Der sinnreiche Junker und seine Brüder. Intertextualität in und zu Cervantes’ "Don Quijote"


Hausarbeit, 2006

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff Intertextualität
2.1. Schwierigkeiten der Definition
2.2. Bisherige Definitionen
2.3. Angewandte Definition des Begriffs

3. Intertextuelle Bezüge Don Quijotes auf die Ritterromane
3.1. Die Ritterromane allgemein
3.2. Der Ritterroman Amadís de Gaula

4. Die Rezeptionsgeschichte Don Quijotes an Beispielen
4.1. Henry Fielding: Joseph Andrews (1742)
4.2. Gilbert K. Chesterton: The Return of Don Quixote (1927)
4.3. Sonderfall: Der Bezug auf sich selbst

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Der spanische Roman El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha von Miguel de Cervantes (im Folgenden stets kurz Don Quijote genannt) hat in der Literatur einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Er erlebte bis jetzt 2300 Auflagen und 68 Übersetzungen und ist damit nach der Bibel das am häufigsten übersetzte Buch.[1] Die Figur wurde als Synonym für die unterschiedlichsten Typen verstanden und löste eine Flut von Nachahmungen, Parodien und anderen Adaptionen aus.

Aus diesem Grund ist der Roman besonders geeignet, ihn als Beispiel für das Prinzip der Intertextualität anzuführen. Nicht nur, dass er als intertextueller Bezug von zahlreichen Texten heranzuführen ist, er bezieht sich selbst auch in einem großen Maße auf eine bestimmte Gattung: Die Ritterromane.

Die vorliegende Arbeit kann und will nicht den Stand der gesamten Intertextualitätsdebatte wiedergeben, geschweige denn eine neue Theorie entwickeln. Die bekannten Definitionen werden kurz umrissen, um das in dieser Arbeit verwendete Verständnis darin einzubetten.

Vor dem Hintergrund einer relativ eng gesteckten Definition dieses Begriffs soll der Facettenreichtum von Intertextualität anhand einiger weniger Beispiele gezeigt werden, die natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben können. Die Arbeit beschränkt sich auf zwei sehr unterschiedliche Exemplare des englischen Sprachraums, die außerdem aus unterschiedlichen Epochen stammen und erwähne Beispiele aus anderen Ländern und Epochen nur am Rande. Der Don Quijote wurde in England am stärksten rezipiert.

Die Arbeit beschäftigt sich also zum einen mit der Frage, welche Literatur den Quijote-Roman beeinflusst hat und zum andern, wie der Don Quijote die nachfolgende Literatur beeinflusst hat. Dies soll unter anderem verdeutlichen, dass Intertextualität eng verknüpft ist mit der Einflussforschung und der Rezeptionsgeschichte[2]. Sie ist sozusagen ein wichtiger Teil dieser Forschungsrichtungen.

2. Der Begriff Intertextualität

2.1. Schwierigkeiten der Definition

Für den Begriff Intertextualität gibt es bisher keine einheitliche Definition. Er ist so komplex, dass er sehr gegensätzlich verstanden und interpretiert werden kann. Viele Theoretiker haben sich schon daran versucht, eine Definition des Begriffs zu schaffen; die wichtigsten sollen hier kurz dargestellt werden.

Horst Weich weist darauf hin, dass „[bereits] die aristotelische Definition von Kunst als Mimesis das Prinzip der Intertextualität [impliziert], insofern Mimesis nicht nur als Nachahmung der (menschlichen) Natur verstanden wird, sondern auch als Nachahmung mustergültiger Autoren und mustergültiger Werke.“[3]

2.2. Bisherige Definitionen

Die Grundlage für die Definition von Intertextualität bildet in vielen Fällen der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin (1895-1975), der bereits vor dem ersten Weltkrieg über die Dialogizität von Texten gesprochen hat. Darunter versteht er, dass ein Text kein in sich abgeschlossenes Gebilde ist, sondern immer auch in Beziehungen zu anderen Texten steht. Wer also einen beliebigen Text liest, liest auch immer indirekt verschiedene andere Texte mit. Der Text bzw. die Stimmen des Textes teilen sich dem Leser also nach Bachtins Verständnis innerhalb des kommunikativen Prozesses eines Dialogs mit. Bachtin meint aber damit ebenso den Dialog der Stimmen innerhalb eines Textes.[4]

Der Begriff Intertextualität wurde allerdings erst in den 1960er Jahren von der französisch-bulgarischen Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva (*1941) geprägt. Sie ist die Begründerin der Gruppe der Intertextualitäts­forscher, die den Begriff am weitesten fasst. Ausgehend von Bachtins Theorien definiert sie Intertextualität als etwas, das jedem Text per se eigen ist. Text ist für Kristeva alles Sprachliche. Der Text tritt also nicht mit dem Leser in einen Dialog ein, sondern mit anderen Texten. Ein spezifischer Autor ist hier nicht mehr wichtig, Autor, Subjekt und Werk sind also textübergreifend aufgelöst.[5]

Kristeva bezeichnet jeden Text als „Mosaik von Zitaten“:

Im Prozeß der Transformation und Ersetzung innerhalb eines (allgemeinen) Textes, der alle (Sub-) Texte miteinschließt, ist jeder einzelne Text ein Mosaik aus Zitaten. Er setzt sich nur durch die Transformation anderer Texte zusammen und ist wesentlich durch seine Aktivität und Prozessualität gekennzeichnet. Er nimmt das vorhandene Zeichen- und Textmaterial auf und überführt es in eine neue Ordnung.[6]

Eine ähnliche Auffassung vertritt auch Roland Barthes. Er bezeichnet jeden Text als Verflechtung von Zitaten. Deshalb kann jeder Einzeltext nie außerhalb eines grenzenlosen Übertextes existieren.[7]

Als weitere wichtige Vertreter dieser weit gefassten Auslegung von Intertextualität gelten Jaques Derrida und Wolfgang Iser. Derrida sagt zum Beispiel, Texte verweisen immer auf andere, weil sie alle Teil eines „texte général“ sind.[8]

Das heißt, diese Interpretation der Begriffe Text und Intertextualität stellt eine Generalisierung dar, die für den Gebrauch und die Analyse von Literatur im engeren Sinne heute weithin als unbrauchbar gilt.

Eine sehr umfassende Kategorisierung der Text-Text-Beziehungen hat der französische Literaturwissenschaftler Gérard Genette (*1930) vorge­nommen. In seiner Schrift Palimpsestes benennt er die verschiedenen Möglichkeiten von Text-Text-Beziehungen mit unterschiedlichen Fachtermini. Was bisher als Intertextualität im weiteren Sinne bezeichnet wurde, nennt er Transtextualität. Diese stellt „manifeste oder geheime Beziehungen zu anderen Texten“[9] dar.

Der Begriff Intertextualität taucht bei ihm als einer von 5 Typen der Transtextualität auf, der sich auf die Funktion einer wirklichen Anwesenheit eines Textes in einem anderen – in Form von Zitaten, Plagiaten oder Anspielungen – beschränkt. Er bezeichnet Intertextualität als „effektive Präsens eines Textes in einem anderen“ bzw. als „Kopräsenz zweier oder mehrerer Texte“.[10]

Als die wichtigste der Text-Text-Beziehungen bezeichnet er die Hypertextualität. Hier findet der Bezug eines Hypertextes (=der Bezug nehmende Text) auf einen Hypotext (=der Text, auf den sich bezogen wird) statt. Die viel zitierte Aussage Genettes soll auch hier nicht unerwähnt bleiben:

Darunter [unter Hypertextualität] verstehe ich jede Beziehung zwischen einem Text B (den ich als Hypertext bezeichne) und einem Text A (den ich, wie zu erwarten, als Hypotext bezeichne), wobei Text B Text A auf eine Art und Weise überlagert, die nicht die des Kommentars ist.[11]

Nach Genette beschreibt also ein Hypertext einen Text, der einen früheren Text nachahmt und durch diese Transformation zu einem neuen Text wird.

Und da jeder Text etwas von einem anderen hat, sind alle Texte in gewissem Sinne Hypertexte.

Wenn ein Text nicht offensichtlich intertextuell (bzw. hypertextuell) ist, ist es Aufgabe des Lesers, die Bezüge aufzuspüren. Das heißt, dann ist es von den Vorkenntnissen des Lesers abhängig, ob er die Intertextualität eines Textes erkennt bzw. alle Bezüge aufspürt. Denn ein Text kann ja zu mehreren Texten Bezug nehmen, von denen nicht alle jedem Leser bekannt sein müssen. So kann ein Text jedem Leser auf andere Weise intertextuell erscheinen.[12]

Die restlichen Typen von Transtextualität sind Paratext, Metatextualität und Architextualität. Die Erläuterung dieser Typen ist aber für das hier verwendete Verständnis von Intertextualität unnötig.[13]

Später haben sich unter anderem Renate Lachmann und Karlheinz Stierle mit dem Begriff auseinandergesetzt und ihn – ausgehend von früheren Definitionen – für den Gebrauch am Text eingegrenzt. Ebenso Manfred Pfister, Ulrich Broich oder Michael Riffaterre.

Renate Lachmann stellt fest, dass der Begriff Intertextualität eine „irritierende Dimension“[14] angenommen hat. In Ebenen des Intertextualitätsbegriffs[15] fragt sie sich, wie bzw. wofür der Begriff sinnvoll zu gebrauchen ist: als Kategorie für die Implikativität oder Interferenz von Texten oder schlicht als Literaturkritik.[16]

Grundsätzlich stellt Intertextualität für Lachmann eine Textreferenz dar. Jeder Text ist selbst zugleich Prätext und Subtext.

Karlheinz Stierle sieht Text und Prätext „durch eine Fragestellung verbunden, die zwar in den beiden Texten unterschiedliche Deutungen und Antworten erfahren kann, sie aber dennoch auf ein ihnen Gemeinsames bezieht.“[17]

Jeder Text situiert sich in einem schon vorhandenen Universum der Texte, ob er dies beabsichtigt oder nicht. Die Konzeption eines Textes finden heißt, eine Leerstelle im System der Texte finden oder vielmehr in einer vorgängigen Konstellation von Texten.[18]

Seiner Meinung nach muss nicht der Leser sein Wissen über die Prätexte einbringen, sondern der Text selbst legt sie offen dar. Die vollständige Erfassung aller intertextuellen Phänomene in einem Text stellt für ihn eine unlösbare Aufgabe dar.

Die Stimme des Textes ist begleitet vom Rauschen der Intertextualität. In jedem Wort ist das Rauschen seiner Bedeutungen und Verweisungen vernehmbar. Jeder Satz, jede Satzbewegung löst Erinnerungen, Verweisungen aus, und bei entsprechender Richtung der Aufmerksamkeit kann das Rauschen der Intertextualität die Stimme des Textes übertönen.[19]

Eine Übersetzung ist für ihn „eine Form der eindeutigen, artikulierten Intertextualität.“[20]

Manfred Pfister und Ulrich Broich fassen in ihren Schriften die bisherigen Konzepte der Intertextualität zusammen und modifizieren sie für den Gebrauch am Text. Sie möchten Intertextualität von Nicht-Intertextualität unterscheiden und verstehen den Begriff deshalb nicht wie Kristeva als etwas, das allem Textlichen „mit der Textualität bereits gegeben“ ist.[21]

Als direkten Verweis auf einen Prätext nennen sie hier auch den Begriff Referentialität.[22] Die „Bewusstheit des intertextuellen Bezuges beim Autor wie beim Rezipienten“ und die „Intentionalität und [die] Deutlichkeit der Markierung im Text“ wird als Kommunikativität bezeichnet.

Nur werkgenetisch oder nur durch den Rezipienten willkürlich an den Text herangetragene Prätexte oder Textfolien konstituieren gemäß diesem Kriterium nur schwache intertextuelle Bezüge , während der harte Kern maximaler Intensität hier erreicht ist, wenn sich der Autor des intertextuellen Bezuges bewußt ist, er davon ausgeht, daß der Prätext auch dem Rezipienten geläufig ist und er durch eine bewußte Markierung im Text deutlich und eindeutig darauf verweist.[23]

Michael Riffaterre sieht intertextuelle Bezüge als Brüche im Text. Zitate und Anspielungen bleiben innerhalb eines Textes immer auffällig und unterbrechen die geradlinige Lektüre.

Von den gängigen Konzepten abweichend rekonstruiert der amerikanische Literaturwissenschaftler und –kritiker Harold Bloom (*1930) „die Literaturgeschichte als einen intertextuellen, aber innerliterarischen Kampf von Autoren gegen ihre kanonischen Vorbilder. Jeder bedeutende Autor sei unweigerlich auf literarische Vorbilder bezogen und versuche gleichzeitig, sie zu verdrängen.“[24]

Die Diskussionen über Intertextualität sind seit den 1980er Jahren zurückgegangen, obwohl – wie eingangs erwähnt – von einer einheitlichen Definition oder Abgrenzung immer noch keine Rede sein kann. Es gibt die zwei Lager, die den Begriff entweder als allumfassend oder als spezielles Phänomen zueinander gehörender Texte definieren.

[...]


[1] Byron, William: Cervantes. Der Dichter des Don Quijote und seine Zeit. Autorisierte Übersetzung aus dem Amerikanischen von Hanna Neves. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1984. S.478.

[2] In der Arbeit wird durchgehend der Begriff Rezeptionsgeschichte verwendet, um zu verdeutlichen, dass der Roman im Laufe der Zeit immer wieder anders interpretiert wurde. Die Wirkungsgeschichte soll aber stets mit berücksichtigt werden. Vgl. zu dieser Unterscheidung Weich, Horst: Don Quijote im Dialog. Zur Erprobung von Wirklichkeitsmodellen im spanischen und französischen Roman (von Amadís de Gaula bis Jaques le fataliste). Passau: Wissenschaftsverlag Richard Rothe 1989. (= Passauer Schriften zu Sprache und Literatur Bd. 3). S.28ff.

[3] Weich S.25.

[4] Siehe dazu ausführlich Bachtin, Michail: Die Ästhetik des Wortes. Herausgegeben und eingeleitet von Rainer Grübel. Aus dem Russischen von Rainer Grübel und Sabine Reese. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1979. (=edition suhrkamp 1976).

[5] Vgl. dazu Intertextualität. Einleitung. In: Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Herausgegeben und kommentiert von Dorothee Kimmich, Rolf G. Renner u. Bernd Stiegler. Stuttgart: Reclam Verlag 1996. (=Reclam 9414). S.327-333.

[6] Kristeva zitiert nach: Intertextualität. S.329.

[7] Vgl. Intertextualität S.329.

[8] vgl. Broich, Ulrich und Manfred Pfister (Hrsg.): Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien. Tübingen: Niemeyer 1985. (= Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft, 35). S.9.

[9] Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Aus dem Französischen von Wolfram Bayer und Dieter Hornig. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993. (=edition suhrkamp, Neue Folge, Band 683). S.9.

[10] Genette S.10.

[11] Genette S.14f.

[12] Vgl. Genette S.20.

[13] Vgl. dazu ausführlich Genette S.10ff.

[14] Lachmann, Renate: Ebenen des Intertextualitätsbegriffs. In: Das Gespräch. Hrsg. v. Karlheinz Stierle und Rainer Warning. München: 2. unveränderte Auflage Wilhelm Fink Verlag 1996. (= Poetik und Hermeneutik, Band 11). S.133-138. S.133.

[15] Lachmann S.133

[16] vgl. Ebd.

[17] Intertextualität S.331.

[18] Stierle, Karlheinz: Werk und Intertextualität. In: Das Gespräch. Hrsg. v. Karlheinz Stierle und Rainer Warning. München: 2. unveränderte Auflage Wilhelm Fink Verlag 1996. (= Poetik und Hermeneutik, Band 11). S.139-150. S.139.

[19] Stierle S.143

[20] Stierle S.147.

[21] Kristeva zitiert nach Broich/Pfister S.8.

[22] vgl. Pfister S.26.

[23] Pfister S.27.

[24] Arnold, Heinz Ludwig und Heinrich Detering (Hrsg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 4. Auflage 2001. S.443f.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der sinnreiche Junker und seine Brüder. Intertextualität in und zu Cervantes’ "Don Quijote"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Komparatistik)
Veranstaltung
Geschichten über Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V278262
ISBN (eBook)
9783656710981
ISBN (Buch)
9783656711629
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intertextualität, Don Quijote, Komparatistik, Ritterroman, Cervantes
Arbeit zitieren
Nikola Schulze (Autor), 2006, Der sinnreiche Junker und seine Brüder. Intertextualität in und zu Cervantes’ "Don Quijote", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278262

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