LRS und Legasthenie im Kindesalter


Hausarbeit, 2007

17 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Hinführung

II. Legasthenie und Lese-Rechtschreibstörung

III. Symptome

IV. Ursachen

V. Diagnostik

VI. Therapie und Förderung
1. Etablierte Trainingsverfahren
a) Lerntherapeutische Fördermaßnahmen
b) Psychotherapeutische Ansätze
c) Computergestütztes Training
2. Alternative Trainingsverfahren

VII. Rechte legasthener Schüler

VIII. Fremdsprachenlegasthenie

IX. Resümee

X. Quellenangabe

I. Hinführung

Die Sumerer, von welchen bereits 4000 vor Christus Schriftstücke gefunden wurden, gelten heute als die Erfinder der Schrift. Grundlage unseres Alphabets sind allerdings die ägyptischen Hieroglyphen aus dem dritten Jahrhundert vor Christus, welche erstmals Zeichen abstrahierten, sowie die Phönizischen Schriftzeichen, welche als Basis der lateinischen Schriftzeichen um 1300 vor Christus entstanden. Das Thema „Schrift“ entwickelt sich also schon seit langem und erhält immer mehr Aktualität.

Die Entdeckung des Buchdrucks durch Johannes von Gutenberg in der Mitte des 15.Jahrhunderts, sowie die Einführung der allgemeinen Schulpflicht am Anfang des 18. Jahrhunderts, die alle Kinder zum Erlernen von Lesen und Schreiben verpflichtet, sind wichtige Etappen auf dem Weg der Schrift, ohne die heute nichts mehr denkbar ist.

Im Jahr 1880 entstand Konrad Dudens „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der Deutschen Sprache“, welches heute als „Urduden“ bezeichnet wird und durch seine einfache Zugänglichkeit zur Rechtschreibung ein Verkaufsschlager wurde. Die Menschen mussten sich nun nicht mehr mit komplizierten Rechtschreiberegeln befassen, sondern konnten einzelne Worte in ihrer richtigen Schreibweise nachschlagen.

Doch nicht für alle Menschen ist Lesen und Schreiben so einfach, einige durchaus intelligente Menschen scheinen die Kulturtechnik des Lesens und Schreibens trotz enormer Bemühungen einfach nicht vollständig erlernen zu können.

Bereits 1916 befasste sich Pál Ranschburg, ein ungarischer Psychologe mit diesen Problemen und prägte die Begriffe „Legasthenie“ und „Arithmasthenie“, die wörtlich übersetzt soviel wie „Leseschwäche“ und „Rechenschwäche“ bedeuten.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren es hauptsächliche Ärzte und sonstige Mediziner, die dieses Phänomen „Wortblindheit“ nannten. Diese Bezeichnung kam daher, dass all diese Menschen zwar Bilder benennen, allerdings Schriftzeichen und einfache Zusammensetzungen nicht betiteln konnten.

Einige Jahre später, 1951, wollte Maria Lindner, eine Schweizer Psychologin, diese Handhabung entkräften und untersuchte daher leseschwache Kinder auf ihre Intelligenz, wobei sie zu folgendem Ergebnis kam:

Diese Kinder waren alle nicht unterdurchschnittlich begabt, sondern befanden sich in einem mittleren bis hohen Intelligenzbereich.

Trotzdem hatten sie alle Probleme mit dem Lesen und auch, was Lindner als erste mit einbezog, mit der Rechtschreibung von Worten. Lindners Entdeckungen wurden in sämtliche LRS-Erlasse aufgenommen und sind auch heute noch Grundlage vieler weiteren Forschungstheorien, während Ranschburg, der zwar als erster den „Legasthenie-Begriff prägte, in heutigen Theorien kaum mehr Beachtung findet.

So kamen bis in die siebziger Jahre hinein kontroverse Positionen auf, was die Existenz von Legasthenie angeht und das Thema rückte immer weiter in den Mittelpunkt.

Mit dem Aufkommen der PISA-Studie zu Beginn der neunziger Jahre und dem Schwerpunkt „Lesekompetenz“ in der PISA-Studie 2000 wurde das Thema noch brisanter, so dass heute, im Jahr 2007, die Aktualität so groß ist, wie selten zuvor. Die Tatsache, dass immer noch kein gemeingültiges Konzept gefunden wurde, lässt die Diskussionen um die Lese-Rechtschreibschwäche, bzw. Legasthenie nicht abklingen.

II. Legasthenie und Lese-Rechtschreibstörung

Legasthenie und Lese-Rechtschreibstörung unterscheiden sich dahingehend, dass die Lese-Rechtschreibschwäche weniger verregelt ist und auch vorübergehend in Krisensituationen auftreten kann. Zudem ist sie nur eine Schwäche und keine Störung, d.h. sie hat nicht die Intensität der Legasthenie. Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden bestimmte Ein- und Ausschlusskriterien für die Lese-Rechtschreibstörung formuliert. Die Einschlusskriterien sind Lese- und Rechtschreibleistungen, die trotz allgemeiner Intelligenz, normaler Beschulung und der Klassenstufe entsprechendem Alter unter dem zu erwartenden Durchschnittsniveau liegen. Ausschlusskriterien hingegen sind neurologische Störungen, geistige Behinderung, unzureichende Unterrichtung, sowie periphere Sehbeeinträchtigungen. Etwa drei bis fünf Prozent der Grundschulkinder sind von der Lese-Rechtschreibstörung betroffen, d.h. ca. 200 000 Kinder in deutschen Grundschulen können nicht ausreichen lesen und rechtschreiben.

Auf die gesamtdeutsche Bevölkerung bezogen bedeutet dies, dass heute ungefähr drei Millionen Deutsche von der Lese-Rechtschreibstörung betroffen sind, wobei diese Störung natürlich kein nationales Problem ist, sondern in allen bekannten Schriftsprachen gefunden wird.

Auch zu bemerken ist, dass Jungen von der Störung statistisch häufiger betroffen sind als Mädchen. Selbst ein Prozent der deutschen Studenten bezeichnen sich laut Studentenwerk als lese-rechtschreibschwach.

Legasthenie hingegen ist eine zentralnervöse und entwicklungsbiologische Störung, die mit der Entwicklung des zentralen Nervensystems einhergeht und somit von Geburt an, bzw. bereits vor der Geburt angelegt ist. Dies ist also eine dauerhafte Störung, die hauptsächlich in der Umwandlung von Schriftzeichen in Sprachlaute liegt und umgekehrt. Für „Normallernende“ ist es sehr schwierig, diese Probleme in der Umsetzung nachzuvollziehen, da die wenigsten sich darüber im Klaren sind, „wie komplex und störanfällig dieser Vorgang ist, lernen doch die meisten Kinder die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechtschreiben wie von selbst.“[1]

Auch die in der Regel durchschnittliche bis hohe Intelligenz ist ein Kennzeichen von Legasthenie, d.h. legasthene Kinder sind in keinem Fall dumm oder behindert, sondern haben lediglich eine entwicklungs- oder anlagebedingte Störung in einem Teil des Gehirns, welche trotz normaler sozialer Verhältnisse, gesunder Sinne und üblicher Lernanregung dauerhaft anhält, wie bereits Lindner 1951 in ihrer Diskrepanztheorie formuliert.

Die Häufigkeit des Auftretens legasthener Störungen kann leider nicht genau festgemacht werden, da in jeder Studie verschiedene Intensitätsgrade der Störung miteinbezogen werden. Schätzungsweise leiden vier Prozent der Menschheit an dieser nur schwer therapierbaren Krankheit.

Von diesen beiden Krankheitsbildern abzugrenzen sind die Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens im Einschulungsalter, die allerdings mit der Zeit verschwinden. Diese treten häufig bei Kindern auf, die bis dahin kaum in Kontakt mit Büchern und der Schrift gekommen sind, was in etwa auf sieben bis zehn Prozent der Lese-Rechtschreibgestörten zutrifft. Hier ist es wichtig, das Interesse der Kinder am Lesen überhaupt zu wecken, so dass sie sich gerne mit dem bisher Unbekannten befassen und ihre anfänglichen Schwierigkeiten überwinden können.

Auch allgemeine Minderbegabungen gehören nicht zu diesen Krankheiten und müssen im Gegensatz zu diesen sonderpädagogisch gefördert werden. Minderbegabte Kinder haben in den seltensten Fällen die Fähigkeit, weiterführende Schulen zu besuchen.

III. Symptome

Die Symptome der Legasthenie und Lese-Rechtschreibschwäche zeigen sich meist erst dann deutlich, wenn die Kinder eingeschult worden sind, da sie mit dem Erlernen des Lesens und Schreibens einhergehen. Doch bei einigen im Grunde besonders intelligenten Schülern wird diese Schwäche bis in das Gymnasium nicht erkannt. Bei den zunehmenden Klassenstärken, dem häufigen Desinteresse der Eltern an den Leistungen ihrer Kinder und aufgrund der Unwissenheit der Lehrkräfte ist es für die betroffenen Kinder immer leichter, die Störungen zu verstecken. Bei aufmerksamem Beobachten lassen sich allerdings folgende Schwächen erkennen:

Optische Differenzierungsschwäche:

Ein legasthenes Kind hat Schwierigkeiten, kleinste visuelle Unterschiede wahrzunehmen, z.B. den Unterschied zwischen „c“ und „o“, „mein“ und „nein“, „f“ und „k“.

Lautunterscheidungsschwäche:

Die Kinder können ähnlich klingende Laute, beispielsweise „k“ und „g“, „t“ und „d“ nicht unterscheiden. Auch einzelne Laute können nicht aus einem Wort herausgehört werden.

Raumorientierungsschwäche:

Wenn die Lage der Buchstaben im Raum ähnlich ist, wie bei „p“ und „q“, „b“ und „d“, „u“ und „n“ haben legasthene Kinder Schwierigkeiten, diese im Leseprozess zu differenzieren, sowie im Schreibprozess richtig wiederzugeben.

Wortbildschwäche:

Ein legasthenes Kind ist durchaus in der Lage, Wörter leise vor sich hinzusagen und sich bestimmte Worte zu denken.

Es weiß ebenfalls, was mit bestimmten Begriffen, wie zum Beispiel „Baum“, „Haus“, „Hose“ gemeint ist. Allerdings hat es enorme Schwierigkeiten damit, sich aus diesen Begriffen im Kopf die entsprechende Schreibweise des Wortes vorzustellen. Es ist also der Weg vom Lautwort zum Schriftwort, der ihm große Schwierigkeiten bereitet, auch Graphem-Phonem-Korrespondenz genannt.

Sequenzschwäche:

Eine weitere Auswirkung der Legasthenie und Lese-Rechtschreibstörung ist das Problem der Reihung. Aufeinanderfolgende Abläufe, wie das Einmaleins, das Alphabet, Kalendermonate und Wochentage werden häufig durcheinander geworfen. Demnach stellt auch die richtige Reihenfolge der Buchstaben in einem Wort eine Schwierigkeit im Schreib- und Leseprozess dar. Aus Worten, wie „Beil“, „Lasche“ und „Laden“ entstehen „Blei“, „Schale“ und „Nadel“.

Lese-/ Schreibunlust:

An Legasthenie erkrankte Kinder nehmen nur mit Widerwillen Bücher oder Stift und Papier zur Hand. Sie schreiben selten Tagebücher, Gedichte oder Wunschzettel. Wenn sie zum Lesen oder Schreiben gezwungen sind, arbeiten sie sehr langsam und mühselig, stockend oder sehr rasch und flüchtig. In jedem Fall ist das Endprodukt enorm fehlerträchtig; bei eigener Suche nach den Fehlern können diese nicht erkannt werden.

Leistungsschwankungen:

Dass bestimmte Worte in ein und demselben Text einmal richtig, dann wieder falsch geschrieben werden, ist für legasthene Kinder keine Seltenheit. Oft sind Texte abschnittsweise gut, dann wieder sehr fehlerhaft geschrieben oder gelesen. Dies kann auch mit der Tagesform eines Kindes zusammenhängen, die manchmal gut, manchmal schlecht ist.

Verbindungsschwäche:

Meist in der zweiten Klasse wird an deutschen Grundschulen der Übergang von Druck- zu Schreibschrift eingeübt.

Dies ist sehr häufig für legasthene Kinder eine enorme Belastung, da sie zu diesem Zeitpunkt bereits Probleme mit der Verschmelzung von Buchstaben zu einem Wort haben. „Nadel“ wird beispielsweise nicht selbstredend flüssig gelesen und geschrieben, sondern Legasthenie-kranke Kinder sprechen und schreiben oft in Einzelbuchstaben, also „N“, „A“, „D“, „E“, „L“.

Auf dem Papier haben die Buchstaben eines Wortes oder auch mehrere Wörter oft einen großen Abstand voneinander.

Laut Weltgesundheitsorganisation kommen hierzu noch Schwierigkeiten mit der Groß- und Kleinschreibung, Reihenfolgefehler der Buchstaben in einem Wort, Buchstabenauslassungen, Einfügungen falscher Buchstaben, sowie Dehnungsfehler, welche in den meisten Belegstellen allerdings nicht als legastheniespezifische Fehler gesehen werden. Viele behaupten auch, dass sich die Fehler legasthener Kinder nicht qualitativ, sondern rein quantitativ von denen normallernender Kinder unterscheiden.

All diese Symptome können natürlich vereinzelt bei allen Schülern einmal auftauchen. Kritisch wird es erst, wenn mehrere dieser Störungen über einen längeren Zeitraum hinweg sichtbar werden und auch sekundäre Symptome auftreten. Darunter zählen hauptsächlich ein negatives Selbstkonzept des betroffenen Schülers, Wut gegen sich selbst, Angst vor dem Versagen und das häufige Herumkaspern in der Klasse bei Lese- und Schreibarbeiten. Dann ist es wichtig, dies nicht als Dummheit, Faulheit oder vorpubertäre Phase abzutun, sondern genauestens zu beobachten und die Lehrer, bzw. die Eltern zu kontaktieren.

IV. Ursachen

Für die Ursache der Legasthenie gibt es noch kein feststehendes Konzept. Allerdings ist - wie bereits in der Definition erwähnt - klar, dass es sich um eine Entwicklungsstörung handelt, welche im Zentralnervensystem, also dem Gehirn situiert ist.

Die Sprache des Menschen ist vornehmlich in der linken Gehirnhälfte verankert – bei Männern mehr als bei Frauen. Dies ist auch eine Erklärung, wieso heute viermal mehr Jungen als Mädchen an Legasthenie erkrankt sind.

Trotzdem sind auch gewisse, für das Lesen und Schreiben wichtige Fähigkeiten auf der rechten Seite des Gehirns verankert, so zum Beispiel das räumliche und ganzheitliche Denken. Demnach ist eine nahtlose Verschaltung zwischen rechter und linker Gehirnhälfte sehr wichtig, um normal verlaufende kognitive Denkvorgänge zu garantieren.

Beide Defizite wurden bei Legasthenikern in vielen Studien nachgewiesen, sowohl die Verkleinerung der linken Hirnhälfte (teilweise sogar auf die Größe der rechten Gehirnhälfte), als auch die mangelhafte Verschaltung der beiden Gehirnhälften untereinander.

Doch das allein kann nicht als Ursache der Legasthenie gesehen werde. Weiterhin wurden erbliche Faktoren gefunden, so das sechste und fünfzehnte Chromosom, welche beide Legasthenie als Anlage weitergeben. Da die Genforschung noch am Anfang steht und auch technisch immer weitere Fortschritte gemacht werden, bleibt zu hoffen, dass bald konkrete Aussagen über die Entstehung der Legasthenie gemacht werden können. Wichtig ist vor allen Dingen, dass es bei der Legasthenie keine Schuldfrage gibt. Es sind nicht das Elternhaus, die Lehrer oder die Erziehung schuld an einer Legasthenie, sondern viele, von Geburt an verankerte Faktoren. Zwar kann das soziale Umfeld den weiteren Verlauf der Legasthenie beeinflussen, Ursache ist es jedoch nicht. Somit hat jeder erkrankte Mensch seine und nicht die Legasthenie, d.h. die Intensität und Ausdrucksweise variiert in allen Fällen, so dass auch keine allgemeingültige Therapie für alle Kinder gefunden werden kann.

[...]


[1] Klasen, E.: Legasthenie – umschriebene Lese-Rechtschreib-Störung, Chapmann & Hall GmbH, Weinheim, 1997 (S. 14)

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
LRS und Legasthenie im Kindesalter
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V278990
ISBN (eBook)
9783656719465
ISBN (Buch)
9783656741152
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
legasthenie, kindesalter
Arbeit zitieren
Katharina Los (Autor:in), 2007, LRS und Legasthenie im Kindesalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278990

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