Einführung in die französische Kulturwissenschaft und Landeskunde

Zusammenfassung in Stichpunkten


Vorlesungsmitschrift, 2010
24 Seiten

Leseprobe

Vorlesung 1: Allgemeine Begriffe der Kulturwissenschaft

Stereotypen: relative starre, konstante, überindividuelle Vorstellungsbilder

-Vereinfachungen, Verallgemeinerung
-Werturteile
- Autostereotype: Selbstbilder
- Heterostereotype: Fremdbilder
-Stereotype stabilisieren Außengrenze kultureller Identität durch Konstruktion von Selbst- und Fremdbildern
-Stereotype stellen Orientierungswissen bereit, das komplexe Umwelt verständlich und überschaubar macht
-Pauschalisierung, die Individualität unterdrückt!

Stereotypenforschung: Ziel ist nicht Wahrheit von Stereotypen zu ergründen, sondern Funktion und Wirkung von Stereotypen, in Prozessen kollektiver Identitätsbildung.

Frankreichbilder (aus Deutschland, traditionell)

- Gelassenheit, liebenswert, lebenslustig, Freude am Genießen

Frankreich aus eigener Sicht

- Rettermythen wie Jeanne d’Arc (traditionell)
-Geburtsstunde Frankreichs als Grande Nation
- 1789: Selbstbefreiung des Volkes um der Welt Freiheit zu bringen
- Land des technischen Fortschritts (TGV)
- Heterogenität der frz. Gesellschaft

Was ist Kultur?

- kein einfaches Phänomen neben Staat, Religion, Politik (nicht nur Musik, Literatur, Kunst)

3 Dimensionen von Kultur

- Mentale Dimension = Mentalitäten

- Soziale Dimension = Gesellschaft und Institutionen

- Materielle Dimension = künstlerische Artefakte

-Dimensionen sind wechselseitig voneinander abhängig und dynamisch (wandelbar)
-Kultur wird vom Menschen produziert, ist deshalb veränderbar
-Kultur dient als Identifikation von Individuum mit einem Kollektiv

Was leistet Kulturwissenschaft?

- Wie verbinden sich Individuen zu einer Gemeinschaft?

- Was verbindet diese?

-Phänomene zur Kollektivbildung

- Zusammenhänge für „Wir-Gefühl“

- Kulturanalyse: Strukturen von Kultur freilegen, „dekonstruieren“ anhand indirekter Faktoren (z. B. Literatur)

Kulturelle Identität

- gemeinsame Regeln, Normen und Werte eines Kollektives
- gemeinsame Erinnerungen

Landeskunde

- Verbindung diverser Disziplinen
- untersucht Texte als konkrete Quellen für Aussage über Bindungen u. Entwicklung v. Texten u. Kulturen
- Hintergrundwissen und Kontextwissen über fremdes Land
-messbares, deklaratives Wissen (Faktenwissen)

Kulturwissenschaft

- Programme von Kulturen
- Funktion von Gegenständen innerhalb kultureller Denkweise (Texte…)
- keine neue Universalwissenschaft
- Vernetzung verschiedener Bereiche; unterschiedliche Diskurse, welche klar machen, dass Kultur stets multiperspektiv gebunden ist
-Erschließen von Unbeobachtbarem anhand von Beobachtbarem

Vorlesung 2: Deutsch-frz. Beziehungen

Französische Deutschlandbilder

- Deutsche als Barbaren à „Die Entdeckung des Boches“ (Dickschädel)
- Deutsche erdrückend, kriegerisch à Soldat erdrückt Marianne, Marianne entreißt Germania Maske, hinter der sich hässlicher, deutscher Soldat verbirgt

Deutsche Frankreichbilder

- Frankreich habgierig: nach 1. WK Frankreich will Deutschland Ruhrgebiet entreißen

- nach 2. WK erste zaghafte Annäherung
- 1950er allmähliche Aussöhnung
- ab 1963 „Hochzeit“ à Partnerschaft beider Länder

Geschichte dt.-frz. Beziehungen

1. Vorgeschichte
- gemeinsamer Ursprung: Reich Karl des Großen
- 843 Teilung in 3 Reiche: Frankreich, Lothringen und Germania
-bis dato: keinerlei Nationen, FR zentralistisch; DE föderativ
-Dynastien verschiedener Herrschaftsgebiete
- ab 16./17. Jahrhundert erste Nationalbestrebungen
- Frankreich umzingelt von Habsburgern
-Konfliktpotenzial, aber überdeckt von Vormachtstellung frz. Kultur
- Rhein erst im 17. Jh. Grenzfluss wegen Eroberung Louis XIV.
-Herauskristallisieren von Rivalitätsbeziehung

2. Befreiungskriege Napoleons: Entstehung Erbfeindschaft

- Bild des Erbfeindes: hält 150 Jahre an, kombiniert mit 4 Kriegen
- 1806: Zerschlagung dt. Fürstentümer durch Napoleon
- von dt. Seite: Franzosen als Feine deklassiert, Deutsche überlegen, kriegsbereit
-Entwicklung von Nationalcharakteren
-Gegensatz DE/FR: Deutschland männlich, stark; FR weiblich, schwach

3. Deutsch-frz. Krieg

- Einigungsprozess Deutschlands à Frankreich fürchtet deutsche Konkurrenz
- Niederlage Frankreichs: radikale Veränderung der Beziehungen
- Krönung Wilhelms I. in Versailles
-Demütigung Frankreichs, Bismarck Ikone der Reichsgründung
- Angst Frankreichs vor Übermacht Deutschlands, Revanchegedanken
- Elsass bis 1918 an Deutschland, Elsass 1940 durch Nazis erneut annektiert, ab 1945 wieder frz.

4. Zwei Weltkriege: Die Deutschen werden zu Barbaren

- rassische Stereotypen: Deutsche als Barbaren
- Kaiser ist Tyrann, „Défendre la civilisation (la France) contre la barbarie“
- Feindbilder zur Legitimation von Krieg
-Erbfeindschaft als folgenreiches Konstrukt
- später: Kollaboration Frankreichs mit Nazideutschland als Trauma

5. Gegenwärtige Entwicklung der Beziehungen

- 3 Phasen: Annäherung, Aussöhnung, Partnerschaft
- Institutionalisierung der Partnerschaft
-Überwindung alter Rivalität
- dt.-frz. Vertrag
-Austausch beider Länder; gegenseitiges Kennenlernen
- polit. Interesse: Position Deutschlands/Frankreichs stärken als Gegengewicht zu USA/GB
- bis heute: DE männlich, FR weiblich dargestellt
- nach Wiedervereinigung 1989: Frankreich fürchtet Wiedererstarken Deutschlands
-Übermacht Deutschlands
-Bevölkerung jedoch positiv gestimmt
- bis heute wichtigste Handelspartner; enge, wechselseitige Interdependenz

Vorlesung 3: Die Entstehung Frankreichs

Das hexagone Frankreich: Grundfragen und räumliche Strukturen

1. Wie ist heutiges Frankreich entstanden?

- früher: natürlich Grenzen, die FR begrenzen

-so musste FR entstehen

- FR: Rhein ist Grenze, DE: Vogesen sind Grenze à ideologische Aufladung

a) Überblick geograf. Raum

- keine Nation so früh geografisch herausgebildet (bereits 1604)

-starke mentale Identifikation mit Einheit Frankreichs
-geschlossene, nationale Einheit
-jedoch: Zentralmassiv bildet keine Einheit
- Lucien Febvre: Grenzen nicht natürlich, sondern durch historische Entwicklung bedingt; Nation definiert sich durch „gemeinsame Gewohnheiten“
-Nation als Grundlage des frz. Selbstverständnisses, jeder, der sich zu gemeinsame Werten bekennt ist Franzose
-jedoch: natürliche Grenzen als Herrschaftslegitimation

b) Durchgangsräume

2 Achsen (Nord-Süd/Ost-West) mit Schnittpunkt Paris

-gehen auf Völkerwanderungszeit zurück

- bis heute: Norden besser erschlossen, wirtschaftlich bedeutender als Süden

-Konzentration aller Macht in Paris, Übermacht

2. Phasen der Herausbildung des Staatsgebietes

a) 843: Nach der Reichsteilung (Vertrag von Verdun)

-ab dann: getrennte Weger beider Staaten

- westfränk. Reich: Vulgärlatein à später Frz.

- ostfränk. Reich: Deutsch als Volkssprache

- bis 1000 Zusammenschrumpfen des königl. Einflusses, Herausbildung einzelner Fürstentümer

-danach: Karpetinger erobern einzelne Gebiete

b) Hundertjähriger Krieg mit England

- Zäsur

- Jeanne d’Arc beendet Krieg 1429 in Orléans à England verzichtet auf Thronanspruch

c) Frz. Provinzen im 17./18. Jh.

- Eroberung verschiedener Provinzen, die aus langer Feudalherrschaft entstanden sind

- Raum Frankreichs bis heute

- Einfluss d. Absolutismus: Beamte des Königs in jeder Provinz

-Nationalstaatliches Denken, Vorläufer des Nationalstaats

d) Frz. Revolution 1789

- heutige Verwaltungsgliederung in 95 Departements

- Republik: FR weiterhin als Nationalstaat

-Einteilung nach „égalité-Prinzip“; jede Provinz in etwa gleich groß; gleiche Lebensbedingungen der Bevölkerung
- 1 Tagesritt muss Präfektur (Hauptstadt des Departements) erreicht werden
- Lyon/Paris kleiner, um Einfluss zu limitieren
-Verwaltungsstruktur bis heute evident
- dann: Jakobiner verstärken Pariser Einfluss durch Präfekte
-Etappenweise Formierung des Raumes FR
-uneinheitlicher historischer Prozess, jedoch Vereinheitlichung sehr schnell
- dennoch: Paris als Zentralmacht erhalten

Vorlesung 4: Die Revolution von 1789 als Ereignis und Erinnerungsort.

1. Die Revolution und die Grundlagen des französischen Nationalbewusstseins - Grundstrukturen und Probleme

- Umbruch als Tragweite: wichigstes Ereignis der Moderne

- Revolution als «lieu de mémoire»

- Selbstverständnis frz. Geschichte ist Revolution à 1. Republik

- Kontinuitätsbewusstsein Frankreichs im Blick auf eigene Geschichte à siehe 5. Republik

- Symbole der Republik: Ursprung in frz. Revolution

- Nationalbewusstsein = Nation

-Revolution = Republik = Nation
-frz. Revolution = Anfang des modernen Frankreich
-Frankreich entwickelt Missionsverständnis; Fortschritt/Modernität nach Europa/in die Welt

3 Probleme der Konstruktion

- Vorgeschichte FR

- Besatzungszeit Frankreichs

- Erinnerungskonkurrenz als mögliche Geburtsstunde Frankreichs

1. Taufe Chlodwigs (Christianisierung)

2. 987 Wechsel der Dynastien

3. 1429 Ende des 100jährigen Kriegs durch Jeanne d’Arc

- folglich: Revolution als Einheit; 1789 am engsten mit Revolution verbunden

2. Zentrale Ereignisse und symbolische Inszenierungen des Neuen: Vier zeitgenössische Gemälde

Ausgangslage 1789:

- Feudalgesellschaft
-95 % der Bevölkerung 3. Stand
-Boden mit Abgaben belastet
-Adel (Beamte)/Klerus privilegiert; keine Abgaben
-Absolutismus: König als absolute Autorität; kein Gegengewicht

1789 alte Ordnung in Krise

1, Schwächung des Steuersystems à Ungerechtigkeitsgefühl
2. Soziale Krise à Hunger = Kritik an Gesellschaft, Auklärung
3. Finanzkrise à Überschuldung der Kröne (siehe amerik. Unabhängigkeitskrieg)

Revolution beginnt:

- Einberufung der Generalstände

-1./2. Stand fürchten um Privilegien
- Streit um Abstimmungsmodus führt zur Räumung des Sitzungssaals durch König
- Ausweichen der Abgeordneten des 3. Standes in Ballsporthalle (Ballhaus)
-Erklärung zur Nationalversammlung als Vertretung der Nation
-Ziel: Verfassung für Frankreich
-siehe: zeitgenössisches Gemälde zum Ballhausschwur

Sturm auf die Bastille am 14.07.1789

- Bruch mit alter Ordnung
- keine militärische Organisation, sondern spontaner Volksaufstand

Erklärung der Menschenrechte (Bild)

- Anlehung an religiöse Gesetzestafeln
-Licht der Aufklärung/Gottes Auge
-Trikolore = Farben der drei Stände, Kettenbruch: Bruch mit alter, unvernünftiger Ordnung
-Marianne als Frau löst König als Vater der Nation ab
- neue Ordnung ist gottgewollt, naturgegeben und vernünftig
- sakrale Dimension der neuen Ordnung als Legitimation
- Erklärung bis heute in Verfassung erhalten
- Bruch = Zäsur, Neuanfang
- Symbole: Traditionslinie (Marianne, Trikolore, Marseillaise)

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Einführung in die französische Kulturwissenschaft und Landeskunde
Untertitel
Zusammenfassung in Stichpunkten
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Einführungsvorlesung in die französische Landeskunde und Kulturwissenschaft
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V278103
ISBN (eBook)
9783656718789
ISBN (Buch)
9783656718796
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Landeskunde, Kulturwissenschaft, Frankreich
Arbeit zitieren
Tobias Molsberger (Autor), 2010, Einführung in die französische Kulturwissenschaft und Landeskunde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278103

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