Industrialisierung als Ursache oder Lösung des Pauperismusproblems in Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts


Hausarbeit, 2014
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Industrialisierung im historischen Kontext
2.1 Verlauf der Industrialisierung
2.2 Wirtschaftliche Veränderungen

3. Das Phänomen des Pauperismus
3.1 Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter
3.2 Ursprünge des Pauperismus

4. Langfristige Folgen der Industrialisierung
4.1 Auswirkungen auf den Pauperismus
4.2 Bewertung der Veränderungen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kaum ein Prozess der Neuzeit hat das Leben der Menschen so nachhaltig geprägt wie die Industrialisierung. Dabei ist der Beginn der industriellen Revolution nicht eindeutig datierbar und gleichzeitig führt der Begriff „Revolution“ in die Irre, impliziert dieser doch eine plötzliche Veränderung. Zwar waren die nachfolgenden Veränderungen der Industrialisierung und ihre Auswirkungen auf allen Ebenen der Gesellschaft nicht weniger als revolutionär, der Wandel vollzog sich jedoch über einen Zeitraum von fünfzig bis hundert Jahren und ist somit eher als Evolution denn als Revolution zu bezeichnen (vgl. Condrau, 2005, S.6f.). Der in England um 1765 einsetzende und in Deutschland mit Verspätung adaptierte Prozess zunehmender Verwendung von Maschinen erlaubte nicht nur eine Produktion in deutlich größerem Umfang bei sinkenden Kosten, sondern machte auch die vergleichsweise unproduktive Handarbeit überflüssig. Bis zu diesem Zeitpunkt agrarisch geprägte Staaten wandelten sich zu Industriestaaten und weite Teile der Bevölkerung verlegten ihren Lebensmittelpunkt in die Städte, in die Nähe der Industrie. Während die Anzahl der in Fabriken beschäftigten Personen permanent anstieg, begann parallel das Phänomen massenhafter unverschuldeter Armut weiter Teile der arbeitsfähigen und arbeitswilligen Bevölkerung, bezeichnet als „Pauperismus“, sich in das Zentrum des öffentlichen Interesses zu drängen.

Der Schwerpunkt der vorliegenden Hausarbeit soll indes auf Deutschland liegen, genauer gesagt auf dem Gebiet des später gegründeten Deutschen Reiches. Der Einfachheit halber wird im weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung aber der Begriff „Deutschland“ verwendet und lediglich bei empirischen Daten auf die spezifischen Erhebungsgebiete hingewiesen. Zur Verdeutlichung ihrer Auswirkungen, werden nachfolgend zuerst der Verlauf der Industrialisierung in groben Zügen dargestellt und die wirtschaftlichen Veränderungen skizziert. Anschließend erfolgt eine Annäherung an den Begriff des Pauperismus, indem die Lebens- und Arbeitsbedingungen anhand historischer Berichte nachvollzogen und im nächsten Punkt die Ursprünge der Armut beleuchtet werden. Es folgen eine Synthese von Pauperismus und Deutung der Industrialisierung, sowie eine Bewertung der Veränderungen insbesondere in Hinblick auf eine mögliche Veränderung des Lebensstandards, ehe im Fazit versucht wird, eine Antwort auf die Frage zu geben, inwiefern die Industrialisierung als Ursache oder Lösung des deutschen Pauperismus zu betrachten ist.

2. Industrialisierung im historischen Kontext

Regionale Unterschiede beachtend, lässt sich der Beginn des „gewaltige[n] Gang[s], den die materielle Produktion durch die Anwendung ungeheurer Maschinenkräfte angetreten“ hatte (Perthaler 1843, S.339) im ausklingenden 18. Jahrhundert in England verorten, wo 1764 die Erfindung der als „Spinning Jenny“ bekanntgewordenen ersten Maschine zum Verspinnen von Wolle, durchgreifende Veränderungen mit sich brachte (vgl. Wehler 1987, S.65).

2.1 Verlauf der Industrialisierung

Es folgten eine Reihe weiterer Fortschritte in der Technologie von Kraft- und Arbeitsmaschinen, die ständig sinkende Stückkosten in der Produktion versprachen und somit dem raschen Vordringen der Industrie Vorschub leisteten (vgl. ebenda, S.66). Die Erfindung der Dampfmaschine zum Antrieb weiterer Maschinen betrachtet Friedrich Engels als Geburtsstunde der arbeitenden Klasse und als Initial zu einer gesamtgesellschaftlichen Umwandlung und konstatiert zusammenfassend den „Sieg der Maschinenarbeit über die Handarbeit“ (vgl. Engels 1892, S.87). Erst mit einiger Verspätung begann die Industrialisierung ihren Siegeszug auch in Deutschland, das seit dem Ende der Napoleonischen Kriege 1815 durch das Bemühen um Restauration und jahrelange Kleinstaaterei gehemmt wurde. Eine dauerhafte Revision der Verhältnisse war angesichts der tiefgreifenden Veränderungen in England und veränderter Rahmenbedingungen in Deutschland selbst hingegen nicht mehr erfolgreich, sodass schließlich ein geschätztes Vierteljahrhundert nach dem Wiener Kongress der industrielle Durchbruch auch hier erfolgte (vgl. Wehler 1987, S. 141f.). Als Indikatoren der sich abzeichnenden Veränderungen in Deutschland seien an dieser Stelle die Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 (vgl. Tilly 1990, S.7, 41f.), sowie die zunehmende Ausbreitung der Eisenbahn zwischen 1830 und 1840 genannt, an denen sich eine „Entfaltung eigener Wachstumskräfte“ ablesen lässt (vgl. Wehler 1987, S.65). Die Ausweitung des Schienennetzes in Deutschland seit Eröffnung der ersten, 6km langen Strecke 1835, auf fast 5000 km nur fünfzehn Jahre später und schließlich auf 34.000 km im Jahr 1880, verdeutlicht die herausragende Bedeutung der Eisenbahn und das Tempo des industriellen Fortschritts (vgl. Condrau 2005, S.56). Ermöglicht wurde diese rapide Entwicklung durch einen weitgehenden Verzicht auf Regulierung von staatlicher Seite, sodass bis Ende des Jahrhunderts die Industrie an kaum zu unterschätzender Relevanz gewann.

2.2 Wirtschaftliche Veränderungen

Die nicht zu leugnenden Produktivitätsvorteile von Maschinen manueller Fertigung gegenüber, resultierend u.a. aus konsequenter Arbeitsteilung, wirkten enorm wachstumsstimulierend (vgl. Condrau 2005, S.8, 17) und förderten die Errichtung von Fabriken, also einer Konzentration vieler Maschinen, um weitere Vorteile durch die Größe der Anlagen realisieren zu können. Bald dehnten sich die Kapazitäten derart aus, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften stieg und beachtliche Teile der Landbevölkerung – die im Zuge der „Bauernbefreiung“ aus der feudalen Bindung an einen Grundherren und ein Stück Land entlassen worden waren (vgl. Condrau 2005, S.52) – in Aussicht auf höhere Löhne den Ackerbau, nicht immer freiwillig, aufgaben und sich in der Nähe der Fabriken niederließen (vgl. Tull 1988, S.60). Die Bedeutung dieses trivial erscheinenden Vorgangs darf jedoch nicht unterschätzt werden: Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das, wenn auch kleine, Feld eines Bauern einen erheblichen Beitrag zur Ernährung der Familie geleistet. Zusätzlich geriet die als „Protoindustrie“ bezeichnete Heimarbeit, also die Fertigung von zumeist textilen Gütern am Wohnort unter Beihilfe der Familie, zunehmend unter Druck und wurde schließlich unrentabel (vgl. Wehler 1987, S.85). Die Aufgabe, beziehungsweise der Verlust dieser Subsistenzquellen bedeutete nicht weniger als die komplette Neuordnung der Arbeitsstruktur, genauer die Etablierung der Lohnarbeit und damit der Abhängigkeit der Arbeiter allein von ihrer Arbeitskraft (vgl. Kromphardt 2004, S.97). Fortan war der ehemalige Bauer nicht mehr „Herr der Produkte seiner Arbeit“ (Gans 1831, S.84), sondern lediglich Beschäftigter in einem komplexen System und permanenter Unsicherheit ausgesetzt (vgl. Engels 1892, S.184). Weiterhin bedingte diese Abhängigkeit anfänglich eine gewisse Hilflosigkeit der Arbeiter gegenüber der Willkür der Fabrikanten, die fortan die Strukturierung der Arbeit vorgeben konnten (vgl. Wehler 1987, S.260), einhergehend zudem mit einer räumlichen Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz, langen Anfahrtswegen und dem entsprechend negativen Einfluss auf soziale Bindungen (vgl. Condrau 2005, S.67). Am eindringlichsten erscheint die Durchsetzung von Arbeitszeiten, die sich nicht mehr „im Sinne des Tageslichts“ orientierten, sondern eine deutliche Erweiterung darüber hinaus erfuhren (vgl. ebenda, S.83). Zudem machte die leicht zu erlernende Fabrikarbeit die Anstellung von Frauen und Kindern möglich, die, zusätzlich zu der Masse an ehemaligen Bauern, welche in die Stadt gezogen waren, eine erhebliche Konkurrenz darstellten und den Unternehmern erlaubten, extrem niedrige Löhne bei grenzwertigen Arbeitsbedingungen zu zahlen (vgl. Wehler 1987, S.85; Bülau 1834, S.267). Als Ergebnis der Industrialisierung steht also ein sich verschärfender Gegensatz zwischen Unternehmern, Fabrikanten und Großhändlern – die erhebliche Vermögen anhäuften – auf der einen Seite (vgl. Kromphardt 2004, S.97) und niedrig entlohnten abhängigen Arbeitern auf der anderen Seite, somit also letztlich die marktbedingte Ausbildung zweier konträrer Klassen. (vgl. Wehler 1987, S.141). Als Ausdrucksform der verzweifelten Lage der Verlierer dieser wirtschaftlichen Veränderungen – namentlich der ländlichen Bevölkerung, deren gewohnte Subsistenzquellen verschwanden – wird gemeinhin der Weberaufstand 1844 in Schlesien angeführt, in dessen Verlauf es zu Gewaltausbrüchen gegenüber den Profiteuren jener Transformation kam (vgl. Tilly 1990, S.11). Friedrich Engels sieht in eben diesem Kampf zwischen den Klassen der „Bourgeoisie“ und des „Proletariats“ die Grundzüge des kapitalistischen Wirtschaftssystems offengelegt, das die Mittelschicht zerstöre und ausschließlich sehr reiche und sehr arme Menschen zurücklasse (vgl. Engels 1892, S.86).

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Details

Titel
Industrialisierung als Ursache oder Lösung des Pauperismusproblems in Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts
Hochschule
Hochschule Bremen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V278556
ISBN (eBook)
9783656714958
ISBN (Buch)
9783656714934
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
industrialisierung, ursache, lösung, pauperismusproblems, deutschland, mitte, jahrhunderts
Arbeit zitieren
Mirko Kruse (Autor), 2014, Industrialisierung als Ursache oder Lösung des Pauperismusproblems in Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278556

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