktergemeinschaft dar.

Die­sen Na­tio­nalcharak­ter, also den "Komplex kör­perli­cher und gei­stiger Merk­male, der eine Na­tion von der ande­ren schei­det" (Bauer 1975, S­.70), gelte es nun im Rah­men einer wissen­schaf­tli­chen Untersu­chung über das Wesen der Nation zu erklären, denn er sei die einzige kennzeichnende Ei­genschaft, die sich als Unter­schei­dungskriterium zur Erfor­schung des Phäno­mens Nation eignet. Unterstellt man, daß die gemeinsame Abstammung die Grundlage der kenn­zeichnen­den Eigenschaft einer modernen Nation sei, so wird man nach Bauers Auffassung fest­stellen, daß sich Ein­flüsse aus verschiedenen Völkern in einer Nation zusammenfinden und somit die ge­meinsame Abstammung nicht konstitutiv für den gemeinsamen Charakter sein kann. Auch die Sprache sei als Ansatzpunkt nicht hilfreich, denn die glei­che Sprache könne in verschiedenen Nationen gesprochen werden. Das "Bewußtsein der Zusammengehö­rigkeit" (ibidem, S.69) stelle ebensowenig einen Ausgangspunkt einer Analyse dar, denn hierzu bedürfe es eines objektiven Merkmals, aufgrund dessen dieses Bewußtsein entstehen könnte.

Der Nationalcharakter ist für Bauer ein solcher Ansatzpunkt, denn er sei keine dau­erhafte, konstante Größe, sondern bedingt durch die Verhältnisse, in denen die Men­schen leben. Er entstehe in Ab­hängigkeit vom geschichtlichen Verlauf, er sei also selbst ein Prozeß, der die Lebensweise der Menschen einer Gesell­schaft widerspie­gelt. Denn stets präge die Art des Zusammenle­bens der Menschen ihre Persönlichkeiten, ihren Charakter. Auch wenn der Kapitalismus "die materiellen Kulturinhalte der ver­schiedenen nationalen Kulturen nivelliert" (ibidem, S. 56), wer­den sich nach Bauers Ansicht die Nationen in der "Art der Aneignung, Darstellung, Verknüpfung, Verwer­tung, Fortentwicklung" (ibidem, S.56), also in der Reaktionsweise auf diese Kulturin­halte, unterscheiden. Der Nationalcharakter drücke sich also in der "Grundstruktur des Gei­stes" aus (ibidem, S.57).

Die Definition des Phänomens der modernen Nation bedarf, so Bauer, einer Metho­de, die die Verschiedenheit der Nationen in ihrem National­charakter anhand ihrer historischen Entwicklung erklärt. Bauers Theorie hat also die Beschreibung des histori­schen Inte­grationsprozes­ses, der zur Bildung von Nationen führt, zur Gr­undlage. Denn eine wissenschaftliche Erklärung der Nation werde nur dadurch ermöglicht, daß all das, was die Besonderheit einer Nation aus­macht, was sie von den anderen unterschei­det, aus der Besonder­heit ihrer Geschichte heraus erklärt werde. Sie müsse die Natio­nalität des einzelnen Individuums als das Historische an ihm und in ihm aufzeigen (ibidem, S.60). Der historische Nationsbildungs­prozeß wieder­um wird anhand der öko­nomischen Entwicklung und der Ver­ände­rung der Klassenstruktur einer Gesellschaft beschrieben. Das Ziel ist eine genauere Wesensbestimmung des Phänomens Na­tion mit den Mitteln der materialistischen Geschichtsauffassung.

Die Grundlage der Entstehung eines Nationalcharakters und somit einer Nation stellt laut Bauer die Herausbildung einer Natur- bzw. Kulturgemeinschaft dar. Sie bestim­men die Geschichte einer Nation.

Natur- und Kulturgemeinschaft

"Einerseits durch die natürliche Vererbung bestimmter Eigen­schaften, andererseits durch die Überlieferung bestimmter Kultur­güter bestimmen die Geschicke der Ahnen den Charakter der Nach­kommen."(ibidem, S.91). Eine Nation kann also Bauer zufolge aufgrund biologischer Gemeinsamkeiten, durch die gemeinsame Abstammung, sowie durch die Übereinstimmung der Lebensgewohnheiten, der Kultur, entstehen.

Eine Gesellschaft, die durch ihre Abstammung verbunden ist, definiert Bauer als eine Naturgemeinschaft. Er verbindet hierbei die Lehre der natürlichen Auslese Darwins mit der materialisti­schen Geschichtsauffassung. Die äußeren Lebensbedingungen führ­ten zur Herausbildung und Vererbung derjenigen Eigenschaften, die unter den gege­benen Bedingungen zum Überleben notwendig seien. Andere Eigenschaften, die zum Überlebenskampf nicht not­wendig sind, würden auch nicht auf die Nachkommen über­tragen. Folglich seien auch nur diejenigen Menschen, die die erforderli­chen Eigen­schaften besitzen, lebens-und fortpflanzungsfähig. Durch die natürliche Vererbung kri­stallisierten sich bei den Menschen einer Naturgemeinschaft bestimmte, typische Char­aktermerkmale heraus. Sie "sind nichts anderes als der Nieder­schlag ihrer Vergangen­heit, gleichsam ihre erstarrte Geschich­te."(ibidem, S.87). Darwins Lehre stehe nicht im Widerspruch zur materialistischen Geschichtsauffassung, sondern gebe ihr eine neue Bedeutung (ibidem, S.85). "Die Bedingungen, unter denen ein Volk seinen Lebens­unterhalt produziert, regeln seine Aus­lese. Die diesen Bedingungen Bestangepaßten überleben und pflan­zen ihre Art fort, vererben daher ihre Eigenschaften auf die späte­ren Geschlechter, die Minderangepaßten werden bei längerer Dauer gleicher Produk­tionsbedingungen allmählich ausgeschieden; in den ererbten Charaktermerkmalen spä­terer Generationen spie­geln sich daher die Produktionsbedingungen früherer Ge­schlechter wider." (ibidem, S. 85).

[...]


[1] gemeint ist die österreichische Reichshälfte

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Theorie der Nation bei Otto Bauer. Begriffsdefinitionen und Geschichte des Nationalstaats
Hochschule
Universität Bremen
Note
1
Autor
Jahr
1995
Seiten
33
Katalognummer
V277858
ISBN (eBook)
9783656712268
ISBN (Buch)
9783656713197
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theorie, nation, otto, bauer, begriffsdefinitionen, geschichte, nationalstaats
Arbeit zitieren
Dieter Stubbemann (Autor), 1995, Die Theorie der Nation bei Otto Bauer. Begriffsdefinitionen und Geschichte des Nationalstaats, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277858

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