Herausforderungen des interregionalen Standortwettbewerbs

Eine sozio-ökonomische Analyse der Konkurrenzfähigkeit Bremerhavens


Bachelorarbeit, 2014
67 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen und methodische Abgrenzungen

3 Interregionaler Standortwettbewerb in der Theorie – Erklärungsansätze regional-differentieller Entwicklungen anhand ausgewählter Theorien
3.1 Räumliche Spezialisierung von Regionen
3.2 Innovation als Wachstumsmotor
3.3 Humankapitalansatz

4 Wettbewerbsfähigkeit Bremerhavens
4.1 Ausgangslage – Sozio-ökonomische Analyse
4.1.1 Bevölkerung
4.1.2 BIP-Entwicklung und Wertschöpfung
4.1.3 Investitionen
4.1.4 Arbeitsmarkt
4.1.5 Bildung
4.2 Anwendung der Erkenntnisse aus den Theorien
4.2.1 Räumliche Spezialisierung
4.2.2 Innovationspotential
4.2.3 Humankapitalaspekte
4.3 Standortbestimmung und Ausblick

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Landkarte Bremerhaven und Vergleichsstädte der Nordwestregion

Abbildung 2: Bevölkerungswachstum Bremerhavens differenziert nach Alters- gruppen von 2005-2030*

Abbildung 3: Zuwanderung in Bremerhaven und Vergleichsstädten 2005-2012 (2005=100)

Abbildung 4: Abwanderung in Bremerhaven und Vergleichsstädten 2005-2012 (2005=100)

Abbildung 5: Reales BIP-Wachstum in Bremerhaven und Vergleichsstädten 2007-2011 (in %)

Abbildung 6: Bruttowertschöpfung Bremerhavens nach Wirtschaftszweigen 2001 und 2011 (in %)

Abbildung 7: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Bremerhaven nach dem Wohn- und Arbeitsortprinzip 2003-2012 (Stichtag 30.06.) (2003=100)

Abbildung 8: Anteil der Absolventen ohne Schulabschluss in Bremerhaven und Vergleichsstädten 2008-2012 (in %)

Abbildung 9: Studienberechtigtenquote in Bremerhaven 2006-2012 anhand der Anteile allgemeinbildender und beruflicher Schulen

Abbildung 10: BWS je Erwerbstätigen und Anteil der Erwerbstätigen im Verkehr und der Lagerei an allen Erwerbstätigen (in %) in Bremerhaven 2001-2011

Abbildung 11: Innovationsintensität in der Nordwestregion 2006 (in %)

Abbildung 12: Anteil der hochqualifizierten Beschäftigten an allen Beschäftigten nach dem Wohnortprinzip in Bremerhaven und Vergleichsstädten 2007-2011 (Stichtag 30.06.)

Abbildung 13: Gewerbeanmeldungen in Bremerhaven und Vergleichsstädten 2005-2012 (2005=100)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Wachstum der Bevölkerungsaltersgruppen unter 18 und 65+ Jahren von 2006-2011 in Bremerhaven und Vergleichsstädten (in %)

Tabelle 2: BIP je Erwerbstätigen in Bremerhaven und Vergleichsstädten 2007 und 2011 in Euro

Tabelle 3: Investitionen im Verarbeitenden Gewerbe in Bremerhaven und Vergleichsstädten 2002 und 2012 in Tsd. EUR

Tabelle 4: Investitionen im Verarbeitenden Gewerbe je Beschäftigten in Bremerhaven und Vergleichsstädten 2002 und 2012 in Tsd. EUR

Tabelle 5: Arbeitslosenquote in Bezug auf alle zivilen Erwerbspersonen in Bremer-haven und Vergleichsstädten 2011-2013 (in %) (Stichtag 30.06.)

Tabelle 6: Anteil der erwerbsfähigen Personen an der Bevölkerung, Jugend- und Altenquotient in Bremerhaven und Vergleichsstädten 2011 (in %)

Tabelle 7: Absolventenzahlen mit HSZB und Studienberechtigtenquote in Bremerhaven und Vergleichsstädten 2010*

Tabelle 8: HHI in Bremerhaven, Vergleichsstädten und Deutschland gemessen an den Anteilen einzelner Branchen an der BWS 2011

Tabelle 9: Seeseitiger Gesamtgüterumschlag in Bremerhaven und ausgewählten Häfen 2010-2012 in Tsd. Tonnen

Tabelle 10: Absolventen und Studierende der HS Bremerhaven vom Studienjahr 2005/2006 bis 2013/2014

Tabelle 11: Gründungsintensität (Gewerbeneuerrichtungen je 10.000 erwerbsfähige Einwohner) in Bremerhaven und Vergleichsstädten 2007 und 2011

Tabelle 12: SWOT-Analyse für Bremerhaven

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Globalisierte Märkte führen zu einer stärkeren Vernetzung wirtschaftlicher Aktivitäten weltweit und stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen im Wettbewerb. Der allgemeine Wettbewerbs- und Leistungsdruck nimmt jedoch nicht nur für Unternehmen zu. Auch Regionen stehen in Konkurrenz zueinander um qualifizierte Arbeitskräfte und die Gunst der Investoren, aber auch um notwendige Fördermittel. Hieraus ergibt sich die Frage, welche Faktoren entscheidend sind, um im Vergleich zu anderen Regionen im Standortwettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben. Dieser Frage wird in folgender Arbeit durch zwei aufeinander aufbauende Ansätze auf den Grund gegangen.

Im ersten Teil sollen zunächst die veränderten Rahmenbedingungen des interregionalen Standortwettbewerbs erläutert werden. Anschließend soll anhand ausgewählter Theorien aus den Bereichen „Räumliche Spezialisierung“, „Innovation“ und „Humankapital“ erst erklärt werden, welche Faktoren überhaupt zu einer regional-differentiellen Entwicklung geführt haben und immer noch führen. Am Ende der jeweiligen Kapitel werden dann die möglichen Erfolgsfaktoren festgestellt, die aus den Erkenntnissen der Theorien gewonnen werden. Übertragen auf eine Region, können so die vermeintlichen Vorteile im interregionalen Wettbewerb durch bestimmte Merkmale identifiziert werden.

Der zweite Teil der Arbeit widmet sich der Frage, wie sich die Erkenntnisse aus den theoretischen Überlegungen auf die Praxis anwenden lassen. Hierbei steht die empirische Analyse der Konkurrenzfähigkeit des Standorts Bremerhaven im Mittelpunkt. Die Wahl fiel auf die Seestadt, da trotz anhaltender struktureller Veränderungen des Standorts kaum Analysen über die Konkurrenzfähigkeit der Stadt vorhanden sind. Das bei der Recherche gefundene, aktuelle Gutachten, das einer umfassenderen Standortanalyse gleichkommt, stammt aus dem Jahr 1992.[1] Somit besteht also Bedarf für die Analyse des Standorts. Dabei sollen nicht nur die speziellen Merkmale, die die theoretischen Überlegungen herauskristallisieren, untersucht werden. Auch die Betrachtung ausgewählter Strukturindikatoren aus der sozio-ökonomischen Analyse eines Standorts, lässt allgemeine Rückschlüsse auf die Wettbewerbsfähigkeit zu. Der Fokus des Untersuchungsgegenstandes liegt jedoch auf der Anwendung der Erkenntnisse aus den Theorien auf den Standort Bremerhaven.

Ziel der Arbeit ist es, die identifizierten Faktoren, die Vorteile für die interregionale Konkurrenzfähigkeit versprechen, direkt anhand des Beispiels Bremerhaven zu untersuchen. Somit können Erkenntnisse aus der Theorie gewonnen werden, die gleichsam einen Bezug zur praktischen Anwendung haben und somit die adäquate Analyse eines Standorts ermöglichen.

2 Definitionen und methodische Abgrenzungen

Bevor der eigentliche Forschungsgegenstand dieser Arbeit untersucht wird, ist es zunächst notwendig, die Begriffe des Titels, insbesondere den Regionsbegriff, näher zu durchleuchten. Zudem soll eine methodische Abgrenzung das Thema der Arbeit und dessen Ansatzpunkte zusammenfassen. Hierbei steht die Vorgehensweise bei der Analyse der Wettbewerbsfähigkeit Bremerhavens auf Basis zuvor erlangter Erkenntnisse aus den ausgewählten regional-ökonomischen Theorien, im Vordergrund. Diese beziehen sich auf die Aspekte der räumlichen Spezialisierung, der Innovationsfähigkeit und der Arbeitswertlehre hinsichtlich der Nutzung und dem Attrahieren von Humankapital.

Der erste Begriff, den es zu definieren gilt, ist der der Region. Das Begriffsverständnis der Region schwankt nicht nur im öffentlichen Verständnis, sondern auch in der wissenschaftlichen Verwendung hinsichtlich der Dimensionierung als auch der Abgrenzung. Mönnich unterscheidet drei Arten von Regionen: die homogene Region, die funktionale Region sowie die Planungsregion. Die Gemeinsamkeit in dieser Unterscheidung liegt darin, dass sie auf einer wirtschaftlichen Verwendung der Abgrenzung beruht. Eine homogene Region eignet sich demnach besonders für die Analyse von bevorteilten bzw. benachteiligten Regionen als Ergebnis regionaler Wirtschaftspolitik. Die Planungsregion wird als politisch-historische Abgrenzung bezeichnet, die trotz der einfachen Einteilung der Gebietseinheiten, regional verflochtene Wirtschaftsräume zerschneidet. Deshalb ist der funktionale Regionsbegriff der geeignetste, um räumliche Entwicklungsprozesse analysieren zu können. Ein Nachteil dieser Betrachtung liegt in der Instabilität der funktionalen Regionen, hervorgerufen durch den Wandel der geografisch verteilten Spezialisierungen und Interaktionen.[2]

Eine weitere Abgrenzung von Regionen ergibt sich aus einem territorialen Verständnis des Begriffs mit drei Arten räumlicher Gebilde. Diese drei Arten können wie folgt charakterisiert werden:

1. Sub-nationale Territorien bezeichnen Teilgebiete eines Staates wie die Bundesländer in Deutschland oder Kantone in der Schweiz.
2. Bei supra-nationalen Territorien handelt es sich um eine Zusammenfassung mehrerer einzelner Staaten. Als Beispiel dienen das Baltikum oder auch Süd-Ost-Asien.
3. Bilden sich Regionen, die über zwei oder mehrere Staatsgrenzen hinwegreichen, wird von transnationalen Territorien gesprochen. So bildet die Öresund-Region mit den beiden Großstädten Kopenhagen in Dänemark und Malmö in Schweden eine Gebietseinteilung nach diesem Begriff.[3]

Diese Art der Abgrenzung des Begriffs stellen Regionen sowohl als administrative Einheit als auch als eine vom staatlichen Hoheitsgebiet abweichende Gebietseinteilung dar. Allen Einteilungen liegen offene ökonomische Systeme zu Grunde, zumindest, wenn die betroffenen trans- oder supra-nationalen Territorien in der EU liegen. Formale Grenzen bzw. wirtschaftliche Barrieren sind in dieser Betrachtungsweise nicht vorhanden. Die Systematik der Einteilung besteht in diesem Konzept aus zwei Kriterien. Bei dem Homogenitätskriterium werden Gebietseinheiten zu homogenen Regionen zusammengefasst. Diese weisen Ähnlichkeiten in bestimmten Strukturindikatoren auf wie der Arbeitslosigkeit, dem Einkommensniveau sowie den Beschäftigtenanteilen in bestimmten Branchen. Das Ruhrgebiet wäre somit noch vor einigen Jahrzehnten eine homogene Region hinsichtlich der Beschäftigtenzahlen im Bergbau gewesen.[4]

In funktionalen Regionen zeichnen sich die beteiligten Gebietseinheiten durch eine hohe wechselseitige Abhängigkeit aus. Das angewandte Funktionalitätskriterium beschreibt die enge Verbindung zwischen Indikatoren einzelnen Raumeinheiten. Als Beispiel für so eine Region kann die Arbeitsmarktregion dienen, bei der die umliegenden Gebietseinheiten einer Region mit der Kernstadt zusammengefasst werden, wenn ein bestimmter Prozentsatz der dort wohnhaften Erwerbstätigen in die Kernstadt auspendelt.[5] Diese Betrachtungsweise wird z.B. bei der Einteilung von Fördergebieten der Bund-Länder Gemeinschaftsaufgabe verwendet. Diese GA soll strukturschwache Regionen identifizieren und mit Hilfe der genannten Raumaufteilung über die Höhe der Investitionszuschüsse im Rahmen der regionalen Strukturpolitik entscheiden.[6]

Wie die unterschiedlichen hier dargestellten Betrachtungsweisen zeigen, ist die Region ein variables Konzept, dass den jeweiligen Anforderungen an den Untersuchungsgegenstand angepasst und neu definiert werden muss. In erster Linie steht jedoch das Zusammenfassen anhand von gemeinsamen Eigenschaften im Mittelpunkt. Letztlich zielen Gebietsabgrenzung und Regionalisierung immer auf die Vereinfachung des Verständnisses komplexer realer Prozesse.[7] Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit die kreisfreie Stadt als administrative Gebietseinheit zur Abgrenzung der Region gewählt. Innerhalb der EU werden sogenannte NUTS-Einheiten für die regionale Abgrenzung verwendet.[8] Dies hat nicht nur den Vorteil, dass die Datenlage hinsichtlich der empirischen Analyse der Wettbewerbsfähigkeit reicher ist, sondern der Forschungsgegenstand wird somit „greifbarer“. Auch wenn laut Mönnich sowie Maier und Tödtling die Vorteile von funktionalen Gebietseinheiten überwiegen, soll aus den genannten Gründen auf diese Betrachtungsweise verzichtet werden.

Nach der Eingrenzung des Regionsbegriffs, wird nun der des Standortwettbewerbs charakterisiert. Der Wettbewerb zwischen Regionen oder Ländern ist kein Phänomen der Neuzeit. Insbesondere kriegerische Auseinandersetzungen um Ressourcen und Gebiete sind eine ständige Begleiterscheinung menschlicher Historie. In Zeiten des Friedens rückt der Standortwettbewerb in ein anderes Licht. Heute geht es für die Regionen viel mehr darum, ihre eigene Standortqualität zu erhöhen, um die Attraktivität für mögliche Investoren hinsichtlich der Standortentscheidungen von Unternehmen zu steigern. Neben dem Niederlassungswettbewerb um Unternehmen, stehen Regionen auch im Wettbewerb um andere bewegliche wohlstandsfördernde Faktoren wie Humankapital, Einwohner oder aber Fördergelder. Diese Faktoren sind entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg im Standortwettbewerb.[9]

Sie lassen sich in harte und weiche Standortfaktoren aufteilen. Als harte Standortfaktoren werden all jene Merkmale beschrieben, über die eine quantitative Aussage getroffen werden kann wie z.B. die Steuerbelastung einer Region oder die Anzahl der Studienabgänger. Weiche Standortfaktoren hingegen vermitteln eher einen qualitativen Aspekt und sind, im Gegensatz zu den harten Faktoren, schwer zu messen, da sie nicht direkt die Kosten- und Gewinnsituation eines Unternehmens beeinflussen.[10] Die Wohn- und Lebensqualität sowie die Attraktivität der Freizeitgestaltung in Form von Kultur- und Sportangeboten sind entscheidende Merkmale eines Standorts, wenn es darum geht qualifizierte Arbeitsplätze an einen Standort zu binden.[11] Im Zuge der Marktglobalisierung nimmt die Bedeutung weicher Standortfaktoren hinsichtlich des Wettbewerbs der Regionen zu.[12] Besonders mit Hinblick auf den Wandel zur Wissensgesellschaft, in der Humankapital der wichtigste Produktionsfaktor ist, trifft dies besonders zu.

Nachdem die entscheidenden Begriffe der Region und des Standortwettbewerbs hinreichend diskutiert und eingegrenzt wurden, werden an dieser Stelle weitere methodische Abgrenzungen erfolgen. Den Kern der Arbeit bildet die empirische Analyse der Stadt Bremerhaven anhand geeigneter Indikatoren. Beginnend mit der Ausgangslage, die mit Hilfe relevanter sozio-ökonomischer Indikatoren skizziert wird, schließt dieser Teil der Arbeit mit der Betrachtung einzelner Aspekte für die Wettbewerbsfähigkeit der Region bzw. der Stadt ab. Diese werden durch einen Überblick über regionalökonomische Theorien aus den Bereichen der räumlichen Spezialisierung, der Innovationsfähigkeit und der Bedeutung von Humankapital für die Konkurrenzfähigkeit herausgearbeitet. In dieser theoretischen Ausführung sollen nicht nur die entscheidenden Merkmale für ein erfolgreiches Bestehen im interregionalen Wettbewerb identifiziert, sondern auch die zuvor stattfindende räumlich-differentielle Entwicklung erklärt werden. Die hier gewonnenen Erkenntnisse sollen im Anschluss an die Beschreibung der Ausgangslage in Bremerhaven auf die jeweiligen Felder angewendet werden. Konkret bedeutet dies, dass die Stadt Bremerhaven hinsichtlich der entscheidenden Merkmale, die laut Theorie zu regionalökonomischem Erfolg im Standortwettbewerb führen, untersucht wird. Der Abschluss wird von einer Bestandsaufnahme der Wettbewerbsfähigkeit Bremerhavens sowie von einem Ausblick gebildet, zusammengefasst in einer SWOT-Analyse.

3 Interregionaler Standortwettbewerb in der Theorie - Erklärungsansätze regional-differentieller Entwicklungen anhand ausgewählter Theorien

Im ersten Teil dieser Arbeit wird zunächst anhand ausgewählter Theorien der Regionalökonomie das Zustandekommen regional-differentieller Entwicklungen dargestellt. Somit kann ein Überblick gegeben werden, warum sich Regionen in verschiedene Richtungen entwickeln bzw. entwickelt haben und welche Bedingungen dafür vorhanden sind bzw. vorhanden sein müssen. Aus den Erklärungen der Theorien ergeben sich schlussendlich die Faktoren, die im interregionalen Wettbewerb eine übergeordnete Rolle spielen und über den wirtschaftlichen Erfolg einer Region entscheiden. Im empirischen Teil dieser Arbeit werden die Erkenntnisse aus diesen Theorien auf die Stadt Bremerhaven angewendet, um die Wettbewerbsfähigkeit anhand der abgeleiteten Standortfaktoren beurteilen zu können. Zuvor ist es jedoch erforderlich, die Einflussfaktoren der sich verändernden Bedingungen des Standortwettbewerbs näher zu durchleuchten.

Rosenfeld nennt drei Ebenen von Einflussfaktoren, die den Standortwettbewerb prägen und die permanenten Veränderungen beschleunigen. Auf der ersten Ebene beschreibt er die veränderten Bedingungen für den Wettbewerb zwischen Unternehmen, der sich auf strukturelle Veränderungen auf den Güter-, Faktor- und Finanzmärkten zurückführen lässt. Der daraus resultierende verschärfte Wettbewerb auf den Märkten überträgt sich von den Unternehmen auf die Regionen und Städte. Da die Unternehmen ständig gefordert sind, ihre Standortentscheidungen neu zu überdenken, ist es erforderlich, dass auch die Regionen und Städte ihre Standortqualität verbessern, um gegenüber anderen Standorten konkurrenzfähig zu bleiben. Als maßgebliche Beschleuniger für die Verschärfung des Wettbewerbs macht der Autor den technologischen Wandel sowie die politischen Maßnahmen zum Abbau von Handelshemmnissen verantwortlich.[13]

Dadurch werden Transport- und Transaktionskosten[14] reduziert, was zu einer zunehmenden Globalisierung der Märkte führt.[15] Somit stehen Regionen nicht nur mit den Nachbarregionen, sondern mit nahezu allen anderen Regionen und Städten weltweit -oder zumindest in Deutschland und Europa- in Konkurrenz. Weitere Faktoren, die die Wettbewerbsbedingungen verändern, sind sowohl die wachsende Bedeutung des Humankapitals als auch die zunehmende räumliche Spezialisierung der Standorte, bedingt durch die Reduzierung der Transport- und Transaktionsposten.[16] Auf die genannten Aspekte wird anschließend bei der Charakterisierung der Theorien noch genauer eingegangen.

Der Wandel allgemeiner Rahmenbedingungen wie bei einer Systemtransformation oder durch den demographischen Wandel führt auf einer zweiten Ebene zur Veränderung des Standortwettbewerbs. Hierbei ist insbesondere der Zerfall der Sowjetunion zu nennen, durch den innerhalb von kürzester Zeit der Wettbewerb durch das Auftreten einer Vielzahl neuer Marktteilnehmer verstärkt wurde. Diese Art der Veränderung ist zwar selten bzw. findet nicht regelmäßig in solchen Ausmaßen statt, dennoch überlagert eine solche Systemtransformation die bereits genannten Faktoren der Veränderung des Standortwettbewerbs, sodass sich jede Region neu positionieren muss. Ein schleichender Prozess hingegen findet durch den demographischen Wandel im Sinne eines Einwohnerrückgangs bzw. eines Rückgangs der Erwerbsfähigenzahlen statt.[17] Dies führt zu einem stärkeren Wettbewerb der Standorte um Humankapital, verschärft durch den Fachkräftemangel.[18] Somit werden die Regionen gestärkt, die dank ihrer Reputation attraktiver für Fachkräfte erscheinen. Schlussendlich führt dies dazu, dass diese Regionen prosperieren und die erforderlichen Steuereinnahmen zum Erhalt und Ausbau der örtlichen Infrastruktur generieren können, während andere Regionen nicht über ausreichend finanzielle Mittel verfügen. Sie verlieren ihre qualifizierten Arbeitskräfte und somit auch einen entscheidenden Standortfaktor für die Konkurrenzfähigkeit.[19]

Die dritte Ebene der Einflussdeterminanten für die sich verändernden Bedingungen des Standortwettbewerbs stellen die politischen Bemühungen dar, die Effizienz von Fördermitteln zu erhöhen, um einen Standort attraktiver zu machen. Dies repräsentiert zumindest die Idealvorstellung der supranationalen Ebene wie der EU. Durch die Förderung von wachstumsstarken Regionen wird ein Vorteil im internationalen Wettbewerb erreicht.[20] Dieser Vorteil generiert Wachstum, was sich wiederum auch positiv auf wachstumsschwächere Regionen auswirken kann. Ein solcher Effekt wird durch die Polarisationstheorien beschrieben.[21] In der politischen Praxis geht der Trend aber in die Richtung des gezielten organisierten politischen Leistungswettbewerbs durch den eher die lokalen Eigeninteressen der örtlichen Entscheidungsträger in den Mittelpunkt geraten. Somit kann zwar ein Wachstum innerhalb einer Region erzielt werden, gesamtwirtschaftliche Vorteile ergeben sich in diesem Fall aber nicht, da es häufig nur zu einer Umverteilung der Ressourcen kommt. Hierunter leiden dann wiederum Regionen, dessen Standortfaktoren schon im Voraus kaum Konkurrenzfähigkeit aufweisen. Um diesem Effekt entgegenzukommen, werden Metropolregionen gebildet, die die umliegenden Kommunen des Ballungsraumes bzw. der Region, die als Wachstumsmotor fungiert, beteiligen. In der Praxis gehen diese Kooperationen jedoch häufig nicht über einen Informationsaustausch hinaus.[22]

Nachdem zunächst die allgemeinen Einflussfaktoren auf die Veränderung der Bedingungen des Standortwettbewerbs zwischen den Regionen vorgestellt wurden, sollen nun ausgewählte Theorien das Zustandekommen regional-differentieller Entwicklungen erläutern. Diese ermöglichen einen Erklärungsansatz für die unterschiedlichen Ausgangslagen der Regionen im Wettbewerb hinsichtlich entscheidender Standortfaktoren in den Bereichen räumliche Spezialisierung, Innovationsfähigkeit und der Ausstattung mit Humankapital.

3.1 Räumliche Spezialisierung von Regionen

Zum Verständnis der räumlichen Spezialisierung von Regionen ist eine Exkursion in den Bereich der Außenhandelstheorien notwendig. Diese liefern Anhaltspunkte, warum es für Regionen sinnvoll ist, sich auf die Produktion bestimmter Güter und Dienstleistungen zu spezialisieren. Somit lassen sich zudem regional-differentielle Entwicklungen erklären, die letztlich auch die Konkurrenzfähigkeit von Regionen bestimmen. Im Fokus stehen die Darstellungen der klassischen Außenhandelstheorie nach Ricardo sowie die theoretische Weiterentwicklung der neoklassischen Schule durch Heckscher und Ohlin. Als Erweiterung werden die Erkenntnisse der Exportbasistheorie erläutert, die einen näheren Hinweis auf Faktoren, die das regionale Wirtschaftswachstum begünstigen, geben. Des Weiteren wird auf die Clustertheorie eingegangen, die die Vernetzung verschiedener Unternehmen und Institutionen einer Branche bzw. eines Sektors beschreibt.

Interregionaler Handel besteht seit Menschheitsgedenken und beschränkte sich ursprünglich auf den Austausch von Gütern, die in dem jeweils anderen Raum nicht verfügbar waren. So kam es zu regionaler Produktionsspezialisierung durch natürliche Bedingungen. Eine eher differenzierte Betrachtungsweise ergab sich im Hinblick auf Kostendifferenzen in der Herstellung, die sowohl produktionstechnische als auch natürliche Ursprünge haben.[23] Diese Betrachtung ist auf den Ökonomen David Ricardo zurückzuführen, der mit seinem Modell der komparativen Kostenvorteile gezeigt hat, dass Handel auch dann lohnenswert ist, wenn eine Nation der anderen in puncto Kosteneffizienz überlegen ist.[24] Durch die sich daraus ergebene Spezialisierung auf ein Produkt, ist es möglich, den Umfang der Produktion insgesamt zu steigern, da jedes Land nur das Produkt produziert bei dessen Herstellung es einen Kostenvorteil hat. Dieser Kostenvorteil ergibt sich in Ricardos Beispiel aus der Arbeitsproduktivität. Es wird von einem komparativen Vorteil gesprochen, weil die Produktionskosten der herzustellenden Güter innerhalb einer Nation betrachtet und verglichen werden. So können auch vermeintlich kostenunterlegene Länder am Güteraustausch partizipieren und die Vorteile des Freihandels genießen.[25] Ricardo vertrat die Auffassung des Ökonomen Adam Smith, dass das Verfolgen des individuellen Wohls (in dem Fall durch die Spezialisierung) zum allgemeinen Wohlstand führt.[26]

Bei der Übertragung auf die regionale Ebene dieses statischen Modells, fällt zunächst auf, dass sich Grenzen der Spezialisierung auftun, sobald eine Region zu klein ist, als dass sie den Bedarf für zwei Regionen befriedigen kann. Zudem bestehen die in dem Modell ausgeblendeten Handelshemmnisse ebenso wie die nicht berücksichtigten Transportkosten. Innerhalb der EU treffen diese Erschwernisse jedoch weniger zu. Die im Modell angenommene Faktormobilität, insbesondere der Arbeitskräfte, ist ebenfalls nicht gegeben, da Mobilität vom Wohlstand abhängig ist und diesen nicht zwangsläufig nur bewirkt. Es muss neben den Kostendifferenzen der Regionen also andere Mechanismen geben, die einen Ausgleich der Löhne und Profitraten bewirken und letztlich ein gesamtwirtschaftliches Wachstum aller beteiligten Regionen hervorrufen.[27]

Die Erweiterung des Modells durch die ökonomische Schule der Neoklassik, zeigt, dass im Gegensatz zum klassischen Ansatz nicht die Kostendifferenzen, sondern die unterschiedliche Ausstattung mit den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital zu vermehrtem Handel und somit letztlich zum Ausgleich der Faktorpreise führt. Zunächst gilt die Grundhypothese für regionale Wachstumsprozesse aus der Neoklassik: Interregionale Unterschiede der Faktorpreise werden durch Faktorwanderungen ausgeglichen. Der Markt tendiert somit zu einer Angleichung der Pro-Kopf-Einkommen.[28] In dieser Betrachtung produzieren beide Regionen das gleiche Produkt unter gleichen technischen Voraussetzungen. Der Unterschied besteht darin, dass eine Region aufgrund bestehender räumlicher Disparitäten arbeitsintensiv produziert und die andere kapitalintensiv. Das hohe Arbeitskräftepotential in der einen Region führt zu einer niedrigen Entlohnung. Spiegelverkehrt drückt die Ausstattung mit Kapital den Zins in der anderen Region. In dieser Region ist dementsprechend der Lohn höher, dafür ist der Zins in der Niedriglohnregion höher. Durch die Annahme der vollkommenen Faktormobilität, sehen die gering entlohnten Arbeitskräfte der einen Region einen Anreiz in der „Hochlohnregion“ Arbeit aufzunehmen. Es finden daraufhin zwei Anpassungsschritte statt. Die Region, die Arbeitskräfte verliert, aber dennoch Bedarf für den Faktor Arbeit hat, muss das Lohnniveau anpassen, da sonst sämtliche Arbeitskräfte abwandern würden. Dies führt zu einer Lohnsteigerung. Im zweiten Schritt wird das Arbeitskräftepotential in der aufnehmenden Region steigen. Da dort die Arbeitsnachfrage dem Angebot nicht entspricht, können nicht alle Arbeitskräfte zum Ausgangslohn beschäftigt werden. Da in der Neoklassik die Annahme der Vollbeschäftigung herrscht, muss das Lohnniveau also sinken. Beim Faktor Kapital verhält es sich spiegelverkehrt hinsichtlich des Zinsniveaus. Es kommt zu einem Ausgleich der Faktorpreise und somit zu einer Angleichung des Wohlstandes.[29]

In einer weiteren Betrachtung durch die Ökonomen Heckscher und Ohlin gilt die Annahme der Faktorimmobilität. Zudem werden verschiedene Güter in Orientierung an der jeweiligen Faktorausstattung der Länder produziert. Es kommt zu einer Spezialisierung, da die jeweiligen Faktorpreise relativ günstiger sind im Vergleich zur anderen Region. Das heißt die Güter können in der jeweils anderen Region auch teurer abgesetzt werden. Die jeweils hergestellten Produkte werden in ein Land exportiert, das relativ reich mit dem jeweiligen komplementären Faktor ausgestattet ist.[30] Da der Bedarf nach dem jeweiligen Faktor in den spezialisierten Regionen steigt, es aber keine Möglichkeit der Faktorwanderung gibt, muss der Faktor in dem jeweiligen Land intensiver genutzt werden. So steigt in der Region mit arbeitsintensiver Produktion der Faktorpreis für Arbeit in Relation zum Faktorpreis für Kapital. In der Region, die vermehrt Kapital in den Produktionsprozess einbindet hingegen steigt der Zins und der Lohn sinkt. Die Faktorpreise bewegen sich auch ohne Faktorwanderung aufeinander zu.[31]

Die Schwächen des Modells liegen zum einen in den restriktiven Annahmen wie Vollbeschäftigung, vollkommene Konkurrenz des Marktes sowie der ungehinderten Faktormobilität (gilt nur für die erste Betrachtung). Alleine aus den Lohndifferenzen und der unterschiedlichen Kapitalverzinsung (Faktorpreise), lässt sich die interregionale Faktormobilität nicht erklären. Hier spielen besonders bei der Arbeitskräftewanderung Faktoren wie das Arbeitsplatzangebot, die Lebenshaltungskosten sowie der Wohn- und Freizeitwert eine Rolle.[32] Aber auch die selektive Wanderung nach dem Alter oder der Qualifikation wird nicht berücksichtigt. Junge, qualifizierte Personen weisen üblicherweise eine höhere Mobilität auf.[33] Zum anderen sind die Technologien bei der Herstellung nicht dieselben wie im Modell angenommen. Empirische Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass es nicht zu einem Ausgleich, sondern eher zu einer Divergenz des Wohlstandes zwischen den mit Kapital ausgestatteten Industrienationen und den arbeitskraftreichen Entwicklungsländern kommt.

Zwar lässt sich die Übertragung auf regionale Entwicklungsprozesse nicht ausschließen, solange die Unterschiede der Faktorproportionen zwischen Regionen vergleichbar sind, dennoch ist gerade auf nationaler Ebene in Zeiten der globalisierten Märkte, Handel auf Basis dieser Unterschiede nicht denkbar.[34] Wie bereits oben erwähnt, spielen vermehrt weiche Standortfaktoren, aber auch soziale und kulturelle Unterschiede eine Rolle für die Mobilität von Arbeitskräften. Der Lohn ist hier nicht ausschließlich die treibende Kraft für solche Migrationsprozesse.

Eine weitere Überlegung zur Erklärung von räumlicher Spezialisierung, stellt die Exportbasistheorie dar. Sie stellt auch den Übergang vom Exkurs in die Außenhandelstheorien zur reinen regionalökonomischen Betrachtungsweise dar, obwohl der Außenhandel auch hier eine übergeordnete Rolle einnimmt.

Diese Theorie versucht die wirtschaftliche Entwicklung einer Region anhand der dort ansässigen Branchen zu erklären. Somit stellt die Exportbasistheorie einen Aspekt der räumlichen Spezialisierung dar. Die Wirtschaft einer Region wird in zwei unterschiedliche Sektoren aufgeteilt. Der lokale Sektor produziert demnach ausschließlich für den regionalen bzw. lokalen Markt und befriedigt die Bedürfnisse der Einwohner. Der entscheidende Sektor für wirtschaftliches Wachstum liegt im Exportsektor, der aus den Branchen (oder aber nur einer Branche) gebildet wird, die Güter für den Export produzieren. Die regionale Produktion und die Güterausfuhr führen zu einem steigenden Einkommen der Region, da Geld aus anderen Regionen in die betrachtete Region fließt. Im ersten Schritt führt das gesteigerte Einkommen zu einer erhöhten Nachfrage für lokal bzw. regional produzierte Güter, sodass das Produktionsvolumen erhöht wird, was zur Einstellung neuer Arbeitskräfte führt. Der Effekt ist jedoch noch nicht ausgeschöpft, da im weiteren Verlauf nicht nur der regionale Markt profitiert, sondern auch die Märkte, die Güter in die im Mittelpunkt der Betrachtung stehende Region exportieren, profitieren. Da das gesteigerte Einkommen nicht nur für den Konsum heimischer Produkte verwendet wird, sondern auch für Importe, profitieren mehrere Regionen von diesem sogenannten Multiplikatoreffekt. Die Konsumquote wird zwar nicht unbedingt im gleichen Maße steigen wie das Einkommen, aber auch die zusätzlichen Ersparnisse bieten den Vorteil, dass, sofern sie in der Region bleiben, die Verfügbarkeit von Krediten ebenfalls ansteigt und Investitionen hervorruft. Diese lösen anschließend, solange sie gewinnbringend in den Exportsektor fließen, weitere positive Multiplikatoreffekte aus.[35]

Generell bleibt jedoch festzuhalten, dass die vorgestellten Effekte auch in das Gegenteil umschlagen, da eine Region so abhängig von einer ganzen Brachen bzw. einem Sektor wird. Gerade in Krisenzeiten wird es schwierig diese Theorie und die damit einhergehenden positiven Effekte für die regionale Entwicklung in Betrachtung zu ziehen. Mönnich kritisiert formal an der Methodik, dass es dieser Theorie an Erklärungsgrößen fehlt. Die Exportbasistheorie nennt weder genaue Merkmale der Beschaffenheit der Exportsektoren, noch erklärt sie wie das Wachstum konkret zustande kommt. Es fehlen überprüfbare Indikatoren anhand derer sich die Theorie in der praktischen Anwendung validieren lässt. Außenwirtschaftlicher Erfolg alleine führt nicht in allen Fällen zu steigendem Wohlstand innerhalb der exportierenden Region.[36] Schätzl hingegen kritisiert besonders die einseitige Nachfrageorientierung des Modells. Dabei spielen besonders Produktionskapazitäten eine Rolle, inwiefern der Expansionsprozess, wie in der Theorie beschrieben, in dem gewünschten Maße stattfinden kann.[37]

Nach dem Exkurs in die Außenwirtschaftstheorien sowie der angrenzenden Exportbasistheorie, die erste Merkmale erfolgreicher Spezialisierung identifiziert haben, soll an dieser Stelle die räumliche Spezialisierung anhand von Clustern vorgestellt werden. Da der Clusterbegriff in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit Innovationsprozessen assoziiert wird, wird er getrennt sowohl in diesem Abschnitt als auch im Folgenden, der sich mit Innovationen als räumlichen Wachstumsmotor auseinandersetzt, aufgegriffen. An dieser Stelle soll es um Cluster im Allgemeinen gehen.

Bisher existiert noch keine einheitliche und eindeutige Definition des Clusterbegriffes.[38] Die dennoch am häufigsten verwendete Definition ist die geographische Konzentration miteinander vernetzter Unternehmen, spezialisierter Dienstleister und Zulieferer, Unternehmen in ähnlichen Branchen und weiterer Institutionen wie Universitäten und Industrieverbänden, die im Wettbewerb stehen und kooperieren.[39] Generell beschreibt der Begriff des Clusters einen kommunikationsintensiven, wirtschaftlichen Komplex mit Wachstumspotenzialen und positiven Beschäftigungseffekten. Auf räumlicher Ebene kann sich beispielsweise ein multidirektionales Netzwerk von horizontal zusammenarbeitenden kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) oder ein subunternehmerisches Netzwerk unter der Leitung eines Fokalunternehmens[40] gebildet haben.[41] Durch Konzentration von Personen, Unternehmen und ökonomischer Aktivität in Regionen oder Städten und Wirtschaftszentren können positive Agglomerationseffekte entstehen. Geht eine positive Wirkung aus der industriellen Spezialisierung innerhalb einer Branche an einem Standort hervor, wird von Lokalisationsvorteilen gesprochen. In Clustern wirken vor allem diese Effekte.[42]

Eine besondere Bedeutung kommt den sogenannten „network firms“ zu. Diese nutzen die Effizienzvorteile der Arbeitsteilung und spezialisieren sich in einer vertikal integrierten Wertschöpfungskette, wobei vor- und nachgelagerte Aktivitäten innerhalb des Clusters ausgelagert werden. Diese sind so erfolgreich in Clustern, da sie hier eine große Vielfalt an möglichen Partnerfirmen und Sub-Unternehmen finden, um die vertikale Wertschöpfungskette zu vervollständigen. Durch die Arbeitsteilung innerhalb des Clusters können sich die network firms auf die Kernkompetenzen innerhalb der Firma konzentrieren und alle üblichen Kompetenzen auslagern.[43] Für die räumliche Spezialisierung nehmen Cluster einen erhöhten Stellenwert ein, da sie, nicht nur die Auslagerung von Produktionsschritten und damit eine noch engere Spezialisierung begünstigen, sondern auch, weil sie Transportkosten verringern können. Die Verringerung von Transportkosten hingegen ist wiederum ein die Konkurrenzfähigkeit erhöhendes Merkmal für Regionen.

Insgesamt hat dieser Abschnitt gezeigt, dass regionale Entwicklungsprozesse einerseits durch den Handel von Gütern, und zwar in erster Linie durch die dadurch entstehende Spezialisierung, zustande kommen. Andererseits folgt aus der Spezialisierung auch die Organisation in wirtschaftlichen Komplexen wie Clustern, die die Arbeitsteilung nicht nur zwischen Regionen, sondern auch innerhalb einer Region entlang der Wertschöpfungskette begünstigen. Die Außenhandelstheorien haben gezeigt, dass sowohl Kostendifferenzen sowie die Produktivität als auch die Faktorausstattung eine Rolle für die regional-differentielle Entwicklung spielen. Des Weiteren decken sie auf, dass der Exportsektor eine wesentliche Rolle bei der Mehrung des Einkommens bzw. des Wohlstands einnimmt. Dies zeigt auch die Exportbasistheorie. Weitere Vorteile räumlicher Spezialisierung bieten Cluster, in denen wichtige Schlüsselbranchen organisiert sind. Für die Anwendung dieses Aspektes bei der späteren Analyse soll von daher vermehrt auf bestehende Cluster in Bremerhaven als auch auf den Außenhandel eingegangen werden. Ein Blick auf die Konzentration anhand der Bruttowertschöpfung kann ebenfalls als geeigneter Indikator fungieren.

3.2 Innovation als Wachstumsmotor

Innovationen nehmen als endogener Wachstumsfaktor eine entscheidende Rolle für die Erklärung wirtschaftlicher und struktureller Entwicklung ein. Besonders in neueren ökonomischen Theorien stehen das Zustandekommen solcher Innovationen sowie die Effekte für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung im Vordergrund. Im Folgenden wird zunächst der Begriff der Innovation erläutert, gefolgt von den Überlegungen des österreichischen Ökonomen Schumpeter, die sich auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung beziehen. Einen regional-ökonomischen Ansatz bilden die Polarisationstheorien, die ebenfalls dargestellt werden sollen. Anschließend werden drei weitere ausgewählte Überlegungen diskutiert, die ebenfalls die Notwendigkeit von Innovationen für regionales Wachstum durchleuchten – darunter der Aufbau von Innovationssystemen.

Der Begriff Innovation beschreibt sowohl eine eingeführte Neuerung im Rahmen wirtschaftlicher Tätigkeit als auch eine Veränderung bestehender Produkte und Prozesse. Eine enge Begriffsfassung bezeichnet die weltweit erstmalige Herstellung bzw. Verwendung der Neuerung, während der weiter gefasste Innovationsbegriff auch Imitationen einer an anderer Stelle eingeführten Innovation zulässt. Auch wenn es schwierig ist, zu bestimmen, ob es sich bei Modifikationen z.B. um tatsächliche Innovationen handelt, empfiehlt sich die weite Fassung für die ökonomische Analyse.[44] Der österreichische Ökonom Schumpeter, dessen Theorie später noch vorgestellt wird, unterscheidet zwischen fünf verschiedenen Typen von Innovationen:

1. Prozessinnovationen
2. Produktinnovationen
3. Neue Materialien und Ressourcen
4. Neue Märkte
5. Neue Organisationsformen.[45]

Alle Typen spielen eine Rolle für Wachstumsimpulse und strukturelle Veränderung, dennoch nehmen Typ 1 und 2 eine übergeordnete Stellung ein, da sie häufig die Grundlage für sogenannte Basisinnovationen stellen.[46] Diese Basisinnovationen ermöglichen einen kompletten wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Umbruch und lösen eine neue Phase wirtschaftlichen Wachstums aus. Diese Theorie der langen Wellen stammt vom sowjetischen Ökonomen Kondratieff und beschreibt die Konjunktur anhand von „bahnbrechenden“ Innovationen.[47] In den Überlegungen hier stehen jedoch andere Ansätze im Mittelpunkt, weshalb von einer genaueren Betrachtung dieser Theorie abgesehen wird.

Die Basis der folgenden Ansätze bildet die Theorie von Schumpeter. Mit seinen Überlegungen versucht dieser die statischen Modellansätze der Neoklassik zu widerlegen und stellt im Grundsatz eine Konjunkturtheorie auf. Er zielt ab auf die dynamischen Kräfte der wirtschaftlichen Entwicklung, die einen Umbruch und somit einen Strukturwandel auslösen. Produktionsfaktoren werden dabei immer wieder neu kombiniert. Es wird von „schöpferischer Zerstörung“ gesprochen, ein Prozess der den Niedergang ineffizienter Strukturen, die durch neue effektivere ersetzt werden, beschreibt. Dies ermöglicht ein Wachstum des Output-Niveaus, ausgelöst von Innovationen. Eng mit diesem Prozess verbunden ist der Unternehmer, der die bestehenden Erfindungen zur Marktreife umsetzt und somit Wachstum generiert.[48] Auf den Entrepreneurshipansatz wird näher im Abschnitt „ Humankapitalansatz“ eingegangen.

Das zugrundeliegende Modell beruht auf zwei Voraussetzungen. Zum einen gibt es einen ständigen Strom wirtschaftlich relevanter Erfindungen, die allgemein zugänglich sind. Zum anderen ist die unternehmerische Fähigkeit innerhalb der Bevölkerung im Sinne der Gaußschen Normalverteilung verteilt. Im stationären Zustand der Wirtschaft, der durchaus unter bestimmten Umständen existiert, beginnen die fähigsten Unternehmer, die Pioniere, Innovationen auf den Markt zu bringen. Nachdem die ersten Hürden für die Neueinführung auf den Markt überwunden sind, treten Imitatoren auf. Der ausgelöste Aufschwung verstärkt sich durch die Konkurrenz und durch leichtere Geschäftsabschlüsse, da die Neuerung bereits auf dem Markt eingeführt ist. Durch die Diffusion von Innovationen, kommt es im weiteren Verlauf zu weiterem Wachstum, bevor die innovationsintensiven Sektoren zunehmend weniger erfolgsversprechend innovieren. Preisturbulenzen nehmen Oberhand und der ausgelöste Strukturwandel wirkt nicht mehr positiv, sondern hat einen lähmenden Effekt auf die Volkswirtschaft. Die entstehende Krise wird erst wieder abklingen, wenn der geschilderte Prozess von neuem beginnt.[49]

Diese Theorie zeigt nicht nur die Notwendigkeit von Innovationen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, sondern lässt auch Rückschlüsse auf regional-differentielle Unterschiede zu. So scheint es von hoher Relevanz, dass einer Region bzw. den handelnden wirtschaftlichen Akteuren ausreichend Erfindungen zur Verfügung stehen, aber auch dass ein den Bewohnern innewohnendes unternehmerisches Potential vorhanden ist. Hieraus lässt sich schließen, dass regionale Entwicklung unter diesem Aspekt geprägt ist von der unterschiedlichen Innovationsfähigkeit einer Region, bestehend aus den unternehmerischen Fähigkeiten der Bevölkerung als auch durch einen bestehenden Pool an Erfindungen.

Ein Ansatz der Polarisationstheorie hingegen beschäftigt sich u.a. mit der Rolle von Innovationen aus regionaler Perspektive. Anders als bei neoklassischen Ansätzen führen unterschiedliche Ausstattungen mit Produktionsfaktoren nicht zu einem Ausgleich des Wohlstands, sondern zur weiteren Divergenz durch kumulative Prozesse.[50] Innovationen spielen in den weiteren Überlegungen des hier angewandten Polarisationsansatzes insofern eine Schlüsselrolle, als dass sie als Quelle für regionales Wirtschaftswachstum identifiziert werden und der Region somit einen Entwicklungsvorsprung verschaffen können.[51]

In einem vereinfachten Beispiel sollen die Effekte anhand eines Zwei-Regionen-Umfeldes verdeutlicht werden. Region A erfährt durch die Schaffung einer neuen Innovation einen Wachstumsimpuls, der sich innerhalb der Region ausbreitet und Beschäftigung generiert. Diese neue Innovation führt zu steigender Effizienz und schafft einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Region B. Diese verliert Marktanteile und muss letztlich die Produktion einstellen. Die Arbeitskräfte, die dabei entlassen werden, finden größtenteils neue Beschäftigung in der innovativen Region. Diese gewinnt somit weiteres Innovationspotential in Form von Humankapital. Auch für Investoren steigt der Anreiz in Region A zu investieren. Durch diesen positiven Rückkopplungseffekt wächst die Region weiter. In Region B hingegen entwickelt sich ein negativer Effekt, der spiegelverkehrt zu der Entwicklung von Region A verläuft.[52] Die zugrundeliegenden Interaktionen zwischen den Regionen werden als Ausbreitungs- und Entzugseffekte bezeichnet und charakterisieren den Wachstums- bzw. Schrumpfungsprozess der beteiligten Regionen.[53] Mögliche Ursachen für die bereits bestehenden Unterschiede der Innovationsaktivitäten können technische Voraussetzungen oder aber „weiche“ Faktoren, die wie schon erwähnt an Bedeutung gewinnen, sein.[54]

Das hier angewandte Polarisationsmodell zeigt auf, dass Innovationen als Motor der regionalökonomischen Entwicklung zu einer regional-differentiellen Entwicklung führen bzw. dass die Unterschiede in der Fähigkeit zu Innovieren ausschlaggebend sind. In den Voraussetzungen deckt sie sich weitestgehend mit Schumpeters Theorie, sodass sie an dieser Stelle zwar keine weiteren Merkmale für den Erfolg im Standortwettbewerb identifiziert, aber dennoch die vorigen Erkenntnisse unterstreicht.

Nachdem zwei einschlägige Theorien, die die Rolle von Innovationen für die gesamtwirtschaftliche bzw. regionale Entwicklung beschreiben, erläutert wurden, werden nun weitere Ansätze durchleuchtet, die sich mit der Zusammenarbeit im Innovationsprozess beschäftigen. Fritsch zeigt, dass Innovationsprozesse durch ein hohes Maß an Zusammenarbeit verschiedener Beteiligter gekennzeichnet sind.[55] Sämtliche relevante Akteure werden in den Prozess involviert, wie neuere Forschungsansätzen vermuten lassen. Das Problem, dass sich hieraus ergibt, ist die Notwendigkeit des Wissenstransfers. Wissen liegt entweder kodiert (explizit) und personen- oder ortgebunden vor (implizit). Kodiertes Wissen ist in der Regel für alle Kooperationspartner der Innovationstätigkeit verfügbar. Anders verhält es sich mit dem impliziten Wissen, dass nur unter bestimmten Bedingungen verfügbar ist.[56] Dieses implizite Wissen stellt jedoch eine der Voraussetzungen für neue Innovationen dar und ist daher umso wertvoller. Deshalb ist in der Innovationszusammenarbeit ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen, aber auch an Risikobereitschaft notwendig.

Es ergeben sich drei wesentliche Probleme der Zusammenarbeit:

1. Dünne Märkte erschweren die Suche nach Kooperationspartnern, da es sich häufig um Nischenmärkte handelt, die sehr spezialisierte Kenntnisse erfordern.
2. Das Entdeckungsverfahren in der Forschung und Entwicklung führt nicht zwangsläufig zu einem Ergebnis, das vorher vertraglich festgehalten werden kann. Die Ergebnisse können nicht spezifiziert werden.
3. Die Gefahr des unkontrollierten Wissensabflusses besteht vor allem nach dem Wissenstransfer an den Partner. Es besteht die Möglichkeit, dass Informationen an Dritte weitergegeben werden.[57]

Um diesen Problemen entgegenzuwirken, ist es sinnvoll, dass sich die involvierten Kooperationspartner auf gewisse Rahmenbedingungen einigen und einen gemeinsamen Organisationsrahmen aufbauen. Häufig münden solche Kooperationen in bereits erwähnte Cluster. Besonders die Politik ist bemüht, Clustern Stabilität zu verleihen, da sie einen hohen Beitrag zur Wohlstandsmehrung leisten, indem sie leistungsfähige, marktnahe FuE-Kooperationen (Forschung und Entwicklung) zur Entwicklung von innovativen Produkten und Dienstleistungen hervorbringen.[58]

Ein zu betrachtender Ansatz stellen regionale Innovationssysteme dar. Involviert in diese Systeme sind verschiedene Akteurstypen. Die Unternehmen der Industrie stellen einen Endfertiger dar, der das vorhandene Wissen in innovative Produkte und Dienstleistungen umsetzt und marktreife Stückzahlen produziert. Die zweite große Säule neben den Unternehmen spielen Forschungseinrichtungen wie Universitäten oder spezialisierte Institute. Sie generieren direkt neues Wissen oder bilden ein Wissensreservoir, das sich aus den eigenen Forschungsergebnissen sowie gesammeltem Wissen aus anderen Einrichtungen speist. Zudem sorgen sie in Form von Hochschulen für den notwendigen Wissenstransfer zwischen Unternehmen und Forschungsinstitutionen und bilden Arbeitskräfte aus. Somit leisten sie einen Beitrag zum regionalen Arbeitskräftepotential. Ergänzt werden diese essentiellen Akteure durch unterstützende Dienstleister, die eine Reihe von Tätigkeiten zur Verbesserung der Kooperation ausführen.[59]

Durch die Erschaffung, Anwendung und den Austausch von technologierelevantem Wissen zwischen den beteiligten Akteuren, steigt das Innovationspotential einer Region.[60] Die regionale Konzentration von Akteuren und Kompetenzen fördert den Innova-tionsdruck und prägt einen Standort, indem eine intensive Einbindung in ein innovatives regionales Umfeld erfolgt.[61] Im Wesentlichen stellen regionale Innovationssysteme auch Lernsysteme dar, wobei Kommunikation als wesentliche Quelle neuen Wissens im Mittelpunkt steht. Jede Region verfügt hierbei über einen gewissen Wissensstock, der zu räumlichen Divergenzen führt. Da, wie bereits festgestellt, implizites Wissen relevant ist, ist dieses ebenfalls räumlich gebunden (in den Betrieben oder Arbeitskräften).[62] Wichtig für die Funktionsfähigkeit von regionalen Innovationssystemen ist die Offenheit, die für den überregionalen Wissenstransfer im arbeitsteiligen Innovationsprozess entscheidend ist. Andererseits besteht die Gefahr eines Lock-in, also einer zu starken Konzentration auf regionsinternes Wissen.[63]

Während das regionale Innovationssystem erste Erkenntnisse zu den Rahmenbedingungen der Arbeitsteilung regionaler Innovationsprozesse geliefert hat, beschreibt der Ansatz des innovativen Milieus die Beschaffenheit der Kooperationen. Zudem steht bei dieser Überlegung die Leistung der Region im Mittelpunkt, die innovative Unternehmen hervorbringt und als Quelle der Innovation anzusehen ist. Die Kooperationen des innovativen Milieus sind in erster Linie informell und finden durch eine starke Vernetzung einzelner Beteiligter untereinander statt. Informelle Kontakte, also hauptsächlich persönliche Beziehungen, werden als Schlüssel für die Zusammenarbeit identifiziert. So bildet das innovative Milieu keine reinen geschäftsorientierten Beziehungen, sondern Soziale, die durch persönlichen Austausch die Akkumulation von Wissen vorantreiben, ab.[64]

Des Weiteren zeichnen sich innovative Milieus durch die Bedeutung räumlicher Nähe aus. Das Innovationssystem hat zwar auch eine räumliche Komponente, jedoch wird diese nicht als Schlüsselfaktor für das Zustandekommen von Kooperationen identifiziert. Innovationen kommen so durch kollektive dynamische Interaktionen zwischen den in der Region ansässigen Institutionen und Unternehmen zustande. Durch eine gemeinsame Informationsbeschaffung sowie einen intensiven Austausch können Synergieeffekte erzielt werden. Unsicherheiten können im Rahmen einer solchen Zusammenarbeit durch kollektive Lernprozesse vermieden werden.[65]

Ein weiteres Konzept, dass an dieser Stelle vorgestellt werden soll, ist die „lernende Region“. Bei dieser Betrachtung stehen die Lernprozesse im Mittelpunkt der Überlegungen. Wie bereits festgestellt kommt es innerhalb von Regionen zu örtlich gebundenem Wissen. Dieses Wissen wird durch Lernprozesse zwischen den regionalen Akteuren ständig erweitert und erneuert. Der Erfolg der „lernenden Region“ hängt dabei von den bestehenden Rahmenbedingungen und der Fähigkeit der beteiligten Akteure ab, Lernprozesse zu organisieren.[66] Durch das konzentrierte Wissen innerhalb der Region zum einen und aufgrund der Prägung durch die gegenwärtige und vergangene Wirtschaftsstruktur zum anderen, erfährt eine „lernende Region“ eine Spezialisierung. Dieser Lernprozess schlägt sich des Weiteren noch in der Qualifikation des Arbeitskräftepotentials als auch in den Institutionen nieder.[67]

Die verschiedenen theoretischen Ansätze und Überlegungen haben zunächst gezeigt, dass Innovationen eine grundlegende Voraussetzung für gesamtwirtschaftliche (Schumpeter) bzw. für regionale (Polarisationstheoretischer Ansatz) Wachstumsimpulse sind. Die unterschiedliche Ausstattung der Regionen mit den relevanten Innovationsfaktoren hat zudem einen Erklärungsansatz für unterschiedliche regionale Entwicklungsprozesse gegeben. Die weiteren Konzepte, die im Mittelpunkt der Betrachtung standen, haben den Fokus auf die notwendige Zusammenarbeit im Innovationsprozess gelegt. Hierbei hat das regionale Innovationssystem die Rahmenbedingungen erläutert sowie die beteiligten Akteure charakterisiert. Das innovative Milieu hingegen hat diese Erkenntnisse aufgegriffen und um den Aspekt der Bedeutung eines informellen Netzwerks erweitert. Die „lernende Region“ hat schlussendlich aufgezeigt, dass eine Region durch die gegenwärtige und vergangene Wirtschaftsstruktur als auch durch das örtlich gebundene Wissen geprägt ist.

Für die weitere Vorgehensweise bei der Analyse der Wettbewerbsfähigkeit Bremerhavens, ergeben sich aus den Theorien einige Merkmale, die im Bereich der Innovationsfähigkeit eine erfolgreiche Entwicklung versprechen. Eine absolute Notwendigkeit stellen alle Formen von Zusammenarbeit in der FuE zwischen den relevanten Institutionen dar, die eingehend besprochen wurden. Des Weiteren sollte das regionale Innovationssystem über eine gute materielle und kooperative Infrastruktur verfügen. Dass Cluster eine geeignete Form der regionalen Zusammenarbeit darstellen, hat der vorherige Abschnitt bereits gezeigt. In erster Linie sollen demnach unter diesem Aspekt der Analyse die Forschungseinrichtungen Bremerhavens genauer betrachtet werden. Hinsichtlich der Erkenntnisse der „lernenden Region“, stellt sich außerdem die Frage wie und ob Bremerhaven seine traditionellen Wirtschaftszweige in konkurrenzfähige Neuerungen transportieren kann.

3.3 Humankapitalansatz

Wie bereits im Abschnitt „ Innovation als Wachstumsmotor“ zu erkennen war, spielt bei der Bedeutung von Innovationen als Grundlage regionalökonomischen Wachstums auch immer der Faktor Wissen eine übergeordnete Rolle. Es wurde gezeigt, dass dieses Wissen nicht immer kodiert zu Verfügung steht, sondern in besonders relevanten Fällen personengebunden vorliegt. Der folgende Abschnitt beschäftigt sich deshalb mit den Ansätzen der Humankapitaltheorien, die eng mit dem vorherigen Abschnitt verbunden sind, aber dennoch einen eigenen Themenbereich darstellen. Nach einer kurzen Begriffsklärung soll als Einstieg in dieses Untersuchungsfeld die Humankapitaltheorie nach Gary Becker erläutert werden, die erste Erkenntnisse liefert, warum nicht nur Arbeitnehmer, sondern auch Unternehmen in Humankapital investieren sollten. Im Anschluss wird der Gedanke auf makroökonomischer Ebene anhand der Darstellung der Humankapitalaspekte der neuen Wachstumstheorien weitergeführt. Im weiteren Verlauf werden die relevanten regional-ökonomischen Aspekte ausgearbeitet und diskutiert. Wie bereits erwähnt spielen zudem Unternehmensneugründungen eine große Rolle für neue Innovationen. Auch wenn Schumpeter es nicht in diesem Maße definiert hat, stellt der Unternehmer auch einen bestimmten Aspekt des Humankapitals dar. Deshalb wird auch der Bereich Entrepreneurship und dessen Bedeutung für regionale Entwicklung durchleuchtet.

Eine allgemeine Definition von Humankapital könnte in der Summe aller Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse bestehen, die der Mensch in den Produktionsprozess einfließen lassen kann.[68] In der Makroökonomie wird unter dem Begriff Humankapital das in „ausgebildeten und qualifizierten Individuen repräsentierte Leistungspotential einer Bevölkerung“ verstanden. Mehr oder weniger alle menschlichen Fähigkeiten, die die Produktivität, Quantität und Qualität des Faktors Arbeit erhöhen, bilden dieses Poten-tial. Humankapital kann entweder angeboren sein oder durch Aus- und Weiterbildung erworben werden. Die Lernfähigkeit spielt hierbei eine übergeordnete Rolle, denn Lernprozesse finden nicht nur durch formale Aus- und Weiterbildung, sondern auch durch die individuelle Sozialisation sowie im Arbeitsprozess statt. Der entscheidende Teil des Humankapitals setzt sich aus dem personengebundenen Verfügungs- sowie Orientierungswissen zusammen.[69] Das Wissen um Sachverhalte, Zusammenhänge und mögliche Vorgehensweisen zur Erreichung eines Ziels spiegelt das Verfügungswissen wider. Das Orientierungswissen hingegen umfasst das individuelle Wissen um Kultur, Werte und Orientierungen.[70] Wie bereits festgestellt, ist dieses personengebundene, implizite Wissen entscheidend für Innovationsprozesse, da es im Zusammenspiel mit praktischen Fertigkeiten das genannte Leistungspotential der Bevölkerung bildet und die Produktivität des Einzelnen erhöht.[71]

[...]


[1] Vgl. Färber et al. (1992)

[2] Vgl. Mönnich (2004); S. 27

[3] Vgl. Maier; Tödtling (2002); S. 15

[4] Vgl. Maier; Tödtling (2002): S. 16

[5] Vgl. Ebenda: S. 16f.

[6] Vgl. Eckey, Schwengler, Türck (2007): S. 9f.

[7] Vgl. Maier; Tödtling (2002): S. 18

[8] NUTS steht für Nomenclature des Unités Territoriales Statistiques. Diese hierarchische Systematik der Gebietseinheiten der Europäischen Region wurde vom Statistischen Amt Eurostat eingeführt, um eine einheitliche sowie konsistente territoriale Unterteilung zu ermöglichen. Die NUTS-Einheiten werden vornehmlich als Referenzgröße zur Erfassung, Entwicklung und Harmonisierung regionalstatistischer Daten als auch als Bezugsgröße für die regionale Strukturpolitik verwendet (Vgl. EU-Kommission (2014)). Die kreisfreie Stadt Bremerhaven, die im Fokus der empirischen Analyse der Arbeit steht, wird unter der NUTS-Ebene 3 geführt (Vgl. Destatis (2014): S. 18)).

[9] Vgl. Rosenfeld (2012): S. 2

[10] Vgl. Kinkel (2009): S. 58f.

[11] Vgl. Haas; Neumair (2007): S. 16

[12] Vgl. Bräuninger; Stiller (2006): S. 264

[13] Vgl. Rosenfeld (2012): S. 3

[14] Transaktionskosten bezeichnen den nicht monetär bestimmten Aufwand, den die „sichtbaren“ Kosten für einen Input nicht berücksichtigen. Hierbei können Transportkosten eine Rolle spielen, wenn die Lieferung vom Empfänger bezahlt wird. Aber auch Opportunitätskosten, die einen Verzicht auf einen Verdienst darstellen wie z.B. der Zeitaufwand, der in Verhandlungen investiert wird, aber nicht monetär verzeichnet wird (Vgl. Baye (2006): S. 208ff.))

[15] Vgl. Blume (2012): S.17

[16] Vgl. Rosenfeld (2012): S. 3f.

[17] Vgl. Rosenfeld (2012): S. 6

[18] Vgl. Bräuninger; Stiller (2006): S. 264

[19] Vgl. Rosenfeld (2012): S. 6

[20] Vgl. Ebenda: S. 7

[21] Vgl. Schätzl (2003): S. 158f.

[22] Vgl. Rosenfeld (2012): S. 7

[23] Vgl. Mönnich (2004): S. 47

[24] Vgl. Ricardo (1959): S. 120ff.

[25] Vgl. Pugel (2009): 32ff.

[26] Vgl. Mankiw; Taylor (2010): S. 10

[27] Vgl. Mönnich (2004): S. 50ff.

[28] Vgl. Schätzl (2003): S. 136

[29] Vgl. Bathelt; Glückler (2002): S. 68

[30] Vgl. Krugman; Obstfeld (2009): S. 123f.

[31] Vgl. Bathelt; Glückler (2002): S. 68

[32] Vgl. Schätzl (2003): S. 136

[33] Vgl. Stettes (2011): S. 41

[34] Vgl. Mönnich (2004): S. 53f.

[35] Vgl. Fahrhauer; Kröll (2013): S. 255f.

[36] Vgl. Mönnich (2004): S. 56

[37] Vgl. Schätzl (2003): S. 153

[38] Vgl. Nestle (2011): S. 11

[39] Vgl. Porter (1998a): S. 78

[40] Das fokale Unternehmen bildet die Zentrale eines Netzwerkes der Wertschöpfungskette und selektiert u.a. die Neuaufnahme strategischer Partner. Zudem übernimmt es die Koordination der Netzwerkaktivitäten und ist für die Steuerung des Wissenstransfers und die Auswertung der Leistungen des Netzwerkes zuständig (Vgl. Franken (2003): S. 58)).

[41] Vgl. Schubert (2008): S. 18

[42] Vgl. Menzel (2008): S. 116

[43] Vgl. Swann (2009): S. 150ff.

[44] Vgl. Fritsch (2012a): S. 177f.

[45] Vgl. Schumpeter (1968): S. 66

[46] Vgl. Carayannis; Ziemnowicz; Spillan (2007): S. 31

[47] Vgl. Kondratieff (1935): S.105f.

[48] Vgl. Carayannis; Ziemnowicz; Spillan (2007): S. 25f.

[49] Vgl. Bass (1999): S. 487f.

[50] Vgl. Maier; Tödtling (2002): S. 86

[51] Vgl. Fritsch (2012a): S. 177

[52] Vgl. Maier; Tödtling (2002): S. 89ff.

[53] Vgl. Schätzl (2003): S. 163

[54] Vgl. Fritsch (2012a): S. 184

[55] Vgl. Ebenda: S. 180

[56] Vgl. Bathelt; Glückler (2002): S. 57

[57] Vgl. Fritsch (2012a): S. 182f.

[58] Vgl. BMWi (2012): S. 33

[59] Vgl. Fritsch (2012a): S. 187ff.

[60] Vgl. DIW (2014)

[61] Vgl. Bornemann; Rautenberg; Breuer (2007): S.11

[62] Vgl. Fritsch (2012a): S. 189

[63] Vgl. Hassink; Ibert (2009): S. 163f.

[64] Vgl. Maier; Tödtling (2012): S. 89ff.

[65] Vgl. Mönnich (2004): S. 143f.

[66] Vgl. Schätzl (2003): S. 234f.

[67] Vgl. Fritsch (2012a): S. 191

[68] Vgl. Zacher (2006): S. 13

[69] Vgl. Mohr (1997): S. 13ff.

[70] Vgl. Doré; Clar (1997): S. 159

[71] Vgl. Franz (2009): S. 75

Ende der Leseprobe aus 67 Seiten

Details

Titel
Herausforderungen des interregionalen Standortwettbewerbs
Untertitel
Eine sozio-ökonomische Analyse der Konkurrenzfähigkeit Bremerhavens
Hochschule
Hochschule Bremen
Autor
Jahr
2014
Seiten
67
Katalognummer
V279053
ISBN (eBook)
9783656764045
ISBN (Buch)
9783656764083
Dateigröße
2779 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
VWL, Regionalökonomie, Bremerhaven, Standortwettbewerb, Standortanalyse
Arbeit zitieren
Dennis Sander (Autor), 2014, Herausforderungen des interregionalen Standortwettbewerbs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279053

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