Die Sprache der Musik in den "Canzone d'autore" von Lucio Dalla


Hausarbeit, 2011

29 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. La lingua della musica italiana
2.1 Linguistische Geschichte der canzone (di consumo) italiana seit Ende des Ottocento
2.1.1 Wandel zwischen Vorkriegs- und Nachkriegszeit
2.1.2 Musik der Cantautori ab den 70er Jahren
2.1.3 Die 80er Jahre: Italienische Rockmusik von Skiantos
2.1.4 Rap italiano
2.2 La lingua della musica di Lucio Dalla
2.2.1Textlinguistik/Diskursanalyse
2.2.1.1 Figuren der Wiederholung in „Come è profondo il mare“
2.2.1.2 Sprachliches Register: Italiano dell’uso medio / Italiano parlato als Substandart
2.2.1.3 Imperativ und direkte Anrede?
2.2.1.4 Temi liberi
2.2.2Syntaktische Besonderheiten: Dislokation
2.2.3Semantische Besonderheiten:
Sprachliche Bilder wie Vergleich, Metapher, Symbol, Hyperbel
2.2.4Lexikologie – auffällige Lexeme
2.2.4.1 Adjektive
2.2.4.2 Substantive und Verben

3. Zusammenfassung und Schlussbetrachtung

Bibliographie

Anhang

1. Einleitung

Spätestens seit dem Bestehen der Dialektologie und der Soziolinguistik steht fest, dass synchrone Sprachsysteme keine homogenen Gebilde darstellen, sondern über Varietäten realisiert werden (cf. Haase 2007: 41). So kann auch die Sprache der Musik, bzw. der canzone (di consumo) italiana als eine sprachliche Varietät im Rahmen der Sprache der Massenmedien angesehen werden und bietet sich als Untersuchungsgegenstand der Linguistik an (cf. Cortelazzo 1988: 208). Dabei muss berücksichtigt werden, dass diese Varietät genau wie andere Sprachvarietäten durch diachronische Veränderungen geprägt ist und je nach Stilrichtung und Adressatengruppe sehr unterschiedliche Inhalte und sprachliche Merkmale aufweisen kann. Ziel dee ersten Hälfte des Hauptteils dieser Hausarbeit soll also einerseits die Darstellung der linguistischen Merkmale der lingua della musica im Rahmen ihrer historischen Veränderungen während des Novecento sein, um zumindest tendenziell eine Vorstellung dieser zu gewinnen. Andererseits wird dies zwangsläufig mit einer Studie der Musikgenres einhergehen, die sich in Italien beispielsweise durch die Globalisierung und Verbreitung von Massenmedien im vergangenen Jahrhundert historisch entwickelt haben. Diese Betrachtungen sollen dabei nur für einige beispielhafte Genres, die bereits von ItalianistInnen untersucht wurden, erfolgen. Im zweiten Teil des Hauptteils soll die Beschäftigung mit dem Thema intensiviert werden, indem der Fokus auf eine bestimmte Musikrichtung gelenkt wird: dort soll es um die spezifischen linguistischen Merkmale in den canzoni d’autore von Lucio Dalla, einem der bekanntesten und beliebtesten italienischen Liedermacher, gehen. Da es unmöglich ist, alle Besonderheiten seiner Musiksprache zu erkennen und zu erläutern, soll auch hier an einigen ausgewählten Beispielen noch einmal sowohl auf einige allgemeine Besonderheiten der canzone d’autore, vor allem die Syntax und das sprachliche Register betreffend, als auch auf einige scheinbar für Lucio Dalla typische Merkmale, besonders in der Lexik, aufmerksam gemacht werden.

2. La lingua della musica italiana

Im folgenden Hauptteil soll in erster Linie eine diachrone linguistische Analyse erfolgen, also die Betrachtung der canzone italiana von Ende des Ottocento bis in die jüngste Vergangenheit mit Entstehung des rap romano. Sie geht mit einer diastratischen, diaphasischen und diamesischen Analyse einher, da die Musiker unterschiedlicher Genres sich bewusst unterschiedlicher sprachlicher Ausformungen bedienen, die mal in einem höheren, mal niedrigeren Register liegen. Da die Musiktexte des 20. Jahrhunderts nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend mündlich konzeptioniert wurden erfolgt gewissermaßen auch eine kurze diamesische Analyse.

2.1 Linguistische Geschichte der canzone (di consumo) italiana seit Ende des Ottocento

Im Folgenden soll eine Zusammenfassung über die Entwicklung des italienischen Lieds seit der Entstehung einer gemeinsamen italienischen Nation Ende des 19. Jahrhunderts gegeben werden. Besonderes Gewicht wird dabei auf die linguistische Betrachtung der Unterschiede zwischen Vor- und Nachkriegsmusik, der Musik der Liedermacher (cantautori), der Rocksongs und des Rap romano / italiano als sehr moderne musikalische Erscheinung im Rahmen der Globalisierung gelegt.

2.1.1 Wandel zwischen Vorkriegs- und Nachkriegszeit

Nach Borgna beginnt die Geschichte der canzone (di consumo) italiana 1848, als Santa Lucia komponiert wurde; die Entwicklung des italienischen Lieds fand jedoch Ende des Ottocento und Anfang des Novecento statt und bis dahin dominierten die dialektalen Lieder, wohingegen italiano u.a. für die Musik des Melodramas sowie der patriotischen und politischen Lieder reserviert war (cf. Cortelazzo 1988: 208).

„La lingua italiana è stata dominata, fino agli anni Sessanta, dalla tradizione aulica ripresa dal melodramma” (cf. Cortelazzo 1988: 214). Cortelazzo (1988) zufolge bedeutet dies, dass die italienische Musiksprache sowohl vor dem Zweiten Weltkrieg, als auch teilweise danach vor allem von höfischer und rhetorischer Lexik geprägt wurden sei, wie sich beispielsweise im Lied Addio tabarin von 1922 erkennen lässt: „addio tabarin / beffa atroce all’uman dolor / vituperio alla povera gente / che miseria muor”. Weiterhin führt der Autor aus, dass die Anordnung der Wörter in diesen Liedern nicht linear erfolge, vor allem, wenn das Verb am Ende des Satzes steht: „La nostra radio un’amica fidele sará / che con il mondo lontano riunirci potrá felicitá!“ aus dem Lied

E la barca tornò sola von 1954 (cf. Cortelazzo 1988: 214). Weiterhin seien Possesivpronomen häufig vorangestellt wurden, wie Cortelazzo weiter ausführt: “tutti i sogni miei / ti giungeran” heißt es in Tulipan von 1940. Diese Sprache passe sich den schwerwiegenden Themen an, die im Melodrama wie auch in der Opernlyrik des Ottocento behandelt werden: große Gefühle, Liebe, Tod oder Rache (cf. Cortelazzo 2000: 81)

Nach Lorenzo Coveri bahnen sich bereits in den 50er Jahren mit Nel blu dipinto di blu von Domenico Modugno Veränderungen der Sprache an, die nun eher an das spontane parlato, an die Alltagssprache gebunden ist: Modugno schaffte den Sprung vorwärts - nicht nur in linguistischer, sondern auch in rhythmisch-musikalischer Hinsicht.

2.1.2 Musik der Cantautori ab den 70er Jahren

Michele A. Cortelazzo legt dar, dass eine wahrhaftige Änderung des bisherigen Stils erst die cantautori in den 70er Jahren herbeigeführt haben, in dem sie Lexik und Syntax des italiano colloquiale della città benutzen (Cortelazzo 1988: 114). Die Liedtexte seien hier, nicht zuletzt analog zu den behandelten Themen, näher an der gesprochenen Alltagssprache, die realer und „wahrhaftiger“ wirkt, da sie losgelöst ist von den höfischen, indirekten und archaischen Formen von früher und auf skolastische und artifizielle Wendungen verzichtet (cf. Cortelazzo 2000: 80f.). Nach Tullio de Mauro (1977) träten bei den cantautori Redewendungen und Alltagssprache gehäuft auf wie beispielsweise bei Endrigo: "potete anche gridare / fare quello che vi pare”, “la pura verità” oder bei Lauzi: “quando mamma mia per sempre se ne andó" (Cortelazzo 2000: 85). Cortelazzo beobachtet, dass bei den italienischen Liedermachern das italiano dell´uso medio wie manchmal auch das italiano popolare als Substandart-Varietäten an Bedeutung gewinnen: “Santi che pagano il mio pranzo non ce n´è” (“Übereinstimmung des Sinngehalts”) singt Lucio Dalla in Piazza Grande. In Dallas Stück Disperato erotico stomp werde diesem Autor zufolge eine freiere und losgelöstere Themenwahl, wie sie für die canzone d’autore üblich ist, präsentiert: “Berlino, ci sono stato con Bonetti / era un po´ triste e molto grande”(cf. Cortelazzo 2000: 85). Weitere stilistische Merkmale stellten dem Autor zufolge die frasi scisse oder frasi pseudoscisse (z.B. bei Paolo Contes Onda su onda: “Che notte buia che c´è”) und Dislokationen bei der Wortstellung dar, wie im von Luigi Grechi geschreibenen Lied Il bandito e il campione: “Ma al proprio destino nessuno gli sfugge” oder bei Paolo Contes La canoa di mezzanotte: “La tua canoa, posteggiala/ In fodo al buio” (Cortelazzo 2000: 85f.). Cortelazzo hält auch fest, dass Neostandart oder Substandart der klitischen Pronomen der dritten Person bei Fosattis La musica che gira intorno erscheinen: “avranno mani e avranno faccia di chi non fa per niente sul serio / perché l´America così come Roma gli fa paura” oder bei Janaccis L´Armando: “comissario, sì l´Armando / era proprio il mio gemello / pero ci volevo bene / come fosse mio fratello” (cf. Cortelazzo 2000: 86). Außerdem macht er auf das sogenannte “che polivalente” und “ci attualizzante” aufmerksam, welche bei Francesco di Gregori eine große Rolle spielen: “stanotte bianca che nessuno puó dormire”: Capo d´Africa und “lui che c´ha gli occhi cosí tanquilli”: Eugenio: So bediene sich Cortelazzo folgend also auch ein Künstler mit “ausgefeilterem Stil” des italiano dell’uso medio (cf. Cortelazzo 2000: 86). Was die Lexik betrifft, so stelle seiner Meinung nach Paolo Conte ein interessantes, wenn auch sehr individuelles Beispiel dar: Er bediene sich eines seltenen und exotischen Vokabulars in dem er fremdsprachige Wörter, oftmals englische in seine Liedtexte einbaut und auch Schimpfwörter (parolacce) treten in einigen seiner Lieder auf wie z.B. in Bartali: “tra i francesi che si incazzano e i giornali che svolazzano” (cf. Cortelazzo 2000: 86f.).

2.1.3 Die 80er Jahre: Italienische Rockmusik von Skiantos

Michele A. Cortelazzo hält fest, dass, nachdem die cantautori in den 70er Jahren Musik und deren Sprache neu definierten, sich in den Folgejahren schrittweise auch andere neue musikalische Genres etablierten, die sich alle durch mehr oder weniger unterschiedliche neue Formen und Ausdrucksweisen auszeichneten: Gaber und Jannaci prägten Musiksprache in Jargon und Dialekt und Mogol, der Texter von Battisti, schuf den Höhepunkt der musikalischen Öffnung hin zur Alltagssprache und bald folgten Ende der 70er die jungen italienischen Rockbands, deren Musik sich vor allem durch „ungeordnete Hypersprache im Jargon“ auszeichne (cf. Cortelazzo 1988: 214). Maria Corti, die sich schon 1982 in dem Artikel „Parola di rock“ eingehend mit dieser Musik einer „neuen Generation“ beschäftigte, konstatiert, dass diese in Italien zunächst in Bologna mit der Gruppe Skiantos und in Milano mit Kaos Rock entstand (cf. Corti 1982: 46). Die Autorin sieht Skiantos als die wahrscheinlich „originellste und kreativste“ Formation an und bemerkt, dass diese sich bewusst als wahnsinnig oder verrückt ausgeben, so wie Menschen, die grundlegende Änderungen in der Kultur der Zeit fordern, oftmals von außen betrachtet werden (cf. Corti 1982: 47). So ergäbe sich nach Corti hinsichtlich der Lexik beispielsweise in Diventa demente ein semantisches Feld der Gegensätze zwischen dem, was Kultur ist oder nicht ist und Wörter wie „demente / sapiente /deficiente / deludente / ignorante / imponente / niente“ fielen besonders auf. Ein wichtiges linguistisches Merkmal der Rockmusik allgemein seien dieser Autorin zufolge ein niedriges Sprachregister voller Ironie, Sarkasmus und Wortspielerei sowie Umarmende Reime (rime baciate) eines iterativen und begrenzten Wortschatzes. Bei Skiantos sei die rhetorische Figur der Paranomasie („il mutamento organico di un fonema“) bei den sich umarmend reimenden Wörtern auffällig, z.B. in Io me la meno: „Basta!!: Non voglio più la pasta /odio la posta / rifiuto la festa…“ oder Io sono uno skianto: „skianto / affranto / tanto / vanto“. Was die sonst in dieser Hausarbeit unbeachtete Graphematik betrifft, so gibt es zumindest in der Rockmusik einige Besonderheiten: Corti merk die häufige Substitution des /k/ für /c/ in italienischen Rockmusiktexten an, z.B. auch bei Skiantos „skianto, makaroni, massakrami, banka, panka“, was ihr zufolge die kulturelle Neuorientierung und Unordnung ihrer Sprache genauso unterstreiche wie einige Ausdrücke der Jugendsprache: „mi stende, puttanaio, sbarba, sbarbina, ti rullo, brutto pesce“ (cf. Corti 1982: 49).

2.1.4 Rap italiano

Bei der Untersuchung des italienischen Rap ist es unerlässlich, zunächst darauf hinzuweisen, dass diese Musikform sich noch stärker als andere Genera an einem nicht-italienischen, hier amerikanischen Vorbild orientiert. Nach Arno Scholz gibt es einige „übereinzelkulturelle Regelmäßigkeiten“ in fünf europäischen Tochterkulturen des amerikanischen Rap, zu der auch die Italienische zähle: Szenediskurs im Sinne von „Boasting“ (Prahlerei) und „Dissing“ (Geringschätzung des anderen), was auf sprachlich-stilistischer Ebene mit der Präferenz mittlerer bis unterer Register einhergeht, welche Informalität, Expressivität und Emotivität erzeugen (cf. Scholz 2004: 54). Im Romanischen Rap sei diesem Autor zufolge die Anwendung von Substandart charakteristisch und ins Besondere im Italienischen kämen diatopische Varietäten zum Einsatz (Scholz 2004: 59). So rappt die römische Formation Colle der Fomento in ihrem Stadtdialekt:

i giorni passano sempre meno sole sempre piú sole
in piedi per poterle raccontare vivo mó
perché qualche cosa nella testa c´ho
questo dó, se m´avanzi qualche cosa io te lo daró
odio pieno se qualcuno perde qualcun´altro trova
SuperBeffa se la canta e Sebi je la sona

Scholz macht auf das Wortspiel mit dem Minimalpaar des erst geschlossenen, dann offenem <o> in der ersten Zeile ( ital. sóle "Sonne" - röm.sole "Reinfälle") aufmerksam und nennt weiterhin das mittel- bis süditalienische "mo" für "jetzt" und "je" statt "glie" als Realisierung des Dativpromoms. Bei Colle der Fomento finden sich auch einige Anglizismen, wie in Quando verrà il momento „play“, „beat“ und „Funk“. Als Beispiel für „gergo giovanile“ dient in diesem Song „sto flippando“ und für das niedrige Register „credevi che la merda che sta in giro avesse più valore“. Auch die Bezüge zur eigenen Subkultur existieren in diesem Lied: „scomodo come Speaker Zou“ oder „vuole giocare con il Danno“.

Bemerkenswert sei Scholz zufolge auch die geniale Kreation von Metaphern, Metonymien, Alliterationen und Wortspielen. Metaphern können beispielsweise bei Jovanotti endeckt werden: „Ti porto in dono un raggio di sole per te“ in Un raggio di sole; „ Ora la città è un film straniero senza sottotitoli“: Fango. Und auch Alliterationen stecken in Un raggio di sole: m’hai scritto sempre, ma era scritto sulla sabbia“. Ein Wortspiel wurde bereits vorweg bei Colle der Fomento beschrieben.

Wenn auch der Stil des romanischen Rap dem des amerikanischen Muttermodells ähnlich ist, so ergeben sich doch in vielerlei Hinsicht eigene sprachspezifische Merkmale, die in Zukunft noch großes Forschungspotential für die Italianistik bieten dürften.

2.2 La lingua della musica di Lucio Dalla

Lucio Dalla, einer der bekanntesten italienischen Liedermacher wurde 1943 in Bologna geboren und widmete sich schon früh der Musik, so dass er bereits mit 16 Jahren Profiklarinettist war wie Thomas Röder in seinem Artikel „Rhythmische Strategien in den canzoni von Lucio Dalla“ festhält (cf. Röder 1997: 43) . Nach und nach widmete sich Lucio Dalla auch dem Texteschreiben, 1964 betrat er die Welt der canzone und ab 1977, dem Jahr seines Durchbruchs mit dem Debutalbum Come è profondo il mare, schrieb er seine Texte weitgehend selbst (cf. Röder 1997: 43). Nach Röder könne man die Liedtexte Dallas nicht analysieren, ohne von einem „textlich-musikalischen Gesamtkorpus“ auszugehen, da bei ihm die Poesie auf Grund seines primär musikalischen Talents im Kontext zu rhythmisch-melodischen Gestaltungsformen zu betrachten sei (cf. Röder 1997: 43). Im Folgenden soll unter Berücksichtigung dessen trotzdem eine linguistische Analyse der Musiksprache Lucio Dallas an Hand einiger Beispiele aus seinen canzone erfolgen, da sowohl bei der literaturwissenschaftlichen als auch bei der linguistischen Analyse die Tatsache, dass ein Liedtext immer gewissermaßen an äußere musikalische Formen gekoppelt ist, von vornherein berücksichtigt werden sollte. So konstatiert Dieter Burdorf:

Wenn ein Gedicht als Lied konzipiert ist, das heißt mit Blick auf seine Vertonung oder sogar zu einer schon vorhandenen Melodie geschrieben wird, [ … ] dann ist die poetische Sprache nicht autonom (also ihren eigenen Regeln unterworfen), sondern geöffnet in Richtung auf das andere Medium, die Musik – wie diese sich umgekehrt für die sprachlichen Strukturen offen halten muss.“ (Burdorf 1997²: 24f.).

Dies dient im Folgenden als Voraussetzung für die linguistische Analyse der besonderen Merkmale der Musiksprache und der Poesie im Lied.

2.2.1 Textlinguistik/Diskursanalyse

Im Folgenden sollen einige Aspekte der Textlinguistik betrachtet werden: wie ist der Text strukturiert (im Bezug auf Figuren der Wiederholung), welches sprachliche Register wird verwendet, wer wird eigentlich angesprochen und welche Themen werden behandelt?

2.2.1.1 Figuren der Wiederholung in „Come è profondo il mare“

Burdorf ist der Meinung, durch die Angleichung an musikalische Strukturen entstünden in der Sprache der Musik sehr häufig Figuren der Wiederholung wie z.B. ein ebenmäßiges Metrum, ein Refrain und das Fokussieren der Klangebene durch Reim und Assonanz (cf. Burdorf. 1997²: 25).

In Come è profondo il mare fallen diese Wiederholungsfiguren ins Auge. Schon zu Beginn des Liedes findet sich eine Anapher: „Siamo noi, siamo in tanti“, die wenige Zeilen später noch einmal aufgegriffen wird: „siamo gatti nei, siamo pessimisti, siamo i cattivi pensieri“. Es gibt zahlreiche weitere Anaphern, z.B.: „non c'è più lavoro, non c'è più decoro“ oder „così stanno bruciando il mare / così stanno uccidendo il mare / così stanno umiliando il mare / così stanno piegando il mare“. Der Refrain „ma come è profondo il mare/ come è profondo il mare“ zieht sich mit fünffacher Wiederholung durch das Lied und wird noch intensiviert durch die häufig auftretende allein stehende zweite Refrainzeile „come è profondo il mare“. Es findet sich auch ein (antithetischer) Parallelismus: „caccia via queste mosche che non mi fanno dormire, che mi fanno arrabbiare“ und vielfältige andere Formen der Wiederholungen, z.B. der des gleichen Wortes innerhalb weniger Zeilen: „E' chiaro che il pensiero fa paura e dà fastidio anche / se chi pensa è muto come un pesce / anzi è un pesce / e come pesce è difficile da bloccare“. Es existieren in diesem Lied auch Reime („automobilisti / linotepisti / pessimisti“), die allerdings nicht wie z.B. nach Maria Corti (1982) in der Rockmusik kontinuierlich in einem bestimmten, typischen Reimschema erscheinen. Auffällig ist, dass dem Refrain immer ein sich auf „mare“ reimendes Wort, meist in Form einer finiten Verbform mit der Endung „-are“, vorausgeht: „mi fanno arrabbiare / ma come è profondo il mare / come è profondo il mare“ oder „del male, di farci annegare / ma come è profondo il mare / come è profondo il mare“ bzw. „cadere a piangere e a urlare /solo in mezzo al mare/ come è profondo il mare”. In Disperato erotico stomp findet sich ein tolles Beispiel für einen weiteren Reim: „Poi m’hai detto, poveretto il tuo sesso dallo al gabinetto“.

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Sprache der Musik in den "Canzone d'autore" von Lucio Dalla
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Varietätenlinguistik
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
29
Katalognummer
V278120
ISBN (eBook)
9783656726517
ISBN (Buch)
9783656726487
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musik, Cantautori, Liedermacher, Rap italiano, Lucio Dalla
Arbeit zitieren
Sarah Fritzsche (Autor:in), 2011, Die Sprache der Musik in den "Canzone d'autore" von Lucio Dalla, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278120

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