Die angelsächsische Tradition der frühen Neuzeit. Einfluss durch die islamische hautfarbenbezogene Interpretation der Verfluchung Chams?

Eine Untersuchung anhand ausgewählter Quellen


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Grundlagen in der Bibel:
1.1 Die Cham-Geschichte und das damit verbundene theologische Hauptproblem
1.2 Die Völkertafel

2. Die CG in der islamischen Welt des Mittelalters
2.1 Die CG nach Ibn Qutayba
2.2 CG im Werk ,, al-Muqaddimah“ Ibn Khaldūns
2.3 Bedeutung der CG

3. Die CG im christlichen Europa
3.1 Die CG nach Azurara
3.2 Azurara – der Begründer einer europäischen CG-Tradition?
3.3 Die CG nach Thomas Newton
3.4 Die Folgen von Newtons Werk

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Sklaverei wurde immer auch damit legitimiert, indem man den Völkern, die vorrangig versklavt wurden, sehr negative Eigenschaften nachsagte. Insbesondere William McKee Evans hat darauf hingewiesen[1]. Da Schwarze sowohl über ein Jahrtausend lang in der islamischen Welt als auch während der frühen Neuzeit in Europa und seinen überseeischen Kolonien die meisten bzw. alle Sklaven stellten, überrascht es daher nicht, dass sie in beiden Kulturen mit den negativsten Eigenschaften beschrieben wurden, die sich zudem auch noch sehr stark ähnelten. So findet man z.B. in beiden Kulturen eine sehr sexualisierte Darstellung der Schwarzen, die demnach u.a. überlange Penisse hätten[2]. Bei derartigen eindeutigen Übereinstimmungen stellt sich natürlich die Frage, inwiefern die europäischen Einstellungen zu Schwarzen direkt aus der islamischen Welt stammen oder sich unabhängig davon erneut entwickelten, wobei vorislamische Kulturen noch zu berücksichtigen wären[3]. Diese Frage soll hier anhand der Geschichte der durch Chams Sünde verursachten Verfluchung Kena’ans durch Noach untersucht werden, die in beiden Kulturen eine große Rolle bei der Legitimierung der Versklavung vorrangig schwarzer Menschen spielte, wobei dies bei der letzteren vorrangig im angelsächsischen Raum der Fall war.

Diese behandelte Geschichte soll im Folgenden verkürzt „Cham-Geschichte (CG)“ genannt werden, da, wie wir noch sehen werden, Kena’an in beiden Kulturen ziemlich schnell aus der Interpretierung dieser Geschichte verschwand. Biblische Namen werden in dieser Arbeit nach der Vorgabe des Online-Wörterbuchs Milonaccess aus dem hebräischen Original transkribiert[4].

Insbesondere Gernot Rotter hat bezüglich der Verwendung der CG in der islamischen Welt des Mittelalters eine Vorreiterrolle in der Forschung eingenommen, wobei er behauptete, dass die CG den Muslimen die wichtigste Erklärung für die Entstehung der unterschiedlichen und insbesondere der schwarzen Rasse sowie auch als Legitimation zur Versklavung der Selbigen gewesen sei.[5] Bernhard Lewis relativierte Rotters These, indem er andere Theorien aufführte, die den Muslimen ebenfalls als Legitimierung der Sklaverei schwarzer Menschen gedient haben[6]. Reuven Firestone[7] wiederum behauptete, dass es sich bei der muslimischen Version der CG lediglich um einen Überlieferungsfehler gehandelt habe und es gar nicht mehr notwendig gewesen sei, die Versklavung schwarzer Menschen zu legitimieren, da die Sklaverei im Islam allgemein anerkannt ist. Wir werden uns damit noch näher beschäftigen.

Was die Behandlung der CG in der frühen Neuzeit angeht, ist insbesondere das hervorragende Werk David M. Whitfords zu erwähnen[8], in dem sich dieser sehr ausführlich mit diesem Phänomen beschäftigt hat. Benjamin Braude hat sich insbesondere der Entwicklung der auf Schwarze bezogenen Interpretation der CG im Europa der frühen Neuzeit gewidmet[9]. Der bereits erwähnte McKee Evans hingegen hat sich mit der CG in beiden Kulturen und darüber hinaus auch innerhalb der jüdischen Kultur auseinandergesetzt, was in etwa auch das Ziel dieser Arbeit sein soll, wobei sich hier ausschließlich auf den mittelalterlichen islamischen und frühneuzeitlichen europäischen Raum beschränkt wird. Stephen R. Haynes schließlich hat sich mit der CG in den Südstaaten der USA vorrangig vor dem Bürgerkrieg beschäftigt, in denen die CG als wichtigstes Argument zur Aufrechterhaltung der Sklaverei diente[10].

Im Laufe der Arbeit soll zunächst der Inhalt der CG aus dem hebräischen übersetzt wiedergegeben und grundlegende theologische Fragestellungen, auch in Verbindung mit der nach der CG folgenden Völkertafel, erörtert werden. Da, um wirklich bewerten zu können, wie sich die islamische CG-Tradition auf die spätere angelsächsische ausgewirkt hat, es erst mal nötig ist, die allgemeine Bedeutung der CG in der islamischen Welt zu kennen, soll anschließend die Rolle der CG in der islamischen Welt des Mittelalters durch die Interpretation und Wiedergabe der CG bei Ibn Qutayba sowie die anschließende Einschätzung der CG durch Ibn Khaldūn untersucht werden. Danach folgt ein Überblickes über die Rolle der CG in der islamischen Kultur und ein kurzer Vergleich mit der späteren angelsächsischen CG-Tradition. Anschließend folgt mit der Interpretation der CG durch Gomes Eannes de Azurara und Thomas Newton die Darstellung zweier christlicher Schriftsteller, denen gemeinsam ist, dass sie Gedanken aus der eben behandelten islamischen Kultur übernommen haben. Die Auswirkungen dieser Gedanken auf die nach ihnen folgende Behandlung der CG in Europa soll dann jeweils getrennt untersucht werden.

Die Grundlagen in der Bibel

Die Cham-Geschichte und das damit verbundene theologische Hauptproblem

Die Cham-Geschichte lautet folgendermaßen: ,,Und Noach begann, ein Bauer (Mann des Ackerbodens) zu sein, und er pflanzte einen Weinberg. Und er trank vom Wein und er wurde betrunken und er war nackig in der Mitte seines Zeltes. Und Cham, der Vater Kena‘ans, sah die Blöße seines Vaters und er erzählte es seinen beiden Brüdern draußen. Und Schem und Jafet nahmen den Mantel und legten ihn über ihre Schultern und sie gingen rückwärts und die Blöße ihres Vaters sahen sie nicht. Und Noach erwachte von seinem Rausch (seinem Wein) und er wusste, was ihm sein jüngster Sohn angetan hatte. Und er sagte: ,Verflucht sei Kena‘an, der Niedrigste aller Sklaven (ein Sklave der Sklaven)[11] soll er seinen Brüdern sein‘. Und er sagte: ,Gesegnet sei der Herr, der Gott Schems, und Kena‘an soll sein Sklave sein. Gott soll Jafet ausbreiten und Jafet soll in den Zelten Schems lagern und Kena‘an soll sein Sklave sein. ‘[12] “ Diese Geschichte enthält eine Reihe von theologischen Problemen, von denen dieser Arbeit das folgende am wichtigsten ist: Warum verflucht Noach ausschließlich Kena‘an für ein Vergehen, dass Cham begangen hat? Wäre es nicht sinnvoller, wenn er Cham verflucht hätte? Und wenn er Cham mit der Verfluchung seiner Nachkommenschaft bestrafen will, warum bestraft er dann nur Kena‘an so ausdrücklich? Aus dem Text geht schließlich eindeutig hervor, dass Kena‘an auch seinen Brüdern, sprich den anderen Söhnen Chams, dienen soll, was nun augenscheinlich überhaupt keinen Sinn ergibt. Dies ist eine Problematik, die auch von einigen modernen Theologen wie Von Rad und Ruppert nicht erkannt wurde, die eine Gleichsetzung Chams und Kena‘ans favorisierten[13], wie zahlreiche Interpreten der Ham-Geschichte vor ihnen. Eine Missinterpretation, die die Legitimation der Versklavung von Schwarzen durch die CG überhaupt erst möglich machte.[14]

Die Völkertafel

Auch die Völkertafel hat in der Tradition, die Nachkommen Chams mit den Schwarzen gleichzusetzen, natürlich eine wichtige Rolle gespielt. Dabei spielen rassische Kriterien in der Völkertafel offensichtlich überhaupt keine Rolle: Kusch, der Stammvater der Kuschiten, die offensichtlich als schwarz galten[15], war z.B. der Vater Nimrods und damit auch der Babylonier, die wohl mit Sicherheit nicht als Schwarz gegolten haben. Allerdings sind die wesentlichen Völker Afrikas, die in der Völkertafel auftauchen, ausnahmslos Nachkommen Chams. Immerhin drei seiner vier Söhne lassen sich ziemlich eindeutig Afrika zuordnen, auch wenn das, wie eben erwähnt, auf Chams Enkel nicht unbedingt zutrifft. Mizraim ist zweifellos als Stammvater der Ägypter zu sehen, allein schon, weil der Name in semitischen Sprachen allgemein für Ägypten steht, während Kusch eindeutig dem heutigen Nubien zugeordnet werden kann. Put hingegen war mit hoher Wahrscheinlichkeit Libyen zugeordnet[16]. Einzig Kena‘an wird der gleichnamigen Region, dem heutigen Nahen Osten, einer eindeutig nichtafrikanischen zugeordnet. Weder Jafet noch Schem haben hingegen Söhne, die sich eindeutig mit Afrika in Verbindung bringen lassen. Aus diesem Grund verband wohl schon Isidor von Sevilla in seiner berühmten Weltkarte die Nachkommen Chams mit Afrika[17].

Aufgrund der auf dem ersten Blick engen Beziehung der Nachkommen Chams zu Afrika und der bis heute andauernden Verschmelzung Chams und Kena‘ans in der theologischen Auslegung überrascht es nicht, dass der Fluch Noachs schon sehr schnell auf die Afrikaner allgemein bezogen wurde.

Die CG in der islamischen Welt des Mittelalters

Die CG nach Ibn Qutayba

Ibn Qutayba war ein arabischer Gelehrter, der 884 oder 889 gestorben ist und sich u.a. sehr stark mit dem Alten Testament befasst hat[18]. Er ist für den Gegenstand dieser Arbeit von Bedeutung, weil er der erste arabische Autor ist, der den Fluch Noachs nicht nur mit Sklaverei, sondern auch mit der schwarzen Hautfarbe in Verbindung brachte[19].

[...]


[1] McKee Evans: s. Bibliographie.

[2] Dies behaupteten u.a. Murūǧ Masʿūdī (Rotter 156) und Charles White (Whitford 122).

[3] Auch Griechen und Römer behaupteten, Schwarze hätten überlange Penisse (Whitford 123).

[4] Ein allgemein verbindliches Transkribierungssystem für das Hebräische existiert leider nicht.

[5] Rotter 141-155.

[6] Lewis 55 u. 123-125.

[7] Firestone 63-65.

[8] Whitford: s. Bibliographie.

[9] Braude: s. Bibliographie.

[10] Haynes: s. Bibliographie.

[11] Das hier verwendete Wort(‘ewed) muss nicht unbedingt für menschliches Eigentum, sprich Sklaven, stehen. Auch eine Übersetzung mit ,,Knecht“ oder ,,Diener“ ist je nach Kontext möglich. Lewis bevorzugt sogar diese Option (55, 123), laut Gesenius (556) hingegen ist auch eine Übersetzung mit ,,Sklave“ denkbar, was im Kontext dieser Geschichte auch am meisten Sinn macht. Möglicherweise hat Lewis auch einfach eine sehr weit verbreitete englische Übersetzung verwendet, in der es tatsächlich ,,servant of servants“ heißt.

[12] Genesis, 9 20-25. Übersetzung aus dem hebräischen Original, nähere Angaben: s. Bibliographie.

[13] Von Rad 102-03, Ruppert 428, 433. U.a. Firestone hat hingegen auf diese Problematik hingewiesen. Vgl. Firestone 53.

[14] Offensichtlich hatte der Verfasser der HG ein komplett anderes Rechtsverständnis, als die meisten Interpreten der selbigen nach ihm. Um die HG richtig interpretieren zu können, ist es daher unbedingt erforderlich, das Rechtsverständnis der Juden zu Lebzeiten des Autors der HG zu kennen. Offensichtlich ist dieses Verständnis bis heute nicht vorhanden und die meisten Theologen ziehen es vor, den Inhalt der HG zu verfälschen, anstatt zu akzeptieren, dass sie sich mit dem uns zu Verfügung stehenden Wissen nicht hinreichend interpretieren lässt.

[15] S. u.a. Jer. 13, 23.

[16] Ruppert 462.

[17] Sollors 84.

[18] Karoui 10.

[19] Lewis 124.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die angelsächsische Tradition der frühen Neuzeit. Einfluss durch die islamische hautfarbenbezogene Interpretation der Verfluchung Chams?
Untertitel
Eine Untersuchung anhand ausgewählter Quellen
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Sklaverei in der Karibik
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V278660
ISBN (eBook)
9783656719984
ISBN (Buch)
9783656741046
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sklaverei, Karibik, Islam, Ibn Qutayba, Ibn Khaldūn, Azurara, Thomas Newton, Noah, Ham, Bibel
Arbeit zitieren
Karl Hollerung (Autor), 2013, Die angelsächsische Tradition der frühen Neuzeit. Einfluss durch die islamische hautfarbenbezogene Interpretation der Verfluchung Chams?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278660

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