Wie Klara Obermüller in Annemarie Schwarzenbachs Gedächtnisrede im Jahr 2008 bereits sagte, „gibt [es] in der Schweizer Literatur der letzten 100 Jahre kaum einen Autor – und schon gar keine Autorin -, über die mehr geforscht, geschrieben und publiziert worden wäre als über Annemarie Schwarzenbach.“ Trotz des schlagartig grossen Interesses an Schwarzenbachs Leben und Werk, seit ihrer Wiederentdeckung 1987, schrieben Schweizer Germanisten bisher im Schnitt dennoch weniger über sie, als solche aus Belgien, Deutschland, Italien, Kanada und Portugal.
Die Faszination an Annemarie Schwarzenbach gründet vor allem auf ihrer aussergewöhnlichen und tragischen Biografie, die geprägt ist von Konflikten mit Familie und Freunden, ihren exotischen Reisen, Homosexualität, Drogenmissbrauch und ihrem plötzlichen Tod, welche sie „im Verlaufe der Jahre zur Kultfigur“ heraushob.
Mehrere Forscher, wie Walter Fähnders, Sabine Rohlf und Klara Obermüller, bedauern die Tatsache, dass der Reiz Schwarzenbachs Werke – wie vor allem Tod in Persien und Das glückliche Tal – allein biografisch zu deuten so stark geworden sei, dass den Werken als autonomen Texten zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde. Dennoch betonen auch sie, dass „Annemarie Schwarzenbachs literarische Arbeiten […] aus ihrer Biographie schöpfen“, und dass gerade bei ihrer Reiseprosa „das Autobiografische und das Schreiben sehr eng beieinander zu liegen scheinen“, was schon allein mit dem Genre der Reiseliteratur begründbar ist.
Doch welches sind die Ereignisse, Emotionen und Motive, die Schwarzenbach so stark beschäftigten, dass sie sie in ihre Werke einfliessen liess und weshalb unternimmt sie dies immer wieder von Neuem? Wieso kommt das autobiografische Schreiben gerade in den beiden Werken Tod in Persien und Das glückliche Tal so stark zum Vorschein? Um diese Fragen beantworten zu können, sollen in der folgenden Arbeit zentrale Leitmotive in Annemarie Schwarzenbachs Werk Das glückliche Tal auf ihren autobiografischen Gehalt hin untersucht werden, wobei sein Vorläufer Tod in Persien stellenweise als Stütze benutzt werden soll. Weil eine detaillierte Darstellung der Biografie Annemarie Schwarzenbachs zu viel Raum in Anspruch genommen hätte, wurde diese in tabellarischer Form zur Übersicht hinten im Anhang zusammengefasst, da diese im Zusammenhang dieser Arbeit dennoch unerlässlich ist; ...
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Tod in Persien und Das glückliche Tal
1.1. Entstehungsrahmen von Tod in Persien
1.2. Entstehungsrahmen von Das glückliche Tal
1.3. Das Genre des glücklichen Tals
2. Autobiografische Leitmotive in Das glückliche Tal
2.1. Reisen, Ungeduld und Freiheitsdrang
2.2. Flucht und Verbannung
2.3. Aussenseitertum oder „Am Rande der Welt“
2.4. Heimweh und die Unmöglichkeit der endgültigen Heimkehr
2.5. Drogen und Magie
2.6. Sprache und Schreiben
Fazit
Bibliografie
Anhang
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die zentralen autobiografischen Leitmotive in Annemarie Schwarzenbachs Werk "Das glückliche Tal", wobei das Werk "Tod in Persien" als stützender Vorläufer herangezogen wird. Ziel ist es, die biographischen Parallelen in den Motiven von Reise, Flucht, Drogenabhängigkeit, Identitätsverlust und Sprachkrise aufzudecken.
- Autobiografische Spiegelung in literarischen Werken
- Die Funktion des Schreibens als Selbsttherapie
- Leitmotive der Entfremdung und Heimatlosigkeit
- Die Rolle von Drogen und psychischer Instabilität
- Gattungsbestimmung zwischen Reisebericht und Autofiktion
Auszug aus dem Buch
1. Tod in Persien und Das glückliche Tal
Für die verwandten Werke Tod in Persien und Das glückliche Tal hatte Annemarie Schwarzenbach dieselbe Kulisse, dieselbe Zeitspanne und dieselben Ereignisse als Inspiration, nämlich ihre drei Orientreisen, die in beiden Texten ihren inhaltlichen Niederschlag fanden. Während der Inhalt beider (semi)fiktionaler Werke relativ ähnlich ist, unterscheiden sie sich jedoch von Grund auf – trotz vielen wörtlichen Überschneidungen – in Form und Stil. Zudem ist der Fokus in Tod in Persien mehr auf die chronologische Handlung gerichtet, während die Aufmerksamkeit des Lesers des glücklichen Tals zunehmend auf die Stimmungslage des Protagonisten gelenkt wird.
In beiden Werken befindet sich der Ich-Erzähler in der erzählten Gegenwart im kargen Lahr-Tal Persiens und erzählt in reflektierten Rückblenden über sein vergangenes Leben und seine persischen Abenteuer. Er hatte seine Schweizerische Heimat verlassen, um an einer archäologischen Ausgrabung in Persien mitzuarbeiten und versucht sich aus seiner schweren, von Depressionen geprägten, Lebenslage loszureissen. Er erzählt, wie er sich um sein Malariafieber zu lindern und um der teheranschen Sommerhitze zu entfliehen, mit einer englischen Gesandtschaft ins „glückliche Tal“ – dem Lahr-Tal am Fusse des Bergs Demawend – begab, das seine Emotionslage alles andere als dasjenige des mit dem Attribut ‚glücklich’ bezeichneten Tals widerspiegelt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit beleuchtet das Werk Annemarie Schwarzenbachs unter besonderer Berücksichtigung autobiografischer Züge in "Das glückliche Tal".
1. Tod in Persien und Das glückliche Tal: Dieses Kapitel vergleicht Entstehungskontext und Genre der beiden eng miteinander verknüpften Werke der Autorin.
2. Autobiografische Leitmotive in Das glückliche Tal: Hier werden zentrale Motive wie Reise, Flucht, Heimweh, Drogenkonsum und Sprachkrise auf ihren biographischen Gehalt hin analysiert.
Fazit: Die Untersuchung bestätigt, dass Schwarzenbach ihre eigenen traumatischen Erfahrungen und Identitätskonflikte therapeutisch in ihr Werk einfließen ließ.
Schlüsselwörter
Annemarie Schwarzenbach, Das glückliche Tal, Tod in Persien, Autobiografie, Autofiktion, Reiseliteratur, Leitmotive, Morphiumsucht, Entfremdung, Identität, Heimatlosigkeit, Schreiben, Sprachkrise, Exil, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die zentralen Leitmotive in Annemarie Schwarzenbachs Werk "Das glückliche Tal" und stellt diese in den biographischen Kontext der Autorin.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Themen Reise, Flucht, Identität, Sucht, Sprache und die Unmöglichkeit der Heimkehr als autobiographische Projektionen.
Welches Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schwarzenbach ihre persönlichen Lebenskrisen und psychischen Zustände in ihren Texten verarbeitet und symbolisch umgewandelt hat.
Welche methodische Vorgehensweise wird gewählt?
Es werden textnahe Analysen des Werks durchgeführt und mit biographischen Quellen wie persönlichen Briefen und der Biografie von Alexis Schwarzenbach abgeglichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Entstehungsrahmen der Werke und eine detaillierte Untersuchung einzelner Leitmotive, wie beispielsweise der Drogenabhängigkeit und der Sprachkrise.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Autobiografie, Entfremdung, Identitätssuche, Exil und Schwarzenbachs literarische Leidensästhetik beschreiben.
Wie unterscheidet sich "Das glückliche Tal" von "Tod in Persien" laut der Autorin?
Obwohl beide Werke auf den Orientreisen basieren, ist "Das glückliche Tal" stärker von der inneren Stimmungslage und einem "stream of consciousness"-Stil geprägt, der aus Schwarzenbachs Entzugssituation entstand.
Welche Bedeutung hat das Schreiben für Annemarie Schwarzenbach?
Das Schreiben fungierte für die Autorin als essenzielle selbst-therapeutische Tätigkeit, um ihre Einsamkeit, Trauer und Suchtproblematik zu bewältigen.
- Citar trabajo
- Jelena Zagoricnik (Autor), 2013, Zentrale autobiografische Leitmotive in Annemarie Schwarzenbachs "Das glückliche Tal", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278360