Aura und Chock. Die Veränderung der Wahrnehmungsweise durch Technologie

Zu Walter Benjamins Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit"


Essay, 2005
7 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Dieter Stubbemann

Aura und Chock – Die Veränderung der Wahrnehmungsweise durch Technologie

Zu Walter Benjamins Essay «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit»

„«Fiat ars – pereat mundus» sagt der Faschismus und erwartet die künstlerische Befriedigung der von der Technik veränderten Sinneswahrnehmung, wie Marinetti bekennt, vom Kriege. Das ist offenbar die Vollendung des l’art pour l’art. Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt für die olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden. Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuß ersten Ranges erleben läßt.“ (Benjamin GS I·2, S. 469)

Für Benjamin veränderte die Entwicklung der Technologie im Bereich der Kunst nicht nur deren Form, genauer die Formen, in denen sie sich entäußert, sondern auch die Wahrnehmung ihrer Rezipienten. Dabei forderte jedoch nicht nur die Kunst diese Veränderungen der Wahrnehmung zum Zwecke ihrer durch die Technologie veränderten Rezeptionsprämissen, sondern jene selbst waren ebenso ein Reflex auf veränderte Anforderungen an die menschliche Wahrnehmung, die ihren Ursprung in den gesellschaftlichen Verhältnissen, also Produktionsverhältnissen hatten. Deren Bewahrung wider das soziale Interesse der Massen dient der Faschismus und macht sich dabei die Technik samt der veränderten Wahrnehmungsweise der Massen zunutze, jener Massen die als Phänomen ebenfalls Produkt der veränderten Apperzeption sind. So wurden Film und Fotographie als Kunstformen unter der Hand kapitalistischer Verwertung und politischer Reaktion Antrieb zu einer immer weitergehenden Entfremdung der Menschheit von sich selbst, statt als Hilfsmittel zur Selbsterkenntnis und damit Klassenerkenntnis der Individuen zu dienen, was nach Benjamins Auffassung ihrem Potential entspräche.

Um sich Benjamins Vorstellungen anzunähern, ist es sinnvoll, sich zunächst mit der Veränderung der Wahrnehmungsweise zu beschäftigen, in deren Zentrum die Begriffe Aura und Chock stehen. Aura ist als jene Form der Rezeption zu verstehen, in der sich Menschen seit jeher dem Kunstwerk (aber nicht nur jenem) näherten und die mit der Entwicklung der Fotographie endgültig krisenhaft wurde. „Was ist eigentlich Aura? Ein sonderbares Gespinst aus Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einem Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft – das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen.“ (Benjamin, GS I·2, S. 440). Die Aura als Eigenschaft eines Kunstwerkes ist für Benjamin wesentlich seine Echtheit als Träger seines Hier und Jetzt. Verortung und Zeitlichkeit machen jenen Zauber aus, der sich dem Rezipienten als dessen Aura erschließt. Es hat eine Geschichte und legt Zeugnis ab von der Zeit, der es entstammt, den Ereignissen und Orten, den wechselnden Besitzverhältnissen, nicht zuletzt von seiner kultischen und religiösen Bedeutung zur Zeit seiner Entstehung und an gegenwärtigem Orte. All dies macht seine Aura aus und ist gebunden an seine Einzigkeit, seine Echtheit. Keine Reproduktion kann diese, seine Aura erben, mag sie ihm auch noch so ähnlich sein, niemals kann es die Spuren der Veränderungen der physischen Struktur des Originals und die Geschichte seiner Besitzverhältnisse reproduzieren. Die Aura, die den Betrachter des Kunstwerks umfängt, steht und fällt mit seiner historischen Zeugenschaft.

Alles, was uns in der Natur begegnet, Berge, Landschaften, Pflanzen, Bäume, haben eine Aura, in die wir uns versenken, die wir einatmen können. Doch nur beim Kunstwerk erwächst sie aus der Echtheit, die sich in seiner Verankerung im Kult ausdrückt. Die Veränderung, die die Rezeption der Kunst in der Geschichte erfährt läßt sich an den Begriffen Kultwert und Ausstellungswert festmachen. Der Kultwert beschreibt ursprünglich den Wert des Kunstwerkes als Gegenstand kultischer Verehrung und in seinem letzten Stadium als Ausdruck religiöser Empfindungen. Der Ausstellungswert zeigt den Wert desselben als Gegenstand der Betrachtung von Einzelnen oder Massen auf. Im Anfang der künstlerischen Betätigung des Menschen war der Kultwert ihrer Produkte zur Gänze, deren Ausstellungswert überhaupt nicht gegeben. An der magischen Figur des Schamanen, wie noch heute am Madonnenbild, war nur wichtig, daß es existierte, nicht daß es irgend jemand zu Gesicht bekam. Auch noch die Malerei der Neuzeit erweckte im Betrachter Gefühle, die ihre Herkunft aus religiösen Empfindungen nicht zu verbergen vermögen. Doch schon waren die Kunstwerke aus ihren angestammten Orten, aus den Klöstern und Schlössern und Privathäusern ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt und alsbald würde man versuchen, sie in großen Ausstellungshallen einem Massenpublikum zu präsentieren, was schon ein Ausdruck der Krise ist, in die die alten Kunstformen geraten waren. Der Ausstellungswert hatte den Kultwert verdrängt und konnte dies nur, weil hiermit die Zertrümmerung der Aura einherging. Auf die Bühne der Geschichte waren nun Kunstformen getreten, deren Technologie geradezu auf dem Prinzip der Ausstellbarkeit beruhte, die, ihrer Struktur nach ganz auf Reproduzierbarkeit ausgerichtet, des Begriffes des Originals gänzlich abhold waren und damit jeder Grundlage für das Vorhandensein einer Aura entbehrten, Fotographie und schließlich der Film. „In der Photographie beginnt der Ausstellungswert den Kultwert auf der ganzen Linie zurückzudrängen. Dieser weicht aber nicht widerstandslos. Er bezieht vielmehr eine letzte Verschanzung und die ist das Menschenantlitz. Keineswegs zufällig steht das Porträt im Mittelpunkt der frühen Photographie. Im Kult der Erinnerung an die fernen oder die abgestorbenen Lieben hat der Kultwert des Bildes die letzte Zuflucht. Im flüchtigen Ausdruck eines Menschengesichts winkt aus den frühen Photographien die Aura zum letzten Mal.“ (Benjamin, GS I·2, S. 445)

Keineswegs ist dieses Geschehen singulär als ein Ergebnis der Entwicklung der bildlichen Reproduktionstechniken zu verstehen. Was die technischen Verfahren ermöglichten, löste Forderungen ein, die sich aus der Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ergaben. Oder anders gesagt: die Entstehung des Films als Kunstform war ein notwendiger Reflex der durch die technische Revolution veränderten Sinneswahrnehmung der Massen. Die Aura mußte zertrümmert werden, weil nur die an ihre Stelle tretende Apperzeptionsform des Chocks es dem Menschen ermöglichte, sich angesichts seiner Selbstentäußerung in der Maschinerie zu behaupten.

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Details

Titel
Aura und Chock. Die Veränderung der Wahrnehmungsweise durch Technologie
Untertitel
Zu Walter Benjamins Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit"
Hochschule
Universität Bremen
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
7
Katalognummer
V277860
ISBN (eBook)
9783656708230
ISBN (Buch)
9783656710059
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aura, chock, veränderung, wahrnehmungsweise, technologie, walter, benjamins, essay, kunstwerk, zeitalter, reproduzierbarkeit
Arbeit zitieren
Dieter Stubbemann (Autor), 2005, Aura und Chock. Die Veränderung der Wahrnehmungsweise durch Technologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277860

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