Zwischen gehegtem Staatenkrieg und industriellem Volkskrieg. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
24 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Deutsch-Französische Krieg und seine Zeit: Ein Kriegsbild im Wandlungsprozess
2.1 Militärische Bedürfnisse und gesellschaftliche Notwendigkeiten
2.2 Die Rolle des technologischen Fortschritts
2.3 Strategie und Taktik: Wandel des militärischen Operationsverfahrens

3 Der Deutsch-Französische Krieg und dessen Einordnung
3.1 Vom gehegten Staatenkrieg zum Bürgerkrieg
3.2 Der „imaginierte Volkskrieg“: Wahrheit und Wahrnehmung

4 Schlussbetrachtung

5 Literatur

1 Einleitung

Der Deutsch-Französische Krieg stellt ohne Frage eine herausragende Stellung in der Geschichte Deutschlands, aber auch ganz Europas dar und markiert einen für das 19. Jahrhundert grundlegenden Wendepunkt in der militärhistorischen Forschung. Wie so oft in der Geschichte hat sich das Erscheinungsbild des Krieges über die Epochen hinweg aufgrund immer wiederkehrender Einflüsse, wie gesellschaftliche Umbrüche, ökonomische Veränderungen oder aber technische Innovationen, stetig gewandelt. In eben solch eine Wandlungsphase fällt auch der Waffengang zwischen Deutschland und Frankreich im Jahr 1870/71, der gern als Wegweiser für ein neues Zeitalter der Kriegsführung betrachtet wird.

In der folgenden Arbeit wird unter Verwendung ausgewählter Literatur der Versuch unternommen, die sowohl militärische als auch gesellschaftliche Entwicklung während des Deutsch-Französischen Krieges näher zu beleuchten, um so die Bedeutung dieses Krieges und dessen Einordnung in den Kontext eines sich wandelnden Kriegsbildes im ausgehenden 19. Jahrhundert zu ergründen. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung steht die Frage, welche Form der kriegerischen Auseinandersetzung der Deutsch-Französische Krieg vertritt, welche Parallelen er mit vorweg gegangenen Konflikten gemein hat, welche spezifischen Veränderungen sich ergeben haben und welche Signale er für spätere Konflikte vermittelt hat.

Um diesen Fragestellungen nachgehen zu können, ist es zunächst erforderlich, sich die Zeit und die Entwicklungen vorab des Deutsch-Französischen Krieges und den darin mit inbegriffenen Wandlungsprozess des damaligen Kriegsbildes anzuschauen, um ein Verständnis für die Vorstellungen zur Kriegführung jener Tage oder aber zur Auffassung des Krieges als Ganzes zu erhalten. Wichtig wird es hierbei sein, zu zeigen, welche Wechselwirkungen zwischen Militär und Gesellschaft bzw. Militär und Technik vorherrschten und inwieweit diese Interdependenz Auswirkungen auf das Kriegsbild hatte.

Im Anschluss erfolgt eine Betrachtung des Kriegsverlaufs und der Entwicklung des Kampfes in den Jahren 1870 bis 1871, als auch eine kurze Untersuchung zur zeitgenössischen Wahrnehmung des Konfliktes. Letztere ist für die Einordnung des Deutsch-Französischen Krieges umso bedeutender, ist es doch gerade der Bruch zwischen Kriegspraxis und Wahrnehmung, der das Bild des Deutsch-Französischen Krieges prägt und die Frage aufwirft, ob es sich bei den Kampfhandlungen von 1870/71 um einen gehegten Staatenkrieg oder doch um einen industriellen Volkskrieg bzw. einen Nationalkrieg oder gar um einen Vorläufer des totalen Krieges gehandelt hat. Dieser Fragestellung soll in der Arbeit auf den Grund gegangen werden. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung der gewonnen Erkenntnisse und eine Schlussfolgerung zu den oben genannten Untersuchungsschwerpunkten.

2 Der Deutsch-Französische Krieg und seine Zeit: Ein Kriegsbild im Wandlungsprozess

Der direkte Zusammenhang zwischen der Herausbildung des Kriegsbildes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den gesellschaftlichen, politischen als auch technischen Umbrüchen jener Zeit steht zweifelsohne im direkten Zusammenhang zueinander. Schon Friedrich Engels erkannte in der sozialen und politischen Emanzipation von Bourgeoisie und Parzellenbauern die Grundvoraussetzung für das Anwachsen von Heeren und der rasanten Weiterentwicklung von Kriegsmitteln.[1] Daher ist es für die angestrebte Untersuchung unabdingbar die Abhängigkeit des damals bestehenden Militärwesens zu den gesellschaftlichen aber auch den politischen und technologischen Gegebenheiten näher zu beleuchten.

2.1 Militärische Bedürfnisse und gesellschaftliche Notwendigkeiten

Bei der Betrachtung des gegenseitigen Wechselspiels von Militär und Gesellschaft und der damit verbundenen Entstehung von militärischen Strukturen und einem neuen Kriegsverständnis führt kein Weg an der Reorganisation der preußischen Armee zu Beginn der 1860er Jahre vorbei.[2] Daher soll Preußen im Folgenden als Schaubild für die ganz Europa erfassende Revolution der Streitkräfte dienen.

Mit den deutschen Einigungskriegen zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts endete für Preußen eine langanhaltende Friedensphase, in der es Berlin gelang sich über 50 Jahre hinweg aus den militärischen Konflikten im europäischen Ausland herauszuhalten. Dies änderte sich als 1858 Prinz Wilhelm die Regentschaft an Stelle seines erkrankten Bruders König Wilhelm IV. übernahm. Bemüht den alten Glanz längst vergangener Tage zu beleben und Preußen den längst schon entschwundenen Status einer Großmacht wieder zu verleihen, war es das Ziel des seit 1861 regierenden Königs Wilhelm I. Preußen den ihm gebührenden Platz innerhalb des Deutschen Bundes und Europas zu sichern. Als Berufssoldat durch und durch erkannte er, dass dies nicht allein mittels der inzwischen errungenen wirtschaftlichen Vormachtstellung Preußens innerhalb Mitteleuropas zu erreichen war, sondern zusätzlich den militärischen Rückhalt in Form eines modernen und schlagkräftigen Heeres erforderte.[3] Angesichts der steigenden Bevölkerungszahl bedurften die militärischen Strukturen ohnehin einer grundlegenden Veränderung, um den Anforderungen einer prosperierenden Massengesellschaft entsprechen zu können. Während die Rekrutenzahlen 1820 noch 50 Prozent eines Jahrgangs abdeckten, waren es im Jahr 1857 in Relation zur steigenden Bevölkerungszahl lediglich noch 26 Prozent.[4] In einem Staat mit einer stetig anwachsenden Population und einem langsam aufkeimenden Verständnis für den Begriff der Nation und dem Bewusstsein als geeintes Volk eine Aussicht auf eine vielversprechende Zukunft zu haben, konnten derartige Missstände zwischen Militär und Gesellschaft nicht nur innerstaatliche, sondern auch außen- und sicherheitspolitische Auswirkungen haben. Daher war es aus Sicht des damaligen preußischen Monarchen unabdingbar, das Militär einer umfassenden Kur zu unterziehen, wozu ihn nicht zuletzt auch schon die Erfahrungen aus den Unruhen von 1848/49 bewegt haben.

Die Folge dieser Erkenntnis oder viel eher dieser Entscheidung des Königs war eine weitreichende Reorganisation des preußischen Heeres, die ab 1859/60 als die sogenannte „Roonsche Reform“[5] bekannt werden sollte und sich in ihrem Kern mit der Erhöhung der Rekrutierungsquote und mit einer der gestiegenen Bevölkerungszahl angepassten Verstärkung des stehenden Heeres befasste. Die gravierendste Änderung betraf die bis dahin als Grundelement des preußischen Heeres angesehene Landwehr, die gänzlich aufgelöst und durch neue Kontingente für das stehende Heer ersetzt wurde. Anstelle von drei aktiven und zwei Reservejahrgängen und den sieben Jahrgängen der Landwehr setzte sich die Armee fortan aus drei aktiven Jahrgängen und fünf Reservejahrgängen zusammen. Die Dienstzeit wurde für alle Soldaten auf drei Jahre festgelegt. Die Folge war nicht nur eine generelle Verjüngung der Armee, sondern auch eine gesteigerte Aushebungsquote, von ehemals 40 000 auf 63 000 Rekruten pro Jahrgang.[6] Preußen war durch diese Erweiterung der allgemeinen Wehrpflicht in der Lage seine Volkskraft wesentlich besser einzusetzen und konnte noch umfassender als zuvor Soldaten aus allen Volksschichten gewinnen. Der Grundstein für das Volk in Waffen, wie man es aus den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts kennt, war gelegt und sollte sich schon wenig später in den deutschen "Einigungskriegen" als richtungsweisend herausstellen.

Welche Auswirkungen hatte diese Entwicklung für das Kriegsbild der Zukunft? In der Folgezeit wird vor allem die Schlacht bei Königgrätz am dritten Juli 1866 gern als ein Meilenstein der militärischen Entwicklung und als ein gesellschaftlicher wie auch politischer Umbruch verstanden. Das gern als größte Einzelschlacht der Weltgeschichte vor 1914 bezeichnete Gefecht, das auch immer wieder gern mit Waterloo verglichen wurde, hatte eine bis dahin nicht gekannte Dimension erreicht. So standen sich nicht nur zwei Armeen von jeweils über 200 000 Mann gegenüber, sondern auch die Art und Weise, wie die Schlacht ausging, stellte neben der immensen Zahl an Kombattanten ein Novum dar.[7] „Daß Heere von 200 000 Mann einen Kampf bis zur gänzlichen Erschöpfung aller Kräfte, wenigstens der einen Partei, bis zur letzten Entscheidung, die keine Ressourcen mehr übrig läßt, bis zur Vernichtung der letzten Reserven an einem einzigen Tage durchgekämpft hätten – das ist unerhört!“[8]

Und so hatte sich bereits mit dem deutschen „Bruderkrieg“ von 1866 ein neues Kriegsverständnis in Europa herauskristallisiert, in dem die Gesellschaft noch viel stärker als in den "Befreiungskriegen" während der napoleonischen Ära gefordert und in die Überlegungen der Militärs eingebunden wurde. Eine ähnliche Entwicklung fand bereits einige Jahre zuvor während des amerikanischen Sezessionskrieges statt, in dem sich das Massenheer bestehend aus Wehrpflichtigen gegenüber dem kleinen stehenden Heer durchsetzte. Die Zeiten kleinerer Berufsarmeen schienen vorbei zu sein. Spätestens nach dem Deutsch-Französischen Krieg sollte es in nahezu allen europäischen Staaten zu einer weitreichenden Erfassung des Volkes für den Militärdienst kommen. Was das Militär benötigte, waren Soldaten einer gewissen formalen Qualifikation mit der Befähigung zum Handeln mit Eigeninitiative. Dies war, so die weitverbreitete Meinung der Wehrpflicht-Verfechter, nur durch eine enge Verflechtung von Gesellschaft und Militär in Form einer Volksarmee zu erreichen.[9]

[...]


[1] Vgl. Ortenburg, Georg: Waffen der Einigungskriege 1848-1871, Augsburg 2002, S. 101.

[2] Obwohl die Entwicklungen in Amerika während des Sezessionskrieges nicht minder aussagekräftig für die Herausbildung des Kriegsbildes jener Zeit sind, waren sie aber für Europa gleichwohl von geringer Bedeutung.

[3] Vgl. Fiedler, Siegfried: Taktik und Strategie der Einigungskriege 1848-1871, Augsburg 2005, S. 107-110; Neugebauer, Karl-Volker (Hg.): Grundzüge der deutschen Militärgeschichte: Band 1: Historischer Überblick, Freiburg im Breisgau 1993, S. 139ff.

[4] Vgl. Fiedler, Siegfried, S. 107.

[5] Gemeint ist die preußische Heeresreform zu Beginn der 1860er Jahre, die die Reorganisation der Heeresstruktur unter dem damalig amtierenden preußischen Kriegsminister Albrecht von Roon umfasste. Der „Roonschen Reform“ werden weitreichende Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen der preußischen Gesellschaft und dem Militär zugeschrieben. Vgl. Walter, Dierk: Roonsche Reform oder militärische Revolution? Wandlungsprozesse im preußischen Heerwesen vor den Einigungskriegen, in: Lutz , Karl-Heinz (Hg.): Reform, Reorganisation, Transformation: Zum Wandel in deutschen Streitkräften von den preußischen Heeresreformen bis zur Transformation der Bundeswehr, Potsdam 2009, S. 181ff.

[6] Vgl. Walter, Dierk: Preußische Heeresreform 1807-1870: Militärische Innovation und der Mythos der „Roonschen Reform“, Paderborn u.a. 2003, S. 472-476; Fiedler, Siegfried, S. 108ff.

[7] Vgl. Neugebauer, Karl-Volker (Hg.): Grundkurs deutsche Militärgeschichte: Band 1: Die Zeit bis 1914: Vom Kriegshaufen zum Massenheer, München 2009, S. 366-370; Fiedler, Siegfried, S. 205ff; Neugebauer, Karl-Volker (wie Anm. 3), S. 181-184.

[8] Vgl. Walter, Dierk (wie Anm. 6), S. 64.

[9] Vgl. Epkenhans, Michael/ Groß, Gerhard P.: Das Militär und der Aufbruch in die Moderne 1860 bis 1890: Armeen, Marinen und der Wandel von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in Europa, den USA sowie Japan, München 2003, S. 126ff; Ortenburg, Georg, S. 103-106.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zwischen gehegtem Staatenkrieg und industriellem Volkskrieg. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V279038
ISBN (eBook)
9783656724582
ISBN (Buch)
9783656724537
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwischen, staatenkrieg, volkskrieg, deutsch-französische, krieg
Arbeit zitieren
Thomas Hallmann (Autor), 2010, Zwischen gehegtem Staatenkrieg und industriellem Volkskrieg. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279038

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