Rassismus und Fremdheit im Sport am Beispiel von Fußball


Seminararbeit, 2011
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Der Begriff Fremdheit im Fußball

2. Entwicklung von Fremdheit im Europäischen Fußballs
2.1 Das Bosman-Urteil und seine Auswirkungen im europäischen Profifußball
2.2 Reaktionen auf das Bosman-Urteil

3. Akzeptanz von Fremdheit im Fußball
3.1 Ruhrpolen als Beispiel für Integration durch Fußball

4. Ablehnung von Fremdheit im Profifußball
4.1 Lazio Rom und Fremdenhass
4.2 Der Fall Mario Balotelli

5. Lösungsansätze

6. Literaturverzeichnis

7. Graphiken

1. Einleitung: Der Begriff Fremdheit im Fußball

Wenn der afrikanische Mittelstürmer Adebowale Ogungbure des FC Sachsen Leipzig an den Ball kommt, reagieren sogenannte Fußballfans häufig auf die gleiche Art und Weise: Mit „Af- fenlauten“ und „Bimborufen“. So wurde auch am 25.03.2006, dem 14. Spieltag der Oberliga Nordost, in der Partie des Halleschen FC gegen den FC Sachsen Leipzig jede Ballberührung des farbigen Fußballprofis mit rassistischen und menschenverachtenden Gesten kommentiert. Diese Vorkommnisse sind leider kein Einzelfall. In Hamburg präsentierten sich derweil einige Chemnitzer Fans mit Hitlergruß und in Cottbus hört man von den Rängen antisemitische Fan- gesänge. So sind Rassismus und Antisemitismus auch in deutschen Fußballstadien zur Folklo- re geworden. Durch den veränderten Arbeitsmarkt in einer globalisierten Welt wurde die An- werbung und Fluktuation von ausländischen Fußballspielern forciert. In nationalen Verglei- chen sind unterschiedliche Tendenzen im Umgang mit Migration und Fremdheit im Fußball zu erkennen. Von besonderer Relevanz für meine Hausarbeit, welche sich mit Akzeptanz und Ablehnung von Fremdheit im Sport am Beispiel des Fußballs beschäftigt, ist die Frage, in- wieweit die „Gastarbeiter“, in diesem Fall professionelle Fußballspieler, „im Rahmen von Übergangsritualen soziale Schichten durchlaufen“1. Inwiefern sich die theoretischen Ansätze in der Realität auswirken, werde ich anhand verschiedener Exempel von Fußballern mit Mig- rationshintergrund wissenschaftlich erörtern.

Der Schlüsselbegriff dieses Seminars, „Fremdheit“, wird innerhalb der Geistes - und Sozial- wissenschaften kontrovers diskutiert. Aufgrund dessen werde ich diesen Begriff im ersten Teil meiner Hausarbeit thematisieren und dabei versuchen, unterschiedliche Lösungsansätze respektive Definitionen aufzuzeigen. Bei der Thematisierung und Untersuchung des Begriffs wird der Versuch einer Kategorisierung der Fremdheit gemacht. Justin Stagl ordnet Fremdheit einerseits als eine Qualität von Personen ein, welche mit „der Fremde“ umschrieben werden kann. Andererseits stellt er Fremdheit als eine Qualität von Objekten dar, welche als „das Fremde“ zu verstehen ist. Ferner wird Fremdheit von ihm als eine Qualität von Regionen un- ter dem Begriff „die Fremde“ aufgefasst.2 Darüber hinaus weist Fremdheit nach Stagl drei Bestimmungsmomente3 auf. Diese sind räumlicher, zeitlicher und normativer Natur.4 So ge- schehe „die Wahrnehmung des jeweiligen Fremden immer vor dem Hintergrund der eigenen Kultur“5. Stagl meint hierzu, dass bezüglich des Grades der Fremdheit bei Objekten oder Per- sonen Varianzen zu erkennen seien. Kriterien, welche „den Grad der Fremdheit“6 beeinflus- sen, seien zum einen die Ausprägung der Höhe bezüglich der eigenen Reichweite, ferner die Zeit, welche zur Ausprägung verfügbar ist, sowie die Kompatibilität mit der Eigensphäre. Bernhard Waldenfels nennt drei Steigerungsgrade von Fremdheit: erstens die „alltägliche und normale Form der Fremdheit“7 innerhalb der eigenen Ordnung, welche an einem Unbekann- ten auf der Straße exemplarisch wird. Die nächste Stufe bildet die strukturelle Fremdheit,8 welche außerhalb einer bestimmten Ordnung auftritt. Die dritte Steigerungsstufe ist demnach die radikale Form der Fremdheit.9 Sie liegt außerhalb jeglicher Ordnung und tritt in Form von Tod, Rausch, Schlaf oder Eros auf.10

Herfried Münkler und Bernd Ladwig gliedern den Begriff „Fremdheit“ in unterschiedliche Dimensionen und unterscheiden zwischen „sozialer, kultureller und lebensweltlicher Fremd- heit“11. Unter der Dimension der sozialen Fremdheit verstehen sie die Betonung der Nicht- Zugehörigkeit zu einer sozialen Einheit. Die kulturelle Fremdheit kann hingegen als Sonder- fall der lebensweltlichen Fremdheit im Sinne von Unvertrautheit verstanden werden. Zu be- merken ist, dass die innere Grenzziehung, die Fremdexklusion sowie die Selbstexklusion als Formen der Fremdheitszuschreibung angesehen werden.12 Diese entsprechen lediglich einem subjektiven, individuellen Nichtzugehörigkeitsverständnis und sind nicht objektiv legitimiert. Corinna Albrecht stellt einerseits die dialektische Komponente von Eigenem und Fremden dar, indem sie den Begriff des Fremden als „komplementär zu jenem des Eigenen“13 bezeich- net und andererseits „die relationale Ebene der Fremdheit vom eigenen Standpunkt abhängig macht“14, wodurch der Begriff ein Verhältnis bzw. eine Beziehung ausdrückt.

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“15 formuliert Karl Valentin diese Relation. Albrecht greift Valentins Gedanken auf und bezeichnet das Fremde16 infolgedessen als „affektiv be- setztes Wahrnehmungsmuster“17. Dabei können drei Ordnungs- und Orientierungsmuster un- terschieden werden. Sie reichen von Exotismus über Ethnozentrismus bis hin zur Xenopho- bie, wobei der Exotismus als Faszination und Verklärung des Fremden oder „als Projektions- fläche für Sehnsüchte und Wunschvorstellungen“18 anzusehen ist, also lediglich die positiven Faktoren der Fremde wahrnimmt. Dem Ethnozentrismus, welcher die Zwischenstufe von Exotismus und Xenophobie darstellt, kennzeichnet „vornehmlich eine Haltung positiver Vor- eingenommenheit gegenüber der eigenen Gruppe, die keinesfalls von Feindseligkeit gegen- über anderen Gruppen begleitet werden muss“19. Es besteht also nicht zwingend eine Feindse- ligkeit gegenüber dem Anderen. Die Infragestellung der kulturellen Werte beantwortet der Ethnozentrismus mit der „Verabsolutierung des eigenen“20. Unter dem Begriff Xenophobie wird hingegen eine „übertriebene Furcht vor allem Fremden“21 verstanden. Stagl differenziert die ambivalenten Gefühle, welche Fremdheit hervorruft, in „Angst und Bedrohung“22 zum einen und Faszination23 zum anderen. Letzteres gründe auf eine Art Überdruss an der eigenen Normalität. So unterscheidet Stagl ferner in „Abweisung und Aneignung als zwei grundsätz- liche Reaktionsweisen auf Fremde oder Fremdes“24. Hier wird offensichtlich, dass diese Be- griffe gegensätzlich sind, wobei soziologisch zahlreiche Zwischenformen existieren. Den In- dikator der sozialen Beziehungen angesichts des Begriffs der Fremdheit erklärt Alfred Schütz als „einen Prozess der Annäherung eines Erwachsenen in unserer Zeit und unserer Zivilisati- on“25. Dieses Phänomen zeige sich z.B. bei „einem Bräutigam während der Eingliederung in die Familie der Braut“26 oder bei einem „Immigranten bei der Sozialisation in die Gesell- schaft eines fremden Landes respektive einer fremden Kultur“27 und sei mit einer Vielzahl von Problemen verbunden. Dies liege in der Tatsache begründet, dass „Subjekte über graduel- les Wissen verfügen, welches eigenen Elementen mehr Relevanz zuspricht, als anderen“28. Die Tatsache, dass die „Ingroup“ über ein dem Fremden unbekanntes Wissen verfügt, wel- ches den Mitgliedern absolut klar und selbstverständlich, mit dem Fremden jedoch nicht kompatibel ist, führt zwangsläufig zu Problemen. Die Anwendung des Wissensmusters „Den- ken-wie-üblich“29 durch den Fremden wird unwirksam, genauso wie auch die Ingroup unsi- cher wird, da sie die Wissensdifferenz spürt. Um dem Ziel der Integration in die Gruppe ge- recht werden zu können, ist der Fremde gezwungen, sich das Wissen der Ingroup anzueignen. Dazu muss er sich nicht nur dem „alleinigen Erlernen der Regeln widmen, sondern jene viel- mehr untersuchen, ihren Sinn erfassen und letztendlich die Tatsache so auslegen, dass er sie mit seinem Wissensmuster verknüpfen kann.“30

2. Entwicklung von Fremdheit im Europäischen Fußballs

2.1 Das Bosman-Urteil und seine Auswirkungen im europäischen Profifußball

Im Dezember 1995 verkündete der Europäische Gerichtshof ein Urteil, welches als Revoluti- on für die bislang geltenden Transferregularien im europäischen Fußball gilt. Dieses nach dem belgischen Fußballspieler Jean-Marc Bosman benannte Urteil erklärte jene bis „dahin geltenden Transferrichtlinien und Ausländerbeschränkungen für nichtig“31. Seither dürfen Ausländer in unbegrenzter Zahl in den europäischen Sportligen eingesetzt werden. Diese Aufhebung der Ausländerklausel verstärkte die Migrationsbewegung in den europäischen Profiligen enorm. Spätestens seit dem Bundesligaspiel am 21. April 2001 im Cottbusser "Stadion der Freundschaft" zwischen dem F.C. Energie Cottbus und der Spielver- einigung Unterhaching wurde diese Entwicklung auch dem letzten Zuschauer offensichtlich. Bei dieser Partie standen für den gastgebenden Verein F.C. Energie Cottbus „elf ausländische Spieler - etwa aus Brasilien, Polen, Bosnien oder dem Benin, um nur einige wenige zu nen- nen - in der Startformation“32. Für die Spielvereinigung Unterhaching hingegen standen elf Spieler mit deutschem Pass auf dem Spielfeld. Das Abstiegsduell „gewann der FC Energie Cottbus mit 1:0 und sicherte sich den Klassenverbleib“33. Die Spielvereinigung Unterhaching stieg ab. In den Folgejahren sollte sich der Trend, kurzfristig leistungsstarke ausländische Spieler zu verpflichten anstatt einheimische Talente zu fördern, in allen europäischen Fußball- ligen durchsetzen.

Wie auf Abbildung 1 zu erkennen ist, stieg der Anteil „ausländischer Spieler“ in allen Bun- desligen der unterschiedlichen Sportarten an. Von besonderer Bedeutung ist in dieser Semi- nararbeit die Entwicklung des Ausländeranteils im Fußball. Dieser stieg, als einziger der in der Tabelle untersuchten Sportarten, stetig an. Von 19,1 Prozent in der Saison 1994/95 auf 42,4 Prozent in der Saison 2000/01. In Abbildung 2 wird der Ausländeranteil in der obersten Spielklasse der Fußballnationen England, Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland dar- gestellt. Der Anteil ausländischer Spieler erscheint in Deutschland (mit 28%) neben Spanien (32%), Frankreich (43%) und den Spitzenreitern Italien und England mit jeweils (44%) ver- hältnismäßig gering.

2.2 Reaktionen auf das Bosman-Urteil

Vielen europäischen Fußballfunktionären ist diese Entwicklung ein Dorn im Auge. „Scheiße, wieder ein Platz für unsere Talente weg.“34 war der Kommentar des damaligen Trainers der deutschen U21-Nationalmannschaft, nachdem Borussia Dortmund die Verpflichtung des bra- silianischen Stürmers Ewerthon im Jahr 2000 verkündete. In England, dem Mutterland des Fußballs, reagierte man ähnlich auf den Anstieg des Ausländeranteils in der Premier League. Im Jahre 2008 verpasste man die Europameisterschaftsqualifikation. Gleichzeitig war der Ausländeranteil in der höchsten Fußballliga auf dem Höhepunkt (vgl. Abbildung 2). Infolge- dessen fanden Fans und Presse in den ausländischen Spielern in der Premier League einen Sündenbock und „schoben kurzerhand die schlechte Leistung der Nationalmannschaft auf die Ausländer“.35 Der Kapitän der englischen Nationalmannschaft „Steven Gerhard plädierte für eine Quotenregelung, um einheimische Spieler vor der Überfremdung der Nationalen Ligen zu schützen“.36 In der Bundesliga versuchte man bereits ab 2006 mit unterschiedlichen Reg- lementierungen der Anwerbung von ausländischen Fußballprofis entgegenzuwirken. Dem- nach muss jeder deutsche Profiverein mindestens zwölf deutsche Lizenzspieler unter Vertrag haben. Ab der Saison 2008/09 ist jeder deutsche Profiverein verpflichtet acht bei einem deut- schen Klub ausgebildete Spieler - „Local Player“ - in der Lizenzspielerabteilung zu beschäf- tigen.

[...]


1 Stagl, 1997, S. 108.

2 Vgl. Stagl, 2011, S. 86f.

3 Vgl. ebd., S. 89.

4 Vgl. ebd., S. 86.

5 Matter, 1995, S. 273.

6 Stagl 1997, (wie Anm.1), S. 88.

7 Waldenfels, 1997, S. 72.

8 Vgl. ebd., S. 72.

9 Vgl. ebd., S. 72.

10 Vgl. ebd., S. 72.

11 Vgl. Münkler; Ladwig, 1997, S. 26 f.

12 Vgl. ebd., S. 23.

13 Albrecht, 1997, S.85 f.

14 Vgl. ebd., S. 85 f.

15 Ebd., S. 85 f.

16 Vgl. ebd., S. 90.

17 Ebd., S. 90.

18 Ebd., S. 90.

19 Ebd., S. 89.

20 Vgl. ebd., S. 91.

21 Ebd., S. 91.

22 Stagl 1997, (wie Anm.1), S. 89 f.

23 Ebd., S. 89 f.

24 Ebd., 1997, S. 102.

25 Vgl. Schütz, 1972, S. 53.

26 Ebd., S. 53.

27 Vgl. ebd., S. 53.

28 Stagl 1997, (wie Anm.1), S. 108.

29 Schütz 1972, (wie Anm.25), S. 65.

30 Ebd., S. 65.

31 Vgl. Eichler, 1995, S. 21.

32 Vgl. Dorfer, 2008, S. 11.

33 Ebd., S. 12.

34 Ebd., S. 13.

35 Ebd., S. 13. f.

36 Ebd., S. 14. f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Rassismus und Fremdheit im Sport am Beispiel von Fußball
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Kulturthema Fußball
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V278942
ISBN (eBook)
9783656717393
ISBN (Buch)
9783656717362
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rassismus, fremdheit, sport, beispiel, fußball
Arbeit zitieren
Daniel Bierbrauer (Autor), 2011, Rassismus und Fremdheit im Sport am Beispiel von Fußball, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278942

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