Der Kurs „Demokratisierung im Area-Vergleich. Lateinamerika, Ostasien und Osteuropa“ von Wolfgang Merkel analysiert die seit den späten siebziger Jahren einsetzenden Demokratisierungen der so genannten „Dritten Welle“ in drei Weltregionen: Lateinamerika, Ostasien und Osteuropa. An ausgewählten Länderbeispielen werden die Phasen von der Auflösung der autoritären Regime über die Institutionalisierung bis hin zur meist problematischen Konsolidierung der jungen Demokratien
vergleichend untersucht, wobei Analysekonzepte des Studienbriefes „Transformationsforschung“ verwendet werden. Die Analysen ergeben ein komplexes Bild aus Fortschritten, Stagnation und Regression, das keine einfachen Schlüsse auf die Erfolgsbedingungen von Demokratisierungen zulässt. Strukturelle, kulturelle und institutionelle Faktoren spielen mit dem Verhalten der Akteure in unterschiedlicher Mischung und Dynamik zusammen. Dies wirft auch Fragen über die Möglichkeit der
Steuerung politischen Wandels jenseits der Anziehungskraft der Europäischen Union auf.
Ausführliche Zusammenfassung ohne Literaturangaben.
Inhaltsverzeichnis
Demokratisierung im Area-Vergleich
I. Demokratie und demokratische Konsolidierung: Konzepte und Theorieansätze
1. Demokratiebegriff
2. Transformationstheorien
2.1 System- und Modernisierungstheorien (Parsons, Luhmann)
2.2 Strukturtheorien
2.3 Kulturtheorien
2.4 Akteurstheorien
3. Transformationsphasen
3.1 Ende des autokratischen Systems
3.2 Demokratisierung
3.3 Konsolidierung
II. Die dritte Demokratisierungswelle: Südeuropa
1. Die Typen der autoritären Regime
1.1 Portugal: Der korporatistische Estado Novo
1.2 Griechenland: Das „nichthierarchische“ Militärregime
1.3 Spanien: das institutionalisierte Führerregime Francos
2. Die Regimeübergänge
2.1 Portugal: Militärputsch und ruptura
2.2 Griechenland: Kollaps durch militärische Niederlage
2.3 Spanien: Die von oben gelenkte reforma pactada
3. Die Institutionalisierung der Demokratien
3.1 Portugal: Der lange Institutionalisierungsprozess
3.2 Griechenland: Der kurze Institutionalisierungsprozess
3.3 Spanien: Der ausgehandelte Institutionalisierungsprozess
4. Die erfolgreiche Konsolidierung der Demokratien
4.1 Die konstitutionelle Konsolidierung: Regierungssysteme
4.2 Die repräsentative Konsolidierung: Parteiensysteme und Verbände
4.3 Die Integration der Vetoakteure
4.4 Demokratische Legitimität und Bürgergesellschaft
III. Die dritte Demokratisierungswelle: Lateinamerika
1. Typen autoritärer Regime
1.1 Argentinien: Die reformunfähige bürokratische Militärdiktatur (1976-1983)
1.2 Chile: Die modernisierende bürokratische Militärdiktatur (1973-1990)
1.3 Peru: Die sozialreformerische Militärdiktatur (1968-1980)
1.4 Venezuela: das anachronistische Militärregime (1948-1958)
1.5 Nicaragua: die sultanistische Somoza-Diktatur
1.6 Mexiko: Das institutionalisierte Einparteienregime (1917-1997)
2. Regimeübergänge
2.1 Argentinien: Der Kollaps der Militärdiktatur (1982/83)
2.2 Chile: Die gelenkte Transition (1988-1990)
2.3 Peru: Druck von unten, Lenkung und Verhandlung (1978-1980)
2.4 Venezuela 1958: Bruch mit dem militärischen caudillismo
2.5 Nicaragua: Die „sandinistische“ Transition (1979-1990)
2.6 Mexiko: Die stark verzögerte Transition
3. Institutionalisierung
3.1 Argentinien: Wiederherstellung des Präsidentialismus
3.2 Chile: Modifikation und Korrektur der autoritären Verfassung
3.3 Peru: Die prekäre Institutionalisierung
3.4 Venezuela: Die gelungene Institutionalisierung durch Elitenpakte
3.5 Nicaragua: Die umkämpfte Institutionalisierung
3.6 Mexiko: Inkrementale Institutionalisierung durch Reformen
4. Konsolidierungsprobleme defekter Demokratien
4.1 Argentinien: Konsolidierungsprobleme einer delegativen Demokratie
4.2 Chile: Die fortschreitende Konsolidierung
4.3 Peru: Aufstieg und Zerfall einer defekten Demokratie
4.4 Venezuela: De-Konsolidierung einer „Vorzeigedemokratie“
4.5 Nicaragua: Die schwierige Stabilisierung einer illiberalen Demokratie
4.6 Mexiko: Illiberale Demokratie und Reformblockaden
5. Fazit und Ausblick
IV. Demokratisierung in Ost- und Südostasien
1. Typen autoritärer Regime
1.1 Philippinen: Das sultanistische Marcos-Regime
1.2 Südkorea: Das bürokratisch-militärische Regime
1.3 Taiwan: Das Einparteienregime der Kuomintang
1.4 Thailand: Das bürokratisch-militärische Regime
1.5 Indonesien: Zwischen bürokratisch-militärischer Herrschaft und Sultanismus
2. Regimeübergänge
2.1 Philippinen: Regimekollaps und Demokratisierung „von unten“
2.2 Südkorea: Ausgehandelter Regimewechsel
2.3 Taiwan: Von oben gelenkter Systemwechsel
2.4 Thailand: Von oben eingeleiteter Regimewechsel
2.5 Indonesien: „Von unten“ erzwungene & „von oben“ eingeleitete Demokratisierung
2.6 Fazit
3. Die Institutionalisierung der Demokratien
3.1 Philippinen: Wiederherstellung des präsidentiellen Regierungssystems
3.2 Südkorea: Präsidentiell-parlamentarisches System und die Logik der Machtteilung
3.3 Taiwan: Der langsame Institutionalisierungsprozess der Demokratie
3.4 Thailand: Wiederherstellung des parlamentarischen Regierungssystems
3.5 Indonesien: Reform des parlamentarischen Regierungssystems
3.6 Zusammenfassung
4. Die Konsolidierung der Demokratien
4.1 Philippinen: Die blockierte Konsolidierung
4.2 Südkorea: Die verzögerte Konsolidierung
4.3 Taiwan: Die fortgeschrittene Konsolidierung
4.4 Thailand: Die stockende Konsolidierung
4.5 Indonesien: Die schwierige Konsolidierung
5. Fazit: Die Konsolidierung im Vergleich
5.1 Institutionelle Konsolidierung
5.2 Repräsentationsebene
5.3 Ebene der Verhaltenskonsolidierung
5.4 Ebene der Staatsbürgerkultur und Zivilgesellschaft
6. Gibt es eine „asiatische Form“ der Demokratie?
V. Die dritte Demokratisierungswelle: Osteuropa
1. Die besondere Transformationsproblematik in Osteuropa
1.1 Probleme der (National-)Staatsbildung
1.2 Probleme der Demokratisierung
1.3 Probleme des Wirtschaftsumbaus
2. Transformationspfade: Vom kommunistischen Regime zur Demokratie
2.1 Von oben kontrollierter Systemwechsel: Der Balkan
2.2 Der ausgehandelte Systemwechsel: Polen
2.3 Regimekollaps: die Tschechoslowakei
2.4 Regimekollaps und Staatsende: der Sonderfall DDR
2.5 Neugründung von Staaten: die baltischen Demokratien
3. Die Institutionalisierung der Demokratie
3.1 Typen demokratischer Regierungssysteme in Osteuropa
3.2 Die Genese der demokratischen Regierungssysteme
4. Demokratische Konsolidierung, Stagnation und Scheitern: Ungarn, Polen, Russland und Belarus
4.1 Konstitutionelle Konsolidierung: die Regierungssysteme Ungarns
4.2 Die repräsentative Konsolidierung: Parteiensysteme und Verbände
4.3 Die Verhaltenskonsolidierung der Vetoakteure
4.4 Konsolidierung der Bürgergesellschaft
VI. Schlussbetrachtung
1. Das Ende der Dritten Welle
2. Die Steuerung politischer Transformation
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Prozesse der Demokratisierung und Konsolidierung in verschiedenen Weltregionen seit der sogenannten „dritten Welle“ ab Mitte der 1970er Jahre. Dabei liegt der Fokus auf der Identifizierung von Faktoren, die den Erfolg oder das Scheitern von Regimewechseln sowie die anschließende Festigung demokratischer Institutionen in Südeuropa, Lateinamerika, Asien und Osteuropa bestimmen.
- Vergleich der Transformationspfade in unterschiedlichen politischen Kontexten
- Analyse der Rolle von Akteuren bei der Gestaltung von Regimewechseln
- Bedeutung der institutionellen Verankerung für die Regierungsstabilität
- Die Rolle von Parteiensystemen und Verbänden in der Konsolidierungsphase
- Einfluss von Zivilgesellschaft und politischer Kultur auf die Demokratiequalität
Auszug aus dem Buch
1. Demokratiebegriff
Bruch zwischen amerikanischer und der kontinentaleuropäischer Demokratiekonzeption: Amerikanische Konzeption verwendet prozeduralen, an institutionellen Minimalkriterien orientierten Demokratiebegriff, der sich im wesentlichen auf Wahlen und politische Freiheitsrechte konzentriert.
Kontinentaleuropäische Konzeption: Zur Analyse von Demokratie als moderner Form politischer Ordnung müssen zwei weitere Dimensionen (Dimension der politischen Agendakontrolle („effektive Regierungsgewalt“) und Dimension des liberalen Rechts- und Verfassungsstaats) in Konzeption von Demokratie eingeschlossen werden → Rechtsstaatliche Elemente stellen somit notwendige interne Einhegung der Machtquellen dar.
Demokratie ist nur als politische Herrschaftsordnung tragfähig, wenn die ‘vertikale’ Dimension von Volkssouveränität und Autonomie verwirklicht ist, (periodische Wahlen als Partizipationsinstrument), Öffentliche Arena zur Beeinflussung der Repräsentanten und Entscheidungsträger vorhanden ist (politische Freiheits- und Kommunikationsrechte), Inhaltliche Barrieren gegen Herrschaftsanspruch des Staates in Form nicht hintergehbarer ‘negativer’ Freiheitsrechte errichtet sind, Horizontale Dimension der Herrschaftskontrolle ausgeprägt ist, die einer Verselbständigung der arbeitsteilig organisierten Staatsgewalten entgegenwirkt und sie in ihrem Handeln an bestimmte Grundsätze bindet, Gewährleistet ist, dass demokratisch gewählten Autoritäten tatsächlich die effektive Regierungsgewalt innehaben und darin nicht durch sich selbst legitimierende Machtgruppen beschnitten werden.
Nach 1989 ist Problem der Staatlichkeit wichtiger geworden: Von Staatsversagen (‚failing states’) ist Mehrheit der Demokratien der Dritten Welle betroffen → Intakte Staatlichkeit (souveräner und funktionsfähiger Territorialstaat) ist zentrale Funktionsbedingung einer Demokratie, weil Staat die Grundeinheit darstellt, auf die sich die demokratische Qualität eines politischen Regimes bezieht.
Wo Herrschaftsstruktur nicht durchgängig und institutionell gesichert ist, kann Demokratie nicht oder nur partiell bestehen.
Zusammenfassung der Kapitel
Demokratiebegriff: Dieses Kapitel erläutert die Unterschiede zwischen der amerikanischen prozeduralen und der kontinentaleuropäischen, liberal-rechtsstaatlichen Demokratiekonzeption sowie die zentrale Bedeutung von Staatlichkeit für das Funktionieren politischer Ordnungen.
Transformationstheorien: Hier werden System- und Modernisierungstheorien sowie Struktur-, Kultur- und Akteurstheorien vorgestellt, um die Ursachen und Bedingungen von Regimewechseln theoretisch zu verorten.
Transformationsphasen: Das Kapitel gliedert den Weg zur konsolidierten Demokratie in drei Phasen: den Zusammenbruch des autokratischen Systems, die Demokratisierungsphase und den Prozess der Konsolidierung.
Schlüsselwörter
Demokratisierung, Konsolidierung, Transformation, Regimewandel, Rechtsstaatlichkeit, Zivilgesellschaft, Parteiensysteme, Vetoakteure, Legitimität, Präsidentialismus, Institutionelle Reform, Politische Kultur, Staatsversagen, Demokratiedefekte, Drittewelle-Demokratien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Demokratisierungswellen ab Mitte der 1970er Jahre, wobei der Schwerpunkt auf der Transformation autoritärer Regime in konsolidierte Demokratien liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die theoretischen Grundlagen der Transformation, die verschiedenen Verlaufsformen von Regimewechseln, die Etablierung demokratischer Institutionen sowie Probleme der Konsolidierung wie Rechtsstaatsdefizite und schwache Parteiensysteme.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Erfolgsfaktoren für eine stabile Demokratisierung zu identifizieren und zu erklären, warum es in verschiedenen Regionen (Südeuropa, Lateinamerika, Asien, Osteuropa) zu unterschiedlichen Ergebnissen kam.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen vergleichenden (komparativen) Ansatz, um Transformationsprozesse in unterschiedlichen kulturellen und politischen Kontexten systematisch gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die drei bzw. vier Demokratisierungswellen, die jeweiligen Regimeübergänge, die institutionalisierende Phase der Verfassungsgebung und die Herausforderungen der Konsolidierung in den untersuchten Ländern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Demokratisierung, Konsolidierung, Transition, Rechtsstaatlichkeit, politische Akteure und systemische Transformation.
Warum sind viele der untersuchten Staaten „defekte Demokratien“?
Viele dieser Staaten weisen zwar formale demokratische Institutionen wie Wahlen auf, jedoch mangelt es an einer effektiven horizontalen Gewaltenteilung, am Schutz bürgerlicher Freiheitsrechte und an einer starken gesellschaftlichen Verankerung der Parteien.
Welche Rolle spielen „Vetoakteure“?
Vetoakteure, wie beispielsweise das Militär oder mächtige Wirtschaftseliten aus der autoritären Vergangenheit, können den Demokratisierungsprozess blockieren oder aushöhlen, indem sie versuchen, ihre informellen Machtpositionen zu bewahren.
Welchen Einfluss hatte der wirtschaftliche Umbau in Osteuropa auf die Demokratie?
Der gleichzeitige Wandel von der Kommando- zur Marktwirtschaft (das „Dilemma der Gleichzeitigkeit“) verursachte soziale Kosten und Abstiegsängste, die das Vertrauen der Bürger in die neuen demokratischen Institutionen belasteten.
- Quote paper
- Michaela Sankowsky (Author), 2012, Demokratisierung im Area-Vergleich. Lateinamerika, Ostasien und Osteuropa, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279193