Soziolinguistische Untersuchung des Sprachbewusstseins junger Erwachsener in Cádiz


Examensarbeit, 2013
110 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Entstehung des Andalusischen und dessen Status heute
1. Zur historischen Entwicklung des Andalusischen
1.1 Auswirkung der geschichtlichen Rahmenbedingungen auf die Sprache
1.2 Sprachwissenschaftliche Annäherung an die hablas andaluzas
2. Sprachwissenschaftliche Betrachtung des Untersuchungsgegenstandes
2.1 Differenz von Sprache, Varietät, Dialekt und habla
2.2 Der Status des Andalusischen in der heutigen Gesellschaft
3. Versuch einer Normierung der Varietät
3.1 Normalisierung des Andalusischen
3.2 Nivellierung des Andalusischen

III. Sprachliche Identität und Sprachbewusstsein in Andalusien
1. Andalusier auf der Suche nach ihrer Identität
1.1 Identität und Sprache
1.2 Sprachliche Identität der Andalusier
2. Entwicklung des Sprachbewusstseins in Andalusien

IV. Soziale Projektion der sprachlichen Identität
1. Stellung einer V arietät im Bildungswesen
1.1 Verwendung der andalusischen Varietät im Bildungswesen
1.2 Sprachpolitische Ziele der autonomen Verfassung im Schulkontext
2. Verwendung der andalusischen Varietät in den Medien

V. Empirische Untersuchung
1. Untersuchungsgegenstand Sprachbewusstsein
2. Auswahl des Untersuchungsinstruments
3. Durchführung der Untersuchung
4. Zusammenfassende Schlussfolgerung aus den Antworten der Befragten

VI. Fazit

VII. Bibliographie

Vili. Anhang

La primera parte de esta tesina investiga el desarrollo de la conciencia lingüística de los andaluces. El enfoque se concentra en las úlitmas décadas después del establecimiento del Estatuto de Autonomía de Andalucía. Se discute el desarrollo del habla andaluza y las valoraciones negativas que se formaron a lo largo de los años: Surgió la imagen de que el andaluz pudiera ser inferior y no tuviera mucho prestigio por la prevalencia del castellano. Además se exponen los problemas que llevaron consigo las valoraciones para la conciencia lingüística. Finalmente se trata la postura del habla andaluza en la enseñanza y en los medios de comunicación.

La segunda parte de este trabajo analiza la conciencia lingüística de 24 gaditanos entre 25 y 30 años con ayuda de una encuesta. Las preguntas fueron elegidas según la parte teórica, por eso el cuestionario tiene el objetivo de mostrar si las respuestas confirman o refutan las hipótesis de la investigación.

Los resultados de las encuestas muestran que la conciencia lingüística de los gaditanos resulta muy positiva - a pesar de algunas valoraciones negativas en la parte teórica. En su mayor parte los encuestados se identifican con su forma de hablar.

I. Einleitung

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf der Untersuchung des Sprachbewusstseins der jun­gen Andalusier in Cádiz. Aus persönlichen Gründen entschied ich mich, eine sozio- linguistische Studie in dieser Stadt durchzuführen, da ich dort vor drei Jahren mein Auslandssemester absolvierte und von der ersten Minute an von dem Andalusischen fasziniert war. Die Tatsache, dass sich so gut wie alle Spanier dort dieser Sprechwei­se bedienten, bereitete mir zwar anfangs Schwierigkeiten, gleichwohl begeisterte mich sowohl das Andalusische als auch die Lebenslust der gaditanos, der Bewohner von Cádiz. Ich wurde bereits vorgewarnt, dass die Andalusier eine besondere Art zu sprechen hätten, aber ich kannte ja schließlich verschiedene Dialekte aus Deutsch­land und stellte mich dieser Herausforderung. Was mich allerdings sehr überraschte, war die Tatsache, dass man kaum eine Person antraf, die sich nicht dieser Sprechwei­se bediente. Anfangs zweifelte ich sogar daran, ob die Menschen dort überhaupt Standardspanisch sprechen können. Diese Kuriosität erweckte letztendlich mein Inte­resse, das Sprachbewusstsein der jüngeren Generation in Cádiz in der empirischen Untersuchung zu erforschen. Im Fokus meines Interesses stehen vor allem die Rolle der Kultur und die Aufnahme der Varietät in der Öffentlichkeit.

Um der empirischen Untersuchung eine Grundlage zu schaffen, werden zunächst Forschungen über die andalusische Varietät in den letzten Jahrzehnten aufgeführt, für die sich mit der Einführung des Autonomiestatus und eines für alle zugänglichen Bildungssystems vieles verändert hat. Zunächst gibt es einen kurzen Überblick über die Entstehung des Andalusischen, gefolgt von dessen viel diskutierter soziolinguis- tischer Bezeichnung, die selbst für Sprachwissenschaftler nicht einfach zu verorten ist. Im weiteren Verlauf werden die ersten Untersuchungen der hablas andaluzas mit dem Ziel aufgeführt, die wichtigsten sprachlichen Phänomene, die bei der empiri­schen Untersuchung eine Rolle spielen, zu veranschaulichen. Abschließend werden aktuelle soziolinguistische Themen erörtert, nämlich die Normalisierung sowie die Nivellierung des Andalusischen, die sich damit beschäftigen, der Sprechweise eine Norm zu verleihen.

Der nachfolgende Teil beschäftigt sich mit dem eigentlichen Thema des Sprachbe­wusstseins und der sprachlichen Identität. Hierzu wird zuerst der Terminus der Sprachidentität erläutert und später auf die andalusische Varietät angewendet. Auch das umstrittene Konzept des andalusischen Sprachbewusstseins wird diskutiert. Die­ses wurde jahrelang während der Franco-Diktatur unterdrückt und konnte erst mit dem Beginn der Demokratisierung wieder aufgearbeitet werden. Bis heute kämpft die andalusische Sprechweise gegen Vorurteile des schlechten Ansehens, worunter ebenfalls das Sprachbewusstsein leidet, das sich nach und nach von dem „sprachli­chen Minderwertigkeitskomplex“ zu befreien scheint.

Im weiteren Verlauf geht es darum, welche Bedeutung der sprachlichen Modalität in der Öffentlichkeit zugeschrieben wird. Zum einen geht es um das Bildungswesen: Die Stellung der Lehrer gegenüber einer Varietät bzw. einem Dialekt kommt zur Sprache sowie die Anwendung dieser im Unterricht. Zum anderen geht es um die Nutzung des Andalusischen in den Massenmedien. Die soziale Projektion der sprach­lichen Varietät spielt im Hinblick auf das Sprachbewusstsein eine sehr wichtige Rol­le, da diese die Akzeptanz der Modalität in der Gesellschaft reflektiert.

Der letzte Teil dieser Ausarbeitung stellt eine empirische Untersuchung dar, die auf diesen Grundlagen basiert. Mithilfe der Fragebogenmethode soll gezeigt werden, wie es sich in Wirklichkeit mit dem Sprachbewusstsein bei jungen Erwachsenen in Cádiz verhält. Dabei sollen die theoretischen Erkenntnisse der Sprachwissenschaft bestätigt oder widerlegt werden. So wie ich die Andalusier kennenlernte, erwartete ich positi­ve Rückmeldungen im Hinblick auf ihr Sprachbewusstsein, da mir während meines Aufenthaltes aufgefallen ist, dass sie eine durchaus enge Bindung zu ihrer Herkunft, ihrer Kultur und ihrer Sprechweise haben.

II. Entstehung des Andalusischen und dessen Status heute

1. Zur historischen Entwicklung des Andalusischen

Die geschichtlichen Ereignisse in Andalusien haben einen großen Einfluss auf die sprachlichen Entwicklungen der südlichen Region Spaniens. Nachdem die südliche Region der iberischen Halbinsel lange Zeit zum römischen Reich gehört hatte, stand sie unter lateinischem Einfluss bis zur arabischen Invasion 711: Ab diesem Zeitpunkt änderte sich die Geschichte radikal. Das muslimische Spanien nannte sich von nun an „Al-Andalus“ und als offizielle Sprache wurde Arabisch eingeführt. Überraschen­derweise wurde das heutige Kastilisch trotz der langen arabischen Besetzung kaum von der Sprache beeinflusst (cf. Jiménez 1999: 12f). Mit der Reconquista durch das Königreich Castilla und Léon im 13. Jahrhundert begann die Einführung des Kastili- schen, dessen Eingliederung in die Gesellschaft bis zur Gründung des Königreichs Granadas 1492 andauerte. Die Bezeichnung Andalucía fand ihre Anfänge während der Reconquista: Die Eroberer wollten den arabischen Begriff Al-Andalus romanisie- ren. (cf. Narbona: 2003: 31f)

Hierbei ist anzumerken, dass es sich bei der Verbreitung des Kastilischen nicht um das direkte Resultat der Reconquista, sondern den Zusammenfluss diverser Faktoren handelte. Nachdem sich also das Kastilische über zwei Jahrhunderte hinweg in An­dalusien versucht hatte zu etablieren, stellt sich die Frage, wann sich el castellano zu der linguistischen Varietät1, die wir heute als Andalusisch kennen, transformierte. Diese Frage ist schwierig zu beantworten, denn den exakten Zeitpunkt festzulegen ist nahezu unmöglich. Die Entwicklung einer sprachlichen Varietät konnte nicht sofort nach Einführung des Kastilischen erfolgt sein, denn wie bekannt ist, dauerte die Ein­gliederung Jahrhunderte lang. Das mittelalterliche Spanisch, das durch Kolonisierung nach Andalusien gebracht wurde, hatte ein sehr unregelmäßiges phonologisches Sys­tem und zudem eine geringe funktionale Wirkung. Deshalb dauerte es nicht allzu lange, bis die grundlegenden Mängel eliminiert wurden. Genau in diesem Transfor­mationsprozess entstand das Andalusische als Varietät zum Kastilischen in situ des Kastilischen. Um das 16. Jahrhundert herum bildeten sich durch die Evolution des Die Definition der Varietät folgt in 2.1.

Kastilischen die ersten andalusischen Varietäten heraus, die schon bald eine starke Ausprägung aufwiesen. Hier könnte man demnach die Entstehung des Andalusischen festlegen. Offizielle Dokumente gibt es allerdings erst ab dem 17. Jahrhundert; in diesen werden erstmals phonetische Merkmale dokumentiert. (cf. Jimenéz 1999: 13f)

1.1 Auswirkung der geschichtlichen Rahmenbedingungen auf die Sprache

Es scheint logisch zu sein, dass mit der endgültigen Vertreibung der Morisken aus Andalusien 1492 der Bevölkerungsanteil, der bereit war neue Lebens- und Gesell­schaftsgewohnheiten zu begründen, schnellstmöglich Elemente des internen Zusam­menhalts etablieren musste. Dieser Prozess führte schnell zur Entstehung von kultu­rellen Eigentümlichkeiten, der diese als Gemeinschaft identifizierte. Die arabischen Elemente wurden fast vollständig eliminiert. Man wollte sich von der vertriebenen Gemeinschaft distanzieren - sowohl kulturell als auch sprachlich (cf. Bustos 1997: 77). Es ist nicht zu bezweifeln, dass sich die andalusische Varietät aus einer eigen­tümlichen Entwicklung des Kastilischen herleitet. Nach der schnellen Verbreitung des Kastilischen als offizielle Sprache konnte man bereits im späten 15. Jahrhundert die Sprecher des Königreichs Sevilla aufgrund ihrer Aussprache identifizieren. Die neuen Bewohner Andalusiens adaptierten schnell die neuen evolutiven Merkmale der Sevillaner und wurden bereits als „los de fuera“ (ebd: 81) identifiziert. Dieser Schritt der Neuidentifikation war sehr wichtig, um sich als neue Bevölkerung des neuen Andalusiens etablieren zu können und einen klaren Schnitt mit der arabischen Ge­schichte machen zu können. (cf. ebd.: 79)

Die historischen Fakten weisen darauf hin, dass es seit dem 16. Jahrhundert, als sich die ersten Phänomena mit der Reconquista festigten, ein starkes wachsendes Sprach­bewusstsein gab. Dieser Prozess erreichte seinen Höhepunkt mit der Entwicklung der eigentümlichen Innovationen der andalusischen Varietät. Dadurch erzeugte sich ein starkes, kontrastierendes Gefühl zum Kastilischen, das unterschiedlich ausgelegt werden kann: Die einen tendieren dazu die Unterschiede hervorzuheben, die anderen hingegen versuchen die Eigentümlichkeiten zugunsten des Kastilischen zu eliminie­ren. (cf. ebd.: 84)

Wenn vom Andalusischen die Rede ist, so muss der Name des Blas Infante (1885­1936) genannt werden, der nicht umsonst als Padre de la Patria Andaluza bezeichnet wird. Er war einer der ersten, der sich mit der Verteidigung der andalusischen Identi­tät beschäftigte. Bereits seit dem Mittelalter wurde die andalusische Sprechweise von manchen gering geschätzt - diese Geringschätzung erreichte sogar Elio Antonio de Nebrija, den Autor der ersten kastilischen Grammatik , der von sich selbst aussagte „demasiado andaluz“ (Gutier 2006: 93) zu sein. Der Tradition nach verlangte die nationalistische Strategie eine einzige Sprache für die spanische Nation und so fan­den sich auch in Andalusien Anhänger, die alles, was mit dem Andalusischen zu tun hatte, verabscheuten. Dies löste einen großen Mangel an Vertrauen sowie Minder­wertigkeitskomplexe bei den Andalusiern aus. Wenn also die „gebildeten“ Personen nichts mit dem Andalusischen zu tun haben wollen, müssten sie ihre „ungebildete“ Art des Sprechens aufgeben. Die andalusische Varietät wird als ein Beispiel des „no saber hablar“ (ebd.: 95) präsentiert, obwohl es sich dabei um einen Beweis für die konstante Resistenz handelt, die vom andalusischen Volk gegen die kastilische Con­quista ausging. Man verheimlichte den Andalusiern ihre Geschichte, löschte ihre Identität und verbot ihnen den täglichen Gebrauch ihrer eigentümlichen Sprechweise. Zu all dem äußerte sich Infante sehr kritisch. Er sagte, dass das andalusische Volk befreit werden sollte. Weiterhin gab er zu, dass es sich um einen langwierigen Pro­zess handeln werde, der aber notwendig ist, um die eigenen Werte ihrer Kultur wie­der zu erlangen. (cf. ebd.: 93ff)

Vor allem sorgte er sich um die Sprache, deren Kenntnis zu dieser Zeit noch lange nicht perfektioniert war. Obwohl es den Andalusiern von den Eroberern verboten wurde, sich ihrer Sprache zu bedienen, machten sie immer noch Gebrauch von ihren „particulares sonidos articulizantes“ (ebd.: 97) und auf diese Weise wandelte sich die Sprache langsam. Infante wies bereits darauf hin, dass die Sprache dem Prozess des Bewusstseins helfen würde, welches die Andalusier selbst entwickeln könnten. Dies alles äußerte Infante bereits vor 80 Jahren: Er nahm an, dass sich ein sprachliches Bewusstsein entwickeln würde, das die Varietät stärken könnte. Auch wenn die an- dalusische Varietät in den letzten Jahrzehnten gefördert wurde, stellt sich die Frage, warum die Andalusier 80 Jahre später ihr Sprachbewusstsein noch immer nicht kon­kretisieren können. (cf. ebd.: 98f) Dies wird im späteren Verlauf ausdiskutiert.

1.2 Sprachwissenschaftliche Annäherung an die hablas andaluzas

Den Zeitpunkt der Anfänge der andalusischen Modalität festzulegen, ist wie in ande­ren Fällen der Sprachgeschichte nicht möglich. Durch die regionale Verbreitung An­dalusiens sowie durch das Hinzukommen neuer Sprecher, trennte man sich von dem Vertrauten und die Ansicht, dass die Charakteristika der andalusischen Varietät falsch waren, verlor langsam an Bedeutung. So wurde den Andalusiern erstmals 1340 auf kastilisch eine Charakteristik zugeschrieben, allerdings mehr auf ihre Art sich auszudrücken, als auf die sprachwissenschaftlichen Merkmale: Übertreibung und Ausdrucksstärke. So schrieb Juan Ruiz in El libro de buen amor: „tomé senda por carrera/como faz el andaluz” (Narbona 2003: 49, zit. n. Ruiz 1330) . Die Anspie­lung auf Übertreibung der Andalusier scheint deutlich zu sein. (cf. Narbona 2003: 49)

Darüber hinaus kommt die Frage auf, wie man sprachliche Veränderungen als Spre­cher selbst wahrnimmt. Die soziokulturellen Bedingungen können die sprachwissen­schaftlichen Varietäten sowie Entwicklungen von profunden Veränderungen verde­cken. Zunächst dachte man bei sprachlichen Veränderungen selbstverständlich daran, dass es sich um Fehler handelte. Bis sich Veränderungen auch im Schriftbild festge­setzt haben, kann eine lange Zeit vergehen. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen sich die Innovationen bereits sowohl im sozialen als auch im kulturellen Bereich etabliert haben. Demnach ist davon auszugehen, dass die Verschriftlichung solcher sprachli­cher Veränderungen das erste Anzeichen davon ist, dass die Sprecher sich dieser bewusst werden. (cf. Cano 2001: 51)

Im Vergleich zu der verzögerten Wahrnehmung der Andalusier über ihre sprachli­chen Merkmale, merkte das Königreich von Castilla und León die Veränderungen schneller, da sie von außen leichter zu vernehmen sind. Die Andalusier hatten dem­nach im 14. und 15. Jahrhundert weder eine Kenntnis darüber, dass sich ein Be­wusstsein von Identität durch die andalusische Varietät herausbilden wird noch darü- Ruiz, Juan (1330): El libro de buen amor. Paris: Louis Michaud, estrofa 116. ber, welche bestimmten sprachlichen Merkmale sie dafür etablieren wollen. Selbst wenn diese Varietät von außen bereits erkannt wurde, solange die Sprecher Andalu­siens diese sprachlichen Phänomene nicht als ,andalusisch‘ bezeichnen, d.h. sich nicht mit diesen Merkmalen als Gruppe identifizieren können, kann man noch von keiner sprachlichen Varietät sprechen. Die Bildung dieses sprachlichen Bewusstseins ist demnach ein andauernder Prozess, bei dem man beobachten muss, was die Spre­cher sagen und was sie machen. Auch das Verhalten muss in den kulturellen und historischen Kontext gebracht werden. (cf. ebd.)

Die Neuerungen, die die andalusische Sprechweise von dem Kastilischen trennten, waren überwiegend phonetischen Charakters, d.h. sie betrafen die Aussprache von Lauten. Zuerst tauchte das Phänomen des ceceo-seseo auf, welches auch als markan­teste Charakterisierung des Andalusischen fungiert. Im Falle des ceceo findet man ,falsch‘ geschriebene Wörter wie caza statt casa: das alveolare Phonem /s/ verlagert sich zum interdentalen /θ/. Beim seseo verhält es sich genau umgekehrt; hier wird das Phonem /θ/, das durch die Grapheme <z> und <c> repräsentiert wird, im Phonem /s/ vereinheitlicht. Auf diese Weise entstehen homophone Paare wie azar und asar. Dieses Phänomen schlich sich vor allem durch die falsche Orthographie ein und fiel auf diese Weise auf (cf. Narbona et al. 1998: 50f). Weniger deutlich waren die Indi­zien der anderen Veränderungen. In Cádiz wird der ceceo nur sehr selten verwendet; in den meisten Fällen handelt es sich um wenig kultivierte oder zur Landbevölkerung zählende Personen. Die Nutzung des seseo überwiegt dagegen stark (cf. Payán 1998: 33).

Ein anderes charakteristisches Merkmal in der Phonetik der hablas andaluzas ist die Aspiration und der Verlust des Phonems /s/, vor allem in der implosiven Stellung. So wird dos hermanos plötzlich [dohérmano] ausgesprochen. Beim ersten /s/ handelt es sich um eine Aspiration; beim zweiten /s/ um einen Wegfall wegen der finalen Stel­lung (cf. Jimenéz 1999: 34f). Eine weitere Eigenart der andalusischen Varietät be­steht in der Aspiration des Phonems /x/, welches den Graphemen <ge>, <gi> und <j> entspricht. Dieses Merkmal ist eines der wenigen, das in ganz Andalusien seinen Gebrauch findet. Nach Perez Orozco handelt es sich dabei um die einzige Abwei­chung vom Kastilischen, die alle Sprecher Andalusiens betrifft. Orozco sagt, dass jemand, der das Phonem /x/ nicht sanft aspiriert wie z.B. [hamon] für jamón, kein andalusisch spricht (cf. El habla andaluz: 5:30 min). Diese drei wichtigsten Charak­teristika der andalusischen Varietät sind das zentrale Thema bei der Nivellierung der Modalität, wie wir im Folgenden sehen werden.

Das Phänomen des yeísmo sollte an dieser Stelle ebenfalls erwähnt werden, da es sich dabei um eine Eigentümlichkeit handelt, die sich in fast ganz Andalusien findet. Dabei handelt es sich um eine Entphonologisierung, d.h. zwei Phoneme verschmel­zen zu einem. Das Phonem /X/ und das Phonem /y/ werden beide als /y/ realisiert; demzufolge werden die Wörter pollo und poyo gleich ausgesprochen (cf. Jimenéz: 54f). Hierbei ist anzumerken, dass dieses Phänomen aus dem städtischen Andalusien kommt und sich erst später auf die ländlichen Zonen ausbreitet. Demzufolge neutra­lisieren die Bewohner von Cádiz die oben genannten Phoneme (cf. Payán 1988: 66).

Nachdem diese sprachlichen Phänomene bemerkbar wurden, stellt sich die Frage, inwiefern die aufgezählten Merkmale ausreichen, um von einer sprachlichen Varietät sprechen zu können. Ist die Aussage Fragos akzeptabel, dass „el dialecto andaluz estaba vigente en el momento de la conquista de Granada” (Frago 1993: 65)? Es ver­steht sich von selbst, dass die unterschiedlichen Merkmale der andalusischen Varietät sich vom Kastilischen ableiteten, d.h. also, dass diese um den Zeitraum herum ihre Anfänge fand, als das Kastilische offiziell eingeführt wurde. Es ist nicht zu bezwei­feln, dass sich starke sprachliche Tendenzen ab der Gründung des Königreiches Gra­nadas entwickelten; dennoch fehlten der Varietät noch definitive Charakterzüge. Man muss außerdem bedenken, dass das allgemeine phonologische System des Kas­tilischen sich zu diesem Zeitpunkt noch im Prozess der Entwicklung befand. Dem­entsprechend kann man noch nicht von einer Varietät sprechen, wenn es dessen Ge­meinsprache noch an endgültigen Lösungen für das phonologische System mangelte. Die Etablierung der andalusischen Varietät als solche lässt sich nicht einwandfrei bis zum 17. bis 18. Jahrhundert verorten, als die ersten Hauptmerkmale der hablas andaluzas dokumentiert wurden. (cf. Bustos 1997: 80ff)

2. Sprachwissenschaftliche Betrachtung des Untersuchungsgegenstandes

Worum handelt es sich aus sprachwissenschaftlicher Sicht, wenn wir vom Andalusi- schen sprechen? Um dies herauszufinden, muss zunächst die sprachwissenschaftliche Terminologie herausgearbeitet werden. Da es sich bei der Bezeichnung des Andalu- sischen um einen soziolinguistischen Aspekt handelt, wird der Begriff der Soziolin­guistik zuerst geklärt.

Seit der Begriff 1952 zum ersten Mal auftauchte, wurden Hunderte von Werken da­rüber veröffentlicht und doch haben die meisten Schwierigkeiten damit, eine geeig­nete Definition zu finden. Nach Newmeyer beschreibt der Begriff „relaciones entre lengua y sociedad“ und wird neuerdings auch als „lengua y contexto sociocultural“ (López 1993: 7, zit. n. Newmeyer, Hrsg., 1988)4 bezeichnet. Mit anderen Worten werden die kulturellen und gesellschaftlich bedingten Einflüsse in Verbindung mit sozialen Bedeutungen des sprachlichen Systems untersucht (cf. Dittmar 1996: 8). Eine kurze und prägnante Definition liefert López Morales: „La sociolingüística es la disciplina que estudia lenguas [...] en su contexto social“ (López 1993: 34). Folglich könnte sich die Soziolinguistik mit folgenden Fragen beschäftigen: Warum klingt es unterschiedlich, wenn ein Chilene, ein Mexikaner und ein Spanier die gleiche Spra­che sprechen? Warum zeigen selbst Spanier unter sich unterschiedliche Sprechwei­sen auf, obwohl sie in einem Land leben? Könnte man anhand der Art, wie eine Per­son spricht, ihre Herkunft, ihr Alter und ihren sozialen Hintergrund herausfinden? (cf. Silva-Corvalán 2001: 1)

Soziale Faktoren spielen logischerweise eine wichtige Rolle in der Soziolinguistik. Zum einen wird der Sprecher von seiner politischen, ökonomischen, sozialen und geographischen Disposition beeinflusst, zum anderen wirken auch allgemeine Fakto­ren auf den Sprecher ein, wie bspw. das Alter, das Geschlecht und die soziale Schicht. Ebenso spielen die historischen und ethnisch-kulturellen Aspekte eine Rolle und nicht zuletzt die unmittelbare Situation der Interaktion (cf. ebd.). In der vorlie­genden Arbeit wird der Fokus auf der Soziologie der Varietäten liegen: Es werden

Newmeyer, Frederick (1988): The social-cultural context, vol. IV von der Serie Lingiustics: The Cambridge Survey. Cambridge: Cambridge University Press.

nicht nur die soziale Verteilung von Varietäten untersucht, sondern auch die schuli­schen und sonstigen sozialen Konflikte, denen Sprecher einer Varietät begegnen.

2.1 Differenz von Sprache, Varietät, Dialekt und habla

Da es sich bei dieser Arbeit um eine soziolinguistische Untersuchung des Andalusi- schen handelt, ist es im Vorfeld wichtig, einige wichtige Begriffe zu klären. Die Un­terscheidung von Sprache und Dialekt bzw. von Varietät ist vielen Sprechern nicht geläufig. So passiert es im Alltag häufig, dass man einen Dialekt als Sprache be­zeichnet oder eine Varietät als einen Dialekt ansieht. Um im späteren Verlauf verste­hen zu können, mit welchem dieser Begriffe man das Andalusische bezeichnen kann, ist die folgende Terminologie essentiell.

Die Sprache kann bei diesen Begriffsdefinitionen als Oberbegriff gesehen werden. Sie ist das „wichtigste und artspezif[ische] Kommunikationsmittel der Menschen, das den Austausch von Informationen sowie epistem[ologische], kognitive und af­fektive Funktionen erfüllt“ (Metzler Lexikon Sprache 1993: Sprache). Eine Sprache ist immer standardisiert und kann verschiedene Varietäten aufweisen. Eine Standard­sprache kann auch als eine kodifizierte Sprachvarietät bezeichnet werden, die aus Wortschatz, Aussprache-, Grammatik- und Orthographienormen besteht. Dement­sprechend ist die Standardsprache linguistisch gesehen gleichwertig mit allen ande­ren Varietäten, ist jedoch normiert und erhält somit eine überregionale Ausbreitung (cf. Gimeno 1990: 17).

Eine Varietät wird als ein „allgemeiner Terminus der Variationslinguistik für die je spezifische Ausprägung eines sprachlichen Verhaltens in einem mehrdimensionalen [...] historisch differenzierten ,Varietätenraum‘“ (Lexikon der Sprachwissenschaft 2002: Varietät) definiert. Den linguistischen Varietäten werden diatopische, diastra- tische und diaphasische Funktionen zugeschrieben. Für die zuerst genannte Funktion gilt die geographische Zuordnung; die diastratischen Varietäten beziehen sich auf die soziale Komponente und repräsentieren demnach die Gesellschaftsschicht während diaphasische Funktionen von der jeweiligen Situation abhängen (cf. Mondejár 2001: 34). An dieser Stelle ist anzumerken, dass die Standardsprache in der Regel höheres Prestige genießt als ihre Varietäten (cf. López 1993: 42).

Die Definition des Dialekts unterscheidet sich im volkstümlichen und linguistischen Gebrauch. Volkstümlich betrachtet ist der Gebrauch des Dialekts nicht standardisiert, wird als minderwertig betrachtet und hat vor allem keinen offiziellen Status (cf. Sil- va-Corvalán 2001: 14). Für den Linguisten handelt es sich bei einem Dialekt um eine Varietät einer historisch bekannten Sprache, welche in einem kleineren Gebiet als das der Ursprungsprache gesprochen wird. Diese Varietät besitzt ein eigenes phono- logisches und morphosyntaktisches System, das sich unterschiedlich stark von der Herkunftssprache differenziert (cf. Mondejár 2011: 29f). Die Sprache, bei der es sich um ein abstraktes Konzept handelt, wird oft durch den regionalen Dialekt realisiert. Dementsprechend gibt es keinen ,richtigen‘ oder ,falschen‘ Dialekt, denn ein Dialekt ist lediglich eine Varietät einer Standardsprache (cf. Silva-Corvalán 2001: 14).

Eine interessante Fragestellung an dieser Stelle betrifft die Gründe für die Entwick­lung verschiedener Dialekte. Diese hängen eng mit dem Sprachwandel zusammen. Die Sprache ändert sich auf eine natürliche Art und Weise und bietet den Sprechern verschiedene Möglichkeiten, sich auszudrücken. Die eine Gruppe tendiert dazu, sich auf eine Art und Weise auszudrücken, die andere Gruppe auf eine andere. Auf diese Weise entstehen dialektale Unterschiede (cf. Silva-Corvalán 2001: 14).

Es gibt zum einen offensichtliche, externe Faktoren für die Entstehung von Dialek­ten, wie die Migrationsbewegung und die Kolonisierung verschiedener Regionen durch Individuen anderer Herkunft, deren Sprache bereits durch einen bestimmten Dialekt geprägt ist. Diatopische Einflüsse können ebenso auf die Bildung verschie­dener Dialekte einwirken. Menschen, die auf dem Land leben, können einen anderen Dialekt entwickeln als Menschen, die in der Stadt aufgewachsen sind. Zum anderen existieren interne, linguistische Gründe für die Bildung von Dialekten. Das Kon­strukt des sozialen Status ist mit Sicherheit umstritten, aber man kann die Existenz der gesellschaftlichen Schichtenbildung nicht abstreiten. Auf dem Land entwickeln sich bestimmte linguistische Charakteristika, die zu einem Sprachwandel führen, die in der Stadt in der Regel schwächer ausgeprägt sind. Wenn manche Dialekte dem­nach also negativ konnotiert sind, warum ändern die Sprecher ländlicher Regionen nicht ihren Dialekt zu einem, der mehr Prestige hat? Die Antwort auf diese Frage scheint einleuchtend zu sein: Wenn man seine Art und Weise, wie man spricht, auf­gibt, lehnt man somit seine soziale Zugehörigkeit ab. Der Dialekt einer Sprache ist demnach ein sehr wichtiges expressives Mittel, um der Identität einer gesellschaftli­chen Gruppe Ausdruck zu verleihen. (cf. ebd.: 14ff)

Bei dem Ausdruck habla, der Mundart, handelt es sich um den eigenen und individu­ellen Gebrauch der Sprache: „[...] el funcionamiento lingüístico momentáneo del individuo [...] se identificará con el lenguaje individual“ (Coseriu 1973: 19). Dabei bezieht man sich lediglich auf die gesprochene Sprache. Es gibt demzufolge nichts Kollektives in der Sprechweise, so wie es bei der Sprache oder auch beim Dialekt der Fall ist, die bestimmte linguistische Eigenschaften teilen. Der habla entwickelt sich durch regionale, soziale und politische Einflüsse. Man könnte ihn als eine Unter­gruppe des Dialekts eingliedern, die geographisch begrenzt ist. (cf. ebd.: 18f)

Nachdem die sprachwissenschaftliche Terminologie nun weitläufig geklärt ist, sollte man das Andalusische nun einer sprachwissenschaftlichen Bezeichnung zuordnen können. Eine eindeutige Einteilung vorzunehmen ist an dieser Stelle nicht einfach, da selbst die Sprachwissenschaftler sich darüber nicht einig werden. Alvar sagt bspw.: „Nadie suele discutir que el andaluz sea un dialecto (Alvar 1983: 62)”. Seiner An­sicht nach handelt es sich beim Andalusischen um ein Zeichensystem einer Gemein­sprache, was er außer Zweifel stellt, indem er auf das phonetisch-phonemische und morphosyntaktische System hinweist. Es unterscheide sich nicht stark von anderen Sprachen gleicher Herkunft. Außerdem sei jedes noch so typische Sprachmerkmal in anderen Mundarten wiederzufinden (cf. ebd.: 62). Mondejár ist der Meinung, dass „[. ] utilecemos la palabra dialecto aplicada al andaluz en los trabajos técnicos, cuando nadie más convencido que nosotros de que lo que se habla en Andalucía no es más que una variedad [...] del español“ (Mondejár 1986: 144). Darüber hinaus sagt er, dass es dem Andalusischen zu sehr an morphosyntaktischen und semantischen Abweichungen mangelt, als dass man es als einen Dialekt bezeichnen könnte. Die Gesamtheit der andalusischen Sprechweisen könnte als ein Dialekt im Sinne von der ,Art zu sprechen‘ bezeichnet werden, aber dies wäre heutzutage auf den volkstümli­chen Begriff zurückzuführen, nicht auf den technischen (cf. ebd.). Ein weiterer wich­tiger Aspekt ist, dass die sprachlichen Merkmale, die die andalusische Varietät von anderen spanischen unterscheiden, sich fast ausschließlich auf das Gesprochene be­schränken. Was außerdem dagegen spricht, dass es sich beim Andalusischen um ei­nen Dialekt handelt, ist die Tatsache, dass uns hier nicht eine einzige Modalität vor­liegt, sondern ein Komplex von Varietäten. Dieser kommt zum einen durch die geo­graphische Verbreitung, zum anderen durch die verschiedenen sozialen Schichten, die das Andalusische unterschiedlich realisieren, zustande (cf. Narbona 2001: 19).

Meiner Meinung nach handelt es sich bei dem Andalusischen um eine Varietät des Spanischen, da es kein festgelegtes System der Orthographie und auch keine eigen­ständige Grammatik gibt. Außerdem gibt es keine passende Umschreibung für diese Modalität, da in den verschieden Sprachregionen unterschiedliche Sprechweisen, die sogenannten hablas, vorkommen.

2.2 Der Status des Andalusischen in der heutigen Gesellschaft

Welchen Status die andalusische Varietät heute hat, lässt sich mit ihrer Verwendung im alltäglichen Leben herausfinden. Dabei spielt die Standardvarietät selbstverständ­lich eine große Rolle, denn diese wird im politischen und wirtschaftlichen Bereich sowie in den Massenmedien vorangestellt. Die andalusische Varietät gehört zu den regionalen Varietäten, die wenig Anwendung im öffentlichen Bereich finden, da die Modalität keinen offiziellen Status hat.

Es gibt unterschiedliche Meinungen zum Status des Andalusischen. García-Godoy verleiht der andalusischen Varietät eine negative Note, indem sie auf die vulgären Eigenschaften zurückgreift:

1. La valoración del andaluz como forma de hablar graciosa no sólo se encuentra generalizada en la España de 1800, sino que, además, se conoce en la España ultramarina.
2. El modo de hablar de algunos andaluces se considera poco adecuado para la práctica parlamentaria, puesto que provoca la risa. De los rasgos lingüísticos de las hablas meridionales, se destaca el ceceo como el fenómeno que suscita mayor hilaridad.
3. Las modalidades lingüísticas andaluzas aparecen con frecuencia en las páginas de los periódicos del momento, especialmente los de carácter satírico. En este tipo de documentos, se observa una hipercaracterización de las hablas meridionales de las que se representan, principalmente, los rasgos más vulgares para provocar un efecto cómico (García-Godoy 1997: 511f; Hervorhebung durch D.G.).

Sie verdeutlicht, dass die Sprechweise mancher Andalusier als wenig angesehen be­trachtet wird und geht auf den satirischen Charakter des Andalusischen in den Medi­en ein.

Trotzdem gibt es viele Bemühungen, der Modalität vor allem im öffentlichen Be­reich eine größere Bedeutung zuzuschreiben. So werden in der Junta de Andalucía, der Institution der Regierung der autonomen Region, im Artikel 10.3 der Propuesta de Reforma del Estatuto de Autonomía de Andalucía folgende Grundregeln festge­legt:

3. ° El afianzamiento de la conciencia de identidad y de la cultura andaluza a través del conocimiento, investigación y difusión del patrimonio histórico, antropológico y lingüístico.

4. ° La defensa, promoción, estudio y prestigio de la modalidad lingüística andaluza en todas sus variedades (Estatuto de Autonomía para Andalucía).

Hier wird deutlich von Förderung und vor allem auch Verbreitung der andalusischen Modalität gesprochen. Als der Text im Kongress der Abgeordneten 1981 diskutiert wurde, gab es einen Abgeordneten, der folgende Ansicht vertrat: Man solle noch hinzufügen, dass die besondere Sprechweise in den Medien der Kommunikation in­nerhalb der übernationalen Varietät des Spanischen, akzeptiert werden sollte, um die Diskriminierung der Andalusier wegen ihrer Art zu sprechen zu beenden. Der Vor­schlag wurde allerdings abgelehnt aufgrund der Zweifel, dass man die hablas andaluzas nicht genau definieren könne (cf. Narbona et al. 1998: 14).

Man reagierte dennoch teilweise auf den Vorschlag, indem man im Artikel 213 auch die Medien aufforderte, sich um den Gebrauch der Varietät zu bemühen: „Los medi­os audiovisuales públicos promoverán el reconecimiento y uso de la modalidad lingüística andaluza, en sus diferentes hablas” (Estatuto de Autonomía para Anda­lucía). Man verlangt folglich sich anzustrengen, Gebrauch von der Modalität zu ma­chen. Wobei an dieser Stelle anzumerken ist, dass man mit der Benutzung des Ver­bes promover eine recht schwache Forderung stellt. Den Zuständigen der autonomen Verfassung wird nachgesagt, sie hätten sich nicht einmal getraut, das Verb garanti- zar zu verwenden, was die Forderung an dieser Stelle deutlich verstärken würde (cf. Narbona 2010: 51).

3. Versuch einer Normierung der Varietät

3.1 Normalisierung des Andalusischen

Sobald eine sprachliche Varietät ein gewisses politisches und kulturelles Prestige durch die Gesellschaft, die sich ihrer bedient, erreicht hat, sollte eine sprachliche Norm fixiert werden. Die erste Norm des Spanischen wurde bereits 1492 in der ers­ten spanischen Grammatik von Antonio de Nebrija festgelegt. Diese sollte der Spra­che Konsistenz verleihen, indem Rechtschreibung, Grammatik und Ausspracheregeln fixiert wurden und somit für die Richtigkeit und Angemessenheit der Sprache ge­sorgt wurde (cf. Lapesa 1980: 287). Demzufolge kann man behaupten, dass eine gel­tende sprachliche Norm mit einer aufgezwungenen Veränderung der vorhergehenden Norm beginnt. Die Norm ist allerdings nicht zu verwechseln mit einem Produkt der sozialen Herkunft, sondern der Gesamtheit der Gesellschaft, die sich ihrer bedient - alle sozialen Schichten werden berücksichtigt, da alle Sprecher repräsentieren wer­den sollen (cf. Mondéjar 1995: 37).

Wie verhält es sich mit der andalusischen Varietät, die bereits seit Jahrhunderten existiert? Ist die andalusische Modalität so weit, dass man den Schritt einer Normali­sierung wagen könnte? Es ist offensichtlich, dass das Sprachbewusstsein der Andalu- sier, das durch ihre eigene tägliche Erfahrung und durch die historischen und funkti­onalen Kenntnisse, die sie durch das Erlernen der Sprache haben, am meisten durch die phonetische Komponente repräsentiert wird. Die höhere festgelegte Norm ihrer Art zu sprechen und zu schreiben, ist in der Grammatik vorgeschrieben (cf. ebd.: 38f). Weil es sich bei den Abweichungen zum Kastilischen lediglich um phonetische Änderungen handelt, könnte man höchstens von ,Teilnormen‘ sprechen, die sich nur auf die Aussprache beziehen, und auch diese sind regional unterschiedlich ausge­prägt. Diese verschiedenen Normen hängen demnach von der sozioökonomischen und kulturellen Schicht und von der geographischen Lage innerhalb Andalusiens ab. Schlussfolgernd erscheint es wissenschaftlich gesehen abwegig, von einer phoneti- sehen Norm des Andalusischen zu sprechen, als ob es sich um eine einheitliche sozi­ologische und geographische Ausdehnung handelt - vor allem, wenn man die Norm des Kastilischen - einer Standardsprache - gegenüberstellt. (cf. Mondejár 2001: 149f)

1997 gab es in Sevilla einen Congreso del Habla Andaluza, bei dem eben dieser Vorschlag der Normalisierung der andalusischen Varietät besprochen wurde. Die andalusische Ausgabe der Zeitung El Mundo brachte dazu folgende Schlagzeile her­aus: man sprach von „El tercer peso pesado de la lengua [...]“ (Narbona 2010: 47). Sprachwissenschaftler lehnten die Normalisierung der andalusischen Varietät vehe­ment ab. Jahre später tauchte folgende Schlagzeile auf: „Los que intentan normali­zar el andaluz son inbéciles“ (ebd.: 48; Hervorhebung im Orig.). Seitdem wurde die­se Idee fallen gelassen und tauchte in den Medien nicht mehr auf. Pragmatisch gese­hen stellt sich die Frage, ob irgendjemand die Legitimität und Autorität hat, den An- dalusiern einen bestimmten Gebrauch ihrer Varietät aufzuzwingen, den sie selbst nicht praktizieren (cf. ebd.). Nach einiger Zeit kam eine neue Idee auf, sich von be­stimmten sprachlichen Merkmalen zu lösen, die kaum Prestige mit sich bringen. Bei dieser Art von Nivellierung handelt es sich um eine abgeschwächte Form der Norma­lisierung; diese wird im folgenden Abschnitt diskutiert.

3.2 Nivellierung des Andalusischen

Es ist offensichtlich, dass nicht alle Menschen, die einer Sprache mächtig sind, in der Lage sind, auf allen gesellschaftlichen Schichtenebenen gleich zu kommunizieren. Da sich in Andalusien ein Gesellschaftswandel vollzogen hat, kann man nicht mehr vom typischen Bild der ländlichen und städtischen Sprechweise ausgehen. Durch den Wirtschaftsfortschritt und die Schulpflicht kann man davon ausgehen, dass das Er­lernen der Standardsprache für jeden zugänglich ist. Diese Veränderungen tragen zu einem Fortschritt der sprachlichen Kompetenz der Andalusier bei und es stellt sich die Frage, ob man nicht die Varietät des Andalusischen nivellieren müsste, um die Existenz der unterschiedlichen Sprechweisen abzuschwächen. Diese Nivellierung hat nichts mit der Normalisierung zu tun, welche wahrscheinlich nur dazu führen würde, dass die Sprecher nach und nach immer mehr die angesehenen Formen benutzen würden - das Ziel ist es jedoch nicht, die Varietät im langsamen Prozess einzudäm­men. Die Andalusier sind nicht erpicht darauf, gegen die Grammatik zu verstoßen oder inkorrekt zu sprechen. Sie streben ganz im Gegenteil danach, so gut wie mög­lich das korrekte Sprachregister zu beherrschen und sich der Sprache unterschiedli­chen Situationen angemessen zu bedienen. (cf. Narbona et al. 1998: 237f)

Die Instabilität der Realisierung der Laute verringert sich, da es immer mehr Andalu- sier gibt, die sich einiger Merkmale der andalusischen Varietät nicht mehr bedienen, da diese keine große, soziale Akzeptanz finden. So unterlassen es viele, das am An­fang stehende /h/ in harto zu aspirieren oder das /f/ in /J7 wie in muchacho umzu­wandeln. Darüber hinaus versuchen sie das Verschlucken von intervokalischen Kon­sonanten zu vermeiden, wenn die Kommunikation nicht im privaten Gespräch statt­findet. Sie sind also in der Lage, ihre Aussprache anzupassen und auf Übertreibun­gen zu verzichten, wenn es die Situation verlangt. Mittlerweile gibt es sogar Andalu­sier, die sich sprachlich nicht von anderen spanischen Regionen distanzieren, was zum Teil zu heftigen Reaktionen von den Verteidigern der andalusischen Varietät führt. (ebd.: 240)

Um die andalusische Varietät zu nivellieren, ist dies jedoch nicht notwendig. Man versucht lediglich ein einheitliches Vokabular im gesamten spanisch-sprachigen Raum zu schaffen, um Missverständnissen vorzubeugen. Es hat nichts damit zu tun, dass man versucht die Eigenarten der einzelnen Varietäten gänzlich zu eliminieren. Es handelt sich demnach nicht um etwas, das den Andalusiern aufgezwungen wird, sondern um einen kleinen Verzicht auf einige Eigenarten. Die Idee besteht nicht da­rin, sich dem Kastilischen anzunähern, sondern darin eine „inclinación colectiva“ (ebd.: 241) zu erreichen, die nur die Eigenarten, die sich am meisten vom Kastili­schen abgrenzen, eliminiert. Also besteht man darauf, dass man nicht mehr deo für dedo oder jambre mit der Aspiration am Beginn des Wortes für [h]ambre sagt, nicht weil man sich vor institutionellen Sanktionen fürchtet, sondern weil es bewiesen ist, dass diese Eigenarten in der Öffentlichkeit - sowohl innerhalb als auch außerhalb Andalusiens - wenig Anerkennung bekommen. An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass diese sogenannte Nivellierung von den Sprechern selbst kommt und nicht von den Institutionen aufgezwungen wurde. (cf. ebd.: 241f) Dieser Ansatz ist kritisch zu betrachten, denn diese Art von sprachlicher Anpassung beinhaltet Ele­mente der Normalisierung, die offensichtlich nicht auf freiwilliger Basis geschehen. Meiner Meinung nach kann die Idee einer Eliminierung von sprachlichen Merkma­len, um sich der Standardsprache anzunähern, nur von höheren, institutionellen In­stanzen kommen.

Allerdings muss man hinzufügen, dass sich die andalusische Dialektologie immer mehr in die Soziolinguistik der hablas andaluzas verwandelt und somit lassen sich Eigenarten nicht einfach entfernen, ohne das Prestige oder den Grad der Akzeptanz zu verlieren. Wie die bereits erwähnten Ziele des Estatuto de Andalucía besagen, ist es wichtig, die andalusische Varietät zu lernen, zu kennen und vor allem ihre An­dersartigkeit zu respektieren. Es könnte folglich durchaus zu einer Spannung zwi­schen denjenigen, die die Nivellierung vertreten, und denjenigen, die die andalusi- sche Varietät verteidigen kommen. Die letzteren streben danach, alle einzelnen sprachlichen Eigenarten zu schützen, da sie diese als „señas de identidad del pueblo andaluz“ (ebd.: 243; Hervorhebung im Orig.) bezeichnen. Sie sehen darin sogar ei­nen persönlichen Angriff auf ihre Wurzeln und auf ihr Wesen. (cf. ebd.)

Wenn man sich nun einer Nivellierung annähert, müsste man natürlich festlegen, welches gemeinsame Modell der Aussprache die Andalusier ohne Probleme akzep­tieren würden, ohne dass sich jemand diskriminiert fühlt und sich jeder noch immer mit der Varietät identifizieren kann. Es stellt sich die Frage, ob die andalusischen Sprecher auf einen gemeinsamen Nenner kommen würden, um eine gemeinsame und kultivierte Aussprache zu finden. Es ist eher unwahrscheinlich davon auszugehen, dass manche Gruppen ihre Eigenarten zugunsten der anderen Sprechergruppen auf­geben würden und noch unwahrscheinlicher ist es, dass sich alle einer neutralen „Norm“ anpassen könnten. Darüber hinaus legen die Befürworter des Andalusischen großen Wert darauf, dass sich ihre Aussprache von der kastilischen distanziert. Folg­lich versucht man mit der Nivellierung einen Mittelweg zu finden. Die Idee der Ni­vellierung besteht darin, einige der sprachlichen Eigentümlichkeiten zu beseitigen und zwar solche, die leicht zu realisieren sind: den seseo, die Aspiration des /s/ und die Aspiration des Lautes /x/, der durch das Graphem <j> repräsentiert wird. Es han­delt sich dabei um drei Charakteristika, die in den verschiedenen Regionen unter­schiedlich realisiert werden, folglich muss sich niemand einer einseitig bevorzugten Aussprache eines anderen beugen; es geht vielmehr darum die Aussprache zu ver­einheitlichen. (cf. ebd.) Meiner Meinung nach bedeutet dies jedoch, dass sich die Andalusier faktisch doch beugen müssen, wenngleich nicht eine Varietät als beste Form auserkoren wird, sondern alle Abstriche machen müssen.

Den Sprechern ist größtenteils bewusst, dass sie durch diese sprachliche Anpassung nichts verlieren: „El respeto a la variedad no les impide reconocer que la diferenciación y dispersión interna no ayudan precisamente a fortalecer y aumentar el carácter universal de un idioma” (ebd.: 245). Man sieht folglich ein, dass die Nivel­lierung keinen Eingriff in die Identität des Einzelnen darstellt, sondern lediglich ver­sucht die Sprache zu kultivieren. Der optimale Sprachgebrauch für die Andalusier lautet wie folgt:

Hablar bien, para los andaluces, no es, ni puede ser, otra cosa que hablar bien (con corrección y propiedad y de manera adecuada a cada situación comunicativa) en español, eso sí, de un(os) modo(s) peculiar(es), que no coincide(n) - ni se pretende - con los de Madrid, Valladolid o Burgos, pero tampoco con los de Santa Cruz de Tenerife, Bogotá o Buenos Aires (ebd.; Hervorhebung im Orig.).

Sie bekennen sich hier dazu, dass sie gutes Spanisch sprechen mit dem kleinen Un­terschied, dass sie eigentümliche Sprechweisen benutzen, die nicht mit denen anderer Regionen übereinstimmen. Man kann also weder von einem ,nationalistischen‘ noch von einem , separatistischen Bewusstsein der Andalusier sprechen. Im Gegenteil, wenn man die sprachlichen Merkmale des Tieflandes Hispanoamerikas anschaut, stellt man fest, dass die andalusische Varietät einen Entwicklungscharakter besitzt. Es erscheint an dieser Stelle auch nicht übertrieben zu behaupten, dass sich ein Teil der Identität der Andalusier als Sprecher des Spanischen auf die Verbreitung der Va­rietät in Hispanoamerika stützt. (cf. ebd.)

Die Sprecher der andalusischen Varietät sind sich ihrer sprachlichen gemeinsamen Eigentümlichkeiten bewusst, aber dieses kollektive Bewusstsein formt sich nicht nur durch die Merkmale, die sie von den anderen Spanisch Sprechenden unterscheiden, sondern auch durch diejenigen Charakteristika, die sie partiell gemein haben. Unter den Andalusiern entwickelt sich immer mehr das authentische Gefühl, dass sie zu einer Gemeinschaft gehören, die sich durch ihre Art zu sprechen identifiziert; den­noch gibt es große soziokulturelle und geographische Unterschiede. Die Sprecher von Sevilla oder von Cádiz können sich nicht mit den Sprechern aus Granada oder Almería identifizieren, aber „todos se sienten ,identifìcados‘ como andaluzes“ (ebd.: 246; Hervorhebung im Orig.). Sich der andalusischen Varietät zu bedienen, bedeutet auch nicht, sich dem Spanischen zu widersetzen - die Andalusier fühlen ihre Zuge­hörigkeit zu Spanien und haben kein Interesse daran, sich sprachlich gesehen von ihrem Land zu distanzieren oder gar abzutrennen. (cf. ebd.)

III. Sprachliche Identität und Sprachbewusstsein in Anda­lusien

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der Konstruktion einer sprachlichen Identität so­wie mit dem Sprachbewusstsein der Andalusier. Zunächst einmal könnte man sich die Frage stellen, ob Andalusien eine sprachliche Identität besitzt. Manch ein Anda- lusier würde wegen des Zweifelns allein schon beleidigt reagieren: Andalusier gehö­ren zu einer Bevölkerungsgruppe, die sich zum Teil durch ihre sprachlichen Merk­male definiert. Wenn man einen Spanier danach fragt, was wirklich typisch für die andalusische Varietät ist, so werden zuerst die phonologischen Merkmale, wie z.B. der seseo-ceceo, die Aspiration des /s/ und das Verschlucken von Konsonanten ge­nannt. Auch ihre spezielle Fähigkeit der Imagination und Improvisation werden auf­gezählt, die mit Reichtum an Wortschatz sowie Phraseologie assoziiert werden (cf. Narbona 2010: 15). Was ihre Sprachidentität angeht, die leicht wahrnehmbar scheint, haben die Sprecher der andalusischen Varietät ein eher unklares und irritierendes Bewusstsein von dieser, da viele denken, dass es sich bei den oben genannten Phä- nomena um ausschließlich andalusische handelt. (cf. ebd.: 15f) Dieses Kapitel soll zum einen das verschwommene Bild des Bewusstseins aufzeigen und zum anderen darstellen, welche Rolle die Sprachidentität für die Andalusier auf der kulturellen Ebene spielt.

Darüber hinaus hört man oft, dass die Andalusier besonders stolz darauf sind, Spanisch „con una particular expresividad, gracia e ingenio“ (La identidad lingüística de Andalucía) zu sprechen oder wie Manuel Machado sagte: „el MEJOR, castellano, el más RICO y SABROSO castellano del mundo“ (ebd.). Trotzdem wird genauso oft - zum Teil sogar von denselben Personen -, ein sprachlicher Minderwer­tigkeitskomplex der Andalusier zur Sprache gebracht. Mit diesen zwei sich wider­sprechenden Thesen beschäftigt sich die sprachliche Identitätsbildung, die im Fol­genden untersucht wird.

1. Andalusier auf der Suche nach ihrer Identität

1.1 Identität und Sprache

Bevor wir auf die sprachliche Identität zu sprechen kommen, sollte zunächst einmal der Begriff der Identität geklärt werden: Nach Narbona (2010: 23) beschreibt Identi­tät sowohl das persönliche Verhalten als einen komplexen Gestaltungsprozess als auch das kollektive Bewusstsein. Dabei spielt die Gesellschaft eine signifikante Rol­le. Diese schreibt uns die Identität zu, die wir haben, denn die besonderen Merkmale einer Person sind von außen leichter zu erkennen. Demnach macht es wenig Sinn, außerhalb der Gesellschaft von einer persönlichen Identität zu sprechen. Auf eine ähnliche Weise wird man als Individuum von der Gesellschaft bestimmten sozialen Gruppen zugeteilt und mit ihnen identifiziert - in diesem Fall spricht man von einer kollektiven Identität (cf. ebd.). Die zuletzt genannte Identität ist nicht auf natürliche Art und Weise entstanden, sondern wurde konstruiert - der Prozess ihrer Bildung ist in der Geschichte verankert und eben jenen gilt es an dieser Stelle nachzuvollziehen (cf. ebd.: 26).

Der historische Kontext spielt eine zentrale Rolle in der Betrachtung von Identitäten als Konstruktionen, d.h. bei den sozialen Konfigurationsprozessen, die mit gesell­schaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Situationen verbunden sind und von ihr abhängen. Mit anderen Worten lässt sich sagen, dass „las identitades, pues, de acuerdo con esta perspectiva, no ‘son’, sino que se ‘construyen’ en el tiempo, en el devenir histórico, [...]” (ebd.: 68). Diese Auffassung würde jede empirische Grundla­ge für die Bildung von sozialen Gruppierungen infrage stellen. Gruppenidentitäten können in der Tat auf der empirischen Basis konstruiert werden, allerdings können diese viel leichter aufgelöst werden als solche, die eine solide, historische Grundlage haben (cf. ebd.: 68f).

Auch die Identifikation mit der Sprache und der sozialen Gemeinschaft ist schon immer eine historische Konstante im Leben der Völker gewesen. Man könnte die Sprache als historisches Produkt des sozialen Lebens bezeichnen. Es gibt kaum mehr Zweifel darüber, dass die Sprache mit Phänomenen der sozialen und kulturellen Na­tur assoziiert wird. Dabei geht es darum, den Gedanken zu bestätigen, der durch die Sprache sichtbar wird. Dies ist bereits das grundlegende Zeichen für eine kulturelle Identifikation. Deshalb gibt es eine natürliche Tendenz des Individuums, sich der Sprache zu bedienen, die sich am besten mit der sozialen Umgebung identifiziert. (cf. Bustos 1997: 69)

In welchem Verhältnis steht nun die Konstruktion einer Identität mit der Sprache? Die erstere hängt von dem Medium der Sprache ab. Eine freie Identitätskonstruktion ohne den Einfluss des Sprachsystems ist demnach sehr eingeschränkt bzw. fast un­möglich. Als Beispiel könnte man den eingeschränkten Sprachgebrauch während einer Diktatur illustrieren: Minderheitensprachen wurden verboten und somit war die Identitätskonstruktion einer Minderheitengruppe stark gehemmt (cf. Kresic 2006: 30).

Dem Begriff der Sprachidentität werden verschiedene Bedeutungen zugeschrieben. Zum einen kann Sprachidentität die Merkmale einer einzelnen Sprache darstellen, d.h. sie distanziert sich durch ihre Identität von anderen Sprachen. Zum anderen kann man damit auch „die Identität einer Person in Bezug auf ihre - oder auf seine - Spra­che bezeichnen“ (Thim-Mabrey 2003: 1f). Damit bezieht man sich nicht nur auf standardisierte Sprachen, sondern auch auf mögliche Dialekte oder Varietäten als Gruppensprache. Im Hinblick auf das im weiteren Verlauf dieser Arbeit erforschte Sprachbewusstsein, wird hier mit der letzten Definition gearbeitet.

Durch die Identifikation mit der Umwelt kann der Sprache eine zentrale Rolle zuge­schrieben werden. Sprachidentität kann sich sogar so stark entwickeln, dass man aus der Sprache auf maßgebende Eigenschaften der Persönlichkeit einer Person schließen kann - sowohl als Individuum als auch als Angehöriger einer Gruppe. Von außen gesehen fallen bestimmte charakteristische Merkmale einer Sprache oder Sprachva- rietät schnell auf (cf. ebd.: 2). Die Sprache kann folglich bei der Identitätsformation beteiligt sein kann. Dies würde eine tiefgründige Erklärung dafür bieten, dass die Sprache ein grundlegender Faktor für die Grundlage der Gruppierungen von Men­schen ist (cf. Narbona 2010: 69f). Da die Sprache bei der Identitätskonstruktion es­sentiell sein kann, lassen sich viele Sprecher einer Varietät nicht gerne in ihre Spra­che eingreifen. Sie identifizieren sich mit ihr und möchten nicht, dass eine höhere Institution ihre Identifikation negativ beeinflusst bzw. verändert (cf. Thim-Mabrey.:2f).

Sprache und Identität stehen folglich im wechselseitig bedingten Verhältnis zueinan­der: Sprache dient als Schnittstelle von Kommunikation und individueller Wahrneh­mung; sie bildet somit das Fundament für Lebensformen und Realität (cf. Kresic 2006: 206f). Schlieben-Lange verwendet diesbezüglich treffende Formulierungen: „Sprache schafft Identität. [...] Minderheitengruppen definieren sich weithin durch ihre gemeinsame Sprache. [...] [Sie ist ein] entscheidendes Mittel für Subkulturen, sich von der Außenwelt zu unterscheiden“ (Schlieben-Lange 1973: 15). Wendet man diese Deutung auf die andalusische Varietät an, so kann man bejahen, dass diese die Identität von Subkulturen, also auch die der Andalusier, ausmacht.

Es wäre verfänglich die Behauptung aufzustellen, dass es eine kollektive homogene Identität einer Sprache in einem Land gibt. Denn überall auf der Welt drücken sich Gemeinschaften unterschiedlich aus, weil sie andere Denkweisen und eine unter­schiedliche Lebensauffassung haben. Mit anderen Worten: Die gleiche Sprache dient unterschiedlichen Kulturen. Die Sprache unterliegt immer Veränderungen und hört nicht auf sich zu wandeln; dementsprechend verändert sich auch die sprachliche Identität (cf. Narbona 2010: 28). Dies erklärt die natürliche Tendenz der Individuen, nicht nur ihre eigene Sprache zu verwenden, sondern von einer sprachlichen Varietät Gebrauch zu machen, die sie besser, noch enger, mit ihrem sozialen Umfeld verbin­det. Je enger die sprachliche Modalität geographisch eingegrenzt wird, desto größer ist die Identifikation der Individuen mit ihr. Wenn man den Fall Andalusiens heran­zieht, so kann man die andalusische Varietät als ein Symbol der kulturellen Identität ansehen. Schließlich ist sie trotz eines gemeinsamen Suprasystems des Spanischen bei Millionen von Sprechern verwurzelt (cf. Carbonero 2001: 13).

An dieser Stelle könnte man sich fragen, wie die sprachliche Identität mit der Kultur zusammenhängt. Wie zu Beginn dieses Kapitels bereits diskutiert, ist Sprachidentität nicht nur individueller Natur. In einer Sprachgemeinschaft entwickelt sich oftmals eine Gruppenidentität, die sogar einen stärkeren Charakter aufweist, denn die Identi­fikation mit der Sprache findet in einer Gemeinschaft statt und stärkt diese dadurch um weitere verbindende kollektive Identitätskomponenten. Es ist offensichtlich, dass die Sprache ein enormes kohäsives Potenzial besitzt, da sie die Sozialisierung und die Integration der Individuen in eine kulturelle Gemeinschaft unterstützt. Der Be­griff der Kultur ist eng mit der kollektiven Identität verknüpft. Sie wird als eine Ge­samtheit von Ideen, Vorstellungen, Normen, Gewohnheiten oder Traditionen - sprachlicher oder nicht sprachlicher Natur - verstanden. Sie hat in Vorgängen der Sozialisierung der Individuen die Aufgabe des Vermittlers und deshalb kann sie die Funktion haben, das Verhalten einer Sprachgemeinschaft kollektiv auszurichten, wenn es zu unterschiedlichen Ansichten die Norm betreffend kommen sollte. Dem­zufolge erlernt man zuerst eine Sprache durch konkrete und individuelle Sprechwei­sen; im weiteren Verlauf verinnerlichen sich verschiedene Gattungstraditionen, die sich den Präferenzen der Gemeinschaft anpassen. (cf. Narbona 2010: 213f)

1.2 Sprachliche Identität der Andalusier

Das Individuum an sich scheint keine Probleme mit dem Umgang der persönlichen und sozialen Identitäten zu haben. Menschen identifizieren sich mit ihrem Beruf, als Eltern, Kinder oder Geschwister oder auch als Spieler, Genießer etc. Auch scheint es den Andalusiern keine Probleme zu bereiten, sich als „boquerones“ (Baéz de Aguilar 2000: 151) zu bezeichnen, wenn sie in Málaga geboren sind, weil sie sich mit ihrem Geburtsort identifizieren. Als Andalusier fühlen sie sich bspw. in Katalonien und beziehen sich somit auf eine größere Region, mit der sie sich identifizieren, und als Spanier, wenn sie im Ausland sind, da sie sich im nächstgrößeren Raum als Spanier fühlen. Das Problem mit der Zugehörigkeit scheint darin zu liegen, dass diese nur in

Konfliktsituationen entsteht, wenn es also zwischen einem Individuum und anderen Individuen oder sozialen Gruppen zu Unstimmigkeiten kommt. (cf. ebd.)

Durch Demokratisierungsprozesse kommt es oftmals zur Auflösung von Staaten, die nach einer neuen Identität suchen müssen und diese auch finden wollen, um sich als nationaler Staat abzugrenzen (cf. ebd.). Dabei ist anzumerken, dass Demokratisie­rungsprozesse nicht mit der Bildung eines Nationalstaates gleichzusetzen sind - es geht lediglich darum, auf der Suche nach sich selbst eine gefestigte Sprachidentität als soziales Kit zu entwickeln. Da Sprache in der Identitätsbildung von großer Be­deutung ist, versuchen sich die Staaten auf der sprachlichen Ebene von den anderen zu distanzieren und somit auch ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln (cf. ebd.: 152).

Nun stellt sich die Frage, wie es sich mit der Suche nach der (sprachlichen) Identität in Andalusien verhält. Man kann im Falle der andalusischen Varietät nicht wie im Fall Kataloniens, Galiziens oder des Baskenlandes, die eine eigene Sprache haben, von einer sprachlichen Bewusstmachung sprechen. Die Sprachen der genannten au­tonomen Staaten blühten nach dem Ende der Diktatur auf. Sprachliche Identitäten wurden aufgebaut, die mittlerweile die autonome Politik dieser Regionen größten­teils bestimmen. Dieser Aufschwung und das steigende Bildungsniveau motivierten zunehmend nun auch die Andalusier, eine sprachliche Identität zu konstruieren, nachdem die andalusische Varietät während der Diktatur als schlecht gesprochenes Spanisch diffamiert wurde. (cf. Baéz de Aguilar 2002: 233f)

An dieser Stelle ist die Frage berechtigt, ob eine andalusische Identität überhaupt existiert. Gómez García äußerte sich dazu: „Lo andaluz está ahí, es algo que vivimos, que sabemos diferenciar cuando tratamos con alguien andaluz, algo por lo que nos identifican desde fuera otros que no son andaluces“ (Gómez 1982). Doch wie verhält es sich mit dem festen Terminus der andalusischen Identität? Riaza (1982: 3) ist der Meinung, dass „la identidad andaluza pertenece al ámbito de los valores“ und dass der Begriff nichts “wissenschaftliches” beinhaltet, da es an einem Konzept von Iden­tität mangelt (cf. ebd.: 53). So war der Stand vor

[...]

Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Soziolinguistische Untersuchung des Sprachbewusstseins junger Erwachsener in Cádiz
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,5
Autor
Jahr
2013
Seiten
110
Katalognummer
V278629
ISBN (eBook)
9783656714101
ISBN (Buch)
9783656714071
Dateigröße
2034 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist auf deutsch verfasst. Die Einleitung ist lediglich ein abstract.
Schlagworte
Sprachbewusstsein, soziologische Untersuchung, andalusisch, Dialekt
Arbeit zitieren
Daria Götte (Autor), 2013, Soziolinguistische Untersuchung des Sprachbewusstseins junger Erwachsener in Cádiz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278629

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