Räume bei Eneas und im Partonopier

Skript


Vorlesungsmitschrift, 2011

24 Seiten


Leseprobe

Räume bei Eneas und im Partonopier

Was ist Raum? Was für eine Bedeutung hat die Darstellung von Räumen in der Literatur?

- seit ca. 20 Jahren à Thema auf verschiedene Ebenen sehr aufschlussreich
- Räume im Erec: sicherer, bekannter höfischer Raum Artus-Hof (ideelles Zentrum, das sich bewegt) , Gegensatz zum wilden Wald (Gegenhöfischer Raum), Zwischenraum Heide à Gegenüberstellung zweier Welten, Held wechselt Räume (seine Aufgabe, Aventiure)
-jeder Protagonist muss in Romanen seinen gewohnten Raum verlassen, sonst passiert nichts

Einführung in die Raumtheorie: Dünne&Günzel und Cassirer

Aristoteles (*384 v. Chr. † 322 v. Chr.)

- Beschreibung von Bewegung:
- Alles hat eine Ursache
- Kosmos = endlich
- Anfang = Ur-Ursache / erster Beweger / göttliche Figur (prinzipieller Anfang und Ziel zugleich)
- Körperraum = Platz, den ein Körper einnimmt und von dem er sich selbst unterscheidet
- Ort = unbewegliche, etwas umgebende Außenhülle

- In der Welt ist kein leerer Raum möglich /denkbar, allenfalls der Sitz Gottes am Rand des Kosmos, als Nicht-Raum

René Descartes (* März 1596 † Februar 1650)

- Leerer Raum = undenkbar --> „Wo es Ausdehnung oder Raum gibt, dort gibt es notwendigerweise eine Substanz.“
- Zweiteilung / Dopplung der Welt --> 1. Äußere Welt (materielle Dinge) / 2. Innere Welt (Vorstellung)
- In der inneren Welt gibt es Ideen, die nicht durch Beobachtung entstanden sind, z.B. Idee der größten Substanz --> Gott wird (im Gegensatz zur antiken und mittelalterlichen Vorstellung) in den Denkinnenraum geholt und ist eine Vorstellung

Otto von Guericke(*November 1602 † Mai 1686)

- Erzeugen eines Vakuums mit einer Luftpumpe --> Beweis für Existenz eines leeren Raumteils --> Übertragung: auch das Universum kann leerer Raum sein

Isaac Newton (* Dezember 1642 †März 1726) & Samuel Clarke (*Oktober 1675 † Mai 1729)

- Newton --> Durchbruch der neuzeitlichen Vorstellung eines leeren Raums
- Ort = physikalischer Raum (unterteilt in: absoluten und relativen Raum)
- Absoluter Raum = unbeweglich und beständig; = gedachter Raum aller möglichen Standpunkte und Perspektiven
- Relativer Raum = von konkretem Standpunkt aus bestimmt
- Bsp.: Schiff = beweglicher, relativer Raum im absoluten Bezugsraum des Ozeans
- Absoluter Raum = universeller Container für alle relativen Räume
- Im absoluten Raum ist alles in Bewegung (Grund = Wirkung, die Körper mittels der Gravitationskraft über die Entfernung hinweg aufeinander ausüben können)
- Ruhe = Sonderfall / Bewegung = Regelfall (umgekehrt zum aristotelischen Weltbild)
- Clarke mit Newton --> Verteidigung eines naturwissenschaftlichen Begriffs des Raums, in dem die Bewegung dynamisch gedacht wird (als Wirkung von Kräften im Raum)

Gottfried Wilhelm Leibniz (*Juni 1646 † November 1716) & Christiaan Huygens (*April 1629 †Juli 1695)

- Verteidigung eines mathematischen Begriffs des Raums (ohne Berücksichtigung der Ursachen) [versus Newton + Clarke]
- Raum wird auf die Relation zwischen Orten reduziert; Nur Lagebeziehungen spielen eine Rolle, nicht die Distanz
- „Raum ist kurzum das, was sich aus den Orten ergibt, wenn man sie zusammennimmt.“

Immanuel Kant (*April 1724 †Februar 1804)

- Subjekt der Erkenntnis = Zentrum, um das die Dinge ausgerichtet sind --> Dinge = Kategorien des Verstandes (es werden nie die Dinge an sich erfasst, sondern nur ihrer Erkenntnisstruktur entsprechend)
- Raum = dreidimensionale Ausdehnung
- Raum (an sich) = Status der Apriorizität und ist nicht Produkt individueller Wahrnehmung
- Begriff des Raumes = „reine Anschauung und daher erster formaler Grund der Sinnenwelt“ --> Zum Begriff des Raums kommt man nur durch Reflexion
- Raum = bloße Erscheinung im Verhältnis zur Zeit, die die Bedingung aller Erscheinungen ist -> ohne Zeit keine Veränderung im Raum möglich
- Im Vergleich zu Newton und Leibniz: Raum = weder unermessliches Behältnis (vgl. Newton), noch verschwindet er, wenn es keine Objekte in ihm gibt (vgl. Leibniz)

Johann Gottfried von Herder (*August 1744 †Dezember 1803)

- Raum = Erfahrungsbegriff, bzw. als Spektrum an Orientierungsrichtungen --> intrinsisch, philologisch (Orientierung des Menschen an moralischen Fragen, etc.) und extrinsisch, lebensweltlich (Orientierung des Menschen an Himmelsrichtungen, Orten, etc.)

Elias von Cyon (März 1843 – 1912)

- Biologischer Zugang:
- These von halbkreisförmigen Bogengängen des Innenohrs als Sitz des Raumorgans (= 6. Sinn)
- Schließt von der Dreiheit der Bogengänge beim Menschen auf eine spezifische Dreiheit der Empfindung)
Jakob Johann Baron von Uexküll (*August 1864 †Juli 1944) & Martin Heidegger (*September 1889 †Mai 1976)
- Bekannteste Vertreter der Sytemtheorie (Rückkopplungsschleife der Merk- und Wirkwelt der Zecke)
- „Einen allgemeinen Raum, der alle Lebewesen umschließt, gibt es nicht.“
- Subjektiver Raum, den das Insekt bewohnt = bestehend aus wenigen Zeichen und für andere Lebewesen ein unzugänglicher Parallelkosmos
- Jedem Lebewesen steht danach eine andere relative Umwelt zur Verfügung; Zecke und Mensch teilen demnach zwar denselben Raum, niemals aber die gleiche Umwelt

Albert Einstein (*März 1879 †April 1955)

- Raum (= alleiniger Träger der Realität) und Zeit bilden für die moderne Physik eine Einheit --> die Raumzeit

Einführung in die Raumtheorie: Lotman uns Störmer-Caysa

Thema: Raummodell für narrative Handlungen / künstlerische Texte (keine Raumtheorie)

Ansatz Lotmans: Der symbolische Raum wird nicht von einem reflexiven Erfahrungssubjekt ausgehend gedeutet (klare Abgrenzung zu subjektsbezogenen Ansätzen)

These Lotmans: Der künstlerische Raum als Erzeugnis kulturell bestimmter Zeichenverwendungen

Strukturalistisch-semiotisches Raummodell

- Strukturalistischer Ansatz: Wortbedeutung entsteht durch binäre Oppositionen (Bsp. Himmel – Erde)
- Lotman überträgt den strukturalistischen Ansatz auf sein Raummodell
- Annahme: Der Mensch neigt aus sozialen, historischen, kulturellen und moralischen Gründen dazu, Worte und Begriffe räumlich zu visualisieren, so auch Worte die keinen räumlichen Charakter besitzen (Bsp.: arm (unten) – reich (oben))

Zwischenfazit: Alles in uns ist mit räumlichen Merkmalen versehen, d.h. Raumgestaltung ist eine Sprache, die andere, nicht räumliche Relationen des Textes ausdrückt

Das Problem des Sujets

- Lotman definiert das Sujet auch als Ereignis in Texten
- Ereignis hängt vom sozialen und historischen Kontext ab (Bsp. Das Ehepaar, S. 535).
- Drei Elemente des Sujets:
1. Semantisches System, bestehend aus zwei komplementären Untermengen ( z.B. Himmel – Erde); Für die Teilräume des semantischen Feldes sind auf drei Ebenen Gegensätze festzustellen:
- Topologisch - z.B. hoch - tief, links - rechts, innen - außen
- semantisch – die topologischen Unterscheidungen werden mit (häufig wertenden) semantischen Gegensatzpaaren verbunden, gut - böse, vertraut - fremd, natürlich - künstlich
- topographisch – die semantisch aufgeladene topologische Ordnung wird durch topographische Gegensätze konkretisiert: Berg - Tal, Stadt - Wald, Himmel - Hölle
2. Grenze zwischen den Untermengen, die in bestimmten Situationen durchlässig bzw. undurchlässig sind
3. Held, der die Handlung trägt
- Lotman differenziert künstlerische Texte:
- sujetlose Texte = Grenze der Untermenge ist undurchlässig, da Text sonst Funktion verliert (Bsp.: Telefonbuch); sujetlose Text bestätigt die Unerschütterlichkeit dieser Grenze
- sujethaltiger Text = Versetzung einer Figur über die Grenze; sujethaltige Text hält das Verbot der Grenzüberschreitung zwar für alle Figuren aufrecht, führt jedoch eine Figur oder eine Gruppe von Figuren ein, die sich davon befreien (Bsp.: Figur des Eneas)
- sujethaltige Text baut auf dem sujetlosen Text auf, da dieser die Grenzen erst definiert; sujethaltiger Text wird erst dadurch sujethaltig, indem er das Verbot des sujetlosen (Grenzüberschreitung) bricht
- Abstufung: Je unwahrscheinlicher die Grenzüberschreitung scheint, desto sujethaltiger ist der Text.

Der Begriff der Figur

- Lotman unterscheidet:
1. Bewegliche Figur = Recht auf Überquerung der Grenze
2. Unbewegliche Figur = Grenzüberschreitung untersagt
- Wenn Grenze überwunden wird, tritt Held in semantisches Antifeld (in Abgrenzung zum Ausgangsfeld)
- Grenzüberschreitung ist immer mit größter Gefahr verbunden
- Um Bewegung zum Stillstand kommen zu lassen, muss Handlungsträger mit Antifeld verschmelzen = Bewegliche Figur muss sich in unbewegliche Figur verwandeln
- Wenn Verschmelzung des Helden mit dem Antifeld nicht stattgefunden hat, setzt sich die Bewegung fort (vgl. Eneas in der Unterwelt = verschmilzt nicht mit „jener“ Welt, sondern bewegt sich weiter)
- „Der Held kehr zurück, verändert sein eigenes Sein und wird so zum Herren, aber nicht zum Antipoden ,dieser’ Welt“ – weitere Bewegung ist dann unmöglich und die Handlung zum Abschluss gebracht.

[...]

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Details

Titel
Räume bei Eneas und im Partonopier
Untertitel
Skript
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V278597
ISBN (eBook)
9783656716921
ISBN (Buch)
9783656716846
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
räume, eneas, partonopier, skript
Arbeit zitieren
Bachelor Ramona Schilling (Autor), 2011, Räume bei Eneas und im Partonopier, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278597

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