Der Begriff der Nation gehört zu den schwierigsten Problemfeldern in linken Diskurszusammenhängen. Von Positionen, die die Nation als bürgerliches Konstrukt ablehnen bis zu Ansichten, wonach nationale Kämpfe als emanzipatorische Kämpfe per se unterstützenswert seien, reicht die Diskussion. Nachdem Otto Bauers Theorien in der eurokommunistischen Debatte der siebziger und achtziger Jahre dieses Jahrhunderts vermehrt an Bedeutung gewonnen hatten, schien er mit dem Abnehmen dieser Strömung wieder in Vergessenheit zu geraten. In der gegenwärtigen Auseinandersetzung der Linken und angesichts der zahlreichen nationalen Konflikte weltweit meinen wir, daß man auf die Beschäftigung mit seinem theoretischen Ansatz nicht verzichten sollte.
Deshalb stellen wir Otto Bauers Theorie anhand seines 1907 erschienen Werkes »Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie« dar und versuchen. ihn in seinen historischen Kontext einzuordnen. Abschließend versuchen wir ihn kritisch zu bewerten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Zeitgeschichtliche Einordnung des Austromarxismus
II. Die Theorie der Nation
Der Nationalcharakter
Natur- und Kulturgemeinschaft
Sippschaftskommunismus der Germanen
Grundherrschaft
Frühkapitalistisches Zeitalter
Moderner Kapitalismus
Die Entstehung der europäischen Nationalstaaten
Nähere Bestimmung des Wesens der Charaktergemeinschaft NATION
Die volle nationale Kulturgemeinschaft
Andere Theorien über die Nation
Nationalbewußtsein und nationalGefühl
III. Nationalstaat und Nationalitätenstaat
Geschichtslose Nationen
Das Erwachen der geschichtslosen Nationen
Der Nationalitätenstaat
Die Rolle der Arbeiterklasse im nationalen Kampf
Nationale Autonomie
Die Zukunft Österreich-Ungarns
Kapitalistisches Nationalitätsprinzip
Sozialistisches Nationalitätsprinzip
Das Nationalitätenprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei
IV. Kritische Anmerkungen zu Otto Bauer
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der Nationentheorie des Austromarxisten Otto Bauer auseinander. Ziel ist es, Bauers 1907 veröffentlichtes Werk „Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie“ in seinen historischen Kontext der Habsburgermonarchie einzuordnen und den theoretischen Ansatz – insbesondere den Begriff des Nationalcharakters und die soziale Bedingtheit von Nationen – einer wissenschaftlichen Bewertung zu unterziehen.
- Historische Einordnung des Austromarxismus und des Nationalitätenkonflikts in Österreich-Ungarn.
- Detaillierte Analyse von Otto Bauers Begriffen wie Nationalcharakter, Schicksalsgemeinschaft und Kulturgemeinschaft.
- Untersuchung der nationalen Frage im Kontext von Kapitalismus, Imperialismus und der Rolle der Arbeiterklasse.
- Diskussion des Konzepts der „nationalen Autonomie“ als Lösungsmodell für den Nationalitätenstaat.
- Kritische Reflexion von Bauers theoretischem Fundament aus heutiger Sicht.
Auszug aus dem Buch
Natur- und Kulturgemeinschaft
"Einerseits durch die natürliche Vererbung bestimmter Eigenschaften, andererseits durch die Überlieferung bestimmter Kulturgüter bestimmen die Geschicke der Ahnen den Charakter der Nachkommen."(ibidem, S.91). Eine Nation kann also Bauer zufolge aufgrund biologischer Gemeinsamkeiten, durch die gemeinsame Abstammung, sowie durch die Übereinstimmung der Lebensgewohnheiten, der Kultur, entstehen.
Eine Gesellschaft, die durch ihre Abstammung verbunden ist, definiert Bauer als eine Naturgemeinschaft. Er verbindet hierbei die Lehre der natürlichen Auslese Darwins mit der materialistischen Geschichtsauffassung. Die äußeren Lebensbedingungen führten zur Herausbildung und Vererbung derjenigen Eigenschaften, die unter den gegebenen Bedingungen zum Überleben notwendig seien. Andere Eigenschaften, die zum Überlebenskampf nicht notwendig sind, würden auch nicht auf die Nachkommen übertragen. Folglich seien auch nur diejenigen Menschen, die die erforderlichen Eigenschaften besitzen, lebens-und fortpflanzungsfähig. Durch die natürliche Vererbung kristallisierten sich bei den Menschen einer Naturgemeinschaft bestimmte, typische Charaktermerkmale heraus.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Relevanz der nationalen Frage für linke Diskurse und stellt das Ziel der Untersuchung von Otto Bauers Werk dar.
I. Zeitgeschichtliche Einordnung des Austromarxismus: Dieses Kapitel skizziert die politischen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen Österreich-Ungarns vor dem Ersten Weltkrieg als Anachronismus und Ausgangspunkt für Bauers Theorie.
II. Die Theorie der Nation: Hier werden die zentralen Begrifflichkeiten Bauers, insbesondere der Nationalcharakter, die Natur- und Kulturgemeinschaft sowie die historische Nationsbildung, theoretisch fundiert.
III. Nationalstaat und Nationalitätenstaat: Das Kapitel analysiert Bauers Ableitung von Nationalstaaten, das Erwachen sogenannter geschichtsloser Nationen und das Konzept der nationalen Autonomie im Kontext der Arbeiterbewegung.
IV. Kritische Anmerkungen zu Otto Bauer: Im letzten Kapitel erfolgt eine kritische Reflexion des theoretischen Gebäudes von Bauer vor dem Hintergrund moderner Erkenntnisse und des historischen Kontextes.
Schlüsselwörter
Otto Bauer, Austromarxismus, Nation, Nationalcharakter, Kulturgemeinschaft, Schicksalsgemeinschaft, Nationalitätenstaat, Österreich-Ungarn, Sozialdemokratie, Arbeiterklasse, Klassenkampf, nationale Autonomie, Kapitalismus, Imperialismus, Geschichtslose Nationen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse und kritischen Einordnung der Nationentheorie von Otto Bauer, einem der bedeutendsten Denker des Austromarxismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Publikation?
Im Zentrum stehen die Entstehung von Nationen, die Definition von Nationalcharakter, das Spannungsfeld zwischen Nationalismus und Sozialismus sowie die spezifische Problematik der Habsburgermonarchie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Bauers theoretisches Konzept auf seine Haltbarkeit zu prüfen und zu verstehen, wie er den Widerspruch zwischen nationalen Identitäten und internationaler Solidarität der Arbeiterklasse innerhalb eines multinationalen Staates aufzulösen versuchte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor der Arbeit?
Der Autor wählt einen literaturwissenschaftlich-analytischen Ansatz, der Bauers Hauptwerk „Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie“ anhand von Inhaltsanalyse und Einordnung in den historischen Kontext dekonstruiert.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Der Hauptteil ist zweigeteilt: Er beschreibt erst Bauers systematische Theorie der Nation (Natur-/Kulturgemeinschaft) und wendet diese dann auf die konkrete politische Situation Österreich-Ungarns an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Austromarxismus“, „Nationalcharakter“, „nationale Autonomie“ und „Klassenkampf“ geprägt.
Wie bewertet Bauer den Begriff des „Nationalcharakters“?
Für Bauer ist der Nationalcharakter kein statisches oder biologisches Merkmal, sondern ein Prozess, der durch die historische Entwicklung und die gemeinsame Schicksalsgemeinschaft einer Gruppe geprägt ist.
Warum hält Bauer das Modell der „nationalen Autonomie“ für notwendig?
Er sieht darin ein Lösungsmodell, das sowohl den berechtigten kulturellen Bedürfnissen der verschiedenen Nationen im Vielvölkerstaat gerecht wird als auch den gemeinsamen Klassenkampf der Arbeiter ermöglicht, ohne den Staat Österreich-Ungarn politisch zu sprengen.
Wie steht die Arbeit zu Bauers Unterscheidung von „geschichtslosen“ Nationen?
Die Arbeit hinterfragt diese Unterscheidung kritisch und weist darauf hin, dass Bauer zwar den Kapitalismus als Motor für das „Erwachen“ dieser Nationen erkennt, aber die Gefahr einer nationalistischen Instrumentalisierung in seiner Theorie nicht ausreichend abwehrt.
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- Dieter Stubbemann (Author), 1995, Die Theorie der Nation bei Otto Bauer. Begriffsdefinitionen und Geschichte des Nationalstaats, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277858